Nr. 86
Dienstag den 14. April 1903.
12. Jahrgang
WiM .''^SS--- ,3H8^
iW« w i «’ M? 2 ^i^ °
n^L -NèF I l kg
^T^ ^^5 2. 2.2^2
Ab»»,e«e«t-prft-: in Sichen, «hge^sü mondtrl ^O Pfg-, in'- HauS atbxa&i M Pfg., durch die Post bezogen '»ierlet- jLbrlick M 1 50.
• totitbHUo.ex : Cberbefftfdie F«milie»zett»KH <tâgU4) <Cbcrb*ffif€l>e BeitfArih Hh L«»dwirtschaft, Ost' »sd Nartt»b»» ^owie bu Äittrwer t r •'twblefrw (wöchentlich).
I ae ^lxn al d. eint an <Drw 8 ertrage» Mé®i&M*-
kg KaSoGl? 'IMO -"^'L^ M»Z?^
y M. nun
; n n>5‘2 —2 4 " "£s'.B?»£
Xrf =
«ege Nachrichten
tOießener U«geßl«N)
Nnathângige Iageszntung
(Oietzener Weit««O
S^rhesien und die Kreise Marburg und Wetzlar; Loka laubiger für Gietzen und Umgebung. ^uchâN alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgkrmeisterei Gieiren und anberer Behörden von Oberhessen.
Gin wenig Stahl stattstik.
Angesichts der bevorstehenden Wahlen tverden vieb fach stimmen laut, die die politische Interesselosigkeit de«? heutigen Geschlechts beklagen unb in den schwachen tabrang zur Wahlurne heftig tadeln. Früher sei daS ^uz anders getvesen, alâ noch warme Begeisterung ^ ihre konstitutionellen Aufgaben die deutsche Wäh- l'rschast lebendig durchdrungen habe. Diesen Lobrcdnern vergangener Zeiten sind wir zur Ehrenrettung der unseren in der Lage, an der Hand der Statistik nachwei- k® zu können, daß sie sich in e inem l-ocherfreulichen Irrtum befinden.
betragen. Vermin beraten.
11 28 289 teiligung nur aus fi Einigen liberalen
HWH ff«» 5 3 v 3^
sHrffs
" L^S»L
ä P n 9
03 ^?' ^-LL-°?Ä
y n o p ^ IfW’
33^2?^
n 2 d rtn p
-ZL?"-'^"
MS y- äs
pH
Als im Jahre 1871 zum erstenmale die Wahlen jniii Deutschen Reichstage stattfanden, da wurden insgesamt 3 879 977 Stimmen abgegeben, bei der letzten ab".'r 7 195 054. Der Wahleiser ist also stärker gewachst«, als die Bevölkerungsziffer.
Ziemlich unverändert blieben die Stimmen bei -ik ich-partei, die seit Bestehen des Reiches etwa 350 00C bert haben such die Stimmen der Li- Während die Nationalliberalen im Jahre 1871 Stimmen bei einer relativ geringen Wahlbeerzielten, brachten sie es bei der letzten Wahl 971 302. Während weiterhin die Deutschfrei- gegen die Fortschrittspartei nach der national- Sezession einen Zuwachs etwa 500 000 Stinv nipn erzielten, brachte ihnen die letzte Sezession einen Din es gang um etwa eine Viertelmillion Stimmen. Daß siHaber das Anschwellen der freisinnigen Stimmen im ^hre 1884 auf Kosten der Nationalliberalen vollzog, ergibt sich aus der Tatsache, daß diese in jenem Jahre Mp ersten Male weniger als eine Million Stimmen eraelten. Sie haben sich nur im Jahre 1890 nochmals kchvlt. Damals erzielten sie sogar eine höhere Gesamt- jt ier als bei der ersten Wahl. Zurückgegangen sind steuer die elsässischen Protestler und zwar um etwa •k Proz. und die Dünen um etwa 34 Proz. Gewachsen ob er sind die Polen um 7 Proz. Diesen Verhältnissen entspricht auch die Entwickelung der Politik. Während : dik Reichslande reif wurden für die Aufhebung des Diktaturparagraphen, hat sich in der Ostmark die Ne- aiurungspolitik gegen die nationale Bewegung ganz erheblich verschärft. In der Nordmark aber dürften die Deinen bei der nächsten