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Nr. 112.

Donnerstag den 14 Mai 1903

12. Jahrgang.

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SK»M«e»e«tspret-: in Gießen, abgcNelt maneUt* 60 Pfg., iu's Haus aebreebt 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel- Q jährlich Mk. 1.60.

Gratisbeilage« : Oberheffische 9<miIie*ieitWÄ* (täglich) Oberßesstfche Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst. ««ß GartembL», sowie die Gießener Seifenblasen (wächentlich).

Das Blatt erscheint «asten «erstaOe» m**4M*h.

Gießener

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Jnlerttv^sprei 4h Du einspaltige Petit-eile fir Gießen tot ganz Oberhefsen, die Kreise Wetzlar und Marburg 16 Pfg sonst 15 $fg.; Rekl .«e« die Petitgeile 30 resp. 66 Wg.

Postzeitungsliste N» Wt.

«edlân und Expedition: Gieße» Ne«,«»«ß BA %er*fnre*«H*l*f IK SM«

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(Hießener Kett»«O

für Oberhefsen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeisirr für Gießen und Umgebung.

Einhalt alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

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Das Stimmrecht der frau.

(Bon unserem ständigen 6L. -Mitarbeiter.) ! Die verschiedenen Frauenvereine treten anläßlich der t bevorstehenden Wahlbewegung wieder lebhaft in Tä-

Sßteit Der Verein für Frauenstimmrecht hat sogar seine Wahlbeteiligung durch Aufstellung eines'Programms re­gelrecht organisiert. Danach sollen sich die von den Frauen unterstützten Kandidaten zu alten Forderungen der Frauenrechtlerinnen bekennen. Gleichzeitig rühren sich die weiblichen Doktoren lebhaft in der Presse, um eine aktive Teilnahme am Wahlkampfe herbeizuführen. T.it- säclilich ist ja nach dem berühmten Paragraphen 8 des preußischen Vereinsgesetzes den Frauen die Teilnahme an diesen Wahlvereinen gestattet und wir sehen denn auch, daß in derjenigen Partei, die uneingeschränkt für die Frauenforderungen eintritt, in der Sozialdemokratie tiämlich, die Frauen in die Bewegung eingreifen. Daß sie aber ein förderliches Element' der politischen Bewe- LUMY gewesen wären, wird man kaum sagen können; tatsächlich haben auf den sozialdemokratischen Parteitagen bereits die heftigsten Reibereien wegen der Frauentätig­keit stattgefunden, als deren drastischstes Beispiel ein m echt bajuvarischer Urwüchsigkeit ausgestoßener Not­schrei des Abgeordneten Auer unvergessen bleiben bürste Die Mehrzahl der Bevölkerung verhält sich gegen die Forderung der vollen politischen Gleichberechtigung der Frau aus idealen, materiellen und Wissenscha tlichcn Gründen ablehnend.

Gewiß, dagegen wird kein Kulturvolk ankämpken daß die Frau im Gesellschuftsleben eine hohe Stellung einnimmt, daß sie an den Kulturerrungenschafteu betei- ligt wird und daß sie auch eben dadurch befähigt wird auf eigenen Füßen zu stehen, wenn es notwendig ist Es wäre eine barbarische Grausamkeit, wenn man den Frauen die Bildungsstätten und den Eintritt in die Erwerbsstände auch wissenschaftlicher Natur verschließen wollte. Aber eine politische Gleichberechtigung mit dem Manne an streben und eine Anwartschaft auf die Stmts- oerwaltung zu begehren, ist ein Schlag gegen die Na­tur, denn der Staat ist ein Männerstaat un-b wird e* ewig bleiben, weil nur der Mann die äußersten Kon- seguenzen ziehen und den physischen Kampf für den Ltaat allein führen muß. Dem Weibe hat die Natur die Kraft und die brutalen Instinkte versagt, die den in den Kampf gestellten Mann ergreifen und für die Dauer des Kampfes beherrschen. Es ist auch gut so, daß es so ist, denn die Frau hat ein ganz anderes Ideal von irdischem Glück als der Mann. Dieser sucht es in der Betätigung seiner Persönlichkeit auf dem freien Markte des öffentlichen Lebens, die Fran aber ist dann am glücklichsten, je enger und heiliger ihr Wirkungskreis ist. Diejenigen Frauen, die im "Wettbe­werb mit dem Manne um eine höhere soziale Bedeutuna des Weibes kämpfen, haben dafür die idealen Jnter- esseir eingesetzt und rauben der Frau, indem sie diese m dre.volle Tageshelle des Lebenskampfes hinauszer­ren, den magischen Glanz, der sie und ihren stillen häus­lichen Wirkungskreis umgibt. Die bekannte Laura Mar- Holm war bis zu ihrer Verheiratung Frauenrechtlerin mit ^dem Gleichberechtigungsziel; seitdem sie aber den segensreichen Einfluß der Frau in der Familie aus- ubt und den idealen Wert des eigentlichen Frauen­berufes erkannt hat, tritt sie nur noch für die sung der Frauen zu den Bildungsstätten und Erwerbs- moglrchkeiteu, wie sie oben geschildert sind, ein - sie be- dauert aber diese feinsten, denen kein Familienglücl beschreden ist. Und >o wie Frau Marholm wird manche Arer MUschwestern, die tn jugendlicher Schwärmerei für die Gleichberechtigung der Frau mit dem Manne einge­treten ist, bekehrt worden sein und heute ihre Geschlechts­genossinnen davor warnen, durch die Forderung der bür­gerlichen Gleichberechtigung mit dem Manne das Weib in seiner Stellung als die Trägerin und Pflegerin der sittlichen Lebensanschauung zu entthronen.

