Mr. 243
Freitag, den 16. Oktober 1903.
12. Jahrgang.
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Postzeitungsliste No. 3269.
Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 28.
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(Kießener Hagevtatt)
Anaöyängige Tageszeitung
(Hießener Ieit««M
für Overhesien und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. EElt alle amtliches Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberheffea.
Das beleidigte Italien.
Die Absage der Romfahrt des Zaren beschäftigt nach immer nachhaltig die Gemüter. Die neueste Lesart sagt: Noch zu Zeiten Königs H u m b e r t habe Visconti Venosta den jungen Zaren anläßlich der Visiten in Wien, London, Berlin und Paris zu einem Besuche in Rom 311 veranlassen gesucht. Die Antwort habe gelautet: Der Zar, habe seine Reisen beendigt und Rom sei nicht im Reise- programm inbegriffen gewesen. Das Kabinett habe damals, um keinen Zwischenfall heraufzubeschwören, die Ab- lehnung ruhig hingenommen; König Humbert aber sei sehr aufgebracht gewesen. Wenn sich König Biktor Emanuel trotzdem seinerzeit nach Petersburg begeben habe, so sei das nur geschehen, weil Prinetti die feierliche Garantie erhalten hatte, daß sich diese Vorfälle nicht wiederholen würden. Der jetzige Aufschub der Zarenreise nehme demnach einen überaus ernsten Charakter an.
Das römische Blatt, das diese seltsame Enthüllung bringt, stützt sich angeblich auf Mitteilungen von erster Stelle, und man geht wohl kaum fehl, wenn inan als seinen Gewührs- mann Fubini ansieht, der seinerzeit Ministerpräsident war. Bestätigt sich diese Vermutung, läge es allerdings nahe, in der plötzlichen Rückkehr Zanardellis nach Rom und der Ein- Berufung eines Ministerrats ernste Dinge zu sehen. Auch die Kammer wird sich schon in kürzester Zeit mit dem Thema des Zarenbesuchs befassen müssen, da der Deputierte,Donadi eine Interpellation darüber eingebracht hat, warum der Zar seine Reise verschoben habe.
Da augenblicklich noch fortdauernd zwischen dem russischen Botschafter Nelsdorf und dem Generalsekretär im italienischen Auswärtigen Amt Malvano Beratungen stattfinden, ist natürlich noch gar nicht ersichtlich, wie der Konflikt aus der Welt geschafft werden wird. Daß man aber auf beiden Seiten das ernste Bestreben haben wird, eine Einigung hcrbeizuführen, ist wohl außer Frage. Es wäre darum auch töricht, sich schon heute mit allerhand hochpolitischen $om= binationen zu beschäftigen, wie sie angesichts des Besuches König Viktor Emanuels in Paris von der englischen Presse kultiviert werden. Wenn auch die Gewalt der Umstände die großen Mittelnwermächte vielleicht zu engerem Zusammenschluß bringen mag, wenn auch der Empfang des italienischen Königspaares in Paris trotz der Zarenabsage ein denkbar warmer gewesen ist — so wäre es doch höchst unzeitgemäß, deshalb nun gleich darauf zu schließen, daß wir „am Vorabend der Auflösung der offiziellen Bündnisse und ihrer Ersetzung durch Gruppen" ständen, die „ohne äußere Form durch geminsame Jnteressensympathien verbunden werden". Soweit sind wir denn doch noch nicht.
Die Politik.
A Die Linke des bayerischen Landtags beabsichtigt einen Antrag einzubringen, wonach der staatlichen Stellung Bayerns gemäß wie auch aus Ersparnisgründen das bayerische Ministerinn, des Acußern und das M i n i st e r i u in d e s Königlichen Hauses als überflüssig aufgehoben werden sollen. Nach Lage der Dinge ist natürlich gar kein Gedanke daran, daß diesem Antrag willfahren werden würde.
< Um de* evangelischen Landeskirche einen neuen Beweis seiner Fürsorge zu geben, hat der Kaiser, wie der Vizepräsident des evangelischen Oberkirchenrats Dr. Frhr. v. d. Goltz in der ersten Sitzung der gegenwärtig in Berlin tagenden 5. Generalsynode mitteilte, bestimmt, daß in den Entwurf des nächstjährigen Staatshaushaltsetats behufs Aufhebiing der gesetzlichen Pfarrbeiträge an den Pfarr-Witwen- und Waisenfonds eine an diesen zu zahlende Staatsrcnte vo.. jährlich 850 000 Mark, sowie ferner die erforderlichen Mittel zur Erhöhung der Dielistaufwandentschädigung der General superintendenten auf den durchschnittlichen Jayresbetrag von 2000 Mark eingestellt werden.
