Einzelbild herunterladen
 

Nr 39.

Montag, den 16. Februar 1903.

12. Jahrgang.

NLo«»eme«tspreis: ht Siegen, ab-ehslt monatlich 50 Pfg., in'S HauS gebracht 60 Pfg., durch die Post beiMtn vieiicl- jLHrlich Mk. 1.50.

•titit&eUagtw: Oberhefstsche Familie»;eitu»a (täglich) Oberhesstfche Zeitschrift fit r«,bwtrrsch«ft, Odft- *xt G«rte»ba», sowie die ®tefcmer eetfnrblrfei iwöchentlich).

DaS Blatt erscheint an in ei Werktagen nachmirrag S.

Gießener

J»leret»»-prei »- Du nnspalrige Petitzeile für Gichcn wü gun, Oderbessen, btt Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg tonst 15 Psg..- Reklomen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3969.

Redaktion und Erveditrou : ließen Neuenweg 38. ktzerusprech«, sch l»st Nr. 3M.

Ieuelle Wachrichlen

(OieHener Regeltest) Hlnaööängige Iag,s)«tung (Lietzener ^etfimg)

für Oberheffeu und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen Mld Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Die friedensprotoholle mit Venezuela unterzeichnet!

D«> von aller Welt nnt Ungeduld Entartete ist denn ^nn wirklich erfolgt: Am Freitag nachts um die zwölfte Shixbe sind die drei Protokolle zur Beilegung des leidi- zen Konflikts mit der südamerikanischen Republik von 3en Vertretern der drei vereinigten Mächte einer und Dem Gesandten Bolven als Bertroaer Venezuelas anderer- leits unterzeichnet worderr. Die Nachricht wurde sofort in die Signatarmächte telegraphiert unb diese tauschten Gratulationen aus.

In dem deutschen Protokoll verpflichtet sich die vene- botanische Regierung, die sogenannten erstklassigen F^r- gerungen, welche sich auf 1 718 000 Bolivar es belaufen, ofvrt in vollern Umfange teils in Bar, teils in Wechseln, für die hinreichende Sicherheit gegeben ist, zu begleichen. Reiner wird die Berechtigung sämtlicher übrigen deutschen Forderungen grundsätzlich anerkannt; sie im einzelnen fest- jufkllen, wird die Aufgabe einer gemischten Kommission ietn. Als Sicherheit dienen, wie schon erwähnt, 30 Pro­zent der Zolleinkünfte von La Guayra und Puerto Cabello, 'in Petrag, der auf jährlich 51/2 Million Bolivares ge- lchätzt wird. Weiter soll bic Frage, inwieweit diese Sicher- seiten den drei Blockademächten oder auch den anderen Rächten für ihre Forderungen gegen Venezuela zu gute 'omnien sollen, von dem (Schiedsgericht im Haag ent­schieden lverden, wenn nicht darüber eine anderweite Eini- ^ung, erfolgt.

Wie das Reutersche Bureau erfährt, haben die Befehls­haber der verbündeten Geschtvader bereits Befehl ei' falten, d ie Blockade aufzuheben.

Nach Privatmeldimgen wird auch die Rückgabe aller zenomnwnen Kriegs und Handelsschiffe an Venezuela ^ipuliert.

ES ist keine Festes-, keine Jubelstim mung, in der man b ei unS die Kunde von dem vorläufigen Abschluß )er Unterhandlungen begrüßt. Um große Freude zu er* vecken, dazu ist der ganze Fall, bei dem neben den pekuniären Interessen freilich auch die Ehre und das Ansehen dos deutschen Namens auf dem Spiele stand, richt "angetan. Aber das Hangen und Bangen ist dock) oorbet, der Ungewißheit ein Ende gemacht! Daß die Angelegenheit zu dem immerhin befriedigenden Ende gediehen, ist nicht am wenigsten der Umsicht unseres Geschäftsträgers Speck v. Sternburg und der Entschlossen- leit der Befehlshaber unserer Streitkräfte in den ve- ie^tanifd>en Gewässern zu verdanken, die unbekümmert am den étnbrucf, den ihr Vorgehen bei unseren Geg- iem hervorrufen würde, taten, was Recht und Pflicht hnen gebot.

Deutscher Reichstag.