auch fein mag, jedenfalls werden die Amerikaner mit dem

Empfang, der ihnen in Kiel bereitet werden soll, zufrieden sein können. Bekanntlich soll der Besuch der Yankeeschiffe in der Kieler Woche erfolgen, und es heißt, der Kaiser und Prinz Heinrich, die dann in Kiel sind, würden beide per­sönlich die amerikanischen Kapitäne an Bord ihrer Schiffe besuchen. Eine ganze Reihe Festlichkeiten zu Ehren der Amerikaner werden geplant: obenan stehen besondere Ver­anstaltungen, zu denen der Kaiser und Prinz Heinrich jeder für sich die Gäste einladen werden. Hieran werden in erster Linie die höheren amerikanischen Offiziere teil­nehmen, während für die niederen Chargen des amerika­nischen und deutschen Marine-Offizierkorps in den Räumen der Kieler Marine-Akademie Festlichkeiten stattfinden sol­len. Für die Regatten in der Kieler Woche sind Wettfahr­ten zwischen den deutschen und amerikanischen Mannschaf­ten geplant, falls die Yankees dazu Lust verspüren. Die deutschen Mannschaften werden außerdeni ihre Kameraden von der amerikanischen Flotte als Festgäste bei sich sehen. Die amerikanischen Schiff" erhalten auf dem Wege nach den deutschen Küstengewässern deutsche Marineoffiziere als Lot­sen und Platzanweiser für den Hafen. Tas ist fast zuviel des Guten.

Internationale Streikbewegung.

::: Aus allen Weltgegenden laufen Nachrichten über große Streiks ein: Zu dem Glasgower, dem Newhorker, dem Melbourner Streik ist nun noch ein großer Streik in Valparaiso getreten, und die nächsten Tage werden voraussichtlich noch als Fortsetzung des gegenwärtig herr­schenden Streiks der Arbeiter der Tecklenborg-Werft in Geestemünde eine große allgemeine Schiffsarbeiteraus­sperrung in Deutschland bringen. Als eine Folge des jüngsten Vorgehens des Bremer Lloyds gegen die sozial­demokratische Bewegung unter den Lloydarbeitern wird in den nächsten Tagen eine Arbeitseinstellung in Bre­men und in den Hafenplätzen der Unterweser erwar­tet, wie man sie noch niemals erlebt hat. Sämtliche dem Arbeitgeberverband angehörenden Werften haben erklärt, sic würden die Arbeit einschräuken oder einstellen, wenn die Arbeiter weiterhin den sozialdemokratischen Agita­toren folgen würden. Der sozialdemokratische Hafenar- beiterverband hat nämlich die Arbeiter aufgefordert, Akkordarbeit nicht mehr zu leisten und die Arbeitsleistung überh-aupt auf etwa ein Drittel der bisherigen Leistung zu verringern. Es handelte sich für den sozialdemokra­tischen Verband also nicht um Lohnfrageu, sondern er wollte einzig und allein den Arbeitgebern zeigen, daß nicht ihnen die Macht und die Tispositionsfrciheit zu­ständen, sondern daß im Gegenteil die organisierte Ar­beiterschaft imstande wäre, den Arbeitern ihre Gesetze und ihren Willen zu diktieren. Dagegen machen die Ar­beitgeber Front, und wenn die Arbeiter nicht bis Don­nerstag erklären, sie würden sich der sozialdemokratischen Agitation nicht fügen, sollen sie ausgesperrt werden. Hoffentlich kommt es noch zu einer Einigung.

