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Nr. 115

Montag den 18. Mai 1903.

12. Jahrgang.

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3*frrrie«^ret Sr Die einspaltige Petttzetle für Gießen tob ganz Oberhefsen, die Kreise Wetzler und Merbnrg 16 Psg sonst 15 Pfg.; NeNamen die Pettt-ckle 30 resp. 49 W

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Bedakisn und Expedition: Gießen Nene,»«, SB» »er*fntt*wef*liHf He, Btt.

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für Oberhefsen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokülamsiaer für Metzen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Im Zeichen des Streiks.

(Von unserem ständigen CB. - Mitarbeiter.) An der ganzen Unterweser droht auf den Werften ein großer Arbeiterausstand einzutreten, bei dem es sich we- nißer um Lohndifferenzen, als um eine Frage der Ar- betts- und Lohnordnung handelt. Die Löhne werden näm­lich, wie bei allen jenen Betrieben, in denen eine ge­wisse Auslese unter den Arbeitern notwendig ist, nach Stückarbeit bezahlt, ein System, das von manchen Ar­beiterorganisationen verworfen wird, weil die Stücklöh- nuna vielfach zur Ueberanstrengung anreizt, und weil hierbei die weniger leistungsfähigen Arbeiter zu kurz kom­men. Die Akkordarbeit gilt ihnen, wie der Kunstausdruck lautet, als Mordarbeit. Die Arbeiter an der Unterweser verfolgen jedenfalls unter dem Einfluß ihrer Orga­nisationen die Absicht, den Stücklohn zu beseitigen und die Arbeitsleistungen einzuschränken, um auf diese Weise die Betriebe zu einer Einstellung von größeren Arbeitermassen zu zwingen. Die Unternehmer aber sind entschlossen, den Kampf aufzunehmen, und nun mirb es sich zeigen müssen, wer es am längsten aushalten kann.

In den weitaus meisten Fällen täuschen sich die Ar­beiter in der Energie der Unternehmer. Wenn sie nicht im Anfänge ihre Forderungen durchsetzen, weil die Un­ternehmer durch sonstige Umstände zur Nachgiebigkeit ge­zwungen sind, dann wird nach den seitherigen Erfahrungen der Kampf mit aller Energie durchgeführt. Als Schul­beispiele dieser Art wurden in früheren Jahren stets zwei Ausstände angeführt: der Bauarbeiterausstand von 1860 in London und der große Spinnerstreik von 1853 in Preston. Bei ersterem handelte es sich um die Fertigstel­lung der Bauten für die Londoner Ausstellung. Hierbei setzten die Arbeiter, weil der Termin feststand und nicht umgangen werden durfte,, eine Herabsetzung der Arbeits­zeit bei gleichzeitiger Lohnerhöhung durch; diese Errungen­schaften aber gingen in den folgender! Jahren wieder völ­lig verloren. Der Spinnereiausstand in Prestorr- aber dau­erte neun Monate, verschlang ungeheure Opfer, ruinierte ganze Arbeiterfamilien auf Jahre hinaus und schädigte viele andere derart, daß sie sich später nur unter den größten Entbehrungen zu erholen vermochten, und ging ooch verloren. Bei allen Ausständen, bis in die jüngste Zeit hinein, hat man die Erfahrung machen können, daß, wie gesagt, ein einmal aufgenommener Kampf auch tatsäch­lich von der Unternehmerschaft konsequent durchgeführt wird. Deren Mittel sind in der Regel größer, als die Mit­tel der Arbeiter. Das feiernde Kapital arbeitet wenigstens durch die Zinsen weiter, aber den feiernde Arbeiter kann den knurrenden Magen nicht zufriedenstellen, wenn seine Hand nicht den Hammer oder Hobel führt. In der Re­gel überdauert 'die Kampfesstimmung und die Sieges­zuversicht der Arbeiter den Zeitpunkt nicht, an dem ihnen die eigenen Mittel ausgehen. Es ist für sie ein drücken­des Gefühl, von den Ausstandszuschüssen, die in der Re­gel nicht zur Aufrechterhaltung der seitherigen Lebens- ansprüche ausreichen, abhängig zu sein. Vielfach aber ha» ben solche Ausstände auch Kapitalzertrümmerungen zur Folge, oder sie stärken die Auslandskonkurrenz. Beides aber bedeutet Verminderung der Arbeitsgelegenheiten, so ^baß die Arbeiter, auch wenn sie im Kampfe gegen die Unternehmer. scheinbar siegen, doch ihre Haut zu Markte tragen. Je häufiger aber solche Ausstände unternommen werden, um so aussichtsloser werden sie, einmal, weil die Unternehmer sich in ihren Lieferungsverträgen durch Streikklauseln freie Hand vorbehalten, sodann weil sie I auch Organisationen zur Sicherung ihrer Verluste gründen und dementsprechend selbst in guten Zeiten die Gewinne lieber zurücklegen für etwaige Ueberraschungen, als daß sie durch Lohnerhöhungen, wie man sich meist ausdrückt, -die Kriegskassen der Ausstandsausschüsse stärken". Streiks sind immer ein zweischneidiges Schwert; wer es mit den I Arbeitern wohl meint, muß ihnen raten, sich nur dann in einen solchen einzulassen, wenn die Verhältnisse förmlich dazu zwingen.

