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Nr. 219.

Freitag, den 18. September 1903

12. Jahrgang

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Ab»*«eme«tSpreis: in Gießen, abgehslt monatlich 50 Pfg., in'S HâuS gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel­jährlich Mk. 1,50.

Gratisbeilage« : Oberhesfische Familieureit«^ Oberhesstsche Zeitschrift für Laadwirtschaft, Obst- n^d Varteaba«, sowie die Gietze«er Seifenblase« (wöchentlich). Das Blatt erscheint an alle« Werktagen nachmitagS.

JkirrllvNSpret ör Du einspaltige Pettrzeile für Gießen wi/ ganz Oberhessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg.: Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3269.

Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 28.

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für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Metzen und Umgebung.

Evthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Gro^h. Büraeemeisterei Gienen und anderer Behörden von Oberheffe».

Betanntmachung.

Sam tag, den 26. September, vormittags 11 Uhr, findet im Sitznrrgssaale des Regierungsgebändes zuGießen nach vorheriger Besichtigung der Provinzial- Siechenanstalt eine öffentliche Sitzung des Provinzial- tageS dec Provinz Obecheffen mit folgender Tagesord­nung statt:

1. Prüfung der Rechnung der Provinzialkaffe für 1901/02,

2. Feststellung des Voranschlags der Provinzial­kasse für 1903/4.

Gießen, den 14. September 1903.

Der Vorsitzende des Provinzialtags.

Dr. Breidert.

Hm Vorabend der Kriegs - Grhlärung.

Bis aus zwei Armeekorps, die in Kleinasien stehen, ist Ue gesamte türkische Truppenmacht jetzt mo­bilisiert, am Mittwoch erging das Jrade, das die Mobilmachung der bis dahin noch im Friedensstande befind­lichen drei Korps an der bulgarischen Grenze anordnete. Bon heute auf morgen kann mit dem Beginn der Feindselig­keit seitens der Türkei und Bulgariens gerechnet werden.

Nichts zeigt so schlagend, daß die Nächstbeteiligten den Erieg vor der Tür wissen, als die Tatsache, daß Fürst Ferdinand von Bulgarien mit Beschleunigung von Euxinograd nach Sofia a b g e r e i st ist, ivo er bereits eintraf. Wußte der Fürst nicht, daß eS losgeht, daß er nicht länger sich dem Volkswillen entgegenzustemmen braucht, er wäre sicher noch in Eurinograd geblieben. Solange der Krieg nicht in sicherer Aussicht stand, war es für ihn ein persönliches Wagnis nach Sofia zurückzukehren. Dort ist er seines Lebens nur sicher, wenn der Krieg mit der Türkei zur Tatsache wird. Und so ist denn seine plötzliche Abreise nach seiner Hauptstadt ein starkes Symptom dafür daß binnen kurzem losgeschlagen wird.

Angesichts dieser Sachlage wird der Einspruch gegen ote Metzeleien in Mazedonien, den nach den jüngsten Meldungen England bei der Pforte erheben will, wohl etwas post fcslum kommen. Die Türkei erklärt zwar schon jetzt, seit der Zurückziehung der fanatischen albanesischen Redifs aus Mazedonien sei dort einigermaßen die Ruhe wiederhergestellt, die Geschäfte seien wieder geöffnet und die Lokalbchörden bemüht, das in den Dörfern geraubte Eigentum den Be­sitzern wieder zu verschaffen. Welchen Wert diese Versiche- rnngen haben, lehrt folgende dnrch Konsularberickte be­glaubigte Meldung:

In dem von Bulgaren und Griechen bewohnten Dorfe Lvkarion wurden die griechischen Einwohner von einer Militärabteilung aufgefordert, das Dorf zu verlassen, da es alskompromittiert" niedergebrannt werden müsse. Die Einwohnerschaft leistete der Aufforderung Folge. Jn- pvischen war aber schon Gewehrfeuer eröffnet worden, bei welchem 15 G r i e ch e n ums Leben kamen. Auch die anderen Doffer wurden von den türkischen Truppen und den 0aschibozuks mit dem gleichen Schicksal bedroht.

Weitere wohl beglaubigte Berichte besagen: Im Wilajet M 3 n a st i r dauern die furchtbaren Greuel fort, welche 0ascinbozukS und aktive türkische Truppen begehen. Ein englischer Offizier, der in der Vorwoche einen Ritt von Ddbriba nach Monastir unternahm, meldet, daß diese sonst a sehr belebte Handelsstraße völlig ausgestorben, eine große rvenge abgcschnittcner Menschenköpfe gibt eine Vorstellung um der grausigen Verwüstung und dem barbarischen Fana- idnui^ der Türken. Die Konsuln können nur noch unter tarL; militärischer Eskorte ihre Konsulate verlassen.

