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Nr. 116

Dienstag den 19 Mai 1903.

12. Jahrgang.

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Nt»n«eme«tSprriS: in Gießen, <>ge$»tt msnatlich SS Pfg„ tn'S Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post Beuget# viertel- © jährlich Mk. 1.60.

Gr«tiSbeU«gen: Oöerhefftsche ^amiHeaiei tx«& ttS-lich) Oterhesfische Zeitschrift für Landwirtschaft, Q-ft- »*d • erteit6«1, sswie die Sieftewer Geife»-l«se« (toi*ewtH*). Das Blatt erscheint m e8e* »â-« n«b*â^

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Z»lxrris«ts-rei St Die einspaltige Petit-eile fit Gießen Jok ganz Oberhesskn. die Kreise Wetzlar und Marburg 14 Ps- sonst 16 $fg.; KeklEe« die Petite-ile 30 resp. 48 Oßg.

PostreitungSliste Ms. WS».

NedsStisn unb Expedtrisn: Gieße, Äre**»«! B* ^refrrtSeitf*!** R», IM.

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für Obsrheffm und die Kreise MKrbMH und Wthlar; LZkslKttzeiger für Gies;kN und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

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Die „amerikanische Gefahr“.

CB. In politischen und in gewerblichen Kreisen wird vielfach die Befürchtung geäußert, daß die Amerikaner mit der Zeit unser ganzes Wirtschaftsleben bedrücken und auch mit ihrer politischen Uebermacht die alte Welt in ben Hintergrund drängen werden. Tatsächlich bestellen ja auch in Amerika derartige Tendenzen. Erst jüngst hat Präsident Roosevelt in dem Westen Amerikas, wo er augen­blicklich seine Wiederwahl betreibt, den Standpunkt ver­treten, daß in zwanzig Jahren der Stille Ozean voll­ständig amerikanisch sein müsse, und die Regierung von Washington steift sich ja bekanntlich Europa gegenüber auch in Angelegenheiten der Südstaaten auf die Monroe­doktrin, d. h. die großainerikanische Politik. Tie Ent­wicklung des amerikanischen Jndustrielebens und des Kapi­talismus scheinen allen diesen Bestrebungen auch Vor­schub zu leisten. Allein immerhin bleibt die alte Welt trat allem dem amerikanischen Emporkömmling in einem über­legen, in der Frage der idealen Interessen. Das ganz: amerikanische Leben ist brutal auf die materiellen Jnter- essen zugeschnitten. Amerika hat keine eigentliche Wissen­schaft und keine Kunst. Am deirtlichsten zeigt sich der Unterschied zwischen dem amerikanischen und dem euro­päischen Wesen in der wissenschaftlichen Ausbildung der Jugend auf den Universitäten, worüber Prof. Dr. Harper kürzlich eine interessante Mitteilung gemacht hat. Ta nach sind die amerikanischen Studenten zumeist in bür­gerlichen Berufen tätig, und sie sind hierbei nicht einmal sehr wählerisch. Denn der Kreis ihrer Erwerbsgelegen- heiten beschränkt sich nicht, mie bei unseren ärmeren Sta­unten, auf die Stellung als Sekretäre und Hauslehrer Der amerikanische Student beschäftigt sich auch mit An­zeigensammeln, Plakatkleben, Zettelverteilerr unb Later- nenanzünden. Wenigstens zählt Dr. Harper alle diese Be­rufe unter der amerikanischen Studentenschaft auf. Wie ideal ist dem gegenüber die wissenschaftliche Erziehung des deutschen Jünglings,, der in der Regel sorglos und mit fuschen Kräften dein Studium sich widmen sann, während Ur amerikanische Student nur in der freien Zeit sich ein ölück Wissenschaft aneignet, das er ganz gewiß möglichst bald wieder verwerten will. Daß bei dieser Art des Stu­diums die Gründlichkeit zu kurz sammt, und daß vor allen Dingen auch die moralischen Qualitäten der Stu­dierenden darunter leiden müssen, liegt auf der Hand. Sv ist denn auch nur die logische Konsequenz des Unter­schiedes zwischen der alten und der neuen Welt in Bezug auf die Stellung zur Wissenschaft, daß die Amerikaner zwar imstande sind, wissenschaftliche Erfolge sehr schnell zu ver­werten, daß sie aber eigentliche Fortschritte selber nicht herbeiführen können. Auf dem theoretischen Gebiete wird die alte Welt also stets den Anwrikanern überlegen sein, und wer die geistigen Waffen nicht gering schätzt, wird deshalb auch die „amerikanische Gefahr" nicht in dem Naße befürchten, wie es vielfach der Fall ist

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Intimes vom Kaiserbesuch im Vatikan.

