Nr. 220. Erstes Blatt.
Samstag, den 19. September 1903.
12. Jahrgang.
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Schall und Rauch.
tPolitische Wochenschau.!
Es ist keine Seltenheit, daß der Herbst seine Regierungszeit mit Blitz und Donner einleitet. Der Sommer pflegt ziemlich arm an Ereignissen zu sein und in der Luft daher ganz erkleckliche Massen von Zündstoff aufgespeichert zu werden. Kein Wunder, daß das alles im Herbst zur Entladung drängt. Wie tmmpfer Schall klingt's dann aus der Tiefe herauf und dunkler Rauch steigt aus über den Dächern. In solchen Zeiten kann es nicht überraschen, wenn die Heerschall der Sozialdemokratie doppelt ftürmifd) verlief. Der alte Donnerer Bebel fühlte seine Macht bedroht durch den jungen Nachwuchs, der, an den Universitäten großgepäppelt, so sicher und selbstbewußt einherschritt, als sei er es gewesen, der die Partei zu solcher Höhe gebracht. Es musste mit diesen Revisionisten und Umstürzlern im Umsturz einmal gründlich aufgeräumt werden, wollte man anders nicht den Glauben aufkommen lassen in der Welt, daß an der Mauserung, der Sozialdemokratie tatsächlich etwas wahres wäre. Es gab eine gewaltige Redeschlacht, in der schweres Geschütz genug an herben Worten verfeuert, wurde. Es waren aber am Ende nur Manöverkartuschen, die dort verfeuert wurden, nur Schall und Rauch. . Mit gewaltiger Mehrheit siegten die Orthodoren über die junge, akademische Strömung, und schließlich lassen gemeinsame Interessen alles wieder vergessen.
Draussen in der großen Welt ereigneten sich inzwischen bedeutsame Dinge. Schon lange herrscht in England zimsck)en den Ministern eine heftige Meinungsverschieden' heit in wirtschaftlichen Fragen. Chamberlains Projekt, das bekanntlich in der Zusammenkettung des britischen ^oloniak reiches mit dem Mutterlande die beste Garantie für England erblickt, stieß im Kabinett auf unüberwindliche Schwierigkeiten. Das Expose Balfours in diesen Tagen brachte die Sache dann vollends zum Klappen. Und so ereignete sich, was vor ein paar Wochen noch niemand für möglich gehalten hätte: Chamberlain gab seine Entlassung, und mit ihm gehen Ritchie und Lord Hamilton. Damit ist England in eine Krise getreten, wenn es nicht gelingt, das Kabinett wenigstens noch für eine Session zusammen- j.uhalten. Daß Chamberlain natürlich nicht daran denkt, dauernd vom politischen Schauplatz abzutreten, bedarf wohl kaum der Erwähnung. Er weiß sehr wohl, daß er in seinem Vaterlande dringend gebraucht wird; aber er weiß auch, daß er viel schneller zu seinem Ziele kommt, wenn er sich nötigen läßt. Auch hier liegt der eigentliche Effekt also noch in der Luft. Nur die Vorboten sind da: Schall und Rauch. Wann das Gewitter zur Entladung kommt, wird erst in Balmoral entschieden werden.
In Oesterreich-Ungarn hat sich der greise Herrscher an seine Armee gemenbet, als er keine andere Möglichkeit mehr sah, dem kleinlichen Hader zwischen seinen Reichen ein Ende zu mad)eii. Soweit ist es im Streite der Nationalitäten gekommen, daß die Krone direkt an das Heer appellieren muß, um ihre Stimme zur Geltung zu bringen. Die Wirkung dieser Tat ist eine spontane; ob sie freilich eine dauernde sein wird, ist eine andere Frage. Es steigt jedenfalls unendlich viel Rauch auf, also muß wohl Feuer sein. Aber die zündende flamme blieb uns noch verborgen.
