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Nr 63. Erstes Blatt.
Montag, den 16. März 1903.
12. Jahrgang.
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Lbo»«eme«tSprelS : in Gießen, abgehsU monaUich 50 Pfg., tn'S HauS gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vtenel- jährlich Mk. 1.50.
Orati-beil«ge« : Lberhesfische Famtlie«zettu«g (täglich) Oberhesstsche Zeitschrift für La«dwirlschaft, Cb ft- «»d Gartenbau, sowie die Gieße»er reise«blase« (wöchentlich). DaS Blatt erscheint an eKew Werktagen nachmittags.
Gießener
J«sertto«spre1 »1 Die einspaltige Petitzeile für Gießen toh ganz Cbcrbcffen. die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg sonst 15 Pfg . Reklame, die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.
Postzeitungsliste No. 3269.
Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 88» ^er«sprecha«schl»ß Nr. 868.
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(Gießener Ungevtatt) Flnaöhängige Tageszeitung (Gießener Ieitnng)
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für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen
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Mo und wie soll man sparen ?
— Zur Beleuchtung der Finanzlage im Deutschen Reich. —
RK. Die ungünstige Finanzlage im Reiche muß nuaenblicklich manchen unzeitgemäßen Mängeln und «inhaltbaren Zuständen als Deckmantel dienen. So vor allem ist die Mehranstellung von Postassistenten, die Erhöhung der Oberstlentnantsgehälter, die Mehraustven Dung für Veteranen und Invaliden an der ungünstigen Finanzlage gescheitert. Neue (hnfommensquellen zu er schließen, ist eine Unmöglichkeit. Tie von der Linken gewünschte Reichseinkommenstener scheitert an bem Wi derstande des Bundesrates, der störende Wirkungen er jvartet, wenn die direkten Steuern von zwei verschiedene«« Rechtssnbjckten, dem Reich und den Einzelstaaten, ptngcforbert würden. Nicht genug bamit, daß dadurch die direkte Steuerlast zi« einer unerträglichen Höhe steigen müßte, würde jedenfalls auch das Reich die Vorzugs- fiellung unb das Recht der Einforderung dieser Stenern geltend machen unb das wäre dann nichts anderes ols tRne zentralistische Entwicklung. Das Reich würde aus einem Bundesstaate zu einem Einheitsstaate werden unb die Einzelstaaten würden infolgedessen zu der Bedeutungslosigkeit von Provinzen hernntersinten. Dafür wird der Bundesrat niemals zn haben fein. Es bleibt also für absehbare Zeit dabei, daß die indirekten Steuern die Einnahmequellen des Reiches finb nnd daß die Cinzelstaaten die Fehlbeträge durch llmlagebciträgc nach Dem Kopf der Bevölkerung auszubringen haben.
Wenn aber nach einer Periode von gnten Jahren irMc:l)tc Zeiten fommen, dann ist es Pflicht, eine Be - sernna der Verhältnisse von einer weisen Sparsam seit zu erwarten. Allerdings gibt es hierfür auch einen Unterschied. Nicht alle Ausgaben, die erspart werben, sind ein Bermögensgewinn. Es inuß zwischen produktiven ; und unproduktiven Ausgaben genau nnterfchie- Den werben. Es wäre sonach ganz verkehrt, wenn wir etwa an der Vervollkommnung unserer Rüstung sparen wollten. Das könnte sich einmal bitter rächen. Ten mageren Zeiten aber müßte alles Dekorative jum £pcer fallen. Kostspielige Uniformen und kostspielige öffentliche Bauten sind ein Luxus, der am ehesten entbehrt werdest kann. Wir glauben, daß namentlich in unseren« Heere sehr vieles durch eine Vereinfachung der Bekleidung und eine anspruchslosere Lebensführung der Offiziere gespart werden könnte. Hü raus muß vor allem Oer Rotstift der parlamentarischen Budgetzensoren abzielen Leider aber werden alle diese Dinge im Reichs lag lediglich von den oppositionellen und vielfach als beeresgegnerisch angesehenen Parteien vorgebracht und verhallen deshalb wirkungslos. Unb doch erscheint uns eine Erziehung zur Einfachheit unb zur Schlichtheit and) im äußeren Bilde des Soldatenwesens der ge- fünde Mem aller Sparsamkeitsbestrcbungen zu sein.
