^( M 268, Zweites Blatt
Samstag, den 14. November 1903
12. Jahrgang.
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Postzeitungsliste Ro. 3869.
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für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Metze« und Umg-bm»
E«chW alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden m Oberheff«.
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Hus der Reichshauptstadt.
•— Wandelbilder von Spectator. —
Selbst jene Glücklichen, für die das ganze Dasein ein lyrisches Gedicht ist, empfinben die Zeit, da der Winter Mine Nebelschleier um die Erde wickelt, wie einen Prießnitz- I‘Öen Umschlag, als unangenehme Uebergangsperiode. Es ist Nie peinliche Pause, die stets entsteht, wenn jemand beim Vorträgen stecken bleibt; die Strophe, die den ^Herbstzauber saniert, ist zu Ende; das Publikum wartet auf die nächste, Nie das Wintervergnügen, Schnee und Eis, bringen soll, und nuf die darauffolgende Weihnachtsstrophe; der Vortragende eiter stockt, er kann nicht weiter, er wird verlegen und Ä beklemmende Gefühl überträgt sich auch auf die Zu- Wrerschaft. Nur die böse Jugend, mit ihrer naiven Schaden- fisreude, kichert und macht sich über das Pech des Vortragenden litifHfl. Die Rolle dieser bösen Jugend übernehmen hier die jWgM Studenten, die man jetzt in der Gegend der Hoch- Vâhuleit wieder in Nudeln trifft; sie gehen fachend mit der 'Wärmflasche dem kalten Winter zu Leibe und halten es mit b^m trinkfrohen Mirza Schafft) :
„Im Winter trink' ich und finge Lieder Ans Steube, daß der Frühling nah' ist, Und kommt der Frühling, trink' ich wieder Ans Freude, daß er endlich da ist."
Wieder sieht man nun die beliebten und lieblichen Szenen: Ein junger Student bricht unter der gewaltigen Last )eä ihm auf erlegten „Arbeitspensums" nach langem Hin- rnb Herschwanken auf der Straße zusammen und wird — tin Zeichen der fortschreitenden Humanität — auf die nächste Rettungswache gebracht, wo er von seiner „Alkoholvergift- »NA" unter ärztlicher Aufsicht durch Ruhe geheilt wird; in früheren unzivilisierten Zeiten nannte man das „seinen Tausch ausschlafen", und diejenigen, die es nötig hatten, vurden meist von der Hand des Gesetzes zu diesem Zwecke uif die Pritsche der nächsten Wachtstube „gebettet". Manch junger Fuchs aber wird unter dem Einfluß des Giftes fuchs- mi[b.
Wie anders steht es um diese unbändige Jugendkraft bei einer anderen Szene, die einen moderneren Anstrich hat! Einige Damen werden von einem Literatur-Professor aus hem Kolleg gewiesen und die „männlichen" Zuhörer be- zieiten diese nicht gerade galante Maßregel mit bem lebhaften Trampeln ihrer künftigen Freiersfüße, dem beliebten studentischen Beifallszeichen.. „Der Starke ist am mächtig- sEcn allein." So denken diese jugendlichen Ritter im Kolleg, ttähreyd sie im privaten Verkehr dem schönen Geschlecht gegenüber weniger Aengstlichkeit zeigen. „Doch auch dem Gerstensaft gegenüber gibt es zaghafte Jünger der alma rnatPF. Jedes ehrliche Bierhwz muß sich in Schmerz zu- samrnenkrampfen bei dem Anblick, der sich mir jüngst bot. Gin „Spitzentanz" übender Elefant hätte in mir nicht das Daunen hervorrufen können, als die widerspruchsvolle, rätselhafte Erscheinung, die ich in einem vegetarischen Speis.?- Hanse sah. Da fand in einem Hinterzimmer eine Sitzung Wes „Vereins abstinenter Studenten" statt. Wer dazu imstande ist, denke sich also garantiert echte Studenten vor garantiert alkoholfveien Getränken!