Die Aufmerksamkeit der gesamten Welt ist augenblicklich auf den Südosten Europas gerichtet. Das mazedonische Gemetzel ist anscheinend auf dem Höhepunkte angelangt. Kampfbereit stehen sich die Türkei und Bulgarien gegenüber, und es bedarf nur noch des leisesten Anstoßes, um das Pulverfaß, das zwischen ihnen liegt, zur Entladung zu bringen. Anscheinend ruhig sieht das europäische Konzert den Dingen entgegen, die da kommen sollen. Zwar findet ein dauernder Notenwechsel zwischen den Kabinetten von Petersburg, Wien und London statt; über aktive Maßnahmen wird aber wohl kaum beraten. Offenbar ist man zu der Einsicht gekommen, das es das beste wäre, man ließe da unten die Kanonen die Entscheidung sprechen und trete erst dann auf den Plan, wenn es den Frieden zu vermitteln und das Gleichgewicht Europas zu erhalten gilt . . . Jede Stunde kann die Entscheidung bringen. Ein Flintenschuß zur unrechten Zeit und die orientalische iS rage ist aufgerollt. Fanatischer Haß ist die Ursache des bevorstehenden Kampfes, und Grausamkeit dürfte seine Begleiterscheinung sein. Einstweilen liegt über Mazedonien ein wetterschwerer Himmel. Der Rauch brennender Dörfer verdüstert den Horizont, und aus den Wäldern klingt's wie Schall von Signalen. So mar es immer, wenn eine blutige Entscheidung naht. Und wenn nicht alles täuscht, zieht schon die .Stunde herauf, da die rote Fackel des Krieges über dem Balkan aufflammt.
Revolutionsgefahr in üngarn ?
Zu all den vielen Schicksalsschlägen und Widerwärtigkeiten, die dem Nestor der europäischen Herrscher, dem greisen Kaiser Franz Josef, von einem mitleidslosen Geschick beschieden waren, kommt nun, am Lebensabend des hochbetagten Herrschers, noch ein Neuer Schlag: Die Gefahr der Revylution!
Kaiser Franz Josef hat, wie wir schon meldeten, dieser Tage einen Armeebefehl erlassen, in dem er seinen festen Entschluß kundgibt, die Forderungen der ungarischen Opposition wegen Trennung des Heeres in ein österreichisches und ein ungarisches, unb Einführung des Ungarischen als Kommandosprache unter allen Umständen von der Hand zu weisen.
Wie der Funke aufs Pulverfaß hat dieser Armeebefehl auf die nationalen Leidenschaften der heißblütigen Ungarn gewirkt: Ganz Ungarn lehnt sich offen wider den Kaiser auf. Mit einem Schlage ist alles, was die einzelnen politischen Parteien trennte, in den Hintergrund gedrängt worden, und einhellig machen mit den Kossuthianern die Liberalen, die klerikale Volkspartei und alle anderen Parteigruppen, auch solche, die mit dem Kaiser in den Heeresfragen übereinstimmen, gegen den Armeebefehl des obersten Kriegsherrn Front. Samt und sonders sehen sie in ihm eine Verletzung der Verfassung, eine Beleidigung des ungarischen Volkes und fordern seine schleunige Zurücknahme.
In den Parteiklubs und der Presse, selbst in den gemäßigten Blättern, wird eine geradezu grotesk erregte Sprache gegen den greifen Kaiser geführt. In Budapest spricht man ganz öffentlich in einem Tone, als stände die Revolution vor der Tür!
Und in der Tat, die Revolntion hat bereits begonnen. Zwar nicht eine Revolution tnit Blutvergießen und Barrikaden, wohl aber eine für die Autorität der Krone noch nachteiligere Revolution: Agitatoren der einzelnen Parteien reifen im Lande umher und bearbeiten die Bevölkerung, sie solle angesichts der Verfassungsverletzung, die der kaiserliche Armeebefehl darstelle, ihrerseits die Entrichtung der Steuern, die Gestellung der Rekruten verweigern. Passiver Widerstand bis zum äußersten wird von sämtlichen Parteien gepredigt. . Was bedeutet das anderes, als eine Revolution ohne Waffen?
Aber vielleicht bleibt es nicht einmal bei dieser „passiven" Revolution: Die Kossuthianer sind drauf und dran, den Mob zu Gewalttaten aufzustacheln. Und nicht nur das: Während die anderen Parteien eine Adresse an die Krone vorbereiten, wollen sie sich an die Armee wenden und diese gegen den Herrscher aufbringen; sie wollen dafür sorgen, daß die Armee als Gegenmittel im Falle des Ausbruchs einer Gassenrevolution versagt! Die Universitätsjugend hat Trauerbänder angelegt mit der Inschrift „Chlopy" — so heißt der Ort, von dem der Armeebefehl des Kaisers datiert ist.
