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Nr 64.
Meue^le ^achnHIen
(Ateßetxer Tagevr«tt)
Nnabhängige Hageszntung
(chiehener Zeitung)
für Oberhefsm und die Kreise Marburg mit Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen
Die Völkerwanderung der Gegenwart
W ließ sich Mi ges Brüten.
i ■ //^n §/f ^ ^G als bieje in erlivürdiger Au- ?r habe ich noch
. „Was ist denn lürchterliches Gc 11 sie einen, bei Megg. H. Bl.)
HK. Wenn unsere Zeit tun einer Völkerwanderung hört, dann stellt sie sich stets einen mit Krieg und Ver wüstungsschrecken inszenierten Raubzug vor, wie wir ihr im Mittelalter durch den Einbruch asiatischer Horden er lebt haben. Tamals mußten ganze Völkerschaften ihre oltaervohnten Sitze verlassen und westwärts neue Familien Herde aufbauen Das lvar jene Zeit, als die germanischen Stämme im Süden und Südwesten von Europa auf einer untergebenden Kultur ihre Reiche aufbauten, aber nach einander in dem Volkstum des Südens vcrfch'.o.!nden Wer denkt heute noch daran, daß der „Kampf nm Rom" zwischen Germanen unb Romanen bis zur Vernichtung ge ,'ührt wurde, wer weiß noch etwas von den mächtigen dhnassischen Geschlechtern, die auf dem heißen Boden Spa nie ns den Kampf der verschiedenen christlichen Sekten gegen einander ansfochten, anstatt gemeinsam die ent nervte Bevöltcrnng des Landes unter die germanisch.' Herrschaft zu beugen. Aber trotzdem hatte diese Wanderung )cr Völker der Geschichte ihren Stempel anfgedriickt. Die abfteibcnbe romanische Welt bedurfte der Auffrischung burch das unverdorbene Blut der germanischen Naturvölker, um ihr Kulturdasein weiter 511 führen. Wenn man auch auf der Außenseite von bem Germanentum in diesen Staaten nur tvenig merkt, s) ist es doch ein wichtiges Volkselement, dem die Anthropologie iic Beden ung nicht -bspricht. Ein französischer Gelehrter, der letzte Sproß tineS- Normannengeschlechts, hält das germanische Element in seiner Heimat für den eigentlichen Kulturträger Wo immer sich ein freier Zug des Geistes bemerkbar macht l'ind es nach seiner Ansicht die Germanen, die, weit em pfänglicher für eine ideale Lebensauffassung als der ge llubfrohe Romane, das Prinzip des Fortschrittes vertreten. HHD <r glaubt den Nachweis führen zu können, daß die iranzösische Ration ihren Verfall einleitete, als sie in den Hugenotten das' für die Freiheit fämpfenbe germanische Element austrieb. Ander? Gelehrte wieder führen bi; ganzen Entwickelungsbed'ngungen auf materielle Gründe zurück so vor allein auf den Ueberschuß der menschlichen Bevölkerung, die den menschlichen Geist zwingt, auf eine möglichst intensive Ausnutzung der gegebenen Arbeitsmittel zn sinnen, oder die zu einer Völkerwanderung führt lind diese haben mir heut, noch und zwar genau mit 'Hedem mit der Tendenz des ZugeS nach Westen. In bei Ritte des neunzehnten Jahrhunderts waren Frankreick nnb England und vor allem Amerika das Wanderziel bei Arbeitsuchenden; heute ist auch Deutschland au diese Stellt getreten. Tic deutsche Industrie gibt den Arbeitern guh Brotstellen; aber die Landwirtschaft muß von auswärt- Arbeiter heranziehen, um ben herrschenden Mangel 51 decken. Ter Hauptbedarf wird Don Rußland gestellt. Ahei auch dort blüht eine Jndnstrietätigkeit empor, so daß es den Landwirten allmählich an Hilfskräften mangelt. Tatst umsomehr der Fall, als sich die industriellen Löhne ii Rußland und die landwirtschaftlichen in Deutschland ziem lief) die Wage halten, so daß also der russische Arbeiter seine Lust mehr hat, gegen geringeres Entgelt in der russischen Landwirtschaft zu arbeiten. Infolgedessen häl auch diese wieder in der Ferne Unischau, wie sie sick chadloS halien kann, und schlägt die Einführung östlicher Hilfskräfte vor — Chinesen sollen in Rußland den Ersah schaffen. Dadurch würden sich die Arbeitslöhne um ctwc 40 Prozent gegenüber den heutigen verbilligen.
