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9h. 66.

Donnerstag,-den 19. März 1903.

12. Jahrgang.

Ubo»»eme»tSpreiS : in Gießen, abgehsll monatlich dv Pfg., ln'S HauS gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vieNel- jährlich Mk. 1-50.

»rattSbeilage« : Qberhesfische F.milte«reitu«g (täglich) Qberhesfische Zeitschrift für La«dw1rtfch«f1, Obst- »>d V«rte»ba», sowie die Gieße»er Letfc»bl«se« (wöchentlich), DaS Blatt erscheint an «lle» Werktagen nachmittag-.

Gießener

InsertivU-prei S» Die einspaltige Petilzeile für Gießen wt, ganz Oberbessen, die Kreise We-Iar und Marburg 10 Pfg sonst 15 Psg. , Reklame, die PetitzeUe 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3269.

Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 16» Fer«sprecha«schl»ß Nr, 368.

Deue^le Machrichten

(Hießener VageVtatt) Unabhängige Tageszeitung (Hietzener Weitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Uiugeblmg.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

6in JVJabnwort zur Qmhehr.

Zum Erlaß des Königs von Sachsen.

König Gcorg von Sachsen hat sich, kurz bevor ei nad) langer ernster Krankheit seine Erholungsreise nach dem Süden antrat, mit einer Botschaft an sein Bol! gewandt, in der er für die Teilnahme dankt, die ihm in der schweren Prüfung, die das Haus Mettin betraf, seil, aus allen Kreisen der Bevölkerung zu teil gc- lvorden sei. Zugleich aber hat er es für nötig gehal­ten, an das patriotische Gefühl und die Königstreue des sächsischen Volkes zu appellieren mit dem Wunsche, daß nun endlich Ruhe und Vertrauen wiederkehren moye. Tiefe Bekümmernis spricht aus den Worten des greisen Herrschers über die schmerzliche Erfahrung, daß ein Teil des sächsischen Volkes hinter dem Vorgehen u Hofes gegen die frühere Kronprinzessin nur Lug uiid Trug wittere. Um diesem traurigen, das Herz des Landesvaters zerreißenden Zustande ein Ende zu macken, ringt der greife Herrscher sich vor der Ces,entliessest

bittere Geständnis der Schaiide ab, mit der einetief gefallene" Frau das reine Wappenschild der Wettiner befleckt hat.

Weshalb mußte der König die kaum notdürftig ver­narbte Wunde von neuem aufreißen? War cs nicht bes­ser, still und geduldig abzuwarten, bis sich die Wogen der Erregung, die ja allmählich schon abdämmten, ganz und gar beruhigt hatten? Ueber diese Frage gibt eine Kund­gebung der amtlichenLeipz. Zeitung", überschriebenEin Mahnruf an unser Volk", die beste Auskunft. Nicht an­ders als mit Schmerz heißt es darin kann es jeden patriotisch Gesinnten erfüllen, zu sehen, wie ge­wisse Schichten der Bevölkerung gegenwärtig auf dem besten Wege sind, unser Sachsenvolk nach innen wie nach außen in beschämendster Weise bloßzustellen. Sie seien drum und dran, das schwere Unglück, das das Königshaus und damit das ganze Volk betroffen, zu etwas ^Zimmerern, zu einer Bloßstellung, ja zu einer förmlichen Niederlage des .Stammescharakters zu ge­stalten. Tao Volk Durfte von dem Oberhaupte des König­lichen Hauses erwarten, daß es dasjenige tat, was jede bürgerliche Familie, die auf Reinheit der Sitte und ihre Ehre hält, in gleichem Falle getan haben würde: daß es das kranke Glied abstieß, daß es das Faule aus­schnitt, damit das Gesunde von ihm nicht angesteckt werden solle. Nun aber erlebte man das Unglaub­liche. Anstatt daß jedermann, in der Ehre des Ko- niashauses einen Teil seiner eigenen Ehre erkennend, sich in diesen Zeitläuften um das Königshaus geschart hätte, gewährte es gewissen Sck)ichten der Bevölkerung, die übrigens ziemlich hoch hinauf reichen, eine Art förmlicher Berauschung, die Verantwortung für den Vor­gang von dem Schuldigen ab und auf das Königshaus zu wälzen. Es seien diesem Beweggründe untergeschoben worden, die in heimtückischen Intriguen ihren Ur­sprung hätten und auf konfessioneller Basis beruhten. Man habe sich nicht gescheut, ein Verhältnis so ver­werflicher Art, daß es sonst ängstlich das Licht der Öffentlichkeit scheut, hier aber vor den Augen der ganzen Welt zur Schau gestellt worden, wie dâs jener Frau zu dem Lehrer Giron, als eine Großtat deS freien Menschentums zu verherrlichen. Die Kundgebung schließt, wie die des Königs, mit der ernsten Mahnung, daß es Zeit zur Umkehr sei und daß das Sachsenvolk in alter- Treue sich um sein Königshaus scharen möge.

