M. 295
Mittwoch, den 16. Dezember 1903
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jährlich Mk. 1.50.
IW i»-etlage»: Obrrheffische Familie«zeU»«, (täglich) S Linh ^fische Zeitschrift für L«»dwirtschast, Äst- -ad I late«-«», soMe die •ietew Édft*bUfei (vSchentüch). Das Blatt erschein * elte Merftas«« »«chMirsâ--
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str O-erhessm und die Kreise Marburg und Wetzlar; Kokals«zeiger für Meße« «» Wfr** WMtlt «Ke amtliche» Bekanntmachungen ier Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden m Ob«ch«G»
Verdingung.
Die Herstellung und Lieferung von Schlosserarbeiten surr bir zum Kanalbctrieb erforderlichen Geräte, sowie dBeWerung von Kanalbürsten soll
Mttwoch, den 23. Dezember Vorm. 11 ^2 Uhr
östlich verdungen werden.
Zk-ichn.tngen, Arbeitsbeschreibungen und Bedingungen lÜMm während der Dienststunden auf unserem Amts- ziMiner- zur Einsicht offen. Angebote auf Vordrucke, dèr dahelbst erhältlich, sind spätestens bis zum oben- gnmitcn Zeitpunkt an uns einzureichen. — Zuschlags- fchip 3 Wochen.
G ießen, den 14. Dezember 1903.
Städtisches Tiefbauamt.
Braubach.
Bekanntmachung.
Die am 14. November lf. Js. angeordnete Sperre d5^'Marktstraße wird hiermit aufgehoben.
Gießen, den 14. Dezember 1903.
Großh. Polizeiamt Gießen.
Hechler.
Bekanntmachung.
Die unter dem Schweinebestand des Wilhelm Amend Mhlchofstraße 62 dahier ausgebrochen gewesene Rotlauf- ftWje ist erloschen. Die angeordnete Gehöftsperre ist 0!»sgchwben.
Gießen, den 14. Dezember 1903.
Großh Polizeiamt Gießen.
Hechler.
Der mue Kurs.
(Von unserem parlamentarischen Mitarbeiter.)
Amf welchem Standpunkt man auch stehen mag, man wird doiuA'deduelle, die in den letzten Tagen zwischen dem Reichs- t'Gäbgeordueten Bebel und dem Reichskanzler Grafen Alow stattgefunden haben, mit einem gewissen ästhetischen Kresse lesen. Schon-äußerlich stellen sich die Gegensätze ßr leiden Persönlichkeiten in einer wirkungsvollen Weise M Schau. Auf der einen Seite der stürmische, an rednerische Erfolge in Massenversammlungen gewöhnte, und vielleicht ml rctwas verwöhnte Volkstribun und auf der andern Seite teer gewandte, leidenschaftslose Diplomat, bei dem sich, als mre er im Ralon, elegant und scheinbar mühelos die Worte M Sätzen formen. Und doch trat die Persönlichkeit bei Michskanzleps förmlich wie eine neue Erscheinung vor detl M'stag. Früher wurde dein Kanzler nachgeredet, er sei ck Mann der. Kompromisse und in dem Maße konfliktscheu, bii; er sogar unter Umständen ernste Interessen einem er- lkâiUichen Frieden opfere. Daß diese Politik der Sozial- Äinotrntic gegenüber nicht zutrifft, hat sich in den letzten teert mit Deutlichkeit gezeigt. Grat Bülow hat den gegen K Reichâregierung mw ihre Politik geführten Schlag mit 3h Gegen schlag einer scharfen Kritik an den inneren Zu- Wi^en und dem Programm der Sozialdemokratie beant äriiÈ Er hak dadurch ben Kampf ausgenommen und will in, da die sozialdemokratische Bewegung rein geistiger und MleftueHer Natur ist auch nur mit geistigen Waffen fßhcsen. Nur in entern Falle sollen die physischen Machtmittel ’M Staates in Bewegung gesetzt werden, nämlich dann, fteiiTii es sich darum handelt, sozialistische Beamte zu mai? •«gelln und aus dem Dienste zu entfernen. Mit dieser Schärfe, nie es der Reichskanzler den sozialdemokratischen Beamten gege nüber getan hat, die er Meineidige und Treulose nannte, iüt er sich im Laufe seiner Amtstätigkeit als .Reichskanzler ich nicht geäußert. Man hat allgemein die Empfindung, faß in der inneren Politik ein neuer Kurs in der Form einer schärferen Bekämpfung der Sozialdemokratie bevoorsteht.