Wenn auch in naher Zeit eine Ueberflutung mit den gelben Volke kaum zn erwarten ist, so deuten die Wünsch, der russischen Landwirte doch auf eine Entwickclungs form hin, die uns bevorsteht. Unsere Landwirtschafts Arbeiter werden in zehn Jahren gelbe Nachbarn haben and indern Europa überhaupt die gelbe Rasse in ihrl Dienste stellt, schafft sie sich ein Abwehrmittel gegen der omerikanischeu Wettbewerb. Tie Völkerwanderung vor -Hedem dauert also fort -- nur in anderen Formen. Du Asiaten zeigen sich wieder a m östlichen Horizont unt -rängen die europäischen Volkselernente westwärts vor
Die Politik.
Elsast-Lothringen Bundesstaat?
); -( Nachdem den Reichslanden schon im vorigen Sommer durch die Aufhebung des Diktaturparagraphen von dem Kaiser, der Neichsregierung und dem Reichstage das volle Vertrauert bekundet worden ist, hält jetzt der Landesausschuß die Zeit für gekommen, wo Elsaß-Loth« ringen die Gleichstellung mit den übrigen Bundesstaaten gewährt werden kann. Im Schoße der ersten Kommission des Ausschusses mürbe eine Resolution gefaßt, welche verlangt, daß der Reichstag als gesetzgebender Faktor- für Elsaß-Lothringen ausgeschaltet' werde, dementspre- chend^ dem Landesausschuß die Befugnisse, Stellung und der Name eines Landtags für Elsaß-Lothringen verliehen und drei Vertretern Elsaß-Lothringens im Bundesrate bei Beratung von elsaß-lothringischen Angelegenheiten Stimmrecht bewilligt werde. Welche Ausnahme diese Wünsche bei i - Kaiser und der Reichsregierung finden iuerben, läßt #.cb noch nicht beurteilen. T^ic Majorität tey Reichstags bürsten iü tür iüh baten.
DienStag, den 17. Marz 1903.
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Kongrest der Krankenkassen.
Der in Berlin behufs Stellungnahme zur Kranken kassennovelle abgehaltene 2. allgemeine Kongreß der Kran kenkassen Deutschlands war von 1171 Kassen mi 1199 Dele girten beschickt, die zusammen gegen fünf Millionen Ver sicherte vertraten. Der erste Referent, Stadtverordneter Dr. Friedeberg, sprach sein Bedauern darüber ans, daß . die Novelle es unterlasse, auch die unter das Kcankenkassen- gesetz zn stellen, die anch unter der Invalidenversicherung stehen, mic die land und forstwirtschaftlichen Ar bei ter und die Dienstboten. Graef Frankfurt a. M. bekämpfte in schärfster Form die Beschränkung der Selbst Verwaltung der Kassen. Hierzu wurde eine Resolution angenommen, mefdx die R orellc für unannehmbar er klärt, wenn die auf Beschränkung der Selbstverwaltung gerichteten Vorschläge nicht gestcicheli iuerben. Nach einem Referat von Albert Kohn-Berlin kam eine Resolution zur Annahme, worin es heißt: Der Kongreß erwartet, daß sich niemals Regierung unb Volksvertretung zur gesetz lichen Festlegung der freien Aerztewahl bereitfinden wird, meil eine unerträgliche Belastung der Kaffe die Folge wäre. Die unabwendbare Konsequenz der freien Aerzte- nxihl wäre die Zwangslage, Honorare nach dein Diftum der Aerzte zu zahlen. Freie Arztwahl ist Sache der örtlichen Maffenbcrmaltungen. Zur Apothekerfrage mürbe ein Antrag angenommen, der es als notmenbig bezeichnet, gesetzliche Bestimmugen zu schaffen, meiebe den Krankenkassen, ev. den Kassenverbänden gestatten, eigene Apotheken zu errichten. Ein dazu genehmigter Zusatz lautet ,,Tie Apotheken sind zn kommunalisieren/' Der Kongreß hält eine Verschmelzung der gesamten Arbeiter- Versicherungen im Interesse der Versicherten für ge boten.
Unruhen in Portugal.
