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K. 114

Erstes Blatt

Samstag den 16. Mai 1903.

12. Jahrgang

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Das Matt erscheint m eien Bataten *6***t*t*

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3«fertie*d^tei -r Die einspaltige Petitteile für Gießen wb ganz Oderheffen, bte Kreise Wetzlar und MrrbNrg 11 Pfg ssnft 16 Pfg.; Reklamen die Petttßstle 30 resp. M Wg.

Postzeitungsliste R» BOI.

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für Oberhefsen und die Kreise Marburs und Wehlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Krug und frieden.

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^Politische Wochenschau.^

Das bedeutendste politische Ereignis der verflossener Woche, des Kaisers Aufenthalt in den Reichslanden, finde è in französischen Blättern einen Widerhall, der teilweiß I im Trompetengeschmetter den Krieg Heraufbeschwörer ■ will, teilweise mit Schalmeienklängen den dauernden Frie den zwischen Frankreich und uns feiert. Erfreulich ist es Mj die friedlichen Stimmen überwiegen. Krieg und nach­her Frieden, das ist der Lauf der Welt, unt so betitelt sich auch ein bekannter Roman, der nach bei Sturmflut des großen Krieges mit Frankreich erschiencr ist und das unerschöpfliche Thema von der alles bezwin gerben Macht der Liebe behandelt. Ein deutscher Kauf inann, der als Offizier den Feldzug mitmachte, lernte während seines Quartieraufenthaltes die Tochter eines Industriellen kennen. Drei Jahre nach beendigtem Feld­zug kommt er zum zweitenmale als Eroberer nach Fraub re^ch und führt die hübsche Tochter des besiegten Volkes als Kriegsgefangene mit nach Hause. Dieser Roman bau: sich also auf dem Gedanken auf, daß auch wäljrenb des blutigen Waffenhandwerks die menschlich schöneren Em pfindungen und die Beziehungen der einzelnen Menscher nicht erstickt werden. Auf diesem Gedanken beruht je amch die Genfer Konvention. Tie Widerstreitenden natio aalen Interessen bedingen zwar die Auseinandersetzunc mit den Waffen, und der Krieger steht ganz im Dienst! der Staatszwecke, aber er ist nicht der persönliche Feint des unter fremder Fahne fechtenden Soldaten. Zwei Völ­ker mögen, weil zwischen deren Interessen Gegensätze be­stehen, feindlich gesinnt und sogar Erbfeinde sein, abei die in den einzelnen Ländern lebenden Einwohner sind . es nicht, sondern sie sind durch tausend Baude miteinander znr großen Familie des kulturellen Menschentums ver­einigt.

