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^r. 244. Zweites Blatt
Samstag, den 17. Oktober 1903
12» Jahrgang
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DaS Blatt erscheint an alle« Werktagen nachmitags.
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für Overhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. GMSÜ Äle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden »ex Oberheff«.
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Hus der Reichshauptstadt.
:— Wandelbilder von Spectator. —
„Schlecht weht der Wind, der keinen Vorteil bringt." (Shakespeares
Sicherlich, der Wind weht schlecht, der jetzt im Tiergarten mit den gelben, grauen und braunen Blättern spielt; beim er hat uns den Herbst gebracht. Er reißt an den Aesten der Buchen, Kastanien und Eichen und ruht nicht eher, bis das arme Blatt, das ja über die Jugendfrische hinaus ist, ab- fätkt und hilflos mit den dicken Spatzen um die Wette durch die feuchte Luft flattert. Und selbst jenen Blättern, die sich in eine Regenpfütze, wo sie fest kleben, ober auf einen Fußweg geflüchtet haben, wo sie von denselben Menschen, die sich noch vor wenigen Monaten an ihrem blühenden Aussehen erfreut hatten, in den Sand getreten werden, selbst jenen Aermsten stört der Herbsüoind die Grabesruhe, bis sie die holden Tiergarten-Nyniphen, die einst auch ihre Jugend bewacht, mit Besen und Schaufeln in ein Massengrab befördern. Hier und da sehen die Spaziergänger schon ein graues Astgerippe, das sich ganz entblättert vom helleren Grau des bewölkten Himmels abhebt, und wessen Nase vom obligaten Herbstschnupfen noch nscht gairz außer Betrieb gesetzt ist, der wittert bereits Schneewehen in der Luft.
Die lustigen Kleinen aber blickn ungeduldig auf die graue Mche des Neuen Sees, ob sich noch immer nicht die Spur der künftigen Eisdecke zeigt, auf der sie dann mit „Fräulein" Schlittschuh laufen dürfen. Sie kennen nicht die Ueber- gangszeiten in der Eile, mit der sie vom Sommer in den Mnter, vom Winter in den Sommer vorwärts stürmen; erst ben Erwachsenen und Alten erschließt sich die düstere Poesie des Herbstes, ihnen, die das Abschiednehmen schon zu oft haften üben müssen und darum gern dem Zeitenrade in die Speichen fallen möchten, toerm sie sonnten. Leider läßt aber " der alte Chronos nicht mit sich scherzen, und dem berüchtigten, alles benagenden Zahn der Zeit ist kein sterblicher Zahnarzt gewachsen.
Der Herbst ist da. Aus feuchten Augen, aus schnupfen- geröteten Nasen leuchtet es: Der Herbst ist da. Die sorgende Haustrau durchsieht kopfschüttelnd die Taschentüchervorräte, und nach dem beliebten Rezept: „Kaltes Blut und marin ungezogen" zählt sie die Socken ihrer Lieben. Der Jüngling grüßt seinen Schneider freundlicher denn je, und durch das Gemüt des Hausvaters geht ein Ahuen von hohen Kahlen- und Gasrechnungen. Andere wieder gehen „bei Voten", wie man hier die Leihhäuser nennt, um dort ein . rührendes Wiedersehen mit bem Winter-Ueberzieher zn feiern, der in dieser Sommerfrische an gutem Aussehen nicht gewonnen hat.
Mit dem Herbst wird das Großstadtleben lebhafter und intensiver. Wie die einzelnen Menschen bei der Kälte schneller gehen, so scheint sich der Großstadtverkehr durch ein schärferes Tempo in der kalten Jahreszeit erwärmen zu wollen. Der Winter, der die Jahreszeit der gesteigerten Arbeit und des gesteigerten Vergnügens ist, erhöht den Glanz und vertieft bie Schatten. Wie das Wasser des Müggelsees, der in seinem bekannten Größenwahn hinter keinem Ozean zurückbleiben »will und sich jüngst sogar zu einer Wasserhose „aufschwang", treibt der Herbsiwind auch die Wogen des Berliner Verkehrs, und mancherlei wird von der Brandung an das Ufer ge- schleudert; viel Glanzvolles und viel Elend wird da ans Tageslicht befördert und versetzt die Menschen in Staunen und Schrecken.
