Nr. 192.
Dienstag, den 18. August 1903.
12. Jahrgang.
Vbo««eme«tSpreiS: in Gießen, abgeholt monatlich 50 $fg., tn'S Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährlich Mk. 1.50.
Gratisbeilage«: Oberhesfische Famitte«zeitu«g (täglich) Oberhesfische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst- vnd Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen (wöchentlich).
Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmitags.
Gie tzener
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Postzeitungsliste No. 3269.
Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 28.
Fer«sprecha«schl«st Rr. SSL.
AeueHe Nachrichten
(Gießener Mgevlatt) Unabhängige Tageszeitung (Gießener Ieitnng)
für Overhefsen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhefsea.
Bekanntmachung.
Die auf den 20. und 21. d. Mts. anberaumte Versteigerung des Mobiliars im städtischen Hospital findet erst am 1., 2. u. 3. September d. Js. statt.
Gießen, den 18. August 1903.
Die Armen-Deputation der Stadt Gießen.
Curschmann.______________
Bekanntmachung
Aus der Stiftung der Daniel Moog Witwe zu Gießen sind am 2. Oktober I. J§. die diesjährigen Zinsen an hiesige bedürftige unbescholtene im Witwen- stande lebende Bürger und Witwen von Bürgern zu verteilen. — Anmeldungen hierzu können bis zum 10. September auf dem Armenamt erfolgen.
Gießen, den 15. August 1903.
Die Armen'Deputation der Stadt Gießen. Curschmann.
Bekanntmachung.
Die Nachtragsheberolle über Beiträge zur land- und forstwirtschaftlichen Berufsgenoffenschaft von Grundeigentümern in der Gemarkung Schiffenberg für das Jahr 1902 liegt von heute an während vierzehn Tagen auf der unterzeichneten Bürgermeisterei (Zimmer Nr. 14) zur Einsicht offen. Innerhalb einer weiteren Frist von 2 Wochen, nach Ablauf dec Offenlegungsfrist, kann dec in dec Heberolle als beitragspflichtig in Anspruch genommene gegen die Beitragsbecechnung bei dem Vorstände der land- und forstwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft Einspruch erheben. (Siehe § 15 dec Verordnung vom 31. Mai 1902, Regierungsblatt Seite 200.) Gießen, 17. August 1903.
Dec Oberbürgermeister I. V.: Curschmann.
Die wirtschaftliche Lage.
Man schreibt uns: In letzter Zeit haben mehrere rheinische Großindustrielle die Frage der amerikanischen Gefahr eingehend erörtert und kamen zu dem Ergebnis, daß die Amerikaner zwar den Wettbewerb gegen uns auf dem Weltmarkt ganz erheblich verschärfen, daß sie aber keinerlei technische Ueberlegenheit uns gegenüber aufweisen. Das hat indes auch niemand angenommen.. Die Bedingungen ihrer starken Marktstellung liegen auf anderen Gebieten. Die Amerikaner können innerhalb ihres Landes die Rohprodukte für fast sämtliche marktgängige Waren finden. Im Hinblick auf diese Tatsache haben sie mit Hilfe des Mac Kinleytarifes aus der Union ein geschlossenes Wirtschaftsgebiet gemacht, indem sie die Grenzen sperrten und den im Jnlande erzeugten Waren auch den heimischen Markl sicherten. Sie konnten hier sehr hohe Preise nehmen und dafür billiger, vielmehr entsprechend billiger ihre Waren ausführen, d. h. mit anderen Worten, die anderen Nationen mit Preisen, die unter den Selbstkosten bleiben, unterbieten. Infolgedessen haben unsere industriellen Kreise lange Zeit bie amerikanischen Preise sehr drückend empfunden. Allein auf die Dauer läßt sich eine derartige Ausfuhrpolitik doch nicht halten, denn schließlich kommt das, was der ausländischen Produktion schadet, den ausländischen Konsumenten zu gute, nämlich die Preisunterbietung, für die der heimische Konsum die Lasten zu tragen hat. Konsequenterweise beobachten wir denn auch jetzt die auffallende Tatsache, daß die amerifanifdie Konkurrenz in dem gleichen Augenblick an Gefährlichkeit verliert, da die Industrie durch Zusammenschweißung der Einzelbetriebe zu einem Riesen-- truft im amerikanischen Wirtschaftsgebiet eine beherrschende Stellung erobert hat. Morgan und seine Trusts sind in große Not geraten, und der Petroleumtrnst — der einzige nicht mit Verlusten bei der Ausfuhr arbeitende Trust — muß durch Aktienankäufe dem Stahltrust zu Hilfe kommen. Augenblicklich ist die amerikanische Gefahr also geringer als sonst.
