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Sine neue politische Gruppe im Reichstag.

Vor einem Jahrzehnt machte Oberstleutnant a. D. v. Egidy viel von sich reden. Sein reiner Charakter, sein edles Streben, seine Reden hatten ihm eine große Anhänger­schar geschaffen, die über ganz Deutschland verstreut war. Er wollte nicht nur das Privat-, sondern auch das öffent­liche nnd politische Leben ethisieren. Zu diesem Zwecke mußte er Politik treiben, mußte versuchen in den deutschen Reichstag zu kommen. Trotz der verzweifeltsten Anstrengungen, trotz wachsender Anhängerschaft, waren Egidys Bemühungen vergeblich. Und lebte er heute noch, die neue Reichstags- vahl würde ihm ebensowenig einen Sitz in der Volksver- tlttung bringen, wie die früheren Wahlen, weil das viel- mstrittene allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht eine Majorität in einem engen Kreise verlangt, ein zahlreiches Afolge aus allen Bildungs- und sozialen Schichten erfordert md dazu waren Egidy'S Ideen zu wenig real.

Neben dem Oberstleutnant a. D., aber getrennt von ihn, trat damals ein Pfarrer a. D. Friedrich Nau­mann in die Oeffentlichkeit. Er drängte sofort stark in's politische Fahrwasser, und am 24. November 1896 wurde in Erfurt der national-soziale Verein gegründet, ier als Grundlage der gleichnamigen politischen Partei zu betrachten ist. An ihrer Spitze steht heute noch Naumann, her als Redner die Massen mit sich fortzureißen weiß und sie für seine Bestrebungen begeistert. Diese Erfolge führten wchl dazu, 1898 in vielen Kreisen Kandidaten aufzustellen, die aber überall eine N derlage erleben mußten. Gegner Mb Neider meinten damals, Nrumrnn und seiner Partei sei damit der Todesstoß versetzt, aber weit gefehlt!

Es sind j^tzt fünf Jahre ins Land gegangen, und die Dtional-Sozialen sind nicht gestorben, sondern stehen rührig wieder auf dem Plan. Gelernt haben sie auf alle Fälle, daè muß man ihnen lassen. Während sie früher ihre Kräfte aus eine große Zahl von Kreisen verzettelten, beschränken sie sich diesmal auf einige wenige Kandidaturen und bear- beit-n die in Frage kommenden Wahlkreise mit einer Energie, Ausdauer und einem politischen Geschick, daß wohl anzu- mhmen ist, daß der nächste Reichstag Naumann und einige seiner Freunde zu Mitgliedern haben wird.

Die National-Soz'alen haben es verstauben, aus dem Nüst zeug der bestehenden Parteien die wirksamsten Waffm auszuwählen und für sich nutzbar zu machen. Von der Partei der Tradition, den Konservativen, haben sie die Kaiser­idee, von der Partei der Konstitution, den Liberalen, haben sie den Kampf um die Verfassung, von den Sozialdemokraten die Sorge um die Albeiterschaft übernommen. Die Partei- grenzen sind also sehr weit gt zogen.

Bei Kommunal - Wahlen, bei denen sich die National- Sozialen ihre politischen Sparen erworben, haben sie be­wiesen, daß es ihnen gelingt, sozialdemokratische Stimmen zu erobern, ein Verdienst, das ihnen einmal einbrachte, mit den Sozialdemokraten in einen Topf aeworfen zu werden.

Giessener CagesnenißReiicn

Gießen, 19. Mai 1903.

* * Der Großherzog hat am 16. Mai den Fein­mechaniker Ernst Gotthold Hempel aus Kahla, Kreis Roda zum Mechaniker und Maschinisten bei der psychiatrischen Klinik der Landesuniversität Gießen ernannt.

V Eines Vectrauensmännervecsammlung der Natio- naDiberafen Partei stellte für den Wahlkreis Mainz- Cpi> enteiln den Rechtsanwalt Dr. Pagenstechec als Reichs- iooofanbibaten auf. Pagenstecher gilt als ein sehr ge­spulter Politiker.