Durch einen falsch verstandenen Staatszweck sind Frankreich und Deutschland Jahrhunderte lang Erbfeindc . gewesen, weil als ungelöstes Problem die Frage des Rhein- besibes zwischen ihnen stand. Infolge des Länderhungers früherer Jahre hat Frankreich seinen Besi^ßand /iber bi( uatürliche Grenze hinaus, über die Vogesen, die, wic ■ überall in der Welt die Gebirge, eine natürliche Scheidc- iirauer zwischen den Nationen bildeten, erweitert und fiel i an dem Oberlauf des Rheines festgejebt. Ein solcher Fluß i hat eine fast magische Gelvalt auf die Umgebung. Es ist, als ob er gewaltsam den Geist und die Besitzinteressen ritt sich forlrisse. So entstand durch die Tätigkeit der „Wie­dervereinigungskammern", die fast ohne blutigen Zwiß das Reich des Sonnenkönigs Ludwig XIV. erweiterten jener Jahrhunderte lange Gegensatz, der beide Völker nicht zur Ruhe kommen ließ. Der letzte große Krieg hat bi 'natürlichen Grenzen wieder hergestellt und dadurch in seinem Schoße den Frieden gebracht, wie er in dieser Dauer in Europa noch nicht erlebt wurde. Krieg und Frieden! Die friedlicheren Beziehungen sind ja allerdings auch durch die veränderte Auslassung der Diplomatie von der inneren Kraft eines Volkes entstanden. Nicht bei Landesbesitz ist das Fundament der Macht, sondern di innere Geschlossenheit. Stammesverwandtschaft, Gemein samkeit der geschichtlichen Erinnerungen und der kultn rellen Errungenschaften. Tie steigende Volksbildung ha die Völker in ihrem Nationalbewi.ßtscin gestärkt, und da­her innerhalb der einzelnen Staaten, wenn sie keine ein­heitliche Nationalität aufweisen, Konflikte entstehen lassen die an der Machtstellung des Volkes zehren. Tie real denkende französische Diplomatie kann nicht niehr daran denken, die Reichslande überhaupt nur zu begehren, denn die inzwischen bei der Mehrzahl der Bevölkerung zurücl- gewonnene deutschnationale Gesinnung würde den jetzt einheitlich geschlvisenen Staatsorganismus der Franzosen jenen inneren Wirren aussetzen, wie Oesterreich sie an den Tschechen, Ungarn an den Kroaten und Slovenen und die Türkei an den Mazedoniern erlebt. In der fran­zösischen Diplomatie starb der Chauvinismus, als Bou­langer am Grabe seiner Geliebten mit einem Revolver­schuß seinem Leben ein Ende machte, und der Höflichkeits- austausch, wie er jetzt zwischen den Behörden von Bre»'t und den dort gelandeten deutschen Marineoffizieren voll­zogen nnrb, ist mehr als eine Etikette; er ist die sym­bolische Kundgebung der inneren Wandlungen in der euro­päischen Politik. Inzwischen hat sich auch im Reichslandc ein bemerkenswerter Umschwung vollzogen. Es hieße bei Wahrheit ins Gesicht schlagen, wenn man leugnen wollte daß die religiöse Stellung der reichständischen Bevölke­rung auch ein Konfliktskeim war. Die Mehrzahl in ka tholisch; Frankreich ist ein katholisches, Deutschland'aber ein überwiegend evangelisches Land. Für das amtliche die Gewinnung des Klerus und bei katholischen Bevölkerung ein Hauptmickel der Verdeutsch ung. Und d es Ziel ist erreicht. In Straßburg wird be der Universität die katholische Fakultät errichtet, und ir Metz wurde bte neue Kathedrale in Gegenwart des zum päpstlichen Delegaten ad hoc ernannten Fürstbischofs Kop^ durch den Kaiser eingeweiht. Darin liegt für den Klerus der Wink, daß er sich rückhaltslos dem Deutschen Reich! anvertrauen foIL so baü also ^r iTmf^hiHna in hPM in.

ternationalen' Beziehungen auch durch die parallele Eut- wicklung unserer nationalen Politik einen Sck'i punkt hat Vielfach wird angenommen, diese Wendung der Tinge könne in Frankreich verstimmen, allein die Aenderung der politischen Anschauungen nimmt für eine berarti / Auffassung alle Vorbedingungen. Der Konflikt mit Frank­reich mag ja vielleicht die vatikanische Politik gegenDeutsch- tand friedlicher gestimmt haben, aber auf Deutschland und Frankreichs Verhältnis hat das alles keinen Einfluß Wir sehen hier, wie das eine das andere bedingt, der inneren Zusammenhang zwischen „Krieg und Frieden"

Der Kaiser im Refcbdlaride.

Zu einer erhebenden Feierlichkeit gestaltete sich bte n Gegenwart des Kaiserpaares vollzogene Einweihung des neuen Portals der Metzer Kathedrale. Der Kaiser über« gab das Portal dem Bischof Benzler mit einer Ansprache, in der er u. a. sagte:

,,Ein Meisterwerk der Architektur und Bildhauer­kunst, hat es die freudige und bewundernde Anerken­nung Seiner Heiligkeit des Papstes gefunden. Die An­wesenheit seines Stellvertreters (des Kardinals Dr. Kopp. D. Red.) ist eine besondere Ehre für das Bistum und das ganze Lothringer Land, zu der ich Ihnen meinen herzlichsten Glückwunsch ausspreche. Mögen durch b-te Pforte fromme Christen und treue deutsche Untertanen zum Dienste ihres Herrn ihren Eintritt nehmen. Das Walte Gott!"