Der Melbourner Eisenbahnbedienstetenstreik dauert fort, indes scheint es, als werde er mit der Niederlage der Streikenden werden. Der Bahnverkehr ist bereits wie­der ausgenommen.

In Chiles Hauptstadt Valparaiso ist ein großer Hafenarbeiterstreif ausgebrochen, in dessen Verlaufe es zu blutigen Ausschreitungen kam. Dre Ausständigen ha­ben alle Baulichkeiten am Quai in Brand gesteckt, wo­bei 200 Personen verbrannten und 200 verwundet wurden. Auch kam es zu einem Zusammenstoß zwischen den Aus­ständigen und der Polizei. Diese feuerte auf die Masse und tötete und verwundete mehrere. Der Verkehr liegt gänzlich darnieder. Die Regierung lehnte jede Verhand­lung mit den Ausständigen ab, ist vielmehr entschlossen, mit allen Mitteln die Ordnung wiederherzustellen. 6000 Solbaten sind an verschiedene Punkte entsandt worden.

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Zum deutschen Natholikcnprotektorat im Or ent.

(—) Während des Kaiserbesuches in Rom sollte der deutsche Reichskanzler mit dem päpstlichen Kardinal­staatssekretär Rampolla auch über die Frage des deut­schen Protektorats über bie im Orient lebenden Katho­liken verhandelt haben; Rampolla sollte die deutschen Wünsche, die angeblich auf eine Uebernahme des Pro­tektorats über alle Katholiken im Orient durch Deutsch­land Hinzielen, rundweg abgelehnt haben. An dieser ganzen Erzählung ist, wie unser Berliner ^.-Mitar­beiter zuverlässig hört, lein einziges wahres Wort. Die Protektoratsfrage ist weder zwischen Rampolla und dem Grafen Bülow, noch überhaupt sonst bei dem Besuch im Vatikan erwähnt worden. Deutschland liegt es völlig fern , das Protektorat über die orientalischen Katholiken das sich bekanntlich Frankreich seit Jahrzehnten ange­maßt hat, anzustrebeu. Die deutsche Regierung betrach­tet es lediglich als ihre Aufgabe, die im Orient lebenden deutschen Katholiken unb nötigenfalls deren Besitz und Eigentum in derselben Weise zu schützen, wie Rußland und Italien ein Schutzrecht über ihre Angehörigen ael* teub machen. In der Erfüllung dieser Aufgabe wird sich Vie deutsche Regierung selbstverständlich auch von den französischen Protektoratsgelüsten nicht irre machen lassen. '

Keine päpstliche Nuntiatur in Berlin.

(?) Französische und nach ihnen deutsche Blätter wuß. zu berichten, der Kaiser habe beim Besuche im Vatikan den Papst ersucht, in Berlin eine päpstliche Gesandtschaft zu unterhalten, und Leo XIII. babe diesem Ersuchen insofern zu willfahren versprochen, als er sich bereit er­klärt habe, nach Berlin einen ständigen Delegierten zu entsenden; die päpstliche Nuntiatur solle in München blei­ben. Diese Meldung ist, wie unser Berliner ^.-Mit­arbeiter uns schreibt, von A bis Z eine blanke Erfin­dung. Die Frage einer ständigen Vertretung der Curie in Berlin ist weder vor n.och bei dem Kaiserbesuch beim Papste zur Erörterung gekommen. Richtig ist da­gegen, daß Kaiser Wilhelm den Papst bei seinem Besuche gebeten hat, beim nächsten Konsistorium einen zweiten deutschen Bischof zum Kardinal zu ernennen; es sei nicht billig, daß die 22 Millionen deutscher Katholiken nur durch Kardinal Kopp vertreten seien. Ter Kaiser ließ durchblicken, er würde es aern sehen, wenn der Metzer Bischof Benzler diese Würde erhalte. Ter Papst wird aber vermutlich, um das Empfinden Frankreichs zu scho­nen, den Erzbischof Fischer von Köln zum Kardinal er­nennen.