Man hört einerseits von den erfolgreichen elektrischen Schnellbahnversuchen, von einer Schnelligkeit, die eine ehrbare Dampflokomotive nicht in ihren kühnsten Träumen riskieren würde; eifrig wird der Plan zu einem Riesenmusik- Palast ventiliert, um bem empfindlichen winterlichen Musik- mangel bei uns abzuhelfen; denn man muß zugeben, daß ungefähr zwanzig Konzerte in der Woche den bescheidensten ; Ansprüchen der — Konzert-Unternehmer nicht genügen. Mehr und mehr Denkmäler verdrängen das Grün der Plätze und des Tiergartens; nach dem Wagner-Denkmal ist inzwischen die nackte Figur eines gewissen Herkules ber wärmenden Hülle beraubt worden; dabei kennt sein Mensch bie Verdienste dieses Mannes um die Stadt Berlin; böse Zungen aber sprechen von einer „diskreten Geburt", indem sie ihm nachsagen, er sei der natürliche Sohn eines sehr hohen Herrn, eines gewissen Zeus. Ich mißgönne dein sonst ganz sympathischen Herkules diese Ehrung sicherlich nicht; aber es berührt all diesen HHrlichkeiten gegenüber (gelinde gesagt) peinlich, wenn man gleichzeitig von grauenerregenden Zuständen hört, die in einem hiesigen Krankenhaus herrschen. Kurz vor der Enthüllung der Denkmäler für Kaiser pmd Kaiserin Friedrich erfährt man, daß in dem städtischen Kinderkrankenhaus, das den Noamen dieses edlen Herrscher- haares trägt, täglich viele schwerkranke Kinder zurückgewiesen werden müssen, weil das Haus überfüllt ist. Kinder mit an- fteefenben Krankheiten müssen mit anderen kleinen Patienten in demselben Pavillon, oft sogar in demselben Raum unter- nebraebt werden. Noch trauriger aber ist die Zurückweisung der mit ansteckenden und anderen schweren Krankheiten be ! hafteten Kinder der Armell; denn man muß bedenken, daß tiele Patienten, die in ihrem eigenen elenden Heim unren- bar verloren sein würden^, durch die Pflege und die hvgie-
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nischen Einrichtungen im Krankenhause allein Dem Leben erhalten bleiben; der Verbreitung der ansteckenden Krankheiten aber wird durch die Nichtaufnahme von Patienten in den Krankenhäusern in verhängnisvoller Weise Vorschub geleistet.
Wie sind solche Verhältnisse in einer N'esenstadt, die sich io gern ihre glänzenden sanitären EinriwZungen rühmen läßt, zu erklären? Man höre: Die Stadt Berlin hat sein Geld! Den Aufwand von achthundertfünfzigtaufend Mark, den eine Erweiterung des erwähnten Instituts nach einem Voranschläge beanspruchen würde, sann sich die Reichshauptstadt nicht leisten! Selbst wenn die 228 Millionen-Anleihe genehmigt ist, hat das Krankenhaus noch nichts für sich zu hoffen, da, wie es im Magistratsbescheide heißt, „ein Posten hierfür nicht eingestellt ist". Naive Gemüter werden nun fragen: Warum nicht? Warum hat man zu diesem nicht ganz unwichtigen Zwecke die Anleihe nicht einfach in einen 229 Millionen-Pump umgewandelt, als es noch Zeit dazu war? Ich muß gestehen, daß ich keine Antwort auf diese Frage weiß. Das eine aber weiß ich, daß diese Unterlassungs fünbe besonders im Winter fürchterliche Folgen haben sann, in der Jahreszeit, die Hunger. Krankheit und Wohnungsnot, diese Peir.iger der Armen und fermsten, immer ver schärft.
Vermischtes.
4« l Schwarze Theologen.] Zwei schwarze Studenten sind soeben an der Berliner Universität als Theologen immatrikuliert worden. Der eine, Richard R. Wright, der Sohn des Präsidenten des Staatskollegs zu Cuthbert in Georgia, ist bereits Baccalaureus der Theologie, der andere, Thomas B. Lillard aus Maryville (Tennessee), hat zuletzt das Hartford Theölogical Seminary besucht.
