Nr. 140.
'Donnerstag, den 18. Juni 1903.
12. Jahrgang.
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Kwawsssra
Die Ergebnisse der Reicbstagswablen.
Aus 349 Wahlkreisen war am Tage nach der Wahl das Wahlergebnis an der amtlichen Kontrolstelle in der Reichshauptstadt bekannt. 184 Abgeordnete sind nach diesen Berichten gleich im ersten Wahlgauge gewählt, in 165 Wahlkreisen hat sich eine Stichwahl als erforderlich herausgestellt. Die nachstehend abgedruckte Tabelle gibt über den Stand des Wahlergebnisses, soweit es bis zum ersten Abend nach der Wahl vorlag, Aufschluß. Es fehlte noch das Ergebnis aus einer Anzahl Wahlkreise Ostdeutschlands, Mecklenburgs und der nordwestdeutschen Landesteile.
Name der Parteien
bisherige Parteistärke
im ersten Wahlgang gewählt
an Stichwahlen betbeUigt
Bayerischer Bauernbund . .
5
1
Bund der Landwirte . . .
6
1
5
Centrum ..... . .
Deutsch-Konservative . . .
106
75
28
52
25
47
Dentsche Neichspartet . . .
20
2
5
Deutsch-Soziale (Antisemiten)
12
1
6
Freisinnige Berrinigiing . .
15
—
12
Freisinnige Volkspartei . .
28
—
24
NationaUibcrale .....
53
6
58
Sozraldcnlokraten.....
58
56
116
Süddeutsche Bolkspartei . .
7
—
9
Polen .........
14
11
6
Welfen.........
3
1
5
Wilde .........
18
10
8
zusammen
307
184
Ein Blick
auf die Tabelle bestätigt, daß diejenigen Recht gehabt haben, die eine Zerreibung des Liberalismus
zwischen der Rechten und den Sozialdemokraten vor- üussagten. Zwar die Nationalliberalen dürften so ziemlich in ihrer bisherigen Stärke wieder in den Reichstag einstehen, die anderen liberalen Gruppen aber, Freisinnige Volkspartei, freisinnige Vereinigung und Süddeutsche Volkspartei, werden nur wenige ihrer Anhänger im neuen Parlament sehen. Keine der drei Gruppen hat bisher einen Kandidaten glatt durchgebracht, und ihre Aussichten für die Stichwahl sind keineswegs besonders cosig.
Die anderen Parteien, Konservative, Zentrum, Nationalliberale, werden voraussichtlich ohne große Verlusts aus dem Wahlkampf hervorgehen. Das Zentrum wird nach wie vor die stärkste Partei in der Volksvertretung bleiben, wenn es auch vielleicht einige Mandate ab geben muß. Die Konservativen dürften sich aus der bisherigen Höhe behaupten. Eine gewisse Schwächung wird dir Rechte insofern erfahren, als die ihr zugehörige Reichspartei voraussichtlich arg zusammenschmelzen dürfte; auch )er Bund der Landwirte als solcher wird eine Einbuße erleiden, sind doch seine beiden bekannten Führer, Dr. Diederich Hahn und Dr. Roesicke-Kaiserslautern, und außer ihnen der besonnte Lucke-Petershausen im Wahlkampf uii-- ierlegen ;sie werden also dem Reichstage einstweilen, wenn ihnen nicht eine Nachwahl den Zugang zu demselben erschließt, fernbleiben. Auch Dr. Oertels, der bekannte jonr- nalistische Führer des Bundes, sieht sich vor einer Stichwahl, deren Ausgang ungewiß ist.
Ueber das Schicksal der kleinen Fraktionen und Frak- kiönchen läßt sich wenig oder gar nichts vermuten. Es hängt größtenteils vom Zufall ab.