254. Wtzuog Ei,ener Bericht.

^ ^^ F Nachlese. —

Man merkte es heute dem Hause an, daß die sozial- politischen Auseinandersetzungen, die sich schier bis ins Kudtose ausdehnen, kein rechtes Interesse mehr finden Das Haus war leer und auch bic Nachfrage nach Einlaß "arten hatte nachgelassen. Die Redner verschiedener Par­teien, Pëus und Molkenbuhr von den Sozialdemo­kraten, Sittart vom Zentrum, Franken von den Na- ^ionalliberalen, Dr. Grüger von der freisinnigen Volks- partei unb Dr. Barth von der freisinnigen Vereinigung erinnerten, indem sie die Vorzüge ihrer Parteien priesen, rv das bekannte Lied des schwäbischen Dichters ,,Preisend nit viel schönen Reden". Aber auf einen Höhepunkt gedieh nie Debatte nicht mehr; auch wurden keine neuen Vor Schläge mehr gemacht. Das Interesse war erschöpft. Dic- -enigen Redner, die bereits vorher einmal gesprochen hat­ten, haben heute nur deshalb das Wort ergriffen, um Rich Hgftc Hutt gen anzubringen und „Nachlese" zu halten. Im­merhin dauerte die Tebatte fünf Stunden ; dann vertagt äch des Haus bis Dienstag 1 Uhr.

Die politih.

Deutsch und Polnisch.

<5 Interessante Mitteilungen über das Polentum in Preußen finden sich in dem neuesten Teil der Verötf^nt lichungen des Kgl. Statistischen Bureaus über die Er­gebnisse der Volkszählung vom 1. Dezember l9M, der 'ich mit der Muttersprache der Bevölkerung befaßt. Hier­nach wurden am 1. Dezember 1900 3 305 749 Polen, Ma- mren und Kass üben ermittelt gegen 2 922 475 am 1. De­zember 1890, so daß in zehn Jahren eine Zunahme im 38 3 2 7 4 Köpfe stattgefunden hat. Die Zahl der Per­sonen, die nur polnisch als Muttersprache angegeben haben, betrug 3 063 490 gegen 2 765101 im Fahre 1890. Trotz der Zunahme ist der Anteil dieser reinen Polen an der Eesamtbevölkerung von 9,23 auf 8,89 Prozent zurückgegangen. Deutsch und Polnisch haben als Mutter- ivraâe anaeaeben 164221 Vertonen aeaen 103112 im

Jahre 1890, so daß hier eine sehr beträchtliche Zn nähme von 0,34 auf 0,48 Prozent der Gesamtbevölkerung stattgefunden hat. Diese starke Zunahme der Personen mit deutscher und polnischer Muttersprache deutet bar* auf hin, daß der Kamps der deutschen mit den freni • Den Sprachgemein'ckvasteu sich erheblich verschärft hat.

Ei» Schlag gegen die mazedonischen Komitees.

: Die bulgarische Regieruna hat sich endlich u einem mcrgijdien Vorgehen gegen die mazedonischen K nii lce: aufgerafft : Nach einem Telegramm aus Sofia war den die Mitglieder der beiden Komitees nebst deren Leitern, dem famosen General Jantschew unb Herrn Michailowsk, in der Nacht auf Freitag verhaftet. Zu dieser Maßregel ist die bulgarische Regierung ohne Zweifel durch ein. Zurechtweisung veranlaßt worden, die sie fid) in Peters burg geholt haben soll. Wie nänilich der Berliner Kor­respondent der Wiener „Zeit" erfährt, wäre Bulgarien, wegen der türkischen Kriegsrüftungen in Petersburg vor stetig geworben, doch wurde ihm bedeutet, daß Bulgarien leinen Grund zur Beschwerde habe, da btc militärischen Maßnahmen der Türkei mit Rücksicht auf die Tätigte. t der mazedonisck)en Komitees gerechtfertigt seien. Das bis herige Gewährenlassen seitens der bulgarischen Regierung hatt" Die Leiter der Komitees io völlig in Sicherheit ae wiegt, >aß sie aus ihren Absichten und Plänen kaum einen Hehl niachten. Es unterliegt keinem Ztveifel, daß sie entschlossen waren, am 1. April das Signal zu einer allgemeinen Erhebung in Mazedonien, Altserbien und Albanien zu geben.

Minister KhambcrUtit «ad die Buren.

)—( Der englische Kolonialminister Chamberlain fahrt fort, in Südafrika Frieden und Versöhnung zu predigen, hat aber damit bei den Buren wenig Glück. General Dewet hat ihm bereits in der bekannten Zusammen­kunft in Bloemfontein den Krieg erklärt unb nun geben ihm auch die Generale Botha, Delareh und Snruts, bic sonst für ein Zusammenwirken mit den Engländern sind, einen Korb. Die englische Regierung ‘batte ihnen Sitze in bem in Aussicht genommenen gesetzgebenden Ra! von Transvaal angeboten, die Generale lehnen es je­doch ab, diese anzunehmen, weil nach ihrer Meinung die Art und Weise, in welcher der neue Rat auSgestaltet werden soll, nicht zum Besten des Landes dienen kann. Auch bei seinem Besuch von Graafreinet, welches ein Mittelpunkt der holländischen Bevölkerung ist, hat der englische Staatsmann üble Erfahrungen gemachi. Die früherer: Anhänger des Hingerichteten Suren fomman honten Scheepers trugen offen in den Straßen revo­lutionäre Abzeichen. — Das alles spricht nicht dafür, daß der Optimismus, den Herr Chamberlain in Be Kug auf die künftige Gestaltung der Dinge in Südafrika Mr Schau trägt, begründet ist.