Treydem die offiziöse türkische Berichterstattung von der Bcrm.i)tung der Insurgenten zu melden tveiß, haben MH? in den letzten Tagen neue Lebenszeichen gegeben. Bei hjHRnftidjsllau wurden 300 Mann regulärer türkischer I runr^n von den Insurgenten vernichtet, und zwischen f tnrarutrw und Witolista lockten die Insurgenten zlvei ^ lurj^Qf tr dnrp Hinterhalt und rieben sie vollständig aus

*- ~~ bot orrfrhenbAn D-goauung des Kaisers Fran ^' I w« d'"i 3 a r L r stHm, loie in diplomatischer Streife ) lautet, ^hrtactj'inaen getroffen werden, die bezmc^en, au )cm Balkan p» .chu Jahre Rrlhe zu schaffen. Der neue Hertrag sehe die Aufrechterhaltung des Status quo auf dem Balkan vor und verwerfe jede bewaffnete Einmischung. Der Lürfei werde für die Durchführung der Reformen eine längere trift eingeräumt werden. Falls Bulgarien keinen Krieg beginnt, oll ihm die Erhebungzum Königreich als Preis zugesagt uerbeu. Hinter dieses ganze Gerücht, das, wie gesagt, in nplomaiifdjen Kreisen Glauben findet, möchten wir einst veilen ein großes Fragezeichen setzen. Und wie, wenn üb stoischen der Krieg entbrannt ist?

Schafft ein Reichs - Irrengesetz!

Aus ärztlichen Kreisen wird uns geschrieben: In Halle haben soeben die drei Beauftragten des preußischen Medizinalbeamten-Vereins über die reichsgesetzliche Rege­lung des Jrrenwesens Bericht erstattet. Sie sind dabei zu dem Schlüsse gekommen, daß im Interesse der Einheit­lichkeit ein Reichs-Jrrengesetz dringend zu er­streben sei, das seine Hauptaufgabe in der Sicherung ausreichender Fürsorge für die Geisteskranken inne " b a I b und außerhalb der Anstalten zu erblicken habe. Mn Recht wird darauf hingewiesen, daß das Jrrenwesen eine âsieutliche Angelegenheit sei, die im Interesse der All- gcn clnheit der Öffentlichen Kontrolle bedürfe. Darum wäre es mich lvänschencüoert, daß neben den eigentlichen Geistes­kranken auch Idioten, Epileptiker und Trunksüchtige unter den Schutz dieses neuen Gesetzes gestellt würden.

S::??r. Wefcntsidjen Fortschritt sehen die Berichterstatter­in der Einführung der allgemeinen Anzeige- Pflicht. Konnte bis heute jede Familie so lange ihren Irren^zu Hause behüten und verpflegen, bis er die öffent- lidie Sicherheit bedrohte, ohne auch nur gehalten zu sein, besondere Vorsichtsmaßregeln zu treffen, so soll nun- mebr jeder eiuzelne Anornkale, gleichviel, ob er sich in einer Anstalk ar Hält oder nicht, ob er tobsüchtigen Anfällen unterliegt oder harmloser Natur ist, staatlicher Aufsicht untersteht sein. Dadurch würden einerseits die Fälle gram saurer Mißhandlung verhütet oder doch beträchtlich erschwert, die in skandalösen Prozessen oft genug vor die Oeffentlich- koit famen. Solche Gerichtsverhandlungen haben manetp mal grauenvolle Bilder davon entrollt wie unmenschlich arme Irre von ihren Angehörigen behandelt wurden. In Ställe hat man sie eingesperrt, kaum daß sie einen alten Lappen hatten, ihre Blöße 311 bedecken. Wie einem Stück Vieh schob man ihnen den Trog zu. Friß, Hund, oder besser noch: stirb! Und jedesmal nach solch neuer Offen- barung über die Bestialität des menschlichen Weseus klang ein Alarm schrei durch's Land, ein dringender Ruf nach Verhinderung solcher Greueltaten durch eine erhöhte Auf­sicht des Staates. Andererseits aber würde durch solche Aussicht eine größere Sicherheit für dritte unbeteiligte Per­sonen geschaffen, die heute, wo eigentlich jeder Irre frei hc rum la ufen kann, gar nicht oder doch nur in sehr be­schränk lein Maße vorhanden ist. Für irre V e r b r e ch e r müßten besondere Innere an größeren Strafanstalten ge- jdmifen werden, für Phys i s ch Minderwertige staatliche Verwahranstalten besonderer Art. Jnnner aber mußte die Leitung solcher Anstalten, wie auch die Kon- trülle über buS einzelne Individuum Aerzten übertragen narben, keineswegs staatlichen Disziplinarbeamten.