Es ist besonders erfreulich, daß dieser neue Kurs anschei- neitö jede vorurteilsvolle Einseitigkeit vermeiden will, denn ier Kampf gegen die Form der sozialdemokratischen Agi- totian wird begleitet, oder man kann vielmehr sagen, in wir- kunUsoollster Weise verstärkt durch die Neubelebung und gorriführung des sozialpolitischen Programms, wie es in der lästerlichen Botschaft Dom 17. November 1881 enthalten ist. In der Thronrede vom 4. Dezember d. I., in den zwei oberm erwähnten Parlamentsreden des Kanzlers, sowie auch inboer Ansprache an die Deputierten des Frankfurter Arbeiter- kmgresses kehrt als Leitmotiv die Versicherung immer wie- ^ daß die Sozialpolitik fortgesetzt werde ohne Rücksicht out hie Gegenströmungen von rechts oder links.
Dieser neue Kurs hätte in keinem günstigeren Augen- Me einsetzen können als in dem gegenwärtigen, denn wenn mannt sich die Initiativanträge, die von den einzelnen Par- Ira schon zu Beginn der neuen Tagung eingebracht worden W genauer ansieht, dann wird man finden, daß den Weib
aus überwiegenden Teil gerade die sozialpolitischen Anträge darstellen. Eine Wiederbelebung der Sozialpolitik ist also sichtlich getragen von der Sympathie des Volkes und es könnte immerhin der Sozialdemokratie verhängnisvoll wer den, wenn sie in einer Zeit, in der auch die Arbeiterschaft bereits die Anerkennung für die Leistungen der Sozialpolitik nicht mehr verweigert, einer neuen Sozialfürsorge gegenüber die negative Demonstration zur Schau tragen würde, ivie in der fruchtbaren Periode der 80er Jahre. Der neue Kurs beabsichtigt die Umwandlung der Sozialdemokratie in eine bürgerliche Reformpartei, und wer Augen hat, um zu sehen, und Ohren um zu hören, wird nicht bestreiten können, daß unter der Herrschaft oes allgemeinen und gleichen Wahlrechts eine an der Gegenwartsarbeit mitschaffende Arbeiterschaft eine größere politische Macht repräsentieren würde, als wenn sie in einer unfruchtbaren Kritik und Demonstration ihre Kräfte zerreibt.
Die Politik.
^ Am 1. Januar 1904 tritt die Bunöesratsvcrorl^ innig in Kraft, die eine Reihe von Beschränkungen für den Vertrieb von Gcheimmitteln einführt. Sie verbietet t B., Mittel, die in die amtliche Geheiuimittelliste auf genommen sind, öffentlich anzuküudigeu, auf den Ilm hünungen, in denen die Mittel verkauft werden, Anprei sungeu, insbesondere Empfehlungerr, Bestätigungen von Heilerfolgen, gutachtliche Aeußerungen oder Danksagungen anzubrmgen, in denen ben Mitteln eine weit-- oder Schrrtz Wirkung zugeschrieben wird, oder solche Anpreisungen in sonstiger Weise zu verabfolgen. Von einer Reihe Handeln kümmern ist nun beim Bundesrat beantragt worden, daß er die Inkraftsetzung seiner Verordnung auf den 1. Ja miar 1905 verschiebe imd daß er die Bestimmungen dieser Verordnung dahin mildern möge, daß eine maßvolle An kündigung und Empfehlung der in Frage kommenden Heil mittel auch fernerhin gestattet werbe.
* In das Preußische Herrenhaus ist, wie unser Berliner ^.-Mitarbeiter uns meldet, der Fabrikbesitzer Arnold von Siemens als Mitglied auf Lebenszeit berufen worden. Er
ist der älteste Sohn Werner-
sohn Helmholtz'.
iemens' und ein Schwieger
Vor der 1897 erfolgten Umwandlung
des väterlichen Riesengeschäfts (Siemens & Halske) in eint Aktiengesellschaft war er erst in der Wiener Filiale, dann in dem Berliner Hauptkontor dieser Firma an leitender Stelle tätig. Gegenwärtig ist er mit feinen Brüdern Karl und Wilhelm Inhaber einer Fabrik chemischer Jnstalla tionsanlagen in Berlin-Charlottenburg.