Es war also eine ernste Gefahr vorhanden, daß die in den obigen Zeilen gekennzeichnete Bewegung um sich griff und gefährlichen Brandstoss im Lande anhäuie, der schließlich zu loderndem Feuer emporflammen könnte. Deshalb mußte der König aus der lang bewahrten Re­serve hervortreten. Es ist keine unchristlicheHärte, wenn er das verdammende Urteil über die Schuldige offen vor aller Welt ausspricht. Nur durch rücksichtslose Dar­legung der Beweggründe zu dem Vorgehen gegen die Prinzessin war es möglich, den gefährlichen Gerüchten und nun hoffentlich für immer Einhalt zu tun.

Die Politik.

Raifer Wilhelm und König Georg.

-' ^r Galatafel, die am Dresdener Hof zu Ehrer des Kaisers stattfand, wurden zwischen den Souveränen Trinks prüche ausgetauscht, die über den Rahmen des Kon- tenfuneHen hinausgingen. Es klang aus ihnen ein Ton tiefer Bewegung über die Heimsuchung, von der das Haus Lettin in jüngster Zeit betroffen wurde. Der greise König dankte seinem kaiserlichen Freunde für dessen Besuch, der ein erneutes Zeichen seider wohlwollenden herAichen Gesinnung, die uns Euere Majestät in allen Zeiten in Freund und Leid erwiesen haben, welche namentlich in der letzten Zeit, in der ernsten Zeit, unserem Herzen so wohlgetan hat." Und der Kaiser schloß seinen Dank für den ihm bereiteten herzlichen Empfang mir der Versiehe- pung, daß ^wie der Wettiner Lreud und Leid stets amü

der Hoyenzolleru Freud und Leid ist, ich ebenso fühle, wie Euere Majestät und mein ganzes Volk mit mir." Nach einem warmherzigen Mschied von bem Sachsenkönig reifte der Kaiser abends wieder nach Berlin zurück.

Steiner will anfangen.

o Wie vor kurzem in der französischen Deputierten- lammet, so wurde jetzt auch in dem englischen Unter- Ijaufc bie dornige Abrüstungsfrage aufs Tapet gebracht, ^.er sehr ehrenwerte Reid sprach unter Hinweis auf das ungeheure Anwachsen des Marinebudgets die An­sicht aus, die britische Regierung könnte mit Rußland, ^.eutfchland und Frankreich sich über eine Beschränkung der Flottenrüstungen zu verständigen suchen. DaS sehr ehrenwerte Mitglied Tilke, der bekannte Liberale, unter­stützte ihn darin, indem er daran erinnerte, daß der frühere Marineminister Goschen bei zwei Gelegeuhei- ten Vorschläge in diesem Sinne gemacht habe. Ter Par lamentssekretär der Admiralität, Arnold Forster, er- widerte, daß auf die Vorschläge Goschens keine Ant­wort erfolgt sei. Die Regierung sei zu einem Abkom­men über die Herabminderung der Rüstungen bereit, aber es sei nicht Sache Englands, auf diesem Wege voranzugehen, wenn die anderen Mächte nicht bereit seien, mitzugehen. Es ist immer die alte Geschichte: Keiner will anfangen.

Ncvnlution in Magnat).

^ Gleich Venezuela und Honduras hat nun auch das gesegnete Uruguay seine Revolution. Nach einem Be­richt des amerikanischen Konsuls in der Hairptstadt Montevideo stellen 8030 Aufständische außerhalb der Stadt, bereit zum Angriff überzugel)en. In der Nähe her abt fand ein Gefecht zwischen Regierungstruppen und Aufständischen statt. Eine Abteilung des Roten MTcu^ imirbc nach dem Kampfplatz geschickt, ferner wurden vier Abgeordnete entsandt, um über den Frieden zu unter­handeln. Die Negierung will die Nationalgarde einbe­rufen. Der Belagerungszustand ist erklärt, die nach Monte­video fahrende Eisenbahn zerstört, alle Telegramme sind der Zensur unterworfen. Führer der Aufständischen ist Sennor Aparico Saraiva, ein in Europa völlig unbe­kannter Herr. Das südamerikanische Geschwader, das sich zur Zeit in Montevide) befindet, hat Befehl erhalten, die amerikanischen Interessen zu schützen.