Systemwechsel in 6ngland!

Chamberlains Bekenntnis zum Schutzzoll.

RK. In England, der Hochburg des Freihandels, ist die schutzzöllnerische Strömung unleugbar ständig im Wach­sen, und der Tag, an dem es den Briten gelingt, die Idee 1 eines großen Zollbundes Englands und seiner Kolonien zu verwirklichen, wird unweigerlich auch der Tag des Überganges Englands zum Schutzzoll sein. Ein Zollbund zwischen Großbritannien und seinen Kolonien ist eben nur denkbar, wenn das Mutterland den schutzzöllnerischen Wünschen der Kolonien nachgibt. Tas hat Joë Chamber­lain, zweifellos der weitsichtigste und energischste Staats­mann deS heutigen England, wohl erkannt, und so hat er Denn jetzt in öffentlicher Rede angckündiat, England würde nicht zögern, zum Schutzzoll überzugehen, wenn es da­durch seine Kolonien zu festem wirtschaftlichen und politi­schen Anschluß an das Mutterland bewegen könne. Er erklärte u. a., von der britischen Reichspolitik der nächsten Jahre werde es abhängen, ob das britische Weltreich als

ine freie Nation gegen die ganze Welt zusammenstehen oder ob es in getrennte Staaten zerfallen werde, die selbstsüchtig ihren eigenen Interessen nachgehen und da- oei die Vorteile verlieren würden, die nur die Einigkeit geben könne. Diesem Wink mit bem Zaunpfahl für die Kolonien ließ Chamberlain einen gleichen Wink für das Ausland folgen: das Ausland glaube immer, England könne gar nicht anders als freihändlerisch sein. Das sei ein großer Jrrtuni. Er sei überzeugt, daß die Väter des englischen Freihandelsystems, die Cobden und Bright, wenn sie heute lebten, angesichts der Weltlage sich ohne Zögern für eine Schutzzollpolitik entscheiden würden, da diese allein England und seine Kolonien befähige, anderen Mächten gegenüber wirtschaftliche Repressalien zu üben. Gegen den Schluß seiner Rede ließ Chamberlain durchblicken, er sei überzeugt, daß, wenn es etwa in nächster Zeit zu neue­ren Parlamentswahlen also zu einer Kabinettskrise kommen sollte, das Volk einem Einlenken in schutzzöll­nerische Bahnen nicht entgegen sein werde. Diese An­deutung des Kolonialministers im Verein mit der Tat­sache, daß noch tags zuvor der englische Premierminister Balfour einer Abordnung von Schutzzöllnern gegenüber Den entgegengesetzten, entschieden freihändlerischen Stand­punkt vertrat, läßt darauf schließen, daß sich in der Tat ein Kabinettswechsel in England vorbereitet. Und man gehi kaum fehl, wenn man vermutet, daß der Premierminister DeS neuen Kabinetts kein anderer sein würde als Joe Lhamberlain. Er wird dann ohne Zögern, um den Zu- sammenschluß Englands mit seinen Kolonien durchzusetzen, zum Schutzzoll übergehen. Unsere Zeit ist eben schutz- zöllnerisch, wie das vorige Jahrhundert freihändlerisch ivar, und der internationalen Tendenz zum Schutzzoll kann sich auch England auf die Duuer nicht entziehen. Die britische Presse stimmt Chamberlain fast durchweg zu, Balfour findet nur sehr lahme Verteidigung

Die Politik.