Wahl ein letztes Aufflackern erüebeiL Um stark 40 Proz. sind auch die Konservativen gewachsen und zwar von 536 257 auf 859 222 etinu men unb das geschah, obgleich die wirtschaftlichen Neu- aZündungen, wie der Bund der Landwirte mit feinen 11'0 398 Stimmen ihnen entschieden, ebenso wie den Na- tiss-ualliberalen Abbruch getan haben. Das Zentrum hat kbensalls ^ganz erhebliche Fortschritte gemacht, denn es in von 718 241 auf 1 455159 Stimmen emporgebic- heit, wobei zu berücksichtigen ist, daß von den 146 304 klimmen des bayrischen Bauernbundes ganz zweifellos manche dem Zentrumslager verloren gingen. Das gigantischste Wachstum aber weist die Sozialdemokratic auf, die bei der ersten Wahl etwa 102000 Stimmen erzielte und seitdem um das zwanzigfache gewachsen ist. denn sie brachte es bei der letzten Wahl auf nahezu zwei Millionen Stimmen. Bei der bevorstehenden Wahl mll sie, nach den seitherigen Preßerörterungen zu schließen, noch mehr Zählkandidaturen aufstellen, als bei den letzten Wahlen, offenbar, um auch jetzt einen Zu- aufweisen zu können, denn schließlick) zählen auch Mr Stimmen der Durchgefallenen mit. Bekanntlich will auch das Zentrum, um mit starken Wahlziffern für die Aufhebung des Paragraphen 2 des Jesuitengesetzes de- nwnftrieren zu können, die Zählkandidatenpolitik der Sozialdemokratie nachahmen.
k Mes in allem ist die Entwicklung der Wählerzir. : fern ein Beweis dafür, daß das Interesse und damit ? Ivohl auch das Verständnis für das konstitutionelle Le- * ben gewachsen ist.
ff SV y^ Hb W AM
Die Meldungen einzelner Blätter, als Tag für bk ^ichstagsstichwahlen sei der 22. Juni bestimmt, trifft vle unser Mitarbeiter meldet, nicht zu. Wahrscheinlich werden die Stichwahlen am 24. oder 25 Juni stattsinden. Endgültiges ist darüber noch nicht bestimmt
L
5 ^- • M
S8
Die Politik.
" Kein Kaiferbesuch in Paris. . _
-: Die in einem englischen Sensationsblatte äufgè- tauchte Nachricht, der Kaiser habe in einem Gespräch mit der Prinzessin Waldemar von Dänemark erklärt, er wolle, wie sie, im Sommer nach Paris reisen, ist nach citier offiziösen Mitteilung von Einfang bis zu Ende eilte törichte Erfindung. Die Pariser Presse war natürlich zu einem Teile bereits ganz aus dem Häuschen ivegen der angeblichen Besuchsabsicht des Kaisers.
Gießener
4 .1c Weltausstellung 1904 und die deutsche Industrie«
— In den Kreisen der deutschen Exportindustrie ist die Neigung zur Beschickung der nächstjährigen Weltausstellung in St. Louis nicht übermäßig groß. Das größte deutsche industrielle Etablissement, die Krupp-Werke, werden sich höchstwahrscheinlich weder mit ihren Fabrikaten, noch mit ihren Wohlfahrtseinrichtungen an der Ausstellung beteiligen. Auch bei der thüringischen Spielwarenindustrie bestand bisher wenig Meinung für die Beschickung der Ausstellung. Mit Rückttcht darauf, daß 95 Proz. aller in Anierika eingeführten Spielwaren aus Deutschland geliefert werden, hat die Reichsregierung beschlossen, der mangelnden Neigung der Spielwa renfabrikanten zur Beteiligung an der Ausstellung durch einen größeren Reichszuschuß zu den Kosten der Ueber- sendung der Waren etwas aufzuhelfen. Einstweilen sind dazu 10 000 Mk. bewilligt.