* ** DerLandw. -Verein für d i e Provinz t'b er Hessen hat eine Bekanntmachung erlassen, daß die Kommission des ll. Körbezirkes (Simmenthaler Vieh) dem- n ^ft Körtermine abhalten wird und zwar u. A. am

Freitag, den 22. Mai in:

Alsfeld .... vormittags 9 Uhr Liederbach ... 11

Eudorf .... nachmittags VaB Elbenrod . . . i/,4 "

Montag, den 25. Mai in:

Romrod.... Vormittags 9 Uhr Nieder-Breitenbach 10

Ober-Breidenbach . mittags 12 Strebendorf . . nachm-ttags ^2

Dienstag, den 26. Mai in: Schellnhausen . . vormittags 10 Uhr Ermenrod n

Zeilbach .... mittags 12 "

Klein Felda . . nachmittags 1

Groß-Felda . . 2 "

Windhausen . . 4

Mittwoch, den 27. Mai in: Ehringshausen . . vormittags Vs 12 Uhr Oberndorf . . . nachmittags Val Otterbach ^2

Gasthaus zur Linde.

Lollar.

Himmelsahrttag

Grosse Tanzmusik.

Freundlichst ladet ein

Gottlieb Ernst.

\ Die silberne Hochzeit feiern heute Schreiner­meister Heinrich Sack und Frau dahier. Das Jubelpaar erfreut sich einer sehr großen Beliebtheit. An Gratulanten wird es darum nicht fehlen.

B. Trotz des schlechtenWetters unternahm vorgestern der Gernhajrdt'scheZither-undMandolinen- Chor seinen 1. Ausflug nach dem Schützenhaus. Zahlreiche Freunde und Gönner des Vereins hatten sich dazu einge­funden. Der reichlich gespendete Beifall Zeugte von einer guten Schulung sämtlicher Mitwirkenden, welche in den Händen des beliebten Zither- und Mandolinenlehrers Herrn Gernhardt liegt.

Hus Hessen und Nacdbargebielen.

1. Lollar. Am letzten Sonntag bat der Zauberkünstler Bellachini chier Vorstellung gegeben. Man kennt ihn schon zu Genüge, als daß man über seine Geschwindigkeit berichtete. Wir beschränken uns darum, heute nur über seine Herkunft einmal etwas wieder zu geben. Besagter Belachini hat diesen seinen Namen von seinem Vorgänger, dem Italiener Belachini geerbt. Letzterer besuchte auf seinen Reisen des öfteren auch Marburg und wurde auch so unter anderem auf einen kleinen Jungen aufmerksam oder aufmerksam gemacht, welcher sich verzweifelt und manchmal auch wohl nicht ganz ohne Erfolg bemühte, seine Kunststücke nachzuäffen. Wie man weiß, soll nun Belachini diesen Jungsn ob eben diesen Bemühungen kurzer Hand adoptiert haben, somit erhielt jener seinen Namen und trat sogleich in dessen Fußtapsen. Daß er kein schlechter Schüler gewesen, das^hat er m t seinen auf dem Gebiete der Magie wohl einzig dastehenden Experimenten glä zend bewiesen.

-r. Marburg, 16 Mai. In der heute hier abgehaltenen Generalveisammlung für das Vogelsberger Rind wurden die Satzungen entsprechend den Anforderungen der deutschen Landwirtschaftsgksellschaft einer Aenderung unterworfen, da­mit der Gesellschaft die Anerkennung einer Rindvieh-Züchter- Vereinigung zu teil wird und sie somit in den Genuß staat­licher Beihilfen bei Präm irungen 2C. gelangt, sodann wurde beschloss n, die im September in Gießen ftatfinbenbe Verbands-Ausstellung zu beschicken mit Treren, die von einer Schaukommission ausgewählt wurden. Den Ausstellern werden die Transportkosten aus Kreismitteln vergütet. Es meldeten sich sofort eine Anzahl Landwirte, welche die Aus­stellung beschicken werden.

Nidda. Zweimal an demselben Tage Großvater geworden ist Herr Lehrer Hotz dahier. Die beiden Enkel zeigen auch darin große Ähnlichkeit, daß es zwei Mäd­chen sind, deren Väter beide Lehrer in dec hiesigen Umgegend sind.

~ Frankfurt a. M., 18. Mai. Den 12. Jungen brachte der Storch dem Kellner Adam May dahier Herr May hofft, daß ihm der Langschnabel das nächste Mal mit einem Mädchen beglücken werde.

V Frankfurt a. M., 18. Mai. Eine junge Dame aus Vilbel kam letzhin auf dem hiesigen Haupt­bahnhofe an, nahm sich eine Droschke und fuhr auf eine Entbindungsanstalt los. Unterwegs hörte der Kutscher ein verdächtiges Geräusch aus dem Wagen, sah nach und fand, daß er z vei Personen fuhr, während blos eine eingestiegen war. Der kleine V.lbeler schrie mörderisch, so daß der Kutscher schleunigst zur nächsten Rettungsstation fuhr, wo man Mutter und Kind in Behandlung nahm.