Deutscher Handelstag.

)( Der deutsche Handelstag ist in Berlin zu sei­ner 29. Vollversammlung znsammcngetreten. Der Staats­sekretär des Innern, Graf Posadowsky, hielt dabei eine Begrüßungsansprache, in der er des neuen Aufschwungs von Handel und Industrie gedachte und besonders be­tonte,' daß die deutsche Industrie auf dem Gebiete der verfeinerten Waren, der Spezialitäten ihre Aufgabe su­chen dürfte, im Wettkampf mit den Völkern, welche vorzugsweise auf die Herstellung von gröberen Massen­artikeln angewiesen siud.Wir stehen jetzt," fuhr der Staatssekretär fort,vor dem schwierigen Stadium der Erneuerung unserer Handelsverträge, für deren Aus­gestaltung die Wünsche der Beteiligten naturgemäß inßerordentlich weit auseinandergehen. Der Vorstand des Deutschen Handelstages hat unS kürzlich eine sehr 'chätzenSwerte Vorarbeit geliefert, möchte der Handelstag nich in Zukunft dazu beitragen, das große Vortrags- verk wirksam zu fördern."

Störenfriede in Dänemark.

Q Trotz der Annäherung, welche sich seit dem Besuch des dänischen Kronprinzen am deutschen Kaiserhofe zwi­schen den beiden Herrscherhäusern und Völkern vollzogen .)at, ist die Zahl derer in Dänemark, welche von einem freundschaftlichen Verhältnis zu dem Deutschen Reiche nichts wissen wollen, noch immer sehr beträchtlich und )er Einfluß, den diese Unversöhnlichen ausüben, nicht zu .interschätzen. Das hat sich recht deutlich noch in letzter Zeit gezeigt. Wie sich nämlich herausstellt, war die Nach­sicht von Verhandlungen über die famose Wismarer An­gelegenheit und eine angebliche Vermittlerrolle des Königs Christian aus den deutschfeindlichen Publizistenkreisen der dänischen Hauptstadt unter Erinnerung an die einstige Nroßmachtstellung Schwedens in die schwedische Presse geschmuggelt worden, um so Unfrieden zwischen Schweden und T-eutschland zu säen und ein gutes Einver­nehmen Dänemarks mit dem deutschen Reiche nicht auf­kommen zu lassen. Die Nachricht erwies sich bald als eine Erfindung und hat außer einer vorübergehenden Ver­wirrung keine schädliche Wirkung gehabt, aber der Zwi- fckenfall lehrt von neuem, wessen man sich von den Teutsch- Hassern in Dänemark zu versehen hat. Auch der bevor- 'tehende Kopenhagener Besuch des Kaiser Wilhelm ist die- en Kreisen natürlich unerwünscht, weshalb sie im voraus gegen ihn bei der Bevölkerung Stimmung zu machen uchen. Feindlic , Kundgebungen, wie im Jahre 1885 jei dem ersten dortigen Besuch des deutschen Kaisers, nerben sie jetzt aber auf keinen Fall ^u erzielen oer- nögen; dafür ist der Umschlag in den Gewinnungen gegen Deutschland bei den Dänen doch zu groß.

Kurze politische Marti riet) ten.

* Infolge der schweren Erkrankung des ersten Vize­präsidenten v. Heere man haben sämtliche Parteien des preußischen Abgeordnetenhauses folgenden Antrag einge­bracht: Den Abgeordneten Dr. Porsch zu ermächtigen, während der Dauer der Behinderung des Abg. v. Heereman in der gegenwärtigen Session die Funktion des ersten Vizepräsidenten des Hauses zu übernehmen und auszuüben.

* Die Budgetkommission hat bei der nochmaligen Ver­handlung über den T r u p p e n ü b u n gsvl a tzbeiNe u- hammer den ganzen Posten unter Zurücknahme der Streichung von 500 000 Mark mit allen gegen die drei Stimmen der Sozialdemokraten angenommen.