35 Der Reichstag wird, wie unser ^.-Mitarbeiter von gutunterrichteter Seite hört, erst zum Dezember einberufen werden. Der Preußische Landtag wird sogar erst in der zweiten Januarwoche zusammentreten. Wie es heißt, wird ihm als erste Vorlage das Hochwassergesetz, die mit dem Mittellandkanal verbunden werden soll, zugehen.
+ Wie mit Bestimmtheit verlautet, beabsichtigt die Regierung, bei der künftigen Oderrcgulicrung von der Ant ag< tief gelegener Talsperren abzusehen und dafür Hoch- wasserreservoire einzurichten, deren Wasserkräfte gleichzeitig in den Dienst von Eisenbahnen oder öffentlichen Werken anderer Art gestellt werden könnten.
* Der Inhalt des englisch-französischen Schiedsvertrages wird nunmehr bekannt gegeben. Der Vertrag ist nur fünf Jahre abgeschlossen und bestimmt, wie ja auch schon durap uefidert war, ia& Streitigkeiten juristischen Ebaratterv ^j-
Streitigkeiten, die sich auf die Auslegung der zwischen Eng- lanb und Frankreich bestehenden Verträge beziehen, soweit sie nicht auf diplomatischem Wege ausgeglichen werden föm nen, dem ständigen Haager Schiedsgerichtshof unterbreitet werden sollen. Dies soll jedoch nur unter der Bedingung geschehen, daß sie weder vitale Interessen noch die lluab- hängigkeit oder die Ehre der beiden Vertragsmächte be treffen oder Interessen dritter Mächte berühren. - Man muß sich fragen, was denn darin eigentlich Neues enthalten ist. Wenn man die ganze Haager Konferenz nicht von vornherein als eine Farce angesehen hat, so — sollte man meinen — wäre dieser ganze Vertrag doch höchst über flüssig gewesen. Umso weniger verständlich ist die beinahe enthusiastische Aufnahme, mit der die Pariser Presse den Vertrag begrüßt. Von einer „erheblichen Annäherung" sönnen wir darin ebensowenig etwas erblicken, wie vom „Anbruch einer neuen Aera".
~ Der Streik in Armcntieres ist noch immer äußerst bedrohlich. Geschirrt von dem sozialistischen Bürgermeister und Pariser Agitatoren demonstrieren die Ausständischen fortgesetzt. Es ist überaus seltsam, daß das Militär nicht ein greift, um die Plünderungen unb Brandstiftungen zu ver hüten. Die geringe Zahl der Verhaftungen steht in gar keinem Verhältnis zur Meuge von Ausschreitungen. So ist es gar kein Wunder, daß die Roheit der Excedenten keine Schranken mehr kennt, und fortgesetzt Verwundete in die Hospitäler getragen werden müssen.
+ Die Maßregelungen „freiheitsverdächtiger" Beamter in Finnland dauern an. So ist neuerdings der Polizeibürger meister von Uleaborg verabschiedet worden, weil er unter lasten hatte, die Wehrpflichtigen zur Abdienung ihrer Wehrpflicht im Gardebataillon einzuberufen. Zu gleicher Zeit erhielt auch der Bürgermmster von Björneborg seinen Abschied, weil er an einer — offenbar finnischen — Versammlung teil genommen hatte. Der Friedenszar hat eben zweierlei Gesichter. Und die Geschichte von dem Engel mit dem Oelzweig in der Hand, der von der Newa per herniederstieg zu der m obern eil Menschheit, ist leider nichts als eine fromme Mythe.
0 Der in der soeben eröffneten ersten Tagung der Skup- schtina zur Verteilung gelangte Adrcßcntwurf sagt, die patriotische Tat vom 11. Juni habe das Heer und das Volk gemeinsam vollbracht. In Beziehung auf die auswärtige Politik spricht die Adresse den Wunsch aus, das zwischen Serbien und Rußland, dessen Dasein schon allein eine sichere Bürgschaft für den Bestand und eine bessere Zukunft der kleineren slavischen Völker sei, bestehende Band zu pflegen und die besten Beziehungen mit den benachbarten Ländern zu erhalten und zu stärken.