Nach diesen bedeutsamen Worten gab der Kaiser das Zeichen zur Enthüllung des prächtigen Portals. Bischoj Benzler dankte dem Kaiser, von dessen hohem christlichen Sinne der Portalbau zeige, und feierte den Herrscher als Friedensjürsten. Er schloß mit Segenswünschen für das kaiserliche Haus. Dann vollzog das Karserpaar und nach ihm auf Geheiß des Kaisers Fürstbischof Kopp eine auf Die Feier bezügliche Urkunde, und Kardinal Dr. Kopp nahm mit der Geistlichkeit die Weihe des Portals vor In der Kathedrale selbst wurde noch eine erhebende mu­sikalische Feier veranstaltet, dann begab sich das kaiser­liche. Paar nach dem Bezirkspräsidium, wo ein Festmahl üattsand. Bei dieser Gelegenheit verteilte der Kaiser an Die Anwesenden Medaillen, die er anläßlich der Einweih­ungsfeier des Christusportals an der Kathedrale hatte am fertigen lassen. Sie sind aus Bronze hergestellt und ha- ben einen Durchmesser von beinahe 7 Zentimeter. Sic zeigen auf der einen Seite das Profilbild des Kaisers mit dem Adlerhelm der Garde du Corps und der la­teinischen. Inschrift: „Kaiser Wilhelm II. Kaiser und Kö­nig", auf der anderen Seite befindet sich das Bild der Metzer Kathedrale mit dem neuen Portal. Abends wa­ren die öffentlichen und Privatgebäude prächtig illumi­niert. Nach dem Festmahl empfing der Kaiser den Kar- dinalfürstbischof Dr. Kopp in besonderer Audienz; am Schluß der Unterredung überreichte er dem Kardinal das Großkreuz des Roten Adlerordens. Erzbischof Dr. Fi­scher-Köln, der ebenfalls an der Feier teilnahm, erhielt den Roten Adlerorden 2. Klasse mit Stern, auch andere welt­liche und geistliche Würdenträger erhielten Ordensauszeich­nungen.

selbst hat daraus auch fein Heyl gemacht, und vor eini­ger Zeit verlautete auch, er wolle sich als Kandidat des Zentrums aufstellen lassen. Die Zentrumspartei scheint jedoch für diese Kandidatur keine Meinung ge­habt zu haben, wahrscheinlich hat sie die parlamentarische Befähigung Lochuings nicht für genügend erachtet, um ihm ein Mandat anzuvertrauen. Auch die Freisinnige Vollspartei hat ihn lediglich als Zählkandidaten aufge­stellt; daß er etwa gewählt werden könnte, ist völlig aus­geschlossen. Man wundert sich in Posen allgemein, daß eine Partei, die ernst genommen werden will, einen po­litisch kaum besonders befähigten und vor kurzem noch einer anderen Partei zugehörigen Mann — wenn auch nur als Zählkandidaten — aufgestellt hat.

Eine neue Spiouagegefchichte in Frankreich.

(—) Tie Spionenriecher jenseits der Vogesen können sich freuen: Wieder ist ein Spion gefaßt, und diesmal scheint es sogar ein wirklicher zu sein. In Nancy wurde am Donnerstag, wie jetzt erst bekannt wird, durch einen eigens aus Paris gekommenen Kriminalkommissar ein früherer Postbeamter, jetziger Kaffeehändter Badiguet ver­haftet; er wird bezichtigt, militärische Papiere an Deutschland ausgeliefert zu haben. Auch Badiguets Frau, die zum Besuch bei Verwandten in Lyon weilte, wurde dort ebenfalls verhaftet. Badiguet war s. Zt. aus dem Postdienst entlassen worden, weil er der Be­teiligung an den Diebstahl eines Depeschensacks bezichtigt war. Er machte sich in Nancy dadurch verdächtig, daß sowohl er wie seine Frau häufig ohne besondere Ver­anlassung nach Reims und Straßburg reisten. Man wird ja bald näheres über diese neueste „Affäre" hören.

Kurze politische Nachrichten.

* Das Kaiserpaar ist in Urville eingetroffen und hat un dortigen Schloß Wohnung genommen. In Kürzel wur­den die hohen Herrschaften vom Kreisdirektor, dem Bür­germeister und der Geistlichkeit empfangen. Am Bahn­höfe hatten Vereine und die Schuljugend Aufstellung ge­nommen.

* Der Rücktritt des Erbprinzen Bernhard von Sachsen- Meiningen ist, wie jetzt bekannt wird, auf ein Hand­schreiben des Kaisers zurückzuführen, in dem diese/ dem Lrbprinzen befahl, den Erlaß betr. die Sotdatenmißhand- ungen zurückzunehmen. Offenbar hat die Form des Er- asses, mit dessen Inhalt der Kaiser sonst im ganzen ein­oerstanden war, Veranlassung zu diesem kaiserlichen Be- ehl gegeben.

* In Santiago de Chile ist der Streik der Stauer be­endet und die Arbeit wieder ausgenommen.

* Der Lokomotivführerausstand in Melbourne hat mit einer völligen Niederlage der Streikenden geendet; der Borsitzende der Lokomotivführervereinigung hat an den Ministerpräsidenten einen Brief gerichtet, in dem unter sedingungsloser Unterwerfung der Ausstand für been- )et erklärt wird.