)— ( Til in de portugiesischen Bevölkerung chronisch herrschende Uttznsriedenh.it mit den öffentlichen Znstän ben macht sich von Zeit zu Zeit in Krawallen Luft. Diese Vorgänge nehmen sich in der Ferne meist sehr gefährlich aus, sind es aber in Wirklichkeit fast niemals. So mirb auch den Nachrichten über Unruhen in Coimbra keine lveitergehende Bedeutung beizitleaen fein. Der Tumult brach infolge der Verweigeruiig ver Bezahlung der Ge mein besteuern aus. Die Ruhestörer drangen in das Ge richtsgebäude, zerstörten das Mobiliar unb warfen Steine auf die Soldaten, meld)e gezwungen waren, Fetter zn geben. Drei Personen wurden getötet und mehrere ver letzt. Die Truppen stellten die Ordnung wieder her. J?l- zwischen rief in den benachbarten Dörfern die Sturm glocke die Bewohner zusammen, die dann auf Coimbra marschierten, wo eine starke Erregung gegen die Polizei besteht. Tie Vereinigung der Kuufleute und zahlreiche Privatleute sandten eine Adresse an den König mit bei Bitte, die Steuermaßnahmen, welche die Ursachen bei Ruhestörungen sind, zurückzuziehen.
Kurze politische Nachrichten.
* Wie aus einem Erlaß der Kolonialabteilung Deè Auswärtigen Amtes erhellt, wünscht der Kaiser in amtlichen Berichten eine kurze und klare Schreibweisen insbesondere seien lange schleppende Sätze und Einschaltungen, sowie das Stellen des Zeitworts an das Ende des Satzes zu vermeiden.
* Der „Königsb. Hart Ztg." wird gemeldet, daß der Kriegsminister v. Goßler aintsmüde sei und nicht mehr- lange auf seinem Posten bleiben werde. Tie Nachricht st mit Vorsicht aufzunehmen.
* Nach einem Telegramm aus Caracas ist die erste venezolanische Schitldrate an Teutschland im venezolanischen Schatzanlt deponiert worden. Sie wird dem neuen deutschen Gesandten v. Pelldram nach seiner Ankunft behändigt werden.
* Ein Gesuch der Pfarrämter Kreuznachs um Errichtung einer katholischen konfessionellen) Töchter- schule ist von der Regierung abgelehnt worden.
* Der französische Justrzminister Valle hat bie Er Öffnung des Strafverfahrens gegen 99 Orden n n d O r- oensnrederlassttngen angeordnet, welche ihre nicht autorisierten Anstalten wieder eröffneten.
* Die gegen den Mullah operierenden britischen Gruppen haben crm 16. b. M. den Feind ans dem Besitz des Brunnens von Lasakante ucrbiängt und ihm einen Verlust von 15 Toren und 16 Verwnndeten beige bracht Der Mullah hat sich nach Dgabeu begeben, um seinen Munitionsvorrat zu ergänzen.
♦ Ter marokkanische Prätendent Bn Hamara soll oekanntlich nach der Behauptung seiner Anhänger identisch utt dem 'S ruber des Sultans, dem Prinzen Muley Moha- ined sein. Der Sultan behauptet dagegen, daß der edrh Brin; Mulen sich bei ihm befindet. Wo die Wahrheit real, ist schwer zu entscheiden. Jedenfalls haben die >eâen mysteriösen Persönlichkeiten eine fabelhafte Aehu- ichfeit Gefangene aus dem Heere Bu Hamaras, denen oer Prinz norgeftellt mürbe, waren fest überzrugt, Bw Hamara vor sich zu haben.
12. Jahrgang.
Postzeitungsliste No. 3869.
Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg S& Gerusprechauschluß Nr. 868.
Keine deutschen Offiziere
für Mazedonien!