Die jungen akademischen Bürger haben zwar zu jeder Zeit für Freiheit geschwärmt, aber nie für die Alkoholfreiheit Ltt Getränke. Diese aber, für die das stolze Wort „Frei der Bursch" in ben Satz: „Alkoholfrei ist der Bursch" tariiert werden muß, finden sicherlich Paradieseswonne in ihr jüngst eröffneten Gesundheitsausstellung, in der allerlei Nahrungsmittel und Gebrauchsgegenstände vereinigt sind, Sie von allen schädlichen Eigenschaften und Substanzen gereinigt sind, vom Korsett, das keine Brustschmerzen, bem Kaffee, her keine Magenschmerzen, bis zum Wein, der keine liopffebmersen verursacht. Nur schade, daß auch hier das Sprichwort von den verbotenen Früchten, die am besten ftmeefen, gilt, und daher diese hygienischen Lebensmittel bis jetzt wenig Freunde gefunden haben; gelobt werden sie eigentlich nur von ihren — Fabrikanten. Wenn map aber all ien Lieferanten von Reformkleidung und Reformspersen olutiben darf, wird kunftigbin kaum noch ein Mensch sein Morml"ben durch Krankheit in Gefahr bringen, und selbst hr Tod an Altersschwäche wird nur ganz unvorsichtige Men- siienkinder ereilen. . ...
Wir aber, die wir uns noch von Bakterien und sonstigen Schädlingen nähren, sind schon dann erstaunt, wenn unter uns ein Achtzigjähriger herumläuft, wie der allen Berlinern ^Mbekannte Herr v. Strmitz, der frühere ^bernhaus- hrgtftor der seine zweiundachtzig Jahre mit der Gewandtheit eines Fjinfzigers trägt. Bei der tiefschwarzeir „Färbung seines Schnurrbart- und Haupthaares täuscht auch sein Aus- schen ungefähr dreißig Jahre seines Lebens hinweg und jeß i überrascht der ewige Jüngling dadurch, daß er tm ^enitral-Theater den Hans Styx in Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt" spielt und singt. Dieses sensationelle Ereignis beschäftigt die Berliner, die ja für das Theater im mer ein Herz gehabt haben, mehr, als der Ausfall der kandtaaswahlen, und alle Ausdrücke des Staunens kann mnn hören, die das jüngst erschienene Berliner Dialekt- lexikon von Professor Meyer - Berlins „kleiner Meyer - aufführt.
Der Saison-Beginn.
Auf häßlichen, gräulichen Leichenwagen Fährt totes Laub man hinaus.
Bald breitet der Winter mit Windesklagen Das weiße Leichentuch aus.
Verlor auch der $aum sein frisches Grün, Er hofft doch: Bald wieder einmal Beginnt in den Zweigen ein neues Bliih'n. Froh sagt er dann: „Ich war kahl!" Durch Dämmergrau fühlt ins Gemüte zieh'n . Der Mensch auch seligen Traum.
Von ferne schon leuchtet das Immergrün Vom fröhlichen Weihnachtsbaum.
Theater, gedenkend der Kinderwelt, Sie haben für Lieschen und Klärchen Und Fritzchen schon jetzt auf die Bretter gestellt Die ältesten Weihnachtsmärchen.
Die Tage und Wochen entfliehen geschwind, Jetzt, da die Saison begann;
Und wenn erst die Abende länger sind, Sucht Kurzweil sich Weib wie Mann. Man sieht wieder beim ästhetischen Tee, Bei Jours und bei five-o-clocks Die Künstler mit Locken und Renommee, Die Schriftsteller auch und Schmocks. Manch Dichterlein kommt jetzt von dem Varnaß, Den Menschen was vorzutragen;
Freigebig spendet er jeglichem was, Der etwas spendiert feinem Magen. Manch vornehme Danre „in Wohltätigkeit" Ich wieder jetzt „machen" seh'; . <
Beim Kaiserhof-üve-o-eloell ihr Kleid Zeigt sie uns gegen Entree.
Es ist das Frauenstudium Brauch
Bei uns seit langer Zeit;
Als „Kriminalstudentin" auch Sieht d'rum man manche MaiA. Viel Schönes wird in Moabit gelehrt Wo man seit einigen Wochen Sehr viele polnisch sprechen hört Und das Deutsch und den Eid nur — gebrochen. Dort findet jetzt vor dem Richterthron Die Untersuchung statt, Ob 'nen fremden oder 'nen eigenen Sohn Tie Gräfin geboren hat.