A lDie goldene Hochzeit im Armenhausei feierte in Pankow das Ehepaar Grau. Der Goldbräutigam ist 78, seine getreue Lebensgefährtin 79 Jahre alt. Die Mitinsassen des Armenhauses hatten zusammengesteuert, um das Jubelpaar mit goldenen Zweigen zu schmücken. Die Gemeinde Pankow schickte den beiden alten Leutchen den Hochzeitsstaat, einen Gänsebraten mit Zubehör zum Festschmaus und außerdem ein Vargeschenk von 50 Mark. Mutter Grau war tief gerührt über diese Beweise privater und behördlicher Teilnahme. Sie dachte nur, wie sie sagte, wenn ihre Tochter und Enkel aus Berlin kämen, einen Napfkuchen aufzu- schneiden — und nun das festliche Mahl! Noch erstaunter und gerührter aber war die gute Alte, als vor der Tür des Armenhauses eine wirkliche Brautkutsche mit zwei stattlichen Schimmeln hielt, die sie nnd ihren armen und an diesem Tag doch so reichen und glücklichen Mann zur Kirche fuhren, recht wie eine Prinzessin. Märchentraum im Armenhaus!
# [ Wtbicbtcn im Laufschritts Nach dem Wettgehen der Angestellten der Warenhäuser und der Modebazare will man in Paris ein nicht minber sensationelles Wettgehen veranstalten: den Wettmarsch der „Chansonniers", der Liederdichter vom Montmartre. Die „Chansonniers" wollen, obwohl sie ja gewöhnlich auf dem bekannten Flügelroß die Welt durcheileir, den Parisern zeigen, daß sie auch den Fuß oder — wenn man will — die Vorderfüße heben und Kilometer ebenso leicht „verschlingen" können, wie die zahllosen „Bocks", die sie sich täglich zu Gemüt führen. Um ihrem Wettgehen einen größeren Reiz zu verleihen, wollen sie zugleich auch wettdichten. Die sich an dem Wettbewerb beteiligenden Herren und Damen müssen auf dem Wege von Montmartre nach Saint-Cloud (und zurück) ein Lied dichten, dessen „Sujet" ihnen beim Ausmarsch gegeben werden wird. Als Preise sind außer Kunstgegen-- stäuden und Geldmünzen auch — Lebensmittel festgesetzt, wahrscheinlich, damit sich die „Chansonniers" einmal satt essen können.
00 k Das erste Plaidoyer des ersten holländischen weiblichen Rechtsanwalts j hat im Haag allgemeine Sensation hervorgerufen, trotzdem es sich um eine höchst einfache Rechtssache handelte. Ein geistig etwas zurückgebliebener Bursche oon 18 Jahren soll seinem Prinzipal Banknoten gestohlen haben. Er hatte sich zunächst als schuldig bekannt, „denn," sage er, „der Prinzipal und seine Frau haben mir gedroht, aild ins Gefängnis komme ich doch, da hilft alles nichts!" Vom Gericht in Middelburg kam die Angelegenheit vor die höhere Instanz nach dem Haag und sehr viele Damen und Herren, aber merkwürdig wenige Anwälte hatten sich ein- gefunden, um Fräulein Dr. van Dorp den Beklagten verteidigen zu hören. Die Dame sah recht hübsch aus im Talar mit ihrem frischen, jugendlichen Gesichtchen und dem braunen oeftm Haar. Sie benahm sich ungezwungen und bescheiden, selbst als der Staatsanwalt Dr. Reitsma eine arge Unschicklichkeit beging. Statt nämlich bei der Sache zu bleiben, begann er seine Rede mit einer scharfen Polemik gegen die Neuerung, daß sich die Frauen jetzt auch dem Anwaltsberus men ben. Als ob dafür ein Bedürfnis vorläge, da es doch schon genug männliche Anwälte gebe. „Mejouffrouw de Advokaar aber, wie der Vorsitzende Fräulein Dr. van Dorp mredete, hielt eine tadellose, klare, juristische Rede, die sich mit nichts anderem beschäftigte, als mit dem Fall, den sie Zu verteidiaen hatte. Sie ging mit keinem Wort auf die
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Postzeitungsliste No. 3969.
Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 88. Fer«sprecha«schlmß Rr. MB.
(Hießener Deit»«M
Unhöflichkeiten ihres Widersachers ein, und sie hat ihm 'hiermit die beste Antwort gegeben. Ob ihre Rede Eindruck auf den Gerichtshof gemacht hat, muß allerdings abgewartet werden, da das Urteil erst in acht Tagen gefällt wird.