Dagegen droht sich im Innern in dem Kohlensyndllat eine neue Gefahr zu entwickeln. Vor zwei Jahren ist die Herrschaft dieses Syndikats schon sehr fühlbar geworden in den hohen Kohlenpreisen. In den letzten Tagen macht sich eine ähnliche preistreibende Tendenz auf dem Kohlenmarkt bemerkbar. Während das Syndikat, dem bis auf vier große Zechen alle bedeutenderen Unternehmungen angeboren, seither von einem Vorwärtsgehen der Förderung gesprochen hat, ist die Förderungseinschränkung um die Hälfte der seitherigen Quote erhöht worden. Man will also offenbar nicht zu viel Vorräte zu Tage fördern, um die Preise in der be- vorstehenden Wint Rt um so leichter diktieren zu können.
Die günstigen Betriebsberichte der letzten Zeit haben eine bedeutende Kurssteigerung in Minenwerten herbeigeführt und zwar nicht allein in Rheinland-Westfalen, sondern auch in Oberschlesien, wo man für die nächste Zeit auf einen leb
haften Verkehr mit Rußland hofft. Allein auch hier mufi vor übertriebenen Erwartungen gewarnt werden. Die russischen Mittel sind knapp, einmal, weil der Balkanzwist den Geschäftsgang stört, sodann, weil auch infolge der zahlreichen inneren Unruhen der Geschäftsgang ein stiller ist und schließlich, weil die Bevölkerung ohnehin unter der herrschenden Wirtschaftslage der letzten Jahre leidet. Wie man sich erzählt, sollen japanische Kaufleute —_ angeblich wegen der schlechten Ernte in Asien — in großen Mengen Getreide aufkaufen, so daß wahrscheinlich vor der nächstjährigen Ernte eine Knappheit mit Sicherheit zu erwarten ist. Dann müssen entweder viele Personen verhungern, oder die vorhandenen Barmittel wandern zum Teil für den Lebensunterhalt ins Ausland. Zu einer rosigen Auffassung über unseren Ver kehr mit Rußland liegt also kein Anlaß vor. Es ist vielmehr sicherlich das Zeichen einer realen Würdigung der Verhältnisse, wenn man auch in der Winterperiode keinen nennenswerten Aufschwung unseres Geschäftslebens erwartet.
Die Politik.
Keine Veröffentlichung der Kronratsbeschtnssc.
^ Die Erwartung, daß die Beschlüsse des Kronrats veröffentlicht werden würden, hat sich nicht erfüllt. Wie unser Berliner ^.-Mitarbeiter an zuständiger Stelle hört, werden die Kronratsbeschlüsse deshalb nicht veröffentlicht, weil sie zu Gesetzentwürfen ausgearbeitet werden sollen und über das bis jetzt vorliegende Material nichts weiter zu veröffentlichen sei. Weitere Fragen als die auf die Hochwasserschäden bezüglichen sind in dem Kronrat nicht verhandelt worden. Bei den zu erwartenden Gesetzentwürfen handelt es sich in der Hauptsache um ein Deichverbesserungsgesetz, für das beträchtliche Mittel gefordert werden sollen, ferner um ein Gesetz betr. die Regulierung der Oder und ihrer Nebenflüsse.
Der neue Oberpräsident von Schlesien.
^ Von dem preußischen Kronrat hätte man erwartet, daß er auch die Frage der Neubesetzung des schlesischen Oberpräsidiums lösen werde. Das ist nun zwar nicht der Fall gewesen, einfach deshalb nicht, weil bereits vorher über dic Neubesetzung dieses Postens Beschluß gefaßt war. Zum Oberpräsidenten von Schlesien hat der König den derzeitigen Oberpräsidenten von Hessen-Nassau, Grafen von Zedlitz und Trützschler, bestimmt, der früher in Posen in gleicher Stellung tätig war und später Kultusminister wurde.