HP. Noch immer ist das Echo des Kaiserbesuches im Vatikan nicht erstorben 5 namentlich die ausländische Presse beschäftigt sich eingehend mit den Vorgängen ivährend jener fast halbstündigen Zusammenkunft in den Gemächern des Papstes. Und unter den ausländischen Blättern sind es vor allem wieder die französischen, die mehr oder minder beglaubigte Einzelheiten über den kaiserbesuch der Welt auftischen. Das ist kein Wunder, ist doch Frankreich seit dem Ausbruch des französischen Kulturkampfes an dem Verhältnis zwischen Deutschland und dem Vatikan doppelt interessiert. Daß die Fran­zosen, je schlechter ihre eigenen Beziehungen zur Kurie derben, um so eifersüchtiger und besorgter aus den wachsenden Einfluß Deutschlands im Vatikan blicken, ist begreiflich;, daher auch das ungewöhnlich rege und nachhaltige Interesse für die Einzelheiten der Begegnung Vilhelms II. und Leos XIII.

Nun ist freilich das, was die französische Presse über den Kaiserbesuch an besonderen Informationen bringt, höchst unauthentisch und in den meisten Fällen lediglich Phantasiewerk. Immerhin ist es von Interesse, die Aufsehen erregendsten Meldungen, wenigstens so weit sie von ber Wahrheit nicht völlig abweichen, zu ver­folgen.

Neuerdings veröffentlichten französische Blätter Un­terredungen mit Persönlichkeiten aus der näheren Um­gebung des Papstes, zu dem Leo XIII. sich mehrfach über den Kaiserbesirch ausgesprochen haben soll. Wir geben einiges daraus wieder. Bei der Lektüre dieser Zeitungs­meldungen muß man sich gegenwärtig halten, daß sic aus französischen Blättern stammen; die französische Selbstgefälligkeit kommt darin zum Teil — z. B. in der Behauptung, der Kaiser habe sich in dem Verkehr mit dem Papste Napoleon I. zum Vorbild genommen — zu unzweideutigem Ausdruck. Ein Pariser Blatt schreibt:

„Papst Leo hat einem französischen Kardinal u. ä. über den Besuch des .Kaisers Mitteilungen gemacht, aus dem sich folgendes eraibt: Der Kaiser, der bei keinem er-

[ten Besuch auffahrend und stolz erschienen war, zeigte nch dieses Mal von ganz anderer Seite. Er hatte sich of- senbar dèapoleon I. als Vorbild genommen. Er zeigte eine sehr achtungsvolle Haltung, wie die eines Sohnes oem Vater gegenüber und suchte selbst seine Stimme zu mildern. Er nannte sofort vor aller Welt den greisen Papst „Vater", wie es Bonaparte getan hatte. Bei dem erstell Besuche hatte er dagegen den Titel „Heiligkeit" angeweiidet. Der Papst erklärt immer wieder, wie tief ihn die zarte Zuvorkommenheit des Kaisers gerührt habe. Das kleine Kissen, auf das der Papst seine Füße zu legen pflegt, war fortgeglitten. Der Kaiser bückte sich, um es wieder auf den rechten Platz zu legen. Da der Papst babei eine Bewegung machte, um den kaiserlichen Gast zurückzuhalten, ergriff dieser die schwache und zitternde Hand des Greises und führte sie an seine Lippen. Der Papst bemerkte dabei zu seinem Erstaunen, daß der Kaiser ein Armband trägt. „Das muß wohl eine neue Mode sein," bemerkte der Papst dem französischen Kar­dinal. Er fuhr dann mit der Erklärung fort, daß Kaiser Wilhelm ihm sehr gealtert erschienen wäre. „Ich bin erstaunt über den Wechsel seiner Physiognomie," sagte der Papst. „Er hat eine scharfe Falte zwischen ben beiden Augenbrauen, die ich trotz meines Alters noch nicht habe Die Augen sind stark ilmrändert und um den Mund liegt ein bitterer Zug, vielleicht, weil man ihn jetzt besser lieht, seitdem der Kaiser seinen Schnurrbart anders tragt."