% Darmstadt. Für die Reichstagswahl hat nunmehr die Deutschfreisinnige Vereinigung in der Person^des^Professors an der Techn. Hochschule Prof. Har­nack, Vorsitzender des Goethebundes, einen Kandidaten auf­gestellt, dem ebenfalls keine schlechten Aussichten zukommen. Der Kampf verspricht diesmal sehr lebhaft zu werden, da außer dem seitherigen Kandidaten der Sozialdemokraten B. Cramer, noch für die Nationalliberalen Rechtsanwalt Dr. Stein, für das Zentrum Dr. Schmidt-Mainz und für den Bund der Landwirte Baron von Kloeden- Wiesbaden kandidieren werden.

= Darmstadt, 18. Mai. Der Gcoßherzog stellte in der Nähe der russischen Kapelle an der Nordecke des Alexander­weges einen Platz für ein Denkmal der Dichters Gottfried Schwab zur Verfügung.

Mainz, 18. Mai. Vor ca. 1 Jahr verschwand hier ein 18jähriges Mädchen. Jetzt wurde dasselbe in der Woh­nung seines Geliebten, wo es sich das ganze Jahr aufgehalten hatte, ermittelt. Der Geliebte, ein früherer Beamter, wurde wegen Entführung verhaftet._______________________________

Hus dem Gericbtsfaal.

Schöffengericht

Gießen, den 15. Mai 1903.

Zmei Beschuldigte die Einspruch gegen Strafbefehle er­hoben hatten, sind unentschuldigt ausgeblieben, weshalb der Einspruch verworfen wird. Der Handelsmann Theodor L. von Bellersheim hatte Einspruch gegen einen Strafbefehl

erhoben, in welcher er d-r Tierquälerei beschuldigt war. Er bestreitet die Tat und sucht auch durch Entlastungszeugen seine Unschuld nachzuweisen. Durch die bestimmte Aussagen eines Augenzeugen, der einen recht guten Eindruck macht, und auf Grund des Gutachtens eines erfahrenen Sachverständigen, hält das Gericht den Angeklagten für überführt und ver­urteilt ihn zu 15 Mk. Geldstrafe event. 3 Tage Haft und in die Kosten Der Schmied Heinrich G. und der Bahn­wärter Andreas B. von Gießen haben sich wegen Körper­verletzung zu verantworten. Das Urteil lautet auf Geld­strafen von 25 und 40 Mk. Der Wirt Karl D. von Gießen hat sich des Hausfriedensbruchs und der perver- letzung schuldig gemacht. Das Gericht verurteilt ihn des­halb zu einer Gefängnisstrafe von einer Woche sowie einer Geldstrafe von 25 Mark. Zum Schlüsse nehmen auf der Anklagebank Platz die Studenten Karl W. aus Wimpfen und August L. aus Wiesbaden. Die Anklage legt ihnen Körperverletzung zur Last, begangen in nächtlicher Stunde. Der Zuhörerraum ist von Studierenden dicht gefüllt und der Verhandlung wird mit spannendem Jntensse gefolgt. Nach der Beweisaufnahme beantragt der Vertr. der Staats­anwaltschaft gegen W. eine Gesammtgesängnisstrafe von 2 Monaten 1 Woche und gegen L. eine Gefängnisstrafe von 4 Wochen, daraufh'nweisend, daß abgesehen von der vorauè- gegangenen Körperverletzung, zu der die Angeklagten immer­hin gereizt g^w.'sen sein möchten, solche schließlich aber einen Menschen ohne jeden Grund gemeinschaftlich mißhandelt hätten. Die Entscheidung wird am 19. d. Mts. vormittags 10 Uhr verkündet werden.

Strafkammer sitzung.