Die Politik.

Etwas Neues vom Zolltarif.

O Von den beteiligten Ressorts werden gegenwärtig die Vorarbeiten erledigt, die nölig sind, um den neuen Zolltarif zu einer wirksamen Masse für die Handelsver­tragsverhandlungen zu machen. In Berlin tagt z. Zt., wie unser OL.-Mitarbeiter uns meldet, eine aus besonders er­fahrenen deutschen Zollbeamten bestehende Kommission, die damit beschäftigt Ot ein den neuen Zolltarif erläu­terndes amtliches Warenverzeichnis auszuarbeitcn. Ta- Grundprinzip der Handhabung des neuen Zolltarifes wird die sorgfältige Durchführung der Vorschrift sein, daß je­der Importeur eine genaue und verbindliche spezielle De­klaration der einzuführenden Waren abzugeben hat. Bis­her besorgte die Zollbehörde selbst diese spezielle Dekla­ration und die Tarifierung der Waren. Tie Verantwort­lichkeit für die Importeure wird durch das neue Ver­fahren weit größer, für die Zollbehörden vereinfacht sich dagegen die Arbeit beträchtlich. Die Fertigstellung des neuen Warenverzeichnisses ist wegen der Unzahl der dabei in Betracht kommenden Waren außerordentlich schwierig Auch die Vor- und Ausbildung der Zollbeamten wird in Zukunft durchgreifende Aenderungen erfahren, damit sic den künftig sehr gesteigerten Anforderungen an ihre Wa­renkenntnis zu genügen im Stande sind.

Die Sensationskandidatur Loehning.

0 Tie Nachricht von der Ausstellung des vielgenannten früheren Posener Provinzialsteuerdirektors Loehning als Kandidaten der Freisinnigen Volkspartei im 4. Berliner Wahlkreise erregt wie unser CB.,Mitarbeiter aus Po­sen hört, dort lebhaftes Befremden. Man erinnert sich, daß Herr Loehning früher nicht zum Liberalismus neigte, sondern allgemein als Anhänger des Zentrums galt. Er

Huf der ^agd nach dem P4ann.

— Zum Betrugsprozeß Pauder. —

DF. Dresden, 14. Mai.

Wir brauchen auf Berlin nicht mehr neidisch zu sein, auch wir huben unsere Anna Rothe. Die Handelssrau Minna Pauker , die heute van unserer fünften Strafkam­mer zu 8 Jahren Zuchthaus, 1500 Mk. ©elbftrafe, so­wie zum Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von 20 Jahren verurteilt wurde, übertrifft ihre Berliner Nebenbuhlerin sogar in vieler Hinsicht. Zwar steht sie nicht auf so gutem Fuße mit der vierten Dimen­sion wie jene und ließ wenig Geister erscheinen, aber da­für verstand sie selber um so meisterlicher das Wahrsa­gen. und da ihr der Blick in die Zukunft und Vergangen­heit aus den Linien der Hand beschieden war, tonnte sie ja 4>as spiritistische Beiwerk auch getrost entbehren. Weit über aber ist sie der schlauen Berlinerin in der Kunst, die Leichtgläubigkeit ihres Nächsten auszunutzen. Eine große Schar von Opfern aus allen Ständen, die die Angeklagte mit ihrer „wissenschaftlichen" Wahrsagekunst an sich gelockt und ausgebeutet hatte, zag heute vor den Blicken der zahlreich erschienenen Zuschauer vorüber. Während aber bei der Rothe Männlein und Weiblein sich in die fragliche Ehre teilten, der „Begnadeten" Die Mittel zu einem sorglasen Leben zu liefern, sind es im Falle Pauder ausnahmslos Frauen, die ihre mehr oder minder großen Scherflein dazu beigetragen haben. Und das fand in der Verhandlung seine ganz einfache Erkläruna darin, daß die schlaue Pythia verstanden hatte, ihren Klientinnen einen lockenden Köder hinzuhalten, mf den sie alle gern anbissen, von der Gräfin bis zur Nähterin und Fabrikarbeiterin. Tenn das muß man Frau Pauder lassen, sie hat keine kastengeistigen Vor­urteile: Geld riecht nicht, ob es aus den parfümierten Händen der Aristokratin, ab aus den zerstochenen der Schneidermamsell oder den arbeitsharten des Fabrik­mädchens kommt. Sie alle gaben es ja so gern, winkte Ismen doch als Entaelt für die Hingabe ihrer Erspar-