Gar zarte Singe für's Frauenohr Bespricht man bei dieser Frage, D'rum sammelt sich edler Damenflor An jedem Verhandlungstage.
Pikant müssen ja auch die Dramen sein. Die nach unsrer Holden Sinn sind; Sie finden all die „psychologisch fein" Wo Perversitäten darin sind.
Wer für Frau Musika inkliniert, Hört das Wunderkind Vecsey an, Das geigen und — was fast noch mehr imponiert — Seinen Namen schon aussprechen kann.
Der Löwe jedoch von Gesellschafts Gnaden Hat jetzt wieder schwere Sorgen;
Er ist fast Abend für Abend „geladen" Und schwer ist er's oft am Morgen.
Und wenn er die Nacht durch sich tanzend gequält Empfindet er's wohl als Plage;
Den Schlaf aber, der in der Nacht ihm gefehlt, Den hält im Bureau er am Tage.
Ein jeder sieht, daß er was abgewinnt Der Saison, die im schönsten Gang ist, Ein jeder auch freut sich, daß sie beginnt, Ein jeder, der „mitten mang" ist. Und wie es der Welt Lauf, jede Person Wird wohl etwas von ihr kriegen; Der eine, der hat die Arbeit davon, Der andere das Vergnügen.
des Bruders lies; den jungen Anoro map wafen, und w setzte er sich denn hin und dichtete ein Stück mit dem Titel „Jl Neige" (Es schneit), das das „Teatre-Moderne" aufführen will. Henri Gabriel faßte das aber als „Tusch" auf und ging zum Kadi, um den Schneemann Nr. 2 wegen Titelranbes zu denunzieren. Der Richter war aber der Ansicht, daß Andr6 Jbels mit demselben Rechte schneien lassen könne, wie sein Bruder, und wies die Klage ab.
Hus dem Gerichtssaal.
§ Im vierten und letzten Mannheimer Rheinauprozeß, in welchem sich die Anklage gegen den Vorstand und den Aufsichtsrat der Aktiengesellschaft für Chemische Industrie richtete, sind gestern Direktor Böhm und das frühere Mitglied des Aufsichtsrats, Grosch, wegen wissentlich falscher Angaben zum Zwecke der Eintragung in das Handelsregister zu je 500 Mark Geldstrafe verurteilt worden, die bei Zahlungsunfähigkeit in Gefängnisstrafe umzuwandeln ist. Die Angeklagten Henninger, Holland, Dr. Kohlstock, Bürk und 0. Harder wurden freigesprochen und die Kosten der Staatskasse auferlegt.
Spectator.
Kunst und Wissen schaff.
BO Die türkische Zensurbehörde ist als streng bekannt und über ihre sonderbaren Streichungen, Aenderungen und Verbote kursieren die wunderlichsten Anekdoten. Jetzt hat ein in Konstantinopel erscheinendes griechisches Blatt „Der neue Tag" plötzlich auf Anordnung des Zensors sein Erscheinen einstellen müssen. Und warum? Werk es — man höre und staune! — eine Abhandlung über den Planeten Mars veröffentlicht hatte. Es klingt lächerlich, aber es ist so.
RL Die feindlichen Dichterbrüder. Der Pariser Zeichner Henri Gabriel Jbels, der in seinen Mußestunden guch Dichter ist, ^at seinen Bruder Andr4 Jbels wegen Konkurrenzdichtens verklagt und will ihm die Dichterei durch den Richter verbieten lassen. Henri Gabriel hat ein Stück mit dem Titel „La Neige" (Der Schnee) geschrieben, und dieses Stück wurde im vorigen Jahre im .Vaudevjlle. aufgeführt Der Ruhm
Vermischtes.