Ein Komplott gegen Alexander von Serbien -
)—( Der dreiste Staatsstteich König Saschas scheint ernste Folgen haben zu sollen. Nach Meldungen aus
Belgrad herrscht zur Zeit in
ein wahres
Schrcckensregiment der Crgane des Königs. Die Oppo- sitionsblättcr werden unterdrückt, die Redakteure verhaftet, die Redaktionsbureaus geschlossen. Wie es heißt, ist man einer Verschwörung gegen den König auf der Spur. Bei der Leichtfertigkeit, mit der König Alexander die Geduld seiner Untertanen auf harte Proben stellt, wäre das kein Wunder.
Bosnische Lügenmärchen.
|: Eine seltsame Historie wird aus Sarajewo berichtet. Tort Ivar jüngst eine Mohammedanerin mit ihren beiden Kindern verschwunden. Sie soll jetzt auf dem Landgut des Erzbischofs Stadler entdeckt worden sein, der sie angeblich dorthin entfi'chren ließ, um sie zum Christentum zu bekehren. Unter den Mohammedanern soll deshalb die größte Aufregung herrschen. Angeblich werde Erzbischof Stadler seine jetzige Stelle verlieren und nach Rom gehen. Die ganze Schauergeschichte ist zweifellos eine Intrigue gegen den Bischof, oder aber sie soll zur Aufhetzung der bosnischen Mohammedaner oienen.
Bu Hamaras Vordringen.
£ In Marokko eilen die Anhänger Buhamaras unaufhaltsam. Von Erfolg zu Erfolg. Die Führer der Sul tanstruppen werden einer nach dem anderen von den Aufständischen geschlagen. Die Lage des Sultans ist nach wie vor höchst bedrohlich. König Eduard von England hatte bei seiner Anwesenheit in Gibraltar lange Unter» redungen mit einigen Abgesandten des Sultans. Dar-
an, daß gunsten beuten.
England oder irgend eine andere Macht zu des S-ultanS einschreiten werde, ist nicht zu
Die Revolution in San Domingo.
(!) Die vor San Domingo liegenden ausländischen Kriegsschiffe, bariintcr der deutsche Kreuzer „Vineta", haben zum Schutz der Konsulate Truppen gelandet. Die Konsuln versuchen, zwischen den Aufständischen und der Regierung zu vermitteln, sie hatten vorgeschlagen, beide Parteien sollten die Waffen Niederlagen und eine Kommission ernennen, die einstweilen die Regierung führen soll, bis ein neuer Präsident gewählt ist. Ein Angriff der Negierungstruppen auf die Stadt ist von den
Aufständischen unter großen ten abgeschlagen worden.
ftiirie politische
Verlusten auf beiden Sei-
iUachrichten.
( 2) Der freisinnige Reichs- und Landtagsabgeordnete Rechtsanwalt August Munckel ist am Karfreitag im Alter von 67 Jahren infolge eines Lungenemphysems gestorben. Munckel vertrat von 1881 bis 1893 im Reichstag den 3. Berliner Wahlkreis, von 1893 bis jetzt den Wahlkreis Grünberg-Freystadt in den Reichstag. Dem preußischen Abgeordnetenhause gehörte Munckel seit 1882 als Vertreter des 4. Berliner Wahlkreises an.
* KurZ vor der Reise des Präsidenten Loubet nach Algier hat der Generalgouverneur dieser Kolonie, Re- vock, sein Amt niedergelegt.
* In Venezuela ist die Revolution noch immer nicht zu Ende. Neuerdings haben die Aufständischen die Negierungstruppen in der Nähe von Caracas geschlagen und eroberten 2 Geschütze; ferner erbeuteten sie Barquisimeto und machten viele Gefangene. Aus Coro wird ein heftiges Gefecht gemeldet; Einzelheiten darüber fehlen noch.