Graf Zedlitz, der die ostdeutschen Verhältnisse genau kennt und namentlich in der Polenfrage außerordentlich beschlagen ist, steht im Alter von 66 Jahren. Er war bereits früher in der Provinz Schlesien tätig; u. a. war er von 1879—81 Vorsitzender des schlesischen Provinzialausschusses, dann Regierungspräsident in Oppeln. 1886 kam er als Oberpräsident und Vorsitzender der Ansiedelungskommission nach Posen, fünf Jahre später wurde er^Kultus- minister, blieb aber nur ein Jahr lang in dieser Stellung. Die Zurückziehung des nach ihm benannten Schulgesetzentwurfes durch die Regierung veranlaßte ihn 1892 zum Rücktritt. Erst 1898 trat er als Oberpräsident von Hessen- Nassau in den aktiven Staatsdienst zurück. Für die Provinz Schlesien ist er zweifelsohne der geeignetste Mann.
Vom deutschen Kriegsveteranenverband.
~ Fürst Herbert Bismarck hat den Ehrenvorsitz des deutschen Kriegsveteranenverbandes, der in diesen Tagen in Jamburg seine Generalversammlung abhielt, übernommen. In der Versammlung des 400 000 Mitglieder zählenden Verbandes wurde u. a. die Absendung einer Petition an den Reichstag beschlossen, die eine Milderung der bisher maßgebenden Bestimmung „gänzlicher und dauernder Erwerbsunfähigkeit" bei Bewerbung um Staatsbeihilfe aus dem Juvalidenfonds fordert. Ebenso wurde die Absendung einer weiteren Eingabe an den Reichstag beschlossen, die bezweckt, für die Witwen von Beihilfe-Empfängern eine mehrmonatliche Weitergewährung dieser Beihilfe nach dem Tode des Mannes 31t erwirken. Der Verband will eine Audienz bei dem neuen Kriegsminister nachsuchen, um diesen um Zurücknahme des Erlasses zu bitten, der die Führung des Eisernen Kreuzes als Verbandsabzeichen untersagt. Endlich wurde beschlossen, die Regierung zu ersuchen, bei der nächsten Volkszählung festzustellen, wie viel Kriegsveteranen noch in Deutschland leben.
Die sächsische Wahlrechtsreform.
+ Näheres über den Plan der sächsischen Regierung bezüglich der Reform des Landtagswahlrechts wird jetzt be- fannt. Wie verlautet, wird die Regierung die Beibehaltung der Dreiklassenwahl vorschlagen. Aber dieses System soll in der Weise gehandhabt werden, daß jede Klasse ihr Drittel allein wählt, und zwar in allgemeiner, geheimer und direkter Wahl, also wie bei der Reichstagswahl. Bei den einzelnen Parteien findet dieser Reformplan wenig Anklang, bei Konservativen geht er zu weit, und den Liberalen und Demo kraten geht er nicht weit genug. Uebrigens tragen die Par teien samt und sonders Bedenken, die von der Regierung geplante WahlrechtskonferenL mit Abgeordneten zu beschicken,
weil sie der Meinung finb, daß diese Abgeordneten, die ihr Mandat dem bisherigen Wahlrecht verdanken, für die Reformierung des Wahlrechts nicht unbefangen genug sind.
Braune Handschuhe auch für Unteroffiziere.
00 Nachdem sich das Tragen der braunen Nappa Handschuhe bei den Offizieren der Armee bewährt hat. beabsichtigt die Militärverwaltung, auch den Unteroffizierea die Ersetzung der bisherigen weißen Handschuhe durch bramu anzubefehlen. Die Weißlederhandschuh-Fabrikanten sind infolgedessen bei den zuständigen behördlichen Stellen nm die Zurückhaltung eines solchen Befehles eingefommen. Zweifel los wird die Regierung im Interesse der Weißlederhandschuh Industrie eine Uebergangszeit feststellen, während deren du noch vorhandenen Bestände an weißen Handschuhen ausgebraucht toerbeu können.
Fremdsprachliche Ausbildung der Offirierc.