Schließlich soll der Papst dem französischen Wür­denträger versichert haben, daß französische Angelegen­heiten zwischen ihm und dem Kaiser nicht berührt wor- ^» sEi der Kaiser wisse, „wie sehr er, der Papst, ^^/^ ^"-?â" Dieser letzten Mitteilung wider­spricht die Meldung eines anderen Blattes, das eine Unterredung mit dem Kardinal Gotti, dem Präkekten der Propaganda, veröffentlicht. Danach wäre Kaiser Wil- Helm ofort auf die Frage des Protektorats über dir katholischen Christen im Orient losgesteuert. Er hätte dem Papste vorgestellt, daß er allein die Christenheit in Klein- und Ostasien ruhnireich zu verteidigen imstande sei, wahrend die Franzosen infolge ihrer inneren Zwistja. fetten baS Prestige verloren hätten. Der Kaiser habe geltend gemacht, daß das Protektorat nur eine gerechte Belohnung" für seine Bemühungen um die katholische Mission Ware, Er soll sogar gesagt haben: „Ich brauche weite Horizonte und ersticke in der Staatsreliaion" Der Papst hätte den Kaiser dann darauf an Äin gemadjt, daß es sich dabei auch um Geld ragen handle, Dr« Franzosen lieferten noch die größten Beiträge für die Missionen, nämlich 20 Millionen jährlich. Der Kaiser gestand darauf, daß er nicht in der Lage sei,' diese augenblicklich zu bewilligen, 1

Daß die Unterredung über das Protektorat in dieser SBetfe vor sich gegangen sei, ist völlig ausgeschlossen hier hat offenbar die Phantasie der Franzosen, von ihrer Besorgnis vor einer Verdunkelung ihres Protektorvrelti. ges durch Deutschland beflügelt die Berichterstattuna stark beeinflußt. Die dem.Kaiser von Gottt zugW Aeußerungen sind so wenig hohenzollernsch und wider- sprechen dein Charakter des Kaisers so sehr, daß er sie unmöglich getan hat. Auch seine erste Meldung über den Handkuß, mit dem Kaiser Wilhelm dem Papste qe- huldigt habe, ist in dieser Form unrichtig. Tatsache ist daß der Kaiser bei der Begrüßung des Papstes sich tief über dessen ihm entgegengestreckten Hände beugte so daß es schreit als küsse -er sie. B 1

Schlächtergesellen hieben auf die Antiklerikalen ein; viele von diesen wurden schwer verletzt. Tie Polizei drang schließlich in die Kirche ein und trennte die Kämpfenden. Auch nach dem Gottesdienst in der Kirche Notredame de Plaisance, wo ebenfalls ein früherer Jesuit predigte, kam es zu Krawallen: 2000 Teilnehmer am Gottesdienst begann am Ansgang der Kirche Händel mit den dort

postierten Aittikterikalen, es kam zu einer großen Schlä­gerei, und die Polizei war inachtlos. Der Polizeipräfekt Lepine selbst ivurbe durch einen Hieb über den Kopf oerletzt. Erst spät abends gelang es, die Ruhe wieder herzustellen. — Ar:ch in Reims, Rouen und anderen Or- :en, in denen gegen die Kongregationen gerichtete Ver- sannnlungen abgehalten wurden, kam es zwischen Kle- cikalen und der Gegenpartei zu Zusamnwnstößen. In Marseille zogen am Sonntag etwa 5000 Personen vor Ue Präfektur, um dort eine Adresse niederzulegen, in velcher die Trennung von Kirche und Staat gefordert vurde.

Neue Gärungen auf dem Balkan.

() In Serbien ist neuerdings die alteingewurzelte Abneigung gegen die Türkei durch einige unkluge Maß- lahmen der Pforte und durch Uebergriffe, die "sich tür­kische Truppen dem serbischen Militärattache in Konstan- ünopel gegenüber zu schulden kommen ließen, bedenklich gewachsen. Daß Fürst Ferdinand von Bulgarien durch die Sofioter Militärpartei zum Kriege mit der Türkei gedrängt wird, ist ebenfalls bekannt, und wenn auch unter Rußlands Druck er ebenso wenig wie sein Nach­bar Sascha etwas ernstliches gegen den Sultan unter­nehme:: wird, so ist doch Bulgariens Türkenfeindsch-aft ebenso wie die serbische ein Moment mehr, um die Ma­zedonier, die in Bulgarien nach wie vor begünstigt wer- oen, zur Fortsetzung des Guc rillakriegs aufzumuntern. Obenein scheint in Bulgarien jetzt noch ein Ministerium ans Ruder zu kommen, das es mit den: mazedonischen Aufrührer:: hält. Fürst Ferdinand hat den General Pe­trow mit der Neubildung des Kabinetts betraut. Daß Petrow die Mazedonier ziemlich unverhüllt begünstigen oird, kann man schoi: daraus ersehen, daß das bis­herige Kabinett zurückgetreten ist, weil ihm der Fürst ;u mazedonierfreundlich war und dadurch alle Bemü­hungen des Kabinetts, Bulgarien nicht in die Unruhen ;u verwickeln, über den Haufen warf. Immerhin ist nn Krieg der Balkanstaaten gegen die Türkei nach wie oor so gut wie ausgeschlosse::, und es steht zu hoffen, )aß es der Türkei jetzt, nach der nun doch erfolgten Ein­nahme von Ipek, gelingt, die Albanesen und Mazedonier :m Schach zu halten.