Wo steckt Bu Hamara? — eine Preisfrage.

ö Das Schicksal des vielgenannten marokkanischen Prä­tendenten zu ergründen, wird wohl niemals gelingen. Zuerst hieß es, er sei gefangen genommen oder in der Schlacht gefallen, dann wurde gemeldet, er fei be­reits in Fez cingebrad)t und um einen Kopf kürzer gemacht. Dann wiederum wurde verbreitet, er sei nicht als Gefangener in der Residenz Seiner Sherifianischen Majestät, sondern bei dem Riata-Stamme, der dem Sul­tan seine Auslieferung gegen bare Zahlung angeboten hätte. Wenige Tage darauf wurde telegraphiert, der „Vater der Eselin" sei überhaupt nicht gefangen, son­dern auf freiem Fuß. Jetzt nun wird gemeldet, der Pvä- tendent sei in Fez eingedrungen, habe dort einige Stunden geweilt, am nächsten Tage die Truppen des âltans ge­schlagen und befinde sich gegenwärtig mit starker Mackt vier Meilen von Fez entfernt. Aber auch diese Nachricht erweist sich wahrscheinlich als falsch.

Shrrie politische Nachrichte«»

* Ter preußische Handelsminister Möller, der sich am Sonnabend in Hannover befand und der dortigen Handelskammer einen Besucy abftattetc, erklärte daseLbst, daß er den Mittellandkanal für die Provinz tzax- nover für durchras notwendig erachte.

* Infolge der Angriffe auf die Waren - und Kauf­haus er hat sich ein Verband deutscher Waren- und Kauf­häuser gebildet, der die gemeinsamen Interessen dieser Häuser gegenüber den Behörden und der Gesetzgebung wahrnehmen will.

* Die türkische Regierung tritt den im Auslande verbreiteten Gerüchten entgegen, daß von ihr der Befehl zu einer Mobilmachung in großem Maßstabe ergan­gen sei, und versichert, daß bisher nur sechs Redif-Ba- taillone zur teilweisen Ablösung der seit September noch mobilen 14 Redif-Bataillone einberufen worden sind. Tse Einberufung weiterer einzelner Redii-Batarllone zur 2lb- lösung des Restes sei zu erwarten. . .

stach der Dresdener Chefcheidung.

— Zur Beleuchtung der jetzigen Rechtslage. —

Der Richterspruckv durch den die Ehe des iächsisHen

Kronprmzenpaares „vom Bande", also völlig geschieden wurde, wirb, wie voraus;.neben war, von Berufenen und Uni er nfenet! eifrig glossiert Tic Frage, die wobt am eifrigsten bin unb wieder erwogen wirb, dürfte wohl bü sein, ob der groupriu ; von Sachsen ic^t wieder heiraten bari, beim an dieser \rage ist nicht nur sein engeres Vater land sondern ganz Deutschland naturgemäß eifrig in leres ncu.

Nach zivilrechtlichen Grundsätzen besteht an der M ög lidileü d"' Eingehung einer neuen Ehe für den sächsischen Thron erben kein Jwelsek, anders liegt es dagegen in Hin icht auf btc kirchenrechtliche Zulässigkeit. Eine Wutvvital uq' diesem Gebiete, der 3^ntimneabgeorbnete Dr. Porsch. )ül seine Ansicht folgendernlaßen geäußert.

Dir Auslösung der Ehegemeiusck)aft nach bürgerlichen Rewt gebt die lirchliche Behörde unb den Papst nicht Dac geringste an. Das Konzil von Trident habe auedrücklick ieüaesehl, bau wegen Ehebruchs des einen Ehegatten ba\ Band bei Ebe nicht ins gelöst werden könne Wer mut Entlassung des schuldigen Teils bei dessen Lebzeiten chu rudere Ebe cingehe, habe selbst Gbebriich vertvirkt. Für Den kirchlichen Gerichtshof (das Kousiftorunn' und den Papst taun es sich um um bie Fgaae handeln, ob ein $runb vorhege, die Ehe für null unb nichtig zu erklären Ta die Ebe des Kron.prmzen aber rechtsgilt ig nach lano mischen« Recht unter Beobachtung aller Formalttäuu ge ichloiseu sei, so wäre bic)c Möglichteit nicht vorhanden