Am auffälligsten springt das enorme Anwachsen bei Sozialdemokratie in die Augen, diese Partei, die bei bei vorigen Wahl in der Hauptwahl 32 Mandate errang und bei den Stichwahlen weitere 24 Sitze gewann, hat sich schon jetzt 56 Mandate gesichert ; von den noch ausstehem den Kreisen dürften ihr auch noch einige zufallen, und außerdem stellt sie schon nach ben bisher vorliegenden Meldungen in nicht weniger als 116 Wahlkreisen Stichwahlkandidaten auf, von beiten ein nicht unerheblicher Teil Aussichten auf das umstrittene Mandat hat. Charakteristisch für das Allwachsen der Sozialdemokratie ist die Tatsache, daß in dem bisher überwiegend konservatl- ven Königreich Sachsen von ben 23 sächsischen Wahlkreisen 18 den Sozialdemokraten bereits zugefallen sind, und daß in den übrigen fünf Kreisen nicht mir kein bürgerlicher Kandidat gesiegt hat, sondern,daß die Sozialdemokratie auch in all bi c'en fünf Kreisen in die Stichwahl gekommen ist. Charakteristisch ist ferner der enorme Fortschritt der Sozialdemokratie unter der bisher stets zen- trumstreuen rein f^1^^^t^^^u Arbeiterbevölkerung in Rheinland-Westfalen. In Essen wuchs die Stimmenzahl von 4400 auf 22,000 Stimmen! In Duisburg vermehrten sich die sozialdemokratischen Stimmen von 7800 aus 25,000- Und auch in Bochum betrug der Stnnmenznwache nicht weniger als 18,000 Stimmen, erhielt doch bor bei So ialbemofrat §ué 40,000 Stimmen gegenüber 22 000 im Jahre 1898. Dys ist in den drei Wahlkreisen Essen, Duisburg und Bochum ein Zuwachs von 52,800 «tim- men.
Ueber die Bedeutung der Wahlen, besonders des rapiden Anwachsens der Sozialdemokratie ^ lins geschrieben: Das kennzeichnende Merkmal des Walch Ergebnisses ist die Tatsache, daß die großen Städte, allen Vorau oiè Reichshauptstadt, die Hansaplätze imb das sächsische Industriegebiet, an die Sozialdemokratie verloren gegangen sind. Die reichste Verlustliste weisen die Freisinnigen auf, während die Rechte nnd die Mittelparteien nur wenig Einbuße erlitten haben Auch für Wahlen gilt das, was Friedrich der Große einst vom Kriegsglück gesagt hat. Unser Herrgott hält es mit den besten Flinten, bei den Wahlen also mit oer besten Organisation. Und was diese anlangt, so ist die Lozraldemo- kratie allen anderen Parteien weit überlegen, weniger deshalb, weil sie etwa die besten Strategen hat, sondern aus dem mehr äußerlichen und doch so wichtigen Grunde, weil bk Arbeitermassen sich als Staub fühlen und in diesem Kampfe um das eine Ziel, die Erlangung eines großen parlamen tarifeben Gewichts, auch das Standesbewußtsein und das Standesgefühl als Triebkräfte mitsprechen lassen, tvährend in den Reihen der bürgerlichen Parteien vielfach eine gewisse Lässigkeit herrscht. Es wäre sonst nicht möglich, daß die Ge samtbeit der abgegebenen bürgerlichen Stimmen nur die doppelte Anzahl der sozialdemokratischen beträgt, während das natürliche Verhältnis etwa wie 5 : 2 sein müßte. Le haben wir denn auch das charakteristische Merkmal, daß in rein bürgerlichen Wahlkreisen die Stimmenzabt erheblich zurückgegangen ist, in den sozialdemokratischen Hochburgen aber ist die Wahlbeteiligung ganz erheblich gestiegen. Die sozialdemokratische Presse trägt den Stolz über ihren vielleicht nicht unerwarteten, aber immerhin in dieser Ausdehnung doch unverhofften Erfolg mit großer Genugtuung zur scharr Indes ist doch die Richtigkeit der vielfach lautgewordenen An sicht, daß die Sozialdemokratie mit dieser Wahl ihren Höhepunkt erreicht hat, nicht von der Hand zu weisen, denn es waren immerhin besondere Verhältnisse, die der Partei zu Hilfe kamen. Vor allen Dingen haben die sozialdemokratischen Werbeoffiziere dadurch bei der Arbeiterschaft und auch in kleinbürgerlichen Kreisen ein verhältnismäßig leichtes Spiel gehabt, daß sie mit der