cf sDas Verbrechcrhecr Newhorksl ist nach einer statistischen Aufstellung, die soeben veröffentlicht wurde, für das Budget der Stadt eine ungeheure Belastung. Die Unterhaltung der fast 35 000 Verbrecher legt auf bcn Kopf der Einwohner durchschnittlich etwa 10 Dollars Unterhaltungskosten, während für Erziehung, Reinigung der Straßen, Feuerwehr, Bibliothek, Parkanlagen und Sanitätsvorrich- tungen zusammen viel weniger ausgegeben wird. Die Polizei allein kostet der Stadt mehr ass 11 Millionen Dollars jährlich, und es sind hierzu 7000 Personen angestellt. Alljährlich erfolgen fast 100 000 Arretierungen, und fast 10 000 Verbrecher werden in Gefängnissen unterhalten. Außerdem werden jährlich 5 Millionen Dollars an Geld und Geldeswert gestohlen und 2 Millionen an Eigentum und durch Brandstiftung zerstört. Außer dem Polizeipersonal gibt cs noch 2000 Nachtwächter und Hunderte von Privatdetektivs. 1 Million Dollars wird für Verbrechen bekämpfende Gesellschaften ausgegeben, 4 Millionen für Geldschränke, 3 Millionen für Advokatenkosten, 1 Million für Schlösser und mehrere Millionen außerdem für andere Schutzmittel.
** Der Taler kommt wieder - wenn auch nur vorüber gehend. Dem Mangel an Silbergeld nämlich, der zu leb haften Klagen Anlaß gibt, wird durch eine teilweise Wiederausgabe der in der Einziehung begriffenen Talerstücke Rechnung getragen werden. Nach dem Münzgesttz soll der Höchstbetrag an Neichssilbermünzen 15 Mark auf den Kopf der Bevölkerung betragen. Deshalb werden die Talerstücke zur Nm Prägung in Neichssilbermünzen ein gezogen. Nun aber ist die Einziehung der Taler doch schneller erfolgt, als der Ersatz in Neichssilbermünzen vor sich gehen konnte, so daß sich eben die Notwendigkeit ergibt, die Talerstücke vorläufig wieder in Umlauf zu setzen. Durch diese Wiederausgabe der Talerstücke wird dem augenblicklichen Mangel an ausreichender Silbermünze zwar abgeholfen, allein anch die Durchführung brr Münzreform dadurch verzögert; denn erst nach der vollendeten Einziehung der Taler, die trotz ihres Minderwerts an Silber immer noch den Charakter vollgiltiger Währungsmünze besitzen, wird die reine Goldwährung durchgeführt sein.
A [Treue Liebes Im Budapester Zellengefängnis fand unter eigenartigen Umständen eine Trauung statt. Die junge Tochter eines hochangesehenen Kaufmanns hatte sich in den berüchtigten Wechselfälscher und Schwindler Philipp Feldbauer kurz vor dessen letzter Verhaftung verliebt. Das verliebte Mädchen siechte nach Feldbauers Verurteilung zu einem Jahr Zuchthaus zusehends hin und die Aerzte gaben dem betrübten Vater beu Rat, als einziges Heilmittel seine Zustimmung zu einer ehelichen Verbindung seiner Tochter mit dem Gauner zu geben. Um das Leben seiner geliebten Etelka zu retten, willigte der Kaufmann ein. Auch im Justizministerium hatte man wegen der ärztlichen Gutachten Mitleid und erteilte die Bewilligung zur Trauung. In Begleitung eines Gefängnisbeamten und eines Detektivs verließ Feldbauer seine Strafzelle und begab sich aufs Stalldesamt, wo seine Trauung mit Fräulein Etelka B. erfolgte. Nach der amtlichen Zeremonie ging das junge Paar ins Gefängnis zurück, vor dessen Türe der Abschied der Neuvermählten erfolgte. Am Nachmittag desselben Tages wurde der jungen Frau ein halbstündiger Besuch bei ihrem Gatten gestattet, dann schlossen sich für Feldbauer die Türen des Gefängnisses auf die Dauer eines Jahres.
= l Schwer zu schlagender RckordZ Herr Maxiuun Crappier, der dieser Tage in Cair, im französischen Departement Somme, im 90. Lebensjahre gestorben ist, hielt einen Rekord, den nur wenige Leute ihm hätten streitig machen können. Herr Crappier, der das älteste der zehn Kinder seiner Eltern war und dessen im Jahr 1880 im 94. Lebensjahre gestorbene Mutter 144 Stuber, Enkel und Urenkel gehabt hatte, ist während seines Lebens 263mal Onkel geworden. Er hatte — genau berechnet — 160 Neffen und Nichten und 103 Großneffen und Großnichten.
1" lEine« Roman aus dem Kontobuchel eines Newyorker Geschäftsmannes teilt ein dortiges Blatt mit. 14 kleine Aufzeichnungen sind es, die eine ganze bramatifcb bewegte Geschichte erzählen: _ n
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