4= Vom Balkan liegt ein kleines Quodlibet von allen mög- lichen Nachrichten vor. Eine widerspricht immer der anderen und keine ist kontrollierbar, Qu erwähnen ist, daß die „Flüchtlinge" ihre Bedingungen stellen. Sie beantworteten eine Anfrage der bulgarischen Regierung betreffs Repatriierung ablehnend, da sie den Türken nicht traue und ihre Dörfer zerstört sind. Weiter verlangen sie die Leitung der Repatriierrmg durch eine internationale Kommission, der die Pforte genügende, in einer europäischen Bank zu hinterlegende Geldmittel zur Verfügung stellt, die allgemeine Amnestie und als Zukunftsbürgschafte^r die Ernennung eines christlichen Gouverneurs mit europäischer Kontrolle. Auch die bulgarische Regierung verlangt als Vorbedingimg die Erlassung einer allgemeinen Amnestie.
cf Der marokkanische Kriegsminister hat es gewiß nicht leicht. Neben seinen sonstigen Funktionen muß er auch höchstselbst zugreifen bei jeder Ladestörung, die sich bei ber Verwendung der ungleichartigen Munition der marokkanischen Artillerie einstellt. Seine Leute sind nämlich zu- abergläubisch und scheuen sich vor den europäischen Teufels- nmschinen. Der algerische Kanonier aber, den die französische Militärkommission gestellt hatte, ist inzwischen gefallen. So melden wenigstens die neuesten Nachrichten aus Fez, die sonst noch zu sagen wissen, daß der Vertreter der vereinigten deutschen Waffenfabriken mit zwei Maschinenkanonen und einem größeren Vorrat von Schießbedarf zum Feldlager des Sultans, das sich noch immer ganz dicht bei Fez befindet, aufgebrochen sei.
Die italienischen festtage an der Seine.
4= Paris, 15. Oktober.
Ein sonderbares Volk, diese Pariser! „Republikanisch bis auf die Knochen", wie der eingefleischte Pariser von sich mit Vorliebe behauptet, ist er selig und beseligt, sobald sich ein frein ber Monarch hier blicken läßt. Es sind nicht allein bie offiziellen Kreise, in die der Besuch des italienischen Konrgs- paares Bewegung gebracht hat — tont Paris und alles, was sich dazu rechnet, ist bemüht, das fremde Herrscherpaar zu sehen und von ihm gesehen zu werden. Auf den Straßen ist der raffinierte Luxus des Parisers zu schauen- die lang- bespannten Eguipagen mit ihrer goldstrotzenden Ausstattung wetteifern förmlich an Eleganz mit ^ben promenierenden Scharen, die die Boulevards füllen. Schon am Abend be? jrften Tages der Anwesenheit des italienischen Königspaares
erstrahlte die Avenue de l 'Opera in einer geradezu blenden den Illumination; auf den Boulevards wollte die Sache nicht recht klappen, die Beleuchtung funktionierte nicht. Das tat aber der Begeisterung der leicht entzündlichen Pariser keinen Abbruch; in dichtem Gewoge diwchzog die Menge die Avcnme und die ganze Gegend des Opernplatzes, um die Illumination anzusmunen. Recht wenig geschniackvoll war die Huldigung, die Paris dabei der Königin Helene zu teil werden ließ, so aufrichtig sie gemeint gewesen sein mag: Nach der Melodie „Komm, Karlineken, komm" sangen die Zehntauseiche unaufhörlich: Viens, Hélène, viens Hélène, viens! . . .
Wenn die Begeisterung der Pariser noch größer hätte sein können, sie wäre es geworden durch den Eindruck der Trinksprüche, die zwischen Loubet und dem König Viktor Emanuel gewechselt wurden. Loubet nannte bei ber Ankunft im Elysee am Abend des Ankunftstages den Besuch des Königspaares eine glänzende ^unbgebung des engen Einvernehmens zwischen Frankreich unb Italien, das gleicherweise den Gefühlen wie den Interessen beider Völker entspreche. Und Viktor Emanuel hieb in dieselbe Kerbe: er bezeichnete seinen Besuch in Paris als das „natürliche Ergebnis des zwischen beiden Ländern glücklich vollendeten Werkes der Annäherung", freilich nicht ohne eine leise Betonung der Tatsache, daß Italien an der Aufrechterhaltung des Friedens ein großes Interesse habe. Loubet hatte davon nichts gesagt.