Ein weiterer Zopf, der ohne Schaden entbehrt werden kann, ist die burcaufraiifchc Art des behördlichen Verkehrs. Durch einfacheren Stil und Ausnutzung der schreibtechnischen Fortschritte unserer Zeit könnte viel Eelb und viel nützliche Zeit. erspart werden. Tas gleiche gilt natürlich auch für die Einzelstaaten. Bei beu Gerichten werden beispielsweise heute noch, wie seit tätiger Zeit, die Akten mit der Hand abgeschrieben unb für alle Kopien neu geschrieben, anstatt, daß ein Schrei ber den Inhalt auf einer Maschine durch ein Farben- band durchschlägt und bann durch mechanische Perviel sältigungsmittel kopiert. Bei diesen beiden Punkten muß Die Sparsamkeit einsetzen, dann wird den Veteranen, den Oberstleutnants und den Postassistenten auch eine Bc rucksichtigung ihrer gewiß nicht unbilligen Forderungen 91 teil werden können
Chamberlains beinikehr.
Vom Jubel einer unermeßlichen Menge um braust ist der aus Südafrika zurückgekehrte englische Kolonial' minister in Southampton ans Land gestiegen. Ter Bürgermeister überreichte ihm eine Willkontmens-Adresse, aus die Herr Chamberlain mit einer Rede antwortete, ^ie in mehr als einer Beziehung bemerkenswert ist Ter Minister warnte davor, die Erwartungen allzu hoch zu spannen, meinte aber doch, er sei voller Hoffnung und Vertrauen. Er sei überzeugt, daß die Versicherungen der Burenführer in den neuen Kolonien und ber Hollän- d ersührer in ben alten, daß dieselben die neugeschaffene Situation acceptiertcii, glatt angenommen werden könnten. Es wäre Pflicht her Engländer, die Gleichheit zu gewähren, die sie selber beanspruchter«. Dies würde sicher geschehen und so würden zum erstenmal in der südafrikanischen Geschichte Engländer und Hoi- (änber für ein gemeinsames Ziel zusammen arbeiten.
Unterliegt es feinem Zweifel, daß das Anseheu unb die Popularität des Ministers in England bedeutend erhöht worden sind, so wirb der unbefangene Beobachter des Auslandes über die Erfolge ber südafrikani
schen Rundreise wesentlich anders denken, als Herrn Chamberlains Landsleute. Es ist Herrn Chamberlain nicht gelungen, die beiden in Südafrika sich gegenüberstehenden Racen miteinander auszusöhnen, ja, eine Aussöhnung der beiden Stämme auch nur anzubahnen, cs ist ihm nicht gelungen, die Buren ben Engländern nennenswert näher zu bringen, unb ebensowenig, die Ge gensätze zwischen den Parteien in ber Kapkolonie zu mildern Ja, er hat nicht einmal die Burengenerale zum Einniritt in den Gesetzgebenden Rat zu bewegen modit.
Gleichzeitig mit bei Heimkehr Chambe laius kommt die Nachricht, daß alle Einwohner Natals und des Zululandes, welche des Hochverrats und anderer Vergeb.«« augeklagt waren, soweit ju u ich nicht abgeurteilt würben, begnadigt worden sind. Eine Begnadigung von Kapre bellen hat auch der Gouverneur in nahe Aussicht gestellt. Ta muß man doch fragen, warum bic Begnadigung für alle „Rebellen" nicht schon während ber Anwesenheit Chamberlains in Südafrika proklamiert worden ist. >?ert Chamberlain hätte alsdann dort bessere Eindrücke hinter lassen, als es so der Fall gewesen ist.
Die Politik.
Die „Aussöhnung" mit bem Haus (< umberland.
:: Tie bevorstehende Reise des Kaisers nach Kopenhagen hatte befauutlich 511 dem (Gerüchte von einer beabsichtigten ober ungebahnten Aussöhnung mit bem Herzog von Emu berland Veranlassung gegeben. Tabei trat auch wieder das alte (Gerücht von einer geplanten Verlobung zwischen dem deutschen Kronprinzen und der zweiten Toch er des Herzogs, Prinzessin Alexandra, auf. Man woll e sogar wissen, Kaiser Wilhelm habe sich für diese Verlobung unb mit dieser für die Aussöhnung mit dein Hause Cum- berland bemüht. Ter Kaiser, so hieß es, wandte sich in einem in dänischer Sprache geschriebenen Briefe an die Herzogin Thhra von Knmberland Dieser Brief sei durchaus versöhnlich gehalten gewesen und habe die Fa «nilienverbindung ungebahnt. Tie Herzogin habe auch dieses Projekt unterstützt und erreichte soviel, daß ihr Gemahl mit ihr nach Kopenhagen fuhr. Am 85. Geburtstage des Königs Christian sollte bic Verlobung proklamiert wer den. Das alles war gut vorbereitet, als plötzlich der $cr* zog in Kopenhagen feine Gesinnung änderte. Diese Ge schichte las sich sehr interessant, sand aber wenig Gläubige. Jetzt sammt auch bereits ein geharnischtes Tementi hin terprr. Die „Kölnische Zeitung" bezeichnet in einer affi Ai öfen Mitteilung das ganze als eine Ente.