Und all das, all diese Drohungen mit der versteckten oder offenen Revolution wegen eines Erlasses an das Heer, in dem der Kaiser nichts weiter sagt, als daß er an den bemä^r ten Einrichtungen der Armee, ihrem einheitlichen Charakter und der gemeinsamen Kommandosprache nicht rütteln lassen werde! Diese kaiserliche Auslassung nennen die Ungarn, die sich sonst so viel auf ihre Loyalität zu gute tun, ein „Säbelgerassel", das man als Antwort auf die ungarischen „nationalen Forderungen" nicht dulden bürfe!
Wie sich die Sache weiter entwickelt, ist schwer zu sagen. Wird Kaiser Franz Josef nachgeben? In der Sache gewiß nicht. Aber vielleicht in der Form. Vielleicht wird er den Ungarn zu verstehen geben, es sei ihm nicht bei- gefommen, die Verfassung ober ihre Nationalgefühle zu verletzen, er habe nur gesagt, was sein fester Entschluß als König von Ungarn sei. Ob die radikalen Parteien Un- garns sich damit zufrieden geben werden, ist freilich fraglich Die Geschichte ist ein zu dankbares Agitationsthema, als daß sie so leicht darauf verzichten sollten. Und so darf man sich, wenn nicht auf Schlimmeres, so doch auf höchst stürmische und von Ausfällen gegen den Monarchen strotzende Parlamentsverbandlungen in Budapest gefaßt machen. Es ist nicht leicht, Kaiser von Oesterreich, aber noch schwerer ist es mitunter, König von Ungarn zu sein . . . <
Die Politik,
O Dâ Stadtrat von Karlsruhe hat die badische Regierung ersucht, im Bundesrat auf Ablehnung des von uns schon besprochenen preußischen Gesetzentwurfs gegen das Gastwirtsgewerbe hinzuwirken. Andere deutsche Städte dürften diesem Beispiel folgen.
= Der sozialdemokratische Parteitag beschäftigte sich im weiteren Verlaufe seiner Beratungen mit der Reichstags- Vizepräsidenten- und der Polenfrage. In der letztgenannten Frage wurde beschlossen, gegenüber den polnischen Sozialdemokraten, die neben ihren sozialdemokratischen Tendenzen vor allem auch nationalpolnische vertreten, möglichste Zurückhaltung zu bewahren. In der Vizepräsidentenfrage beantragt der Parteivorstand, die Partei solle alle ihre Rechte als parlamentarische Partei wahren, aber sich unter keinen llmftänben auf irgend welche höfischen Kundgebungen und Höflichkeiten dem Kaiser gegenüber einlassen. Das bedeutet also, daß die Sozialdemokratie auf die Stellung des Vize- bröfibenten in praxi wird verzichten müssen. Der Antrag des Vorstandes ist der Genehmigung des Parteitages gewiß.
* In der bosnischen Stadt Travnik, die kürzlich durch eine angeblich von Muhamedanern angelegte Feuersbrnnst heimgesucht wurde, ist das Standrecht verkündet worden. Viele Muhamedaner wurden verhaftet; Haussuchungen, die bei ihnen abgehalten wurden, förderten an tausend moderne Gewehre, viele Patronen und sogar eine Kanone zu Tage. Infanterie- und Artillerietrnppen sind von Serajewo nach Travnik und der Umgegend, wo sich ebenfalls Unruhen zeigten, abkommandiert worden.
£1 Nur spärlich sind die Nachrichten, die heute aus Mazedonien borliegen. Nach Meldungen, die ans Sofia kommen, also verdächtig sind, hat türkisches Militär die gesamte Einwohnerschaft von C a st o r i a nieder- gemetzelt. Das bulgarische „Note Kreuz" hat 100 000 Francs für die verwundeten Mazedonier gespendet. — Der Korrespondent des Londoner Sensationsblattes „Daily Mail" in Monastir ist ausgewiesen worden, weil er dicke Lügen über die Zustände in Mazedonien nach London telegraphiert hat, um gegen die Türken zu hetzen. Er. soll das Land sofort verlassen, will aber nicht. Die Türken werden wohl nicht viel Umstände mit dem offenbar recht ^nmaßlichen Herrn madjen.
Kaisertage an der Donau.
rjc Wien, 18. September.