Die Auslegung der Reichstagswählerlisten

muß nach dem Wahlreglement mindestens 8 Tage dau- ern. Fällt in diese Frist ein Sonn- oder Feiertag, während dessen üblicherweise die Geschäftszimmer geschlossen sind, 1° lst er gleichwohl in die Frist einzurechnen. Fällt da­gegen der Sonn- oder Feiertag auf den letzten Tag der Frist, so ist diese um einen Tag zu verlängern. Der Reichstag selbst hat daran festgehalten, daß die Liste min­destens an acht Tagen zugänglich gewesen sein muß, daß also dazwischen liegende Sonn- und Festtage nur dann mit­zuzahlen sind, wenn auch an ihnen die Listen allgemein zugänglich waren. Diesmal beginnt die Auslegung der Listen an einem Montag, sie werden also am folgenden Sonntag zugänglich gemacht werden müssen, oder aber sei m '8° ^ des nächsten Dienstags geschlos-

Nachklänge zum Mühlhausener Aerzteftreik.

- (~) Unter den Mitgliedern der Mühlhausener Orts­krankenkassen herrscht über das auf Anordnung des Han­delsministers Möller erfolgte Eingreifen des Erfurter Regierungspräsidenten in den Aerzteftreik eine außer­ordentliche Erregung. Die Vorstände der fünf beteiligten Kassen beriefen große Protestversammlungen ein, die von Tausenden von Kassenmitgliedern besucht waren. In der größten Versammlung waren die Erörterungen außer­ordentlich erregt. Ein Redner fand mit der Aeußerung, am Wahltage werde man der Regierung die Quittung für ihr Verhalten ausstellen, stürmischen Beifall. Alle vier Versammlungen nahmen Resolutionen an, in de­nen gegen das Verfahren der Regierung entschieden pro­testiert wurde; man bezeichnete die Verfügung, die den wirtschaftlichen Ruin der Kassen herbciführen werde, als eine Vergewaltigung der Rechte der Mitglieder und faßte den Beschluß, Beschwerde beim Ministerium des Innern emzulegen. Diese Beschwerde ist nun freilich ein Schlag ins Wasser, da der §anbe(§minifter nach den Vorschriften des Krankenversicherungsgesetzes gar nicht anders handeln durfte.

Zur Spionageaffäre Balinguet

wird jetzt Näheres bekannt. Danach dürfte der in Nancy als Spion verhaftete Balinguet nicht nur in deutschen, sondern gleichzeitig auch in französischen Spionagediensten gestanden haben. Er verriet Frankreich an Deutschland und Deutschland an Frankreich. An Deutschland soll er meh­rere Tokumente aus dem französischen Kriegsministerium verkauft haben, die er entwendet hatte. In seiner Woh­nung soll man einen Koffer mit wichtigen Papieren ge­funden haben, die er ebenfalls aus dem französischen Kriegsministerium gestohlen hatte. Seine Entdeckung er­folgte dadurch, daß er vor einiger Zeit den Kantinenwirt des Forts Lucey, einen gewissen Denis, zu verleiten suchte, ihm Mitteilungen über die Ausrüstung des Forts zu ma­chen. Denis ging scheinbar auf seine Wünsche ein und zeigte ihn dann an.

Wieder eine Ministerkrisis in Bulgarien.

Fürst Ferdinand von Bulgarien und sein Minister­präsident Danew können sich nun einmal nicht vertragen: Nachdem erst vor wenigen Wochen das Kabinett Danew

zurückgetreten war, ist jetzt, nachdem Danew damals wieder mit der Neubildung des Kabinetts betraut worden war eine neue Ministerkrise in Bulgarien ausgebrochen. Kaum war Fürst Ferdinand von seiner Badereise nach Sofia zurückgekehrt, so nahm das Kabinett aufs neue seine Ent­lassung. Als Grund des Rücktritts Tanews wird in Sofia erzählt, der Fürst leise Danew vorgeworfen, wie er ihm einen solchen Menschen wie Ngdew - der Minister ins Haus bringen könne. Angeblich soll Radew über den Fürsten geschimpft haben. Tav ist aber lvohl nicht der eigentliche und jedenfalls nicht der alleinige Grund der .Krise; tatsächlich waren die BeJehungeit des Fürsten zum Kabinett Danew seit ^iebemufeimng des' letzteren ge­spannt, ja, Danew soll bereits vor der Abreise des Fürüen nach Mentone sein Abschiedsgesuch < in gereist haben. Da­mals nahm es der Fürst nicht an. Auch jetzt sperrt er sich gegen die Entlassung des Kaliuet.s, da er weiß, daß er so leicht kein anderes findet; Tanew dagegen begeht auf seinem Rücktritt. Zweifellos sind Gegensätze lvegen der Behandln-,ig der niazedonischen Frage der Grund zu der Kabinettskrise.