□ Eine interessante rassenpsychologische Wahrnehmung .'rmöglicht eine Statistik über die Zuchthäusler in Deutsch- liinb. Unter den 5500 Zuchthäuslern, die es nach der letzten Statistik in Deutschland gab, befanden sich nicht weniger als 1087 Polen. Während die Polen in Preußen kaum 10 Prozent der Bevölkerung ausmachen, stellten sie zu den Zuchthausgefangenen nahezu 20 Prozent, b. h. sie Waren doppelt so stark an der Zuchthausstrafe be- leiligt, als es dem Mvölkerungsverhältniffe eutfpricht. Der fundamentale Unterschied zwischen polnischer und deutscher Kultur offenbart sich in diesen Zahlen aufs schlagendste
cf Ueber 47 000 Mark sind der sozialdemokratischen Partei kaffe im November zugeflossen. Dazu kommen noch über 57 000 Mark, die der Berliner Gewerkschaftskommission für den Streik in Crimmitschau zugingeu. Die Sozial bemofratie ist unstreitig die reichste Partei. Sie ist es aber nur, weil sie die opferfreudigste ist. Graf BäloN hatte wahrlich uicht unrecht mit der Zensur I a, die er der Opferfreudigkeit dieser Partei erteilte.
Oesterreich-Ungarn«
-O- Nicht weniger als fünf Mitglieder des ungarischen Abgeordnetenhauses sind wegen gemeiner Verbrechen ange- Uagf. Der ALg. 11 g r o n ist angeklagt wegen betrügerischen und verbrecherischen Bankerotts, Abg. Govolszttz wegen Veruntreuung von 17 000 Gulden-, Dr. Paul Nessi wegen S e f r a n b a t i o n von 604 000 Kronen; Abg. Valentin Eötvös wegen Fälschung und Abg. Bela Jantovich wegen Ferßnahme unb Nichtbezahlung von Pretiosen von zwei Firmen. Fast sämtliche Parteien des „Hohen Hauses" partizipieren an dieser „netten Gesellschaft". Die Ungarn haben wirklich alle Veranlassung, sich gegenüber Oesterreich als „Kulturnation" aufs hohe Pferd zu setzen! !
Frankreich.
A Eine Meldung, die man mit gemischten Empfindungen aufnehmen wird, kommt aus Brüssel, sie kündigt den Wiedereintritt Dreyfus' in der französischen Armee an. Sofort nach der Revision eines Prozesses seitens des Kassationshofes soll der Hauptmann Dreyfus, falls seine Unschuld klar bewiesen wird, zum Schwadronschefbefördert und einem Artillerre-Regrment, das in Südfrankreich Garnison hält, augeteilt werden. Aus diesem Anlaß stehe eine wichtige Kundgebung des Kriegsministers Andr^ zu gewärtigen.
Spanien.
^ ^n spanischen politischen Kreisen verlautet, zwischen Der französischen und der spanischen Regierung schwebten ae-
zenwärtig Verhandlungen über eine Reise des Königs Alfons nach Paris. Der Besuch werde wahrscheinlich im Frühjahr stattfinden. Welterschütternde Wirtungen hätte eine foldK Reise des jungen Königs nun freilich nicht.
Burkel.
0 In Saloniki lebt die Bevölkermrg wieder in ständiger Angst vor mazedonischen Tynamitattentaten. Wie dort verlautet, sind in Mazedonien die Verschwörer erneut an der Arbeit, um Dunamitattentate zu verüben. Angeblich ist anet wiederum ein Anschlag auf die ottomanisaie Bank in Lalo niki geplant. Der beinahe vollendete Neubau soll kurz nach der Eröffnung in die Luft gesprengt werden. 10 Bulgaren hätten sich dazu bereit erklärt. Der größte Teil der Ver schwörer sotten begnadigte A u f st ändi s ch e sein.
HHeti.