Hohenzollernwetter ist es nicht, das den deutschen Kaiser beim Besuche seines österreichischen Bundesgenossen und väterlichen Freundes Franz Josef in der alten Kaiserstadt an der Donau empfängt. Tie Sonne verkroch sich ganz programm- widrig hinter dichten Wolkenschleiern und durch die Einzugsstraßen weht ein herbstlich kühler Wind. Das aber hinderte nicht, daß seit früher Morgenstunde eine bunt bewegte, festlich gekleidete Menge von der Hofburg bis zum Südbahn- Hof hin unter den Guirlanden und Triumphbogen sich drängte, frohgelaunt den hohen Gast ermartenb. In der Ausschmückung der Anfahrtsstraßen zur Hofburg hat sich der vielgerühmte alte Wiener Geschmack ~bon seiner besten Seite gezeigt. Die Triumphbogen auf dem Bahnhofsplatz, am Karlsplatz und am äußeren Burgtor sind wahre Meisterwerke, die der durch ragende Fahnenmasten gebildeten via triumphalis ein imposantes Relief verleihen. Die lange Strecke vom Südbahnhofe durch die Alleegasse über den Karlsplatz, die verlängerte Kärntnerstraße, den Opernring und den Burgring bis zur Bellariastraße hat man durch einen dichten Truppenkordon umsäumt, zu bcni nicht weniger als 24 Bataillone, 18 Eskadrons und 10 Batterien aufgeboten waren. Die Truppen waren schon bei grauendem Morgen in ihre Stellungen gerückt. Die Wiener „Pülcher", die unvermeidlichen Begleiter der Burgwache, sind heute nicht auf ihre Kosten gekommen, sie lagen beim Anmarsch der Truppen noch in den mehr oder minder behaglichen Betten.
Und jetzt präsentieren die langen schimmernden Reihen unter den Klängen der Musik das Gewehr: Kaiser Franz Josef durchfährt sie, um sich zum Empfange des kaiserlichen Gastfreundes zum Südbahnhof zu begeben. Dort lvird er von einer glänzenden Suite von Erzherzögen und Generalen in großer Uniform empfangen, denen sich die deutschen Diplomaten in ihren goldgestickten Röcken, sowie die Spitzen der Zivilbehörden angeschlossen haben. Aus dem prächtig geschmückten Perron erwartet den Monarchen die Ehrenkompagnie vom Jägerregiment Nr. 6 mit Fahne und Musik. Kurz nachdem Kaiser Franz Josef deren Front abgeschritten, lief der kaiserliche Sonderzug von Wiener Neustadt aus in die Halle ein.
Mit jugendfrischer Elastizität sprang Kaiser Wilhelm, in die flotte Uniform eines österreichischen Kavalleriegenerals gekleidet, aus dem Waggon, und nun folgte zwischen den beiden Monarchen eine überaus herzliche Begrüßungsszene. Sie umarmten und küßten sich mehrfach und schüttelten sich schließlich kräftig die Hände. Dann folgte die Begrüßung der Erzherzöge, mit denen sich Kaiser Wilhelm aufs freundschaftlichste unterhielt. Mit dem Kaiser zugleich kam der deutsche Reichskanzler Graf Bülow, der ihm bis Wiener- Neustadt entgegengefahren war und vom Kaiser Franz Joses durch ein längeres Gespräch ausgezeichnet wurde. Die Gattin des deutschen Botschafters, Gräfin Wedel, überreichte dem Kaiser ein Bukett aus Orchideen.
Während der Begrüßung auf dem Bahnhof hatte sich der drohende Regen kräftig eingestellt. Trotzdem aber hielten die Menschenmasfen geduldig aus und begleiteten die beiden verbündeten Monarchen mit donnernden Hochrufen, als sie die vierspännige Equipage L la Daumont mit Spitzenreiter bestiegen, die sie zur Hofburg führen sollte. Die Erzherzöge und der Reichskanzler folgten in weiteren Wagen. Die Musikkorps intonierten das „Heil Dir im Siegerkrarrz", dazwischen schmetterten die hellen Fanfaren der Kavallerie, und als der Zug beim äußeren Burgtor anlangte, ließ die am Arsenal ausgefahrene Batterie ihren Ehrensalut von 24 Schüßen ertönen. Unter ihram Donner .zog Kaiser Wilhelm in die Hofburg ein, wo ihn die Hofchargen, Minister und Kommandanten in glänzendern Cercle empfingem