* Nach einem Telegramm ans Caracas ist die erste R a t e d e r d e n t s ch e n E n l s ch ä d i g n n g s s n m in e ge­zahlt worden.

* Der russische Marineminister Admiral T y r t o w ist am Herzschlag gestorben. Der El)ef des Generalstabs der Marine Vizeadmiral Avellan hat die zeitweilige Leitung des Marineministeriums übernommen.

r>of und Gesellschaft.

*** Das Kaiserpaar besichtigte in der Gießerei der Königlichen Museen in Cbarloltenbu g Gip.algü se, welche für die Harvard-Universität bestimmt sind. 9lach einem Besuch beim Reichskanzler Grasen v. Bülou» empfing der Kaiser im königlichen Schlosse zum Vortrag den Ober- Hofmarschall Grafen zu Euleuburg-Pra.sen und ben Ge­heimen Oberregieruugsrat v. Valen i ii i om ; i iCabinett.

*** Das Befinden des Kronprinzen bessert sich zusehends. Er ist bereits vollkommen fieberfrei. Prinz Eitel Friedrich wird nach einem Telegramm aus Kairo bereits heute (Donnerstag) von dort abreisen. Er ist also vollständig wiederhergestellt.

*** König Georg von Sachsen und s ine Toch­ter Prinzeß Mathilde wurden auf der Durchreise nach dem Gardasee in München vom säch i.cheu Gejanoleu begrüßt.

Deutscher Reichstag.

286. Situma. Eigener Bericht.

St. Louis. Die Expedition nach Ostasien. -

Nach endgiltiger Annahme der Seemannsordnung ge­langte das Haus zu den einmaligen Ausgaben aus dem Etat des Reichsamts des Innern. Bei dem TitelBe­teiligung an der Weltausstellung in St. Louis" wies der Abg. M ü l l e r - Meiniugen darauf hin, daß in den Krei­sen von Kunst, Kunstgewerbe und Buchhandel eine starke Abneigung gegen die Beteiligung herrsche, und ztvar weil drüben der Urheber-Rechtsschutz ganz im Argen liege. Ob Die Regierung nicht die Gelegenheit benutzen wolle, et­was zum Schutze der gedachten Berufsztveige zu tun. Der Staatssekretär Graf Posadowsky erklärt, diese Angelegenheit zum Gegenstände eines Schriftwechsels mit der Regierung der Vereinigten Staaten zu machen; seiner­seits werde altes geschehen, um den verderblichen Miß­bräuchen zu steuern. Nach weiterer unerheblicher Debatte wurde die Forderung gegen die Stimmen vereinzelter Konservativen betvilligt, desglcicheri der Rest der einmali­gen Ausgaben. Eine Erörterung von größerem Interesse knüpfte sich an den Etat für die Expedition nach Ostasien, Don dem die Kommission bekanntlich drei Millionen ge­strichen hat. Staatssekretär v. R i ch t h o f c n erklärte, daß mit der völligen Räumung nicht zu rasch vorgegangen werden könne. Gelegentlich der neueren Nachrichten über abermalige Unruhen in China habe die Regierung von unseren dortigen Vertretern auf Befragen die Antwort erhalten, die Fremden in China würden solange unbe­helligt bleiben, als dort noch die Occupationsarmee Vvr- yanden sei. Auch die militärischen Autoritäten hätten sich gegen eine vorzeitige Räumung ausgesprochen. Die Re­gierung sei daher nicht in der Lage, die Verantwortung Dafür zu übernehmen, schon jetzt alte Truppen zurück­zuziehen. Auch (beruhe die Occupation auf internationaler Abmachung, von der wir nicht einseitig abgehen dürfen. Dr. Arndt beschwerte sich, daß die Kriegsentschädigung seitens Chinas in Silber gezahlt wurde, obwohl die Zah- tung in Gold vereinbart war. Er würde sich jedoch damit zufrieden geben, wenn in Zukunft auch die Seezölle in Silber gezahlt würden.

preussischer Landtag.

Daus der Hbgeordneten.

45. Sitzung. Eigener Bericht.

Medizinalwesen.

Eine ausgedehnte Debatte rief bei Fortsetzung der zweiten Beratung des Kmltusetats das KavitelMedizi­nalwesen" hervor. Abg. Rügenberg verlangte die bes­sere Ausbildung des Hebammenwesens und die Schaf­fung einer Zentralbildungsanstalt für Krankenpfleger.