Mil ganz besonderer Ausführlichkeit beschäftigt sich der Bericht der Sachverständigen mit der Frage der zwangs- weifen Internierung eines Geisteskranken in eine Irrenanstalt. Die mancherlei Enthüllnngen, die über die Einsperrung ganz normaler Personen an die Oeffent- limtit gedrungen sind, hatten schon lange auf die Dring- I ichs ei: verschärfter Aufsicht privater Irrenanstalten Hiuge- IVi eint. Ist es doch vorgekommen, daß mit Hilfe gewissen­loser Gesellen Gesunde, die irgend jemand unbequem waren, für anormal erklärt und zeitlebens im Irrenhause jpftgchalten wurden. Für jeden gegen seinen Willen Inter­nierten sott ein Fürsorger ernannt und außerdem die Staatsanwaltschaft mit der Offizialvertretung aller inter­nierten Goi st erkranken betraut werden. Dabei soll die Ent­lassung tunlichst erleichtert werden.

Vian wirb zugeben müssen, daß die beauftragten Sach­verständigen die Aufgabe, die ihnen gestellt worden war, bis in die Einzelheiten hinein gründlich gelöst haben. Sie schufen mit ihrem Bericht die Grundlage, auf der allein fine zweckdienliche reichsgesetzliche Regelung des Jrren- ivcsens möglich ist. Beide Gesichtspunkte: der Schlitz der $rren und der Schutz der ^Allgemeinheit vor den Irren wurden gleichennaßen bei der Beantwortung der Einzel­fragen festgehatten. Das Interesse beider Teile erheischt es sedenfallS dringend, daß die bisherigen Willkürlichkeiten um möglich gemacht werden, und daß von staatswegen die Slcherbett der Individuen auch nach dieser Richtung hin größere Garantien erhält. Es ist zu hoffen, daß die Re­gierung sich nunmehr entschließen wird, einen entsprechen­den Entwurf vorzulegen. Die Allgemeinheü hat sich oft genug mit dieser Frage beschäftigen müssen. Ihr, Stim­mung mar fast immer auf Seiten der armen Krarcke», Dir jo bis Schwachen und Elenden unserem Herzen in sQzn fallen betoirderS nahe stehen. So scheint eS nur asLürüch ^h D^ch b» auLfkhrenden NeuhLbehârüo» kein K«^,

steht eine tleverwacyung Der xunenslihrung während des Wahlaktes nicht zu. Für die Abgeordnetenwahl ist eine Er­leichterung insofern geschaffen, als bei der Eintragung des AMimmungsvermerks der Gebrauch von Abkürztmgen zu- «t^kssen wird. Die einschneidendste Aenderung sieht der § 27 des Reglements in der Bestimmung vor, nach der bei der Wahl mehrerer Abgeordneten jeder Wahlmann bei nur ein­maligem Vorruf sogleich anzugeben hat, wen er an erster, zweiter oder dritter Stelle zum Abgeordneten wählt.

o% Großes Aufsehen erregt in Oesterreich der Armeebefehl Kaiser Franz Josefs, den er nach Beendigung der großen Ma­növer erlassen hat. In diesem Erlaß an das Heer kommt nämlich eine Stelle von hochpolitischer Bedeutung vor. Der Kaiser erklärt mit unverkennbarer Spitze gegen die ungarische Opposition, ermüsse und wolle an den bestehenden und be­währten Einrichtungen des Heeres feschalten". Wörtlich heißt es weiter:Gemeinsam und einheitlich, wie es ist, soll mein Heer bleiben, die starke Macht zur Verteidigung der öster­reichisch-ungarischen Monarchie gegen jeden Feind." Nach dieser feierlichen Kundgebung des Kaisers hat die ungarische Opposition jede Aussicht verloren, den Widerstand des Mon­archen gegen ihrenationalen" Forderungen ungarischer Kom- mcmdosprache im Heer, Trennung des ungarischen vom öster­reichische!'. Heereskontingent zu überwinden. Diese Kund- gebung dürfte der Anfang vom Ende der ungari­schen P a r l a m e n t s k r i s e sein.