Die Türkei wider die Albanesen.

0 Endlich scheint die Pforte mit dem Vorgehen gegen die reformfeindlichen Albanesen Ernst zu machen. Zwei größere türkische Truppenabteilungen sind auf Jpek^ den Hauptsitz der albanesischen Reformgegner, losmarschiert Angeblich sollte der Einmarsch dieser Truppen in Ipek schon gestern erfolgen. Es kam aber nicht dazu, da die Albanesen dem Vordringen der Truppen heftigen Wid-erstand entgegensetzten. Es kam an verschiedenen Punkten zu blutigen Scharmützeln und man erwartet, falls es den Türken gelingt, bis Ipek vorzudringen, eine große Schlacht zwischen ihnen und den fanatischen Al­banesen. Auch wenn die Albanesen dabei unterliegen, wird die Ruhe noch nicht hergestellt sein, an den wal­digen Berggegenden nördlich von Ipek, wo die alba­nesischen Horden Weg und Steg kennen, dürften sie stete Beunruhigung ins Land tragen.

Auch in Monâstir ist die Lage äußerst kritisch. Bei den Unruhen, die aus dem Gerücht von einem bulgari­schen Dynamitanschlag auf den Pulverturm in Monastir sich ergaben, wurden durch den Uebereifer des türkischen Truppenkommandanten zwanzig Christen getötet und vierzig verwundet. Der russische Konsul protestierte gegen die barbarische Behandlung der Verwundeten. Die Türken luden nämlich die Leichen und die Körper der Ver­wundeten im Durcheinander auf Kehrichtwagen und war­fen sie in einen Keller, wo sie liegen blieben; erst auf Protest des russischen Konsuls wurden sie nach zwei Ta­gen hervorgeholt! In dem D^rfe Zaparin bei Monastir töteten Bafchibvzuks dreizehn christliche Einwohner. Seit­dem gärt es in Monastir beständig. Handel und Wandel liegen darnieder, man fürchtet den Ausbruch einer Hun­gersnot. Me türkischen Truppen scheinen es darauf an­zulegen, die Antipathien, die den bulgarischen Dynamit­bolden in Europa entgegengebracht wurden, vergessen zu machen.

Kurze politische Nachrichten.

* Erbprinz Bernhard von Sachsen-Meiningen ist zum Inspekteur der 2. Armeeinspektion ernannt worden. Zu Dieser gehören das 5. und 6. Armeekorps.

* Dem kommandierenden General des 16. Armeekorps Grafen Haeseler ist der erbetene Abschied bewilligt worden. Zu seinem Nachfolger ist der Gouverneur von Metz, Gene­ralleutnant Stoetzer, ernannt worden. (Daß dieser dazu ausersehen war, hatten wir bereits gemeldet. D. R.)

* Auf einigen Eisenbahnstationen sollen in nächster Zeit versuchsweise Sammelfahrkarten eingeführt werden, 87 h. Fahrkarten, auf denen alle die Orte ver­zeichnet sind, nach denen man von der betreffenden Sta­tion aus für denselben Preis fahren kann. Die Karte gilt nur zur einmaligen einfachen Fahrt nach einer der auf der Karte aufgedruckten Zielstationen. Durch diese Maßnahme wird eine Verringerung der an den Sta­tionsschaltern aufliegenden Fahrkarten angestrebt.

* Seit dem 1. Mai werden bekanntlich Packete mit Schnellzügen nur ausnahmsweise befördert. Nur drin­gende Packete dürfen nach wie vor in Schnellzügen be­fördert werden. Wenn die Zahl der dringenden Packete sich so vergrößern sollte, daß Unzuträglichkeiten für die pünktliche Abfertigung der Züge dadurch entstehen, soll auch diese Einrichtung fortfallen. Frische Blumen kön­nen, auch wenn sie nicht den Vermerkdringend" tra­gen, stets mit Schnellzgüen Beförderung finden.

* Die Einwanderung von Katholiken deutscher Abstammung nach Minnesota und Assiniboia hat unter Leitung von Benediktinermönchen in großem Maßstabe begonnen. In den Quillebenen und im Turmillionland wurden 2000 Heimstätten ausgewählt, 10 000 Einwanderer werden dort erwartet.

* In der liberalen Partei Ungarns, der Partei, aus Der das Ministerium S ze l l hervorgegangen ist, ist ein schwerer Konflikt ausgebwochen, der sehr leicht zu einer SDaltuna der Partei und damit L.um SturL des Kabinetts