Der amerikanische flottenbesueb in Kiel,

Mit besonders freudigem Gefühl scheinen die Dan- keeS der deutschen Einladung nach Kiel nicht zu entsprechen. Erst lehnen sie die Einladung ab, dann, als diese Unge- zogenheit in Deutschland zu "böses Blut machte, nahmen sie an, und wenn auch die von dem bekannten deutsch­fresserischen „Newyork.tzerald" in die Welt gesetzte Mel­dung falsch war. das amerikanische Mittelmeergeschwader habe noch keine Segelordre nach Kiel bekommen, die Ein­ladung sei also noch nicht endgiltig angenommen, so schik- ken die Yankees doch nur drei Schiffchen nach Kiel, statt des ganzen Geschwaders. Angeblich aus taktischen Rück­sichten: Man brauche die übrigen Schiffe des Mittel- meergeschwaders für Asien. Es kommt also nur die alte Chicago", der Kreuzer „San Franzisko" und das Kano­nenboot „Machias" nach Kiel. Sollten die Amerikaner die Kritik der deutschen Seeleute über ihre Schiffe so fürchten, daß sie nur alte Kästen, deren Minderwertigkeit entschuldbar ist, nach Kiel Lu schicken wagen? Wie dem

Die Politik.

Nochmals der Rücktritt des Erbprinzen von Meiningen.

(!) Auch von anderer Seite wird jetzt die Information unseres Berliner CB.^itarbeiterâ bestätigt, daß der Rücktritt des Erbprinzen Bernhard vom Kommando des schlestschen Armeekorps mit den jüngsten Erlassen des Prinzen nichts zu tun hat. Allerdings ist es Tatsache, daß Bestimmung des Erlasses, der den Soldaten die Anzeige bei Mißhandlungen zur Pflicht machte, an maßgebender Stelle nicht volle Billigung gefunden hat: Nach der Mehrordnung hat der Soldat das Recht, nicht aber die Pflicht, sich zu beschweren, und insofern verstößt der Korpsbefehl des Prinzen gegen die Wehrordnung. Auch die weitere Bestimmung des Korpsbefehls, wo- nach von jeder Beschwerde dem Generalkommando sofort Mitteilung zu machen sei, damit dieses ev. den Be­schwerdeführer in einen anderen Truppenteil versetzen könne, auch diese Bestimmung, die den Soldaten die Furcht vor späteren Nachteilen bei einer Beschwerde nehmen sollte, hat an leitender Stelle Anstoß erregt. Trotzdem ist es nicht zutreffende wenn dieser Korpsbefehl

Lippe gegen Lippe.

)( Zwei Mitglieder des hohen Adels, ein deutscher Bun­desfürst und ein naher Verwandter von ihm, der Graf- Regent Ernst zur Lippe-Biesterfeld und der Graf Erich zur Lippe-Weißenfeld, standen sich letzthin vor dem Land­gerichte in Detruold als Kläger gegenüber. Graf Erich klagte auf Aberkennung ber Zugehörigkeit des Graf-Regen­ten zu der erbberechtigten Familie. Ter Vertreter des Klä­gers suchte in längerer Rede den Nachweis zu erbringen, daß dem Graf-Regenten der Anspruch aus die Zugehörig­keit zur erbberechtigten Familie und damit auch der Ge­brauch der Titel rc. nicht zustehe. Ter Rechtsbeistand des Beklagten stützte sich in der Hauptsache auf den Dresde­ner Schiedsspruch vom Jahre 1597, durch den bekanntlich die strittigen Punkte zu Gunsten des Graf-Regenten ent­schieden sind. Zu einem Urteilsspruche kam es noch nicht, der Gerichtshof setzte die Urteilsverkündung auf den 12.' Juni er. an. Erfreulich berühren diese Streitigkeiten ge­rade nicht.

Der Mühlhanfener Aerztestreik gelungen!

□ Mit Hilfe der Regierung sind die Mühlhausener Aerzte in ihrem Kampfe gegen die dortigen Ortskran­kenkasse Sieger geblieben. Die Aerzte haben es durchge- setzt, daß die Kasse für die streikenden Kassenärzte von auswärts nicht genügenden Ersatz erhielt. Infolgedessen konnte die Kasse ihren Mitgliedern nur eine durchaus unzureichende ärztliche Versorgung gewähren. Beschwer­den darüber zwangen schließlich die Aufsichtsbehörde, ein-