Die Aufnahme, die diese beiden Trinksprüche in der Presse sinden, ist beinahe schwärmerisch; in den höchsten Tönen sucht man die Bedeutung der Worte der beiden Staatsoberhäupter als ganz unvergleichlich hinzustellen.
Seit heute früh ist Paris wieder ohne seine königlichen Gäste. Kurz vor 10 Uhr begab sich das Königspaar in Begleitung von Loubet rmd seiner Gattin nach Versailles. Aus der Fahrt zum Bahnhof wurde das italienische Herrscherpaar nicht minder stürmisch begrüßt, wie am Nachmittag vorher, bei der Ankunft in Paris. Immer aufs neue brausten die stürmischen Hochrufe durch die Straßen, und namentlich die junge Königin entzückte die Pariser durch ihre Anmut und Freundlichkeit. Heute Abend findet Galavorstellung in der Großen Oper statt: schon jetzt, am Nachmittag, wird der Openrplatz von einer nach Tausenden zählenden Menge belagert, die stundenlang — trotz mehrerer Regenschauer — wartet, um einen König und sein Genrahl von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Das ist die stille, unabsichtliche Huldigung, die das republikanische Paris der Monarchie darbringt — ob der Vertreter des monarchischen Prinzips Alexander, Nikolaus oder Victor Emanuel heißt . . .
T)eer und flotte.
Der neuernannte preußische Armecbischvf Vollmar leistete gestern zu München in der Kapelle der Nuntiatur den Huldigungseid vor dem Nuntius Macchi. Als Zeuge fungierten der Pfarrer von der St. Michaelskirche in Berlin, Faika, und der Domkapitular Neudecker-München. Als päpstlicher Protonotar fungierte Udifore Vassallo di Torregrossa. _____________
Hus dem Geriebtssaal.
8 Ein Schttlknabc wegen Majestätsbeleidigung verurteilt. Wegen Majestätsbeleidigung hatte sich der noch nicht vierzehnjährige Schüler Gustav Reinhold Graf aus Oberotten- dorf bei Pirna vor der ©traffammer in Bautzen zu verantworten. Der jugendliche Angeklagte, welcher erst vor kurzem wegen Diebstahls gerichtsseitig mit einem Verweise bestraft worden war, wurde zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Die Verhandlung fand unter Ausschluß der Oeffent- lichkeit statt.
§ Das Honorar des Verteidigers im Dortmunder Handelsbank-Prozeß hat nicht weniger als 14 000 Mark betragen. Bei berartigen Seusationsprozessen pflegen sich die Parteien über die „Gebiihrenordnung für Rechtsanwälte" hinwegzusetzen, indem sie aus freier Hand das Honorar für die Verteidigung vereinbaren. In dem vorliegenden Falle sollte für die ersten drei Verhandlungstage ein Honorar von 5000 Mark gezahlt werden; für jeden weiteren Verhandlungstag wurde dagegen ein Honorar von je 1000 Mark ausbedungen. Dieser Prozeß wurde nun erst am zwölften Verhandlungstage beendet, mithin konnte der Verteidiger, ein bekannter Berliner Anwalt, über ein Gesamthonorar von 14 000 Mark dankend quittieren. Daß der Angeklagte schließlich zu mehrjähriger Zuchthausstrafe verurteilt wurde, hat auf die Honorarabmachung keinen rückwirkenden Einfluß.
8 Ein dreifacher Mörder hat sich jetzt vor dem Tilsiter Schwurgericht zu verantworten. Es ist der Fleischermeister Herbert aus Sonpönen, der angeklagt ist, in Lomhönen einen dreifachen Raubrnord an dem Meiereibesitzer Züricher, dessen 25jähriger Ehefrau und dem fünfjährigen Töchterchen begangen zu haben. Zur Vernehmung sind 55 Zeugen und eine große Zahl Sachverständiger geladen. Der Zuschauerraum, sowie die Vorräume und Korndore finb mit Publi kum dicht gefüllt, so daß Gendarmen und Gerichtsbeamte die Ordnung aufrecht erhalten müssen. Der Angeklagte