»r. 217.
Mittwoch, den 16. September 1903.
12. Jahrgang.
3«iertio«»ure1 »t Sie einspaltige Petttzelle für Gießen wü ganz Oberhessen, die Kreise Wetzlar und Markttag 10 Pfg. sonst 15 Pfg.; Reklame« die Petttzelle 30 réfr. 40 Pfg.
Postzeitungsliste No. 3869.
Redaktion und Ywedition: Gießen Neuenweg SS.
Fe,niprecha«schl»ß Nr. SbS.
6-
Vb»««emeut-Vreis: in Gießen, abgehslt monatlich 50 Pfg., W HâuS gebracht 60 Pfg-, dmch die Post bezogen Viertel, jährlich M- L&0.
»ratiSbeilage«: Oberhesfische Famttte«rett««g (täglich) vberhèsfifche Zeitschrift für Ls«dwir1schaft, Obst- c«6 ßae1e«ba«, sowie die ©feBater Geifemblasc« (wöchentlich). DaS Blatt erscheint an alle« Werktagen nachmitagS.
(Kießener Hagevtatt)
Anavßängige Hagcszcitung
«Siebener Veit««-)
Dr Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. E»thSÜ alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberheffet».
Gießen, den 15. September 1903.
Aetc.: Die Ableistung des Huldigungs- und Verfassungseides.
Das Großherzogl. Kreisamt Gießen
an die Großh. Bürgermeistereien des Kreises mit Ausnahme der Amtsgerichtsbezirke Grünberg, Homberg, Hungen, Laubach und Nidda.
Die Ableistung des Huldigungs- und Verfassungs- eideS der in Ihren Gemeinden neu aufgenommenen Octs- bürger, sowie derjenigen Großh. Hessischen Untertanen, lvelche. sich, ohne Ortsbürger zu werden, verheiratet Robert, soll wie nachstehend angegeben, stattfinden:
1. dec Orts- und Staatsbürger aus den in den MMgecichtsbezjrkcn Lich und Butzbach gelegenen Ge- Mivden des Kreises Gießen.
Montag, den 5 Oktober 1908 nachmittags 2^2 Uh*, in dem Nathanse zu Lich;
2. dec Orts- und Staatsbürger aus den in beut Amtsgerichtsbezirk Gießen gelegenen Gemeinden
D enstag, den 6. Oktober 1908, vormittags 11 Uhr, in dem Regierungsgebäude zu Gießen, Brandplatz Nr. 9.
Wir beauftragen Sie hierdurch, die betreffenden Personen zu den Terminen vorzuladen, und wie geschehen, unter: Angabe der Namen der Vorgeladenen bis zum 25. b. MtS. anzuzeigen, oder zu berichten, daß niemand W^ii laben war.
Halten sich derartige Personen auswärts auf, so Moden Sie deren Aufenthaltsort angcbcn.
I. V.: Dr. Wagne r.
Die Kriegsgefahr wächst!
Trotz aller Friedfertigkeitsversicherungen der Pforte und öt5 Sofioter Kabinetts ist die Spannung zwischen beiden Mächten noch um keinen Deut gelinder geworden. Im Gegenteil, neue Momente, die zu einer Verschärfung der beiderseitigen Haltung führen müssen, sind eingetreten. Zunächst hat die Pforte wieder einmal in Sofia die Beschuldigung vorgebracht, Bulgarien schüre und Unterstufe den mazedonischen Ausstand, und Bulgarien hat diese Bezichtigung in sehr gereiztem Tone ^urücfgcgcbcn. Zur Antwort hat bie Pforte eine Maßregel ergriffen, die die Erbitterung der Bulgaren noch steigern muß. Aus Konstantinopel wird gemeldet:
Zweihundert Griechen aus Anatolien haben sich dem Sultan als „Heilige Schar" zum Kampfe gegen die bulgarischen Banden zur Verfügung gestellt; sie haben einen Eid â geleistet, die Banden zu vernichten, wo sie sie treffen. Der Sultan hat das Anerbieten angenommen und angeordnet, aus diesen und anderen Griechen, die ebenfalls sich ihm zum Hampf gegen die Banden zur Verfügung gestellt haben, zwei «Freiwilligen -Bataillone zu bilden.