^ Anttliche russische Meldungen berichten von neuen Krawallen gegen russische Inden, die sich im Gouvernement Mo hi lew abgespielt Haven. Im Verlaufe eines Streites, der im Bazar zu Homel zwischen einem russischen Bauern und ci^oi jüdischen Händler entstand, kam es zu einer er­bitterte Schlägerei zwischen Juden und Russen. Die an- rückende Polizei wurde, so versichert die offiziöse Meldung, vov den Juden mit einem Steinhagel und Revolverschüssen empfangen, vorauf die Polizisten angeblich nur mit Schüssen in die Luft geantwortet hätten. Bei der Prügelei sei ein Russe von einem Juden durch einen Messerstich tät­lich vertat worden; acht Personen, darunter nur ein Jude, seien leicht l>enrmndet worden. Das geschah am 11. d. Mts. Am 14. wiederholten sich die Unruhen. Der offi- 3i6je Bericht sagt darüber:Russische Arbeiter fingen aus Rache für die Vorgänge am II. September au, im Juden- r T c r t e I B u d e:: z u z e r st ö r e n. Bei dem Zusammen­stoß mit den Juden wurden auf beiden Seiten etwa 20 oder mehr Personen bermimdci. Als Truppen erschienen, wurden sie von den Juden mit Schüssen empfangen. Infolge dessen m u B t c von den. Feuerwaffen Gebr a n ch gern c ch 1 iu c r den. Gegen Abend war die Rube wieder bmgeficHr. Nach d-nr Berichten des inzwischen in Homel eingelassenen Gouverneurs wurden während der Unruhen fünf verwundete Christen und neun Juden in die Siadchospitäler eingeliefert. Getötet sind vier Christen und zwei Indem." Daß diese Darstellung keinen großen Anspruch auf Glaubwürdigkeit hat, bedarf keiner Betonung. Vor den russischen BehöNen haben die Juden des Zaren- reiches eine heillose Scheu, und es darf als ausgeschlossen gelten, daß sie gegen Polizei und Truppen gewalttätig vor- gegangen sein sollten. Offenbar handelt es sich in beiden Fällen um einen Ausbruch des Hasses der russischen Be­völkerung gegen die jüdischen Händler.

^ Die armenischen Unruhen im russischen Kauka susgebie t nehmen ständig zu, der Ausbruch eines iiflgrmrin.cn Armenieraufstandes ist nicht unwahrscheinlich. Ursache Der Unruhen ist die von Rußland angeordnete Ueber­nahme des armenischen Kirchenvermögens durch den russischen Stao'. Neuerdings wird wieder aus Kars gemeldet: Unter dem Geläute der Glocken eilte hier eine große Menge Arme- niec am 15. d. M., zur Kirche und lagerte sich um diese, als die Beamten zur Uebernahme der armenischen Kirchengüter schritten. Die Aufforderung der Polizei, auseinander zu sehen, beantwortete die Menge mit einem Hagel von Steinen, und mit Schüssen und drängte die Polizei zurück. 200 Ko­saken, Die hinzukamen, wurden von der stetig anwachsenden Menge ebenfalls mit Steinwürfen und Schüssen empfangen. ?)er Aufforderung auseinander zu gehen wurde nicht Folge fieleistet und die Kosaken gaben Feuer. Erst jetzt wurde der Platz geräumt. Mehrere Soldaten wurden verletzt; von der Menge wurde einer getötet und zwei verwundet. Verhaftet wurden 77 Personen, unter ihnen zwei Geistliche. Darin, daß die armenische Geistlichkeit die Seele der Bewegung ist, liegt die Gefahr.

Die Politik,

L^ Nähere Erläuterungen zu dein neuen Reglement für die preußischen Lnndtagswahlcn bringt ein Erlaß des Preu- bilden Ministers des Innern. Danach ist unter anderm für die Aufnahme eines Wählers in die Liste entscheidend, ob der Wähler zur Zeit der Wahl wahlberechtigt ist. Andererseits darf nach Abschluß der Abteilungsliste nie­mand mehr in diese ausgenommen werden. Den Wählern

f)of und Gesellschaft.

*** Der Kaiser begab sich gestern bereits vor Morgen- anbruch aus die Pirsche im Karajanskaer Revier. Am Abend hatte er noch aus einem Pirschgang einen Vierzehn- euder erlegt. Nachmittags besuchte der Kaiser das Volks­fest in Verda und reiste abeirds nach Wien ab. Der dem fttiifcr zugeteilte Ehrendienst: Korpskommandant Freiherr v. Mbori, Vizeadmiral Graf Montecuccoli, Oberst Edler v Appel, Oberst Graf Zedtwitz, Flügeladjutant Major Frei­herr v. Apor, Flügeladjutant Major v. Klepsch-Kloth, so­wie Korpskommandant Graf llexkuell ist dem Kaiser zur Begrüßung nach Wiener-Neustadt entgegengesetzt ^,