A Näheres über die durch Kabinettsordre vom 27. Juni dieses Jahres getroffenen neuen Bestimmungen zur Förderung des Studiums neuerer Fremdsprachen in der Armee wird jetzt bekannt. Danach kommen in Betracht Russisch und Polnisch, Französisch, Englisch und Italienisch. Die Generalkommandos erhalten besondere Mittel als „Sprachstudienfonds" zu Beihilfen für aktive Leutnants, Ober leutnants und Hauptleute Otittmeifter) der 2. Gehaltsklasse, für Offiziere des Beurtaubtenstandes und der Jn- aktivität (nur für Reisekosten) und für jüngere zur Verwendung in Feldstellen in Aussicht genommene Beamte. Die Bewerber haben sich einer schriftlichen und mündlichen Dslmetscherprüfung zu unterziehen. , Die Beurteilung bot schriftlichen Arbeiten erfolgt durch die Kriegsakademie; zur mündlichen Prüfung werden nur solche Bewerber zugelassen, die in der schriftlichen genügt haben. Offiziere und Beamte, die die Prüfung bestanden haben, müssen spätestens alle fünf Jahre durch eine mündliche Nachprüfung nachtveifen, daß sie die Fremdsprache noch ausreichend beherrschen. Offizieren, die sich als Dolmetscher besonders befähigt erweisen, kann eine Beihilfe zur Reise ins Ausland zur weiteren Vervollkommnung in der betreffenden Sprache bewilligt werden.
Kurze politische Nachrichten.
* Der deutsche Marineattachee Korvettenkapitän Schäfer wird auf Befehl Kaiser Wilhelms dem Präsidenten Roosevelt in Oysterbay an Bord des „Kearsage" ein Exemplar der deutschen Marinerangliste mit einer Widmung des Kaisers überreichen.
* Anfangs September wird in Kiel der Besuch eines dänischen Geschwaders erwartet.
* Der Zar begibt sich am 1. September nach Spala zur Jagd, zu welcher auch der deutsche Kronprinz geladen ist.
* Das nach den tiirkischen Gelvässern abgegangene russische Geschwader zählt 14 Schiffe, vier Panzerschiffe, vier Torpedojager und sechs Torpedoboote.
* Der russische heilige Synod hat die orthodoxe Geistlichkeit angewiesen bei Anzeichen von antisemitischen Gärungen die Bevölkerung in Predigten und im persönlichen Verkehr darauf hinzuweifen, daß ein solches Verhalten eines orthodoxen Christen unwürdig sei, daß die russischen Juden ebenfalls Untertanen des Zaren seien und daß Ausschreitungen gegen sie das wirtschaftliche wie das politische Interesse des Staates beeinträchtigten.
* Die bulgarische Regierung macht in einem Rundschreiben 2« die Mächte die Pforte für die neuen Unruhen in Mazedonien verantwortlich. Die Unruhen werden von Tag zu Tag ernster. Ein nach Uesküb abgegangener dicht besetzter Personenzug wurde bei der Station Amatovo von Aufständischen in die Luft gesprengt, viele wurden getötet ober schwer verwundet. Infolge dieses Ereignisses ist der Verkehr auf allen Limen Mazedoniens eingestellt. Der russische Konsul Giersin Saloniki wird seit einigen Tagen vermißt.
* Die spanische Regierung tritt dem Gerücht von einer Erkrankung des Königs Alfons und seiner Ueberfiebelung in ein Sanatorium für Schwindsüchtige entschieden entgegen. — Für alle leichteren Streik- und Aufruhrvergehen König Alfons eine Amnestie erlassen.
Dof und Gesellschaft
, *** Der Kaiser wird am 6. September in Halle a. S. eintreffen und das dortige Kaiserdenkmal sowie die Moritzburg und die Francke-Stiftung besichtigen. — Der Kreuzer „Nymphe" hat Befehl erhalten, nach einer siebentägigen Beteiligung an den Herbstmanövern der Flotte wieder die Funktisnen eines Begleitschiffes der „Hohenzollern" zu übernehmen. Danach ist anzimehnien, daß der Kaiser sich wieder an Bord seiner Jacht einschiffen wird. Als Reiseziel iverden die dänischen Gewässer angegeben. Es verlautet, daß die „Hohenzolleren" mit der „Nymphe" und dem „Sleipner" nack Kspenhagen dampfen mirbjno König Eduard an Bord seiner Jacht aus Englaicd eintrifft.
*** Reichskanzler Graf Bülow ist nach Norderney zurückgekehrt.