Die Entsendung dieser griechischen Freischar gegen die Mazedonier muß das Signal zu einer mazedonischen Metzelei unter der griechischen Bevölkerung Mazedoniens geben. Zugleich stärkt sie die kriegerischen Leidenschaften der Bevölkc- mng Bulgariens. Auch Sofia wird denn auch bereits ge- meldet:
Bulgarien steht im Begriff, einen letzten Appell an die Mächte zu richten, sie solle intervenieren. Nach der Ausnahme dieses Appells Wirb es sich entscheiden, ob Bulgarien b c ii Krieg erklären müsse oder nicht.
Die Mächte wollen die Intervention vermeiden. Ob es tynen dann aber gelingen wird, die Bulgaren von der Kriegserklärung abznhaltcn? Jedenfalls aber wollen sie basür sorgen, daß bei einem türkisch bulgarischen Kriege für leinen der beiden Gegner ein Vorteil herausspringt. Auf Anregung Oesterreichs uub Rußlands wollen die Mächte an bic Türkei und an Bulgarien eine gleiche Mitteilung richten, Hierin erklärt wird, daß im Kriegsfälle keine von beiden | Parteien von den Großmächten Hilfe zu erwarten hat, daß ferner das österreichisch russische Reformprogramm in Kraft ; bleibt und der Status quo aufrecht erhalten werden wird.
Ein Uirfifd)-bulgarifd)er Krieg wäre danach purer Wahn Ita. Aber wann hätten vernünftige Erwägungen ein leiden sch>iftlich erregtes Volk abgehalten, wahnwitzige Schritte zu tun?
Vorsichtsmaßregeln der Mächte.
Nach dem Beispiel Frankreichs, das zwei Kreuzer, unb Englands, das ein ganzes Geschwader nach den türkischen Gewässern entsandt hat, will nun auch Italien feine samte Mittelmeerflotte dorthin entsenden. An eine Intervention denkt keine der drei Mächte; die Schiffe sind lediglich zuun <5d)uf ihrer Angehörigen in der Türkei - angesichts H zunehmenden Christenhasses der muselmanischen Bevölke
Tumq — bestimmt.
Mazedonische Drohungen gegen die Botschafter.
Der russische und der französische Botschafter in Konstantinopel erhielten gleichlautende Drohbriefe vom Mazedonischen Komitee: die russische und die französische Botschaft und die Konsulate beider Mächte in der Türkei mürben mit Dynamit in die Lust gesprengt werden, falls Rußland und Frankreich nicht sofort Schritte für Mazedonien ergriffen. Die Botschafter übergaben die Briefe an Tewfil Pascha mit der Bitte um Schuhmaßregeln. Die Botschaften werden infolgedessen von starken türkischen Truppenabteilungen aufs schärffte bewacht, namentlich gilt das von der deutschen Botschaft, für die man besondere Besorgnisse hegt. Die Mazedonier hassen Deutschland, weil sie glauben, es Hetze die Türkei zu ihrer Ausrottung auf.
Konstantinopeler Besorgnisse.
Die Konstantinopeler Bevölkerung lebt in beständiger Angst vor neuen Dynamitattentntcn der Komitatschis. Man fürchtet namentlich Anschläge auf die zu jeder Tageszeit dichtbesetzten Brücken. Zu Hunderten werden Bulgaren und Mazedonier sestgenommen und nach Kleinasien geschafft. Die Dampfschiffe, die den Verkehr auf dem Bosporus vermitteln, haben fast keine Passagiere. Seit bem Dynamit anschlaa auf den Dampfer „Vaskapu" befürchtet man täglich neue ähnliche Attentate auf die Konstantinopeler Fahrzeuge. Die Aufführung der türkischen Soldaten wird von den Europäern allgemein gelobt.
* * *
Wirren in Kleinasien.
Nachrichten aus Jerusalem lassen erkennen, daß die Erregung der mohammedanischen Bevölkerung schon bis dahin borgebrungen ist. In der Heiligen Stadt kam es ^u Aus sch rängen der Bevölkerung gegen ein russisches Kloster und zur Ermordung der Mächte. - Rußland hat also wieder Anlaß zu einem Rüffel für die Pforte.
Die Politik
dËP Der frühere russische Finanzmunster, jetzige Präsident des russischen Minrsterkomitees, Witte, hält sich gegenwärtig in Berlin auf. Es handelt sich, wie unser Berliner ^.-Mitarbeiter erfährt, bei diesen: Besuch um die Fortsetzung der Beratungen über den deutsch-russischen Handelsvertrag. Diese sollen bekanntlich in Berlin lveitergeführt werden. Herr Witte möchte aber lieber in Petersburg verhandeln. Vormlssichtlich wird man auf seinen Wunsch nicht eingehen.