Agitation gegen die Lebensmitrelzöllv das ganze Warenhaus der zollgegnerischen Parteien förmlich auskaufen konnten. Daß die Sozialdemokratie tatsächlich bk Erbschaft des großstädtischen Liberalismus angetreten hat, er gibt sich namentlich aus dem Wahlausgang in Berlin l, wo der freisinnige Kandidat 2000 Stimmen gegen früher verlor, während die Sozialdemokratie geradezu mit atmosphärischem Druck in die Höhe getrieben wurde. Daran war nicht die Persönlichkeit des Kandidaten schuld, sondern einzig und allein die politische und, wenn man will, auch die wirtschaftliche Konjunktur, denn die jetzigen Wahlen sind ein Produkt unserer günstigen Wirtschaftsentwickelung, die in den Arbeiterkreisen die Meinung entstehen ließ, als seien die ^chntzzöllc entbehrlich, als blühe auch ohne sie die Industrie und die wirtschaftliche Lage. Sollten einmal schlechte Seiten füi unsere gewerbliche Tätigkeit Hereinbrechen, dann wird die Arbeiterschaft lange nicht mehr die kompakte Masse barftclleii. wie heute in der Ablehnung der Lebensmittelzölle. Aber darin liegt das Merkmal dieser Wahl, die so im Wesentlichen doch nur eine Grenzregulierung auf dem linken Flügel ist, im übrigen aber hat sich doch im Kern der bürgerlichen Par feien und im Partei leben überhaupt nur wenig geändert.
* * *
Schon das bisherige Ergebnis der Wahl, insbesondere das starke Anwachsen der Sozialdemokratie, gibt in politischen Kreisen zu besonderen Mutmaßungen Anlaß die wir nicht unerwähnt lassen wollen. Wie unser ^.-Mitarbeiter uns schreibt, wird in Regierungskreisen das Anwachsen der Sozialdemokratie, die wahrscheinlich die zweitstärkste Partei im Reichstage werden wird, u. a. auf das an die politischen Beamten ergangene Verbot, im Wahlkampf für irgend eine Partei Stellung zu nehmen, zurückgeführt, ferner darauf, daß Graf Bülow es vermieden hat, eine Wahlparole auszugeben, mit deren Hilfe die Rechte den Wahlkampf besser bestanden hätte. Der Kanzler, so wird versichert, habe ein solches Ergebnis nicht erwartet, und auch der Kaiser sei von dem Wahlausfall unangenehm berührt. Unter diesen Umständen sei es nicht unwahrscheinlich, baß Deutschland sich bald vor einer Kanzler-Krise sehen werde. Das heißt wohl etwas zu schwarz malen, wenn auch bei der Urteilsfähigkeit der Kreise, in denen solche Anschauungen im Umlauf sind, eine solche Entwickelung nicht unbedingt von der Hand zu erreichen ist. Jedenfalls aber ist, wie unser Mitarbeiter ebenfalls aus dem Munde eines bewährten Verurteilers unserer politischen Verhältnisse hört, an eine sofortige Kanzler krise nicht nicht zu denken. Graf Bülow wird unter keinen Umständen eher von seinem Posten abtreten, ehe er sich nicht an der Durchdringung ber Handelsverträge ver jucht hat. Bei der Zusammensetzung des neuen Reichs
tages wird diese Aufgabe für den Kanzler freilich kein leichtes Stück Arbeit sein, da außer der Rechten auch Die Sozialdemokratie der Bülow scheu Handelsvertrags- oolitik Opposition zu machen gedenkt.
Vie Politik.
Eine neue Erweiterung der Kanalvorlage.
)( Wie verlautet, soll in die Mittelkanalvorlage nun auch der Ausbau des Ems-Abe-Kanals Emden- Wilhelmshaven ausgenommen werden. Der Ausbau war schon vor einigen Jahren beschlossen, wurde dann aber wieder zurückgestellt. Sämmtliche Lokalbehörden und Korporationen, die in Betracht kommen, haben sich aber jetzt für die Erweiterung des Ems -Jadc-KanalS ausgesprochen. Sie wiesen darauf hin, daß dann den Kanal auch Torpedoboote passieren können, was für die Landes- Verteidigung von Wert Wär?, namentlich in Rücksicht auf die bereits eingeleitete Befestigung Borkums. Tie durch eine derartige Erweiterung des Ems- Jade-Kanals entstehenden Kosten werden ans 6—7 Millionen Mark geschätzt, wovon ein Teil vom Reiche getragen werden dürfte.