Kasper S. von Biberaau nebst 4 Genossen werden wegen Verletzung der Wehrpflicht zu je 300 Mk. Geldstrafe verurteilt. Zugleich wird auf Beschlagnahme des Vermögens der Verurteilten, soweit dasselbe zur Begleich>lng der Strafen und Kosten nötig ist, erkannt. Der 16jährige Bäcker­lehrling Friedrich K. von La ubach ist wegen fahrlässiger Brandstiftung angeklagt. Er steckte auf einem Gang durchs Feld in der Nähe eines Strohhaufens eine Zigarre an und warf das noch brennende Streichholz achtlos weg, welches an d n Strohyaufen flog und diesen in Brand setzte. Unter Berücksichtigung der Jugend des Angeklagten wird eine Geld­strafe von 15 Mk. als der Tat entsprechend erachtet. Bertha K. Wtttwe von Grünberg hat sich wegen des nämlichen Vergehens zu verantworten. Sie stehe in der Nähe des Waldes ein Feuer an, welches durch einen Wind­stoß sich dem Walde mitteilte und einen Schaden von etwa 200 Mark verursachte. Das Urteil lautste aus 30 Mk. Geldstrafe. Heinrich W.lhem W. von Bremen wurde vom Schöffengericht Butzbach wegen Betrugs in eine Ge­fängnisstrafe von 6 Wochen genommen, wogegen er Berufung verfolgte. In der heutigen Verhandlung wird sestgestellt, daß der verheiratete Anaeklagte sich einem Mädchen von Gambach näherte und sich, angeblich zur Beschaffung von Verlobungsnnge, von deren Vater 12 Mk. erschwindelte. Da Angeklagter wegen gleichen Vergchens bereits vorbestraft ist, wird die Strafe auf 3 Monate erhöht. Bäckerm ister August Marbach von Reichelsheim (Wetterau) wird wegen Urkundenfälschung begangen in der Weise, daß er eimn Vergleichsprotokoll welches er der Staatsanwaltschaft einreichte, einige Worte zufügt, zu 8 Monaten Gefängnis verurteilt. Der w'gen vielerlei Vergehen häufig vorbe­strafte Ludwig G. aus Frankfurt a. M. wird wegen in hiesiger Stadt begangener Kuppelei und Diebstahl zu 5 Mo­naten Gefängnis und 3 Jahre Ehrverlust verurteilt. Den Schluß bildet die Berufungssache gegen Karl I. und Ludw'g H. von Angenrod, wegen feldpolizeilicher Uebertre- tretung welche zu Gunsten der Angeklagten ausgeht indem Freisp.echung erfolgt.

Marktbericht.

Gieße«, 19 Mai. Auf dem heutigen Wochenmartt kosteten Butter per P»d. 1.101.20 Mk. Hühnereier 6 Pfg., 2 Stil Pfg., EnteneierSt. 6-7 Pfg., Käse per St. 5-8 Pfg.. Käsematte 2 St. 5-6 Pfg., Erbsen per Liter 21 Pfg., Linsen per Liter 32 Pfg., Tauben per Paar Mk. 0.701.10, Hühner per Stück Mk. 1.302 40, Hahnen, per, Stück Mk. 110-2.30, Enten per Stück 2.00-2.40, Gänse p. Psd. 5460 Pfg., Ochsenfleisch per Pfd. 6676 Pfg., Rindfleisch per Pfd. 6066 Pfg. Schweinefleisch per Pf). 6676 Pfg. Schweine­fleisch gesalzen per Pfund 0.80 Pfq., Kalbfleisch per Pfd. 6874 Pfg., Hammelfleisch per Pfd. 5272 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo 8.50-9.00 Mk., Zwiebeln per Zt. Mk. 7.00-8 00, Milch per Liter 18 Pfg.

Schlachthaus Gießen, gesalzenes Ochsenfleisch 35 Pfg. Schweinefleisch ohne Preis, heute und Morgen.

Der Verkauf des Fleisches findet während der Marktzeit in der großen Schlachtviehhalle statt.

Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei (gegr. 1873); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen.

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Mittwoch, de« 30. Mai d Js. nachmittags 2 Uhr, werden im Bieker'schen Saale ver­steigert: 2 Garnituren, bestehend aus Sofas, Sesseln und Stühlen, 1 rotbraun und 1 braune Seide, 1 runder Tisch von Ebenholz, 1 Spi gelschrank, 1 amerik. Stand­uhr, 1 Trumeau mit Spiegel, Sofas, Kommoden, Kleiderschränke, 1 Nähmaschine, 1 el eg. Bücher­schrank, 1 Herrenschreibtisch, 7 gold. Herren Medaillons, 2 F^ß Weiß­wein, 1 Partie Schuhwaren u. a. m.

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Mittwoch 20. d MtS «ach- mittags vo« 2 Uhr a« versteigere ich Neuenweg 28 (im Löwen) 3 Ballen Tuch, 1 Ballen Watte, 20 Dutz. Mützen, mehrere Dutzend Hosenträger und einige Federboas. Versteigerung ganz be­stimmt.

Gießen, 18. Mai 1903.

Seipel, Groß. Gerichtsvollzieher.

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