W Neulich hieß eS, die Bezeichnung „Schiffstaufe" sollte beseitigt und dafür „Namengebung" gesagt werden. Wie sich jetzt herausstellt, ist von einer solchen Absicht an zuständiger Stelle nicht die Rede. Nach wie vor soll die Bezeichnung „Schiffstaufe" nicht verpönt werden.
G Eirr deutscher Kaufmann soll von Eingeborenen der afTitanischen Insel Fernando Po ermordet und auf- gefresien worden sein. So berichtet die Besatzung eines aus Fernando Po kommenden spanischen Dampfers. Die spanische Besatzung von Bata habe die Eingeborenen gezüchtigt. 7 getötet und 25 von ihnen verwundet, ferner feien 5 Dörfer niedergebrannt worden. Die Spanier hätten bei dem Zusammenstoß mehrere Verwundete gehabt. Hoffentlich bestätigt sich die Nachricht nicht. An amtlichen Stellen in Berlin ist, wie unser CB,Mitarbeiter uns schreibt, von der Sache nichts bekannt.
A Die Erhebungen über Chamberlains Zollpläne haben offenbar ein für Chamberlain und seine Freunde im Kabinett ungünstiges Ergebnis gehabt. Das Londoner Kabinett will sie nicht veröffentlichen. In dem Ministerrate, der sich soeben mit den Erhebungen beschäftigte, wurde beschlossen, an der Zollpolitik nichts zu ändern, solange das gegenwärtige Parlament noch besteht. Der Vorschlag, Vorzugstarife innerhalb des britischen Reiches einschließlich der Kolonien einzuführen, soll auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Dagegen ist die Negierung bereit, Wiedervergeltungszölle einzuführen gegenüber solchen Mächten, deren Zolltarife ausdrücklich barauf gerichtet sind, den englischen Handel zu vernichten oder zu beeinträchtigen.
<E Papst Pius X. erweist sich als ein Mann von ent- jdnebener Energie, der sich bei seinen Entschlüssen von formalen Rücksichten nicht beeinflussen läßt. Der Papst hat eine direkte Verbindung mit dem Sultan angefnüpft. Zunächst ließ er unter Uebergehung der französischen Gesandtschaft beim Vatikan, die bisher stets als Mittlerin im Ver- kehr des Papstes mit dem Sultan diente, dem Sultan von der Neubesetzung des päpstlichen Stuhles durch das apostolische Vikariat in Konstantinopel direkt Mitteilung machen. Jetzt bat er persönlich einen Brief an den Sultan geschrieben, in bem er vom Sultan die rechtliche Anerkeimung der katholischen Anstalten im Orient dadurch zu erlangen sucht, daß diese unter den Schutz des Vattkcnrs gestellt werden. Diese Frage des Protccktorats über die Missionen im Orient durch diese ober jene Macht würde auf diese Weise als erledigt erscheinen. Bekanntlich inanen sich die Franzosen über alle europäischen Kafholifen im Orient das Protektorat an, wogegen Deutschland Einspruch erhoben bat mit der Be-
grunvung, es schütze die deutschen Katholiken irnOrient selbst.
0 An der russisch-kaukasischen Grenze ist es zu neuen armenischen Putschen gekommen. Vor einigen Tagen überfiel zwischen Schagrian und Belasuwar eine starke Räuber- bände drei Grenzreiter, von denen einer getötet und zwei verwundet wurden. An demselben Tage traf eine andere Grenzwache in derselben Gegend mit V i e h r ä u b e r n zusammen, denen sie das geraubte Vieh wieder entriß. Von den Räubern, sämtlich Armenier, wurden zwei Mann getötet, die Grenzwache erlitt keine Verluste. ----- Tags darauf sand in Kars in der Wohnung eines gewissen Tandojew eine Explosion statt, bei welcher vier Armenier ums Leben kamen, darunter Tandojew selbst; ein amerikanischer Bürger, John N a ch i k i a n , der vor kurzem eingetroffen war, wurde schwer verwundet und starb bald darauf. Die Explosion erfolgte während der Füllung von Handgranaten durch Nachikian. In der Wohnung wurden 38 kupferne Handgranaten, 3 Kapseln mit Knall- guecksilber, Glyzerin u. s. w. gefunden.