Mittifterpräsibeut Tisza.
) Es unterliegt kaum noch einem Zweifel, daß Graf Stefan Tisza den ihm vom Kaiser Franz Josef erteilten Auftrag zur Neubildung des transleithanischen Kabinets ansführen wird. Tisza soll sich auch bereits über den Weg klar sein, den er gehen will, um aus der Sackgasse zu' kommen, in die die ungarische Regierung durch seinen Vorgänger gebracht wurde. Tiszu-roüll mit der Obstruktion reinen Tisch machen: Man spricht davon, daß die erste Tat des Grafen Tisza als Ministerpräsident die Auflösung des ungarischen Reichstages sein werde.
Neubewaffnung der Schweizer Artillerie.
jF Der schweizerische Nationalrat hat jetzt den Au- trag des Bundesrates wegen Neubewaffnung der Artillerie mit 7,5 Zentimeter-Rohrrücklaufgeschützen von Krupp mit 95 gegen 58 Stimmen angenommen und hierfür einen Kredit' von 21,700,000 Franken bewilligt
Kurze pr-litische Nachrichten.
* Tas für Kiel bestimmte amerikanische Geschwader segelt am 23. d. M. von Newyork nach Kiel ab. Es wird auf der Heimreise Southampton und auf der Rückreise Portsmouth anlausen.
* Die österreichische Regierung wirb im Herbst dem Parlament ein neues Wehrgesetz vorlegen, das die zweijährige Dienstzeit vorsieht.
* In Moskau verlautet, der russische Minister des Jn- ueru v. Plehwe werde demnächst znrücktreten. Ter Zar habe ihm seinen Unwillen über die Vorgänge in Kischi- new, an denen ber Minister teilweise Schuld sein soll, in starken Worten zum Ausbrrrch gebracht.
* Grigori Gerschunja, einer der Hauptführer der russischen Nihilisten, wurde in Kiew verhaftet.
* Die Meldnn gen über die Gesundheit der Königin Wilhelmina von Holland werben jetzt dementiert. Die schwankende Gesundheit der Königin soll durch ein in Aussicht stehendes glückliches Familienereignis hervorgerilfen sein.
* Zanardelli hat den Auftrag zur Bildung des italienv schen Kabinetts angenommen. Die bisherigen Minister werden ihre Posten wieder übernehmen, mit Ausnahine des Ministers des Innern, Giolitti, und des Marineministers Bettolo. Dieser hat übrigens gegen das sozialistische Blatt „Avanti" die Verleumdungsklage eingereicht.
* Der „Times"-Korrespondent Harris wurde in bei Nähe von Zeenat (Marokko) von Gebirgsbewohnern gefangen genommen.
Dos und Gesellschaft.
*** Das Kaiserpaar besuchte gestern die Große Berliner Kunstausstellung. Der Rundgang durch die Säle dauerte fast 2y2 Stunden. Der Kaiser sprach die Absicht aus, mehrere Werke anzukaufen.
*** Das Befinden des Generalfeldmarschalls Grafen Waldersee, der von neuem an Venenentzündung erkrankt ist und deshalb die militärischen Besichtigungen in Hessen unterbrechen mußte, hat sich wesentlich gebessert. Allerdings ist Gr'af Waldersee noch nicht völlig wiederhergestellt Indessen erscheint bei dem gegenwärtigen Zustande des Patienten jede Gefahr für ein längeres Krankenlager ausgeschlossen. Die Absicht des Kaisers, gelegentlich seiner bevorstehenden Anwesenheit in Hannover dem greisen Felb-- inarschall einen Besuch abznstatten, hat demzufolge eine Aeußerung nicht erfahren. Der kaiserliche Besuch steht für den 18. d M. abends gegen 8 Uhr bevor, und ^ma r wird sich der Monarch vom königlichen Schlosse aus direkt in die in der Hohenzolternsiraße gelegene gräfliche Villa begeben, wo ein etwa ein stündiger Aufenthalt vorgesehen ist.