G l$er Kreditbrief des Zaren.) Für die Dauer des Au^ enthaltes der russischen Kaiserfamilie in Hessen war, wie nachträglich bekannt wird, von der ©ociété Generale in St. Petersburg an die Bank für Handel und Industrie in Darmstadt ein Kreditbrief von einer ganz außergewöhnlichen Höhe überwiesen worden. Wie gemeldet wird, sind während des sechswöchigen Aufenthaltes in Darmstadt und Jagdschloß Wolfsgarten zur Kostenbestreitung für die persönlichen Bedürfnisse der Zarenfamilie und des Hofstaates insgesamt etwa 260 000 Mark bei der genannten Bank abgehoben worden.
= Wertvolle Fracht.) Der Argondampfer „Condor" traf dieser Tage mit fünfzig Kisten englischen Goldes, teils geprägt, teils in Stangen, jede Kiste 10^000 Schilling enthaltend, von England in Geestemünde ein. Von der Geeste aus wurde der Goldschatz unter polizeilicher Bewachung nach dem Bahnhöfe übergeführt, um zunächst nach Dresden verfrachtet zu werden. Von dort sollen die Goldbarren nach Rußland, das gemünzte Gold bagegen über Triest nach Alexandrien weitergeschafft werden; letzteres, um englischen Kriegsschiffen und Truppen im Mittelmeer und in Egypten zur Bestreitung ihrer Bedürfnisse zu dienen. Da in Geestemünde inzwischen der letzte Passagierzug abgelassen war. mußte eigens ein Extrazug die fünf Millionen nach Dresden bringen.
& lNoch schlimmer.) Ein komischer Zwischenfall ereignete sich kürzlich bei einer Taufe in einer Londoner Vorstadt. Der Geistliche war offenbar nicht ganz mit einem Paten zufrieden und machte seinem Mißtrauen in den nicht sehr freundlichen, aber wahrscheinlich wohlbegründeten Worten Luft: „Sie sind zu jung, um Pate zu stehen." Der also angeredete Jüngling erwiderte bescheiden: „Bitte sehr, ich will auch gar nicht Pate stehen; ich bin nur der Vater!"
0 [60 000 Mark für ein verletztes Bein.) Aus London wird berichtet: Einem Ingenieur George W. P. Johnston wurden vor einigen Tagen 60 000 Mark Schadenersatz von der „Great Western Railway Conrpany" zuerkannt für Der- letzungen, die er während einer Reise auf dieser Bahn erhielt. Es wurde festgestellt, daß Johnstons linkes Bein für immer lahm geworden war und daß er infolgedessen seinen Beruf nicht weiter ausüben kann; er hatte vorher alle Aussicht gehabt, Oberingenieur an einer Dampferlinie zu werden.
4* l Chrysanthemum-Kompott.) In Newyork ist es Mode geworden, in den chinesischen Restaurants zu dinieren. Man findet dort nicht nur die tradionellen Schwalbennester, sondern auch andere Leckerbissen und köstliche Gerichte. Besom ders der Nachtisch wird sehr gepflegt. Die Chinesen begnügen sich als Leute von Geschmack nicht damit, wie gewöhnliche Sterbliche die Früchte der Jahreszeit zu essen, sie machen auch die Blumen selbst zurecht, und die Rezepte von Desserts aus Chrysanthemen, Veilchen und Rosenblättern sind bereits von den chinesischen Restaurants zu den „Five- o'elocks" übergegangen. Für einen weiblichen Gaumen gibt es in der Tat nichts besseres und köstlicheres, als Chrysanthemum-Kompott, für das der „Gaulois" folgendes Rezept mitteilt: Man nimmt ein frisches Chrysanthemum, wascht es sorgfältig, löst die Blumenblätter und taucht sie m em Gemisch von geschlagenen Eiern und Mehl; dann zieht man sie zurück und taucht sie schnell in heißes Oel, breitet sie eine halbe Minute lang auf Papier, das das Fett auflaugt, bestreut sie mit Zucker und serviert sie dann.
LB. Eine heftige Agitation gegen die Newyorker „Parsi- fal"-Aufführuna wird'von dortigen Geistlichen m Szene ge- setzt Sie erklären die Zaubermädchen-Szenen für unanständig, und außerdem werde das Abendmahl aus Geldgier prostituiert Pastor Shearer erklärte, jemand habe für 500 Dollars Eintrittekarten zerrissen, nachdem ihm die „Natur der Aufführung" erklärt worden sei.