Rnuc politische Nachrichten.
* Tie Budgetkommission des preußischen Abgeord« netenhanses hat die für die Vorarbeiten zur Herstellung eines königlichen Resideuzschlosses in Posen geförderten .">00(XX) Mark bewilligt.
* Der Direktor im Eisenbahnministerium Geh. Ober Regierungsrat Möll hausen hat seinen Abschied nach, gesucht.
* Wie die „Neue Freie Presse" meldet, hat der Kabv netliches des Königs von Serbien, Pctrvnjewitsch, in ber ihm in Budapest vom Kaiser Franz Joses gc- währten Audienz ben Besuch König Alexanders an gekündigt.
* In Sofia verlautet, das Oberkommando der «naze- Oonifdien Gendarmerie fei Herrn v. M a ch, dem Vertreten Der „Köln. Ztg." in Konstantinopel, an geboten worden doch habe dieser den Antrag abgelehnt. Herr v. Mack war preußischer Offizier und trat in ben achtziger Jahren in bulgarische Militärdienste. Nach dem Starke rcs Fürsten Alexander.schied er als Oberstleutnant aus bem bulgarischen Heere.
* Bezüglich ber Aufhebung der Blockade des Orinoco verlautet, daß bic Regierung der Ver. Staaten beschlossen hatte, unter gewissen Bedingungen die Blockade anzuerkennen. Es wurde Venezuela daher bedeutet, daß England, wenn Venezuela bie Blockade aufrechterhaltc, Die Aufständischen als kriegführende Partei anerkennen unb die britischen Häfen für venezolanische Kriegsschiffe schließen werde. Diese Drohung soll auf Castro Eindruck gemacht haben.
wunderbarsten Tcnen des menschlichen G. nies ji „üblen sein. Der gelehrte Professor behauptet nämlich, das Ek heimnis gesunden zu haben, mittels eines besonderen Apparates den Blinden das 'Augenlicht wiederzugeben, nicht nur denen, «veiche es besessen und verloren paben, sondern denen, welche es nie gehabt haben. Einstwei l n erfährt man nur, daß der Apparat den Zweck habe, das feylende Auge 511 ersetzen, indem er das Bild wiedergibt und es dem Ekhirn übermittelt. Das ist alles, was man bis seht weiß; denn Professor Stiens, bc; seine Erfindung noch bebeutenb vervollkommnen muß, weigert fidi vorläufig, bic Einzelheiten derselben be'aunt zu geben.
Tie Nachricht von einer solchen Erfindung mußte natürlich in der ärztlichen Welt eine sehr lebhafte Weugter hervorgerufen, nnd Dr. Caze gab sich, wie er selbst sagt, die größte Mühe, zu Professor Stiens zu gelangen, der ihn schließlich auch mit dem gegenwärtigen Stand seiner Forschungen bekannt machte. Caze war ganz erstaunt Darüber. „Nachdem er mich in ein kleines schwarzes Zimmer geführt hatte," schreibt er, ,verband mir Professor Stiens die Augen. In vollständige Blindheit versetzt, hörte ich ihn kommen und gehen, Zündhölzchen anznnden eine Lainpe anzünden u. f w., aber ich konnte trotz aller Bemühungen nicht den geringsten Lichtschein wahrnehmen. Plötzlich fühlte ich, daß Professor Stiens mir seinen Apparat an die Schläfen legte, und sofort nahm ich ein unbestimmtes Licht wahr, das die in meiner unmittelbaren Nähe besindtichen Gegenstände beleuchtete. Tann konnte ich ganz genau eine Hand vor meinen An gen sehen unb bic Finger zählen, bie sie mir entge enhielt, es waren drei. Nach nn^ nach wurde das Licht khä fer unb unb ich unterschieb bic verschiedenen Möbel, bi ich im Zimmer befanden. Es waren zwei Tische und acht Stühle, bic ich ohne Mühe zählte. Ich hatte während dieser Zeit das Gefühl, daß ich meine gewöhnliche Sehkraft wiederer taugen würde, wenn der Versuch fortdauerte. Plötzlich aber wurde ber Apparat entfernt, unb ich befand mich wieher in vollständiger Finsternis. Der Versuch war zu Ende." Andere Aerzte, bic gleichfalls den Apparat des Professors Stiens erprobt haben, wissen sich die erzielten Resultate auch nicht zu erklären.