In Zweiter Reihe steht das Interesse für bi.- rechtliche iZage der früheren Kronprinzesfin. Während in sächsischen Regieruugstreisen bic Ansicht herrscht, daß die Prinzessin ochse an der ^udtehr nach Dresden verhindert werden Dürfe, so wird von anderer Seite geltend gemacht, das Die Prinzessin als Reichs angehörige durch bie Heirat mit dein Krouvriuzen habe )ie diese Eigenschaft erworben and durch die Sänndnng ketueswegs verloren an be iebigem Aufenthalt innerhalb der Grenzen des Den'schen Reiches nicht geUnbcrt werben kann. LegitimationSpa piere, Reisepaß u. f. w. bürsten nach der Scheidung bei Prinzessin nicht vorenthalten werden Das Kind, das bis Prinzessin erwurtci, könne ihr dagegen unmittelbar nack Der Geburt ohne jedes gerichtliche Verfahren mit Hilft Der Polizei genommen werben. Es gilt vorläufig als cgiluii. Ebenso wird behauptet, daß nach Maßgabe des Gesetzes bic Prinzessin nicht gehindert werden könne, ihrc Kinder zu sehen. Der £ 1636 des B. (9. B. bestimmt, baf Die geschiedene Mutter ihre Kinder unederseheu darf. Cinc ehr schwierige Materie ist die Gntfd)cibung darüber, wel hen Namen bic Geschiedene zu führen hat, nachdem ihr Der Kaiser von Oesterreich die Rechte und den Titel einet österreichischen Prinzessin aberkannt hat.

Ueber alle diese Fragen besteht augenblicklich zwischen oachenat, dem ^nfer Vertreter der Prinzessin, und dem ächsischen Hof ein lebhafter Meinungsailstaufch. Ebensc st das toskanische HauS eifrig dabei, mit allen Mitteln für Die Sicherstellung der verbleibenden Rechte der Prin,zessin Luise zu sorgen. Die Mutter der Prinzessin, bic ()>roß -erzogin von Tostana, wird dieser Tage in Nyon er oartet Sie wird ihre Tochter bem Vernehmen nach nach Oesterreich mitnehmen, wo tiefe ihre Niederkunft abwarten oll Der frühere Erzherzog Leopold, jetzige Leopold Wölf ing stattete seiner €d)tüe|ter einen längeren Besuch ab

Hpotheher und Kurpfuscher.

— Ein Beitrag zum Prozeß Najden kotier. —

Aus sach,nännischen Kreisen wird uns geschrrebe«< Unter den Angeklagten im Prozeß Nardenkötter befand sich auch der Schwager des flüchtig gewordenen Kur­pfuschers, der ehemalige Apothekenbesitzer Klesper aue Fritzlar, unter der Anklage, bei bett Betrügereien Beihilfe geleistet zu haben. Da ihm aber eine unmittelbare Be­teiligung an den betrügerischen Manipulationen seine- Verwandten nicht n ad) ^uiv eisen war, dürfte seine Frei­sprechung erfolgen. Gleichrvohl aber hat der Apotheker stand allen Grrmd, mit Mißbehagen auf diesen Prozeß zurückzublicken, denn es haben sich hier immerhin erheb­liche Schäden unerfreulichster Art offenbart. Wir Haber: gesehen, daß Inhaber angesehener Apvtheken nicht blos mit dem Kurpfuscher in eine Geschäftsverbindung getreten find, sondern auch dessen unlautere Zurecke durch ihr Ent gegen fomnten gefördert haben. So haben sich mehrere Berliner Aporhe kenbe sitzer bereit finden lassen, gegen eine Monatsentfck)ädiaung von etwa 100 Mark und einen (leinen Preisaufschlag die Versendung von Nardenkötterschen Schwindelmedikamenten zu übernehmen. Bei dem Pub li- kum wurde dadurch der Eindruck erweckt, als seien bis unkontrollierbaren Mischungen aus gefährlichen und harmlosen Präparaten aus bem geordneten Wege in einer konzessionierten Apotheke hergestellt worden. Darin liegt nne solche Irreführung des Publikums, daß bie^Ct: gant jatiou der Apotheker fuh entschieden mit dem Falle be­fassen muß. Denn durch diese Täuschung wurde ja auch Dev geforderte hohe Preis gerechtfertigt, der bei den Apo­theken begreiflich ist, weil bie auf einer Apotheke ruhen­den Zinslasten ganz außerordentlich hohe sind und auch bei sonstig Aufwand nicht gering anzuschlagen ist Der Staat