= Kaum ein Tag vergeht in Frankreich, ohne daß man einen Spion auftreibt. Diesmal ist's eine Russin mit gar nicht russischem Namen, Alexandra d'Abazza, die in der Hafenstadt Lorient als Spionin sestgenommen: wurde. Bei einem Staatsbeamter: in Lorient, zu dem die d'Abazza in Beziehung stand, wurden Haussuchungen vorgenommen; aus Briefen, die sich dort fanden, ergab sich, daß die Verhaftete häufig aus bem Auslande, namentlich Russisch- Polen, Gelder empfing. Wahrscheinlich wird sich die Sache ganz harmlos ausklären, genau so, wie die von italie- ii i s ch e n Spionenriechern üorgenommene Verhaftung deS französischen Leutnants Braget vom 13. Chasseuv-Regi- ment. Braget, der auf einem Spaziergänge zwischen dem Col de Lärche und Sargen tière von italienischen Gendarmen sestgenommen, nach mehrtägiger Haft aber wieder freigelassen wurde, hat nachweisen können, daß er kein Spion sei. Da seine Verhaftung obendrein noch auf französischem Boden erfolgte, wird die italienische Regierung sich für den Uebereifer ihrer Gendarmen noch doppelt bei der Pariser Regierung entschuldigen müssen.
-O- Wie sein Nachbar in Bulgarien, so lebt auch der neue Serbenkönig Peter in beständiger Todesfurcht. Rund um den Belgrader Konak zieht sich Tag und Nacht eine doppelte Postenkette, nachts werden an die Posten scharfe Patronen ausgegeben. Vor dem Schlafgemach des Königs halten 12 frostige Schweizer in der Uniform der königlichen Leibgarde Wacht, zwei Schweizer bewachen die Schlafzimmer- tür von innen. Der König hat alle Vorbereitungen getroffen, um augenblicklich ins Ausland flüchten zu können, wenn seine Position unhaltbar wird. — Gegen die Königsmörder erhebt ein Belgrader Blatt ganz öffentlich den Vorwurf, sie hätten nach der Ermordung des Königspaares ein Gewehr deS Königs, einen Brillantring und mehr als eine Million Franks gestohlen. Der Ring befinde sich im Besitze einiger in Nisch garnisonierenden Verschwörer.
Mit Volldampf arbeitet die Union an der Vergrößerung der amerikanischen Flotte. Das Washingtoner Ma- rineoepartement beabsichtigt, vom Kongreß 100 Millionen Dollars zu fordern, die zum Kriegsschifsbau, zum Teil zum Bau von Turbinen-Spähschiffen, verwendet werden sollen. 100 Millionen Dollars sind etwa 400 Millionen Mark . . .
fjof und Gesellschaft.
**• Die Kaiserin fuhr gestern bei stürmendem Regen bom Neuen Palais nach dem Palast Barbarini in Potsdam uub besichtigte dort ein für das Kloster .Heiligengrabe besttmmteS Lhorgestühl. Die Aebttffin des Klosters ist eine Schwester der Hofdame Frl. von Gersdorff, die die Kaiserin bei der Besichtigung begleitete.
•% Der Kaiser und die Kais er in von Rußland werden nach den neuesten Dispositionen bereits am 26. dr. MUS., pu einem Besuche bei dem Großherzoglich tzESstch« Hofe in Darmstadt eintreffen. Während der Air- »«ßeichâ beS Zaren Paares findet die Einweihung der auf der MathildemHShe erbauten russischen Kapelle statt, in toel- 4a am 7. Oktober Prinz Andreas von Griechenland uns die Priu-eftstr Alice von Battenberg den Bund für das Loi« schließe» werde».
r>«r und flotte.
Die Bildung der aktiven Schlachtflotte hat sofort nach der Auflösung der jetzt aus dem Manöver zuruckgekehrten Uebungsslütte begonnen. Die Mehrzahl ^' "nnen Krerizer nnd die WittelSbach-Schisfe banipfcn 3"r >5wtandsetzung nach der Nocdseestatton. Die Schiffe der Kanerklaffe und die großen Kreuzer bleiben in Kiel. Die Küstenpanze:1chlffe gehen nach Danzig. Die Linienschiffe Baden und Württemberg stehen auf der Ostseestation ausser Diensts Die Besatzung vm, Baden geht auf den RritOfof, die von Württemberg °»s dm Okun über Dieser Wechsel erfolgt erst im Oktober, da die Schiffe den Umbau noch nicht beendet haben. Die neue FOrnmtton trist unter dem Oberbefehl des Flottenchefs, Advnratt