Prof. Stiens selbst machte folgende Mitteilungen: Der Mensch sieht nicht mit seinen Augen, sondern mit seinem Gehirn. Tic Augen dienen ihm nur, die Bilder aufzn- nehmen, die der Sehnerv dann zum Sitze der Wahrnehmung trägt. Tie Blinden machen sich durch das Tast gesüßt einen sehr genauen Begriff von der äußeren Gestalt der Gegenstände. Wenn der M.nsch der Augen beraubt wäre, würde irgend eines feiner Organe Ersatz dafür bieten. Gewisse Tiere niederer Ordnung besitzen kein S-chorgan. Bei Wnen nimmt der ganze Körper das Licht wahr. Wenn also ein BUd ohne die Mitwirkung der Augen dem Gehirn übermittelt werden taun, wird der Blinde genau dieselbe Wahrnehmung haben wie ber Sehende. Das ist die Hauptldee des Professor Stiens. Das Bild fällt aus einen Lichtschirm, her die Stelle her Netz Haut vertritt, und wird bann durch einen elektrischen Strom zum Gehirn getragen. Der Apparat hat also die selbe wissenschaftliche Bosis wie das Telephon. Er beschränkt fidi daher auch nicht darauf, den Blinden die Seh traft wiederzugeben. Er will vielmehr auch ein Bild nach irgend einer beliebigen Entfernung hintragen unb für die Uebertragung des Lichtes dieselbe Rolle spielen, die das Telephon für die Uebertragung der Töne spielt.
Tie Erzählung Cazes hört sich wie ein wissenschaftliches Märchen an, wie ein schöner Traum, dessen lachende Perspektiven sich vor den umuad)teten Augen unserer unglücklichen Blinden in verUcfenbem Glanze auftun. Und doch, warum sollte dieser Traum nicht Wirklichkeit werden, da doch so viele wunderbare Erfindungen der Neuzeit, an denen wir heute achtlos als ganz natürlich und selbst verständlich vorübergehen, unseren Vorfahren als die größ «en Wunder erschienen wären. Und bei der strengen Wissen schaftlichkeit der „Revue des Revues" und dem Ruf des Dr. Caze besteht bie begründete Hoffnung, daß das frohe Licht, das in die Nacht her Blinden hincinlenchtet, sich als kein Irrlicht erweisen wird.
Die Blinden werden sehen . . .
(Nachdruck verboten.) Paris, 14. März.
Ein neues Evangelium tont durch den Mund einer bedenkenden Pariser Arztes hinaus in die Lande und er meeft freudigen Widerhall unter den Aermsten der Armen die in verzehrender Sehnsucht nach bem goldenen Sicht schmachten: „Und Die Blinden werden sehen," so leitet Dr. Cazc in der „Revue des Nevues" seinen Berich« übci die Entdeckung des Prosessors Peter Stiens ein. Wenn diese Entdeckung hält, was sie verspricht, wird sie zu ben
Deutscher Reichstag.
WA « tz luq. Eigener Bericht.
— Marineetat.. —
Bei den Forderungen für artilleristische sowie für Torpedo-Armierungen für neue Schiffe hat die Kom- missen überall größere ober kleinere Abstriche Vorgenommen und das Haus beschloß demgemäß, trotz der Erklärung des Staatssekretärs v. Tirpitz, daß die For- berungen im nächsten Etat natürlich nur um so größer fein würden. Auch bie Forderungen sstr den Bau eiaeé neuen Tienstgebäudes für das Reicksmarincamt lsechs Millionen Mark für Grunderwerbnn^en in der Bel- levuestrerße in Berlin und 80 000 Mk. erste Baurate) hat die Kommission bekanntlich gestrichen. Ter Staatssekretär v. T i r p i b suchte nochmals das „Vernünftige"