Kurze politische Nachrichten.

* Der Kaiser hat bestimmt, daß das in Danzig auf stapel liegende Linienschiff „I" den Namen „Elsaß" und vas zweite im Bau befindliche Schwesterschiff „M" den Namen „Lothringen" erhalten soll.

* Die Arbeiter der Bremer Vulkanwerft wurden am Montag entlassen. Es arbeiten nur noch Meister, Vor­arbeiter und Lehrlinge.

* Die japanische Regierung fordert vom Parlament zehn Millionen Pfund Sterling (200 Millionen Mark) für neue Schiffe und 1,500,000 Pfund für laufende Schiffs­bau-Ausgaben.

Die Politik.

Die Krankenges etznovelle genehmigt!

D Ueber den Druckfehler, der einigen besonders penib­len Gemütern das regelrechte Zustandekommen der No­velle zum Krankenversicherungsgesetz in Frage zu stellen schien, hat sich der Bundesrat erfreulicherweise glatt hin- weggesetzt. Er hat am Montag das Krankenversicherungs­gesetz gemäß den Beschlüssen des Reichstages genehmigt. Damit ist wieder ein weiterer bedeutsamer Schritt nach vorwärts auf dem Wege der Ausgestaltung unserer Sozial­gesetzgebung getan.

Kirchenskandale in Paris.

(—) Wie neulich in ber Kirche der Pariser Vorstadt Aubervilliers, so kam es am Sonntag auch in mehreren Kirchen in Paris selbst zu Skandalszenen, die zum Teil zu blutigen Krawallen führten. In Paris war gestern das Gerücht verbreitet, die Antiklerikalen wollten in meh­reren Kirchen Skandale hervorrufen. Infolgedessen bo­ten die Pfarrer der einzelnen Kirchen große Scharen von handfesten Leuten auf, die, teilweise mit Knütteln bewaffnet, dem Gottesdienst beiwohnten. In zwei Kir­chen, wo früher Jesuitenpatres predigten, kam es denn auch zu wilden Auftritten. In der Kirche des Stadtteils La Billette erhob sich, als der Pater die Predigt begann, ein Antiklerikaler und fragte den Pater, ob er Erlaub­nis zum Prediger: habe. Sofort brach ein unbeschreiblicher Tumult aus. Etwa 150 in der Kirche versammelte

F)of und Gesellschaft.

*** Der Kaiser hielt gestern in der Nähe von Metz eine große Truppenübung ab, an der die ganze Metzer und Diedenhosener Garnison teilnahmen. Die der Uebung zugrunde liegende Idee war: Eine deutsche Armee ist über dell Rhein zurückgeworfen, Metz mit einer deutschen Besatzung vom Feinde eingeschlossen. Der Kampf dreht sich um die Forts „Kaiserin" und „Lothringen". Der Kaiser traf früh morgens mit der Bahn in Chatel St. Germain ein. Dort stieg er zu Pferde und übernahm das Kommando einer kombi­nierten Division. Tags vorher — so wird aus Kürzel berichtet, traf das Kaiserpaar dort, von Urville kommend, unter dem Geläute der Glocken und den Zurufen der dicht­gedrängten Menschenmenge, welche die Torfstraße entlang Aufstellung genommen hatte, ein und nahm an dem Gottesdienste in der Kaiserkirche teil. Nach demselben be. sichtigten die hohen Herrschaften das Wilhelm-Viktoria- Stift für alte Leute und die neue evangelische Pension in dem alten Hugenottenschloß, wo sie von den Pensionärin- nen unter Führung des Verwalters und der Vorsteherin der Pension empfangen wurden.

*** Generalleutnant von Hülsen-Haeseler, der während der Kaiserparade auf dem Exerzierplatz von Frescaty einen leichten Schlaganfall erlitt, befindet sich auf dem Wege der Besserung. Der Anfall hat sich nicht wiederholt und es ist kein Anlaß zu Besorgnis vorhanden. Voraussichtlich wird der Kabinettsches am Dienstag abend mit dem Kai­serpaar die Heimreise nach Berlin antreten.