Wie unser Berliner CB. Mitarbeiter erfährt, bat die Pforte wirklich an die deutsche Regiertlug die Bitte ge ■ richtet, ihr für die Reorganisation und das Kommando der lliazedonischen Gendarmerie eine Anzabl dentscher Offiziere zu überlassen, doch ist dieses Ansuchen zwar mit Dank für das bezeugte Vertrauen, aber in bestimmter Weise abgelehnt worden. Für diese Antwort der beut' sehen Regierung war nicht sowohl die Besorgnis entscheidend, daß durch die Gntfcnbnng von Offizieren nach der Türkei das Mißfallen RußlaildS oder irgend einer anderen Großmacht erregt werden könnte, als ganz all gemein der Entschluß, sich in der mazedonischen Angelegenheit der größten Zurückhaltung zu befleißigen, ba neben noch die Erwägung, unsere guten Frelmde in Paris, London oder sonstwo könnten die deutsche Regierung für einen etwaigen Mißerfolg unserer Offiziere in Mazedonien verantwortlich machen. Anders als mit den in aktivem deutschen Dienst stehenden Offizieren liegt die Suche mit den bereits früher in türkische Dienste getretenen Instrukteuren. Die Kontrakte, welche die Pforte mit ihnen abgeschlossen hat, geben ihr das Recht, bie Herren überall da zn verwenden, wo es ihr rötlich erscheint, also anch in Mazedonien. Tatsächlich hatte Die ^tam bnler Regierung zwei von diesen Offizieren bereits ben Befehl erteilt, sich zur Abreise nach Mazedonien bereit 511 halten, doch hat sie diesen Befehl in letzter Stunde widerrufen. Wenn, wie gemeldet wird, dies infolge von Vorstellungeil Rußlands geschehen ist, so liegt darin nichts Verletzendes für die deutsche Regierung, beweist vielmehr nur, wie sehr die letztere recht daran getan, das Gesuch der Pforte abznleypen. Nunmehr hat die Pforte, wie ein Telegramm ans Konstantinopel besagt, die schlvedische Regierung um Ueberlassung von Offizieren zur Reorganisation der ^^^^^^n^^^^^^ Gendarmerie ersucht.
Die Stimmung in Bulgarien.
In Bulgarien dauert der Kampf zwischen dec fliege rischen und der feindlicheil Richtnilg unaufhörlich fort. In der Regierung hat burch den Rücktritt des wenig russenfreundlichen und einer Aktion gegen die Türkei nicht abgeneigten Kriegsministers Pap i ow die Friedenspartei die Oberhand gewonnen, doch ist die eben aus -^osia gemeldete Haftentlassung des Führers einer der mazedonischen Komitees, des Generals Zonlscheiv, und des Cberften Jankow, welcher gleichfalls zil den Leitern der mazedonifck)en Bewegung gehört, wohl als ein Zugeständnis an die volkstümlich-mazedonierfrellndtiche (Strömung zu betrachten. Aus dieser Strömung ging in Burgos eine von etwa 3000 Personen besuchte Volksversamm- hing hervor, welche der französischen Regierung den Dank für die den Mazedonier,) bekundete Teilnahme aussprach. Eine von dem Vorsitzender) Zankow unter* zeichnete Adresse wurde an den französischen Minister des Auswärtigen abgesandt. An die Versammlung schloß sich eine große Kund'gebnng vor dem französischen Vize- konsulat in Burgos. Alle Teilnehmer verneigten sich vor dem französischen Wappen und riefen: „Es sebe die französische Republik!" Was sich die Bulgaren gerade von Frankreich versprechen, ist nicht recht verständlich. Bisher hat Frankreich für die Christen in der europäische)) Türkei stets nur ein recht platonisches Interesse gezeigt.
Kunst und Glissen schaff.
FE. Ein Serum gegen Typhus entdeckt. Ter Kamps gegen die Infektionskrankheiten scheint in diesen Tagen :mmcr neue Erfolge zeitigen zu wollen. Nach den großen Fortschritten in bvr Tuberfulofebehanblung kommt jetzt aus London die Nachricht von der Entdeckung eines Serums gegen Typhus, die dem Chef des Jenner-Jn stituts in London Dr. Mac Fayden zu verdanken ist. Die Wirksamkeit an Tieren ist bereits überzeugend be* uiefen. Tas Serum besteht aus den Säften Döllig ausgepreßter mikroskopischer Typhusbazillen; die Lüfte werden bei enormen Kältegraden in flüssigem Lanerstofk klangt, verlieren hierbei ihre giftige Wirkung und wer- den zum Heilmittel. Mac Fayden hatte außerordentl)chc Schwierigkeiten zu überwinden, ehe es ihm gelang, diese mikroskopischen Typhusbazillen auszupressen. Nunmehr stellt er aber die allerdings experimentell noch nicht nachgewiesene Hypothese auf, daß ein derartig gewonnener Säst einer jeden Girant gelten produzierenden Ba- ziltenart gegenüber der betreffenden Krankheit sowohl proplwlaftifcü als auch bei schon geschehener Ansteckung heilend wirken müs''e. Falls sich dies bewahrheitet, wurden die Tuberkulose, die Tiphtheritis, vielleicht 'ogai Der Krebs in nicht allzu vorgeschrittenem Zustande leicht heilbar sein.