^ An der persisch-turkmenischen Grenze in es zu einer förmlichen Schlacht zwischen persischen und russischen Untertanen gekommen. Aus A st r a b a b (Persien) wird darüber berichtet: Bei der Errichtung persischer Zollanstalten an bei russisch-persischen Grenze kam es zu blutigen Konflikten zwischen persischen Zollbeamten und Turkmenen, wobei ein persischer Offizier nnd ein Kofak getötet wurden. Als der Gouverneur Don Astrabad darauf mit zahlreichen Truppen in der Grenze erschien, erklärten die turkmenischen Chans sich bereit ein Sühnegeld zu zahlen. Als der (Mwerneur mit )er gebotenen Summe nicht ^ufrieben war, schworen sie, daß sie die Waffen nicht nieder legen würden, ehe der Gouverneur ab gesetzt sei. Es kam nun zu einer Reihe teuer blutiger Zusammenstöße mit großen Verlusten auf oeiben Seiten. Schließlich wurde der Gouverneur in einer zrotzen blutigen Schlacht geschlagen und mußte nach Astrabad luchten. Selbstverständlich wird Rußland den Vorfall be litten, um in Persien wieder mehr Einfluß w erobern. Die Perser werden bei dem Handel außer den blutigen Köpfen, die sie sich schon von den Lurtnrenen geholt haben, ohnehin noch den Schaden haben, daß sie Rußland Genugtuung geben müssen.
’s Ueber den Inhalt der Antwort Rußlands an Japan ist rgend etwas Zuverlässiges noch nicht bekannt. W^rschein- ich aber handelt es sich darum, daß Rußland in der Note seine Bereitwilligkeit erklärt hat, der Neutralisierung des nord ichsten Testes Koreas zuzustimmen, und die iranischen An- prüche in Südkorea anerkennt. Die Frage der offenen Tür n der Mandschurei bleibe noch zu erörtern. Ob Japan olche Vorschläge aunehmeu wird, steht noct) dahiu. Indessen st man — nach der Auflösung des kriegslustigen japanischen Parlaments - in Tokio wie in den europäischen Kabinetten Der Meinung, daß eine friedliche Lösung des Konflikts das Wahrfcheinlichste fei. Inzwischen hat sich allerdings - wenn nan englischen Meldungen trauen darf ein neuer Streit zrunö zwischen Rußland und Japan ergeben. Rußland 'oll nämlich ein Abkomme» mit Korea getroffen haben, das nnen Teil der koreanischen Armee unter russischem Oberbefehl "teilt. Selbstverständlich würde Japan gegen ein solches Ab- Wmmen protestieren müssen. Wir glauben nicht an die Tat- acklichkeit dieses Abkommens, das ja die ganzen russischstava- lischen Verhandlungen illusorisch und den Krieg beinahe unvermeidlich machen würde. Zwischen Japan und Korea herrschen zur Zeit recht gespannte Beziehungen: In Mokpbo (^orea) landeten die Japaner dieser Tage Marinesoldaten, um Ausschreittmgen ausständiger koreanischer Kutis zu un terdrücken. Die Japaner feuerten aus die Volksmenge und töteten mehrere Personen. Der Ausstand der koreanischen stulis, die in der iRiederlassnng der Fremden beschäftigt sind, hatte nämlich zil einem Zusainmenstoß zwischen Japanern und Koreanern geführt.
Deutscher Reichstag.
(8. Sitzung.)
CB Berlin, 15. Dezember.
In den Wandelgängen verlautete gestern, einige Abgeordnete wollten, um die Erledigung der Frage des Handelsprovisoriums mit England zu erschweren, heute und morgen die Auszählung des Reichstags beantragen. Aus diesem Grunde arbeitete gestern der Telegraph in verstärktem Maße und rief viele herbei, die sich schon jetzt aus eigener Machtvollkommenheit Ferien gegeben hatten, so daß das Haus gut besetzt ist. Nachdem noch die Abgeordneten Liebermann v. Ronnenberg und Graf Kanitz zu der Vorlage gesprochen, wird diese in der Fassung der zweiten Lesung (Dauer der Vollmacht bis Ende 1905) mit großer Mehrheit definitiv angenommen.
Nachklänge zur gestrigen Debatte.
Alsdann wird bk erste Lesung von Etat und lex Stengel fortgesetzt. Graf L i m b u r g - S t i r u m kommt auf die Rede des Reichskanzlers gegen die Sozialdemokratie zurück, die er als ein Meisterwerk bezeichnet. Das Verlangen der Erbauer nach rechtsfähigen Berufsvereinen sei an sich ein berechtigtes. Aber es bestehe die Gefahr, daß solche Arbeiterorganisationen von den Sozialdemokraten ausgenützt werden würden für ihre Ziele. Er könne nur die Regierung aufforbern, den Kampf gegen die Sozialdemokratie mit aller Energie au^unebmen. Mit dem Appell an die bürgerlichen Parteien sei es allein nicht getan.