* In Zapresic wurde die au^ Anlaß des ungarischen Nationalfeiertages am Bahnhöfe gehißte ungorische Fahne von Hunderten kroatischer Bauern herabgerissen, mit Petroleum begossen und verbrannt. Eine aus Agram herbeigerufene Gendarmerteabteilung nahm feierlich die Wiederaufhissung der Fahne vor.
* Aus Somaliland wird berichtet, daß sich der Mullah nach dem italienischen Territorium geflüchtet hat. Nachdem der Feind nunmehr unschädlich gemacht worden ist, werden sich die englischen und abessynischen Streitkräfte in Gergolubi vereinigen, _ ^
J*»fst!»»oprti -r Du einspaltige Petitzeile für Gießen wti gaiu Ebtrdeücn. die Kreise Wetzlar und Kirburg 10 Pfg sonst 15 Psg.: RcklLme« die Petitzeile 30 resp. 41 Wz.
Postzeitungsliste NZ. WS.
Mebatrion unb Srpedttion: Gießen Rc»<e»te K ISmrf>ra*<«f*le^ Itt, MS.
hof und Gesellschaft. - ' ■
Der Kaiser wird auf der Hinfahrt nach Italien in München eine Zusammenkunft mit dem Prinzregen- ten Luitpold haben — Das Kaiserpaar wird am 30. b. M. in Bückeburg an der Hochzeitsfeier des Großl^'rzogs von Sachsen-Weimar mit der Prinzessin von Reuß teilnehmen. Von dort mirb unmittelbar die Reise nach Rom an getreten, ivo der Aufenthalt bekanntlich vom 2. bis zum 6. Mai in Aussicht genommen ist.
r** Der deutsche Kronprinz unb Prinz Eitel Friedrich weilen zur Zeit int Schloß zu Athen und bs- sichtigen von dort aus die Kunstschätze der griechischen Hauptstadt und ihrer Umgebung. Ueber den Empfang im Piräus wird folgendes berichtet: Kaum war der „Saphir" mit den Prinzen ein gelaufen, gingen der Kronprinz und die Kronprinzessin von vKicchenland an Bord. Bald darauf traten die hohen Herrschaften die Fahrt nach Athen an, nw sie am Bahnhöfe vom Könige, den Prinzen Nikolaus und Andreas, dem Minister des Ausivè- tigen und dem deutschen (gesandten in Athen empfangen nmrden.
*** Der italienische Ministerpräsident Prinetti machte beni deutschen Reichskanzler Grafen Bülow m Sorrent einen Gegenbesuch.
♦** D§r frühere deutsche Botschafter in Nordamerika, v. H 0 l l e b e n, dessen definitive Abberufung jüngst in Waslnngton notifiziert wurde, weilt für die nächste Zeit in Stuttgart; über die Wahl seines Einstigen Wohnsitzes hat er noch keine Entscheidung getroffen.
' - Das 6nde der Streiks!
(—) Was nach den Ereignissen der letzten Tage voraus- zusehen war, ist eingetreten : Der holländische Generalstreik ist gescheitert. Die Leitung der holländischen sozialdemokratischen Gewerkschaften, die den Streik f. Zt. proklamiert batte, hat jetzt eine ^roflamation erlassen, wonach die Verpflichtung der Gewerkschastsangchörigeu, wei- ter zu streiken, aufhören soll. 3U diesem Rückzüge sind die Führer der Streikbewegung offenbar durch zwel Erwägungen veranlaßt worden: Einmal durch die Rücksicht darauf, daß nach einer Bekanntmachung der Eisenbahnverwaltungen und sonstigen Unternehmer kein Arbeiter später wieder angenommen worden würde, der nicht spätestens am Freitag die Arbeit ausgenommen hätte. Zum anderen aber sagten sich die Streikleiter mit Recht, daß das neue holländische Streikgesetz mit seinen scharfen Strafbestimmungen gegen Streitende doch durchgehen werde, und daß bann die noch streikenden Arbeiter in eine üble Lage geraten würden. Daß diese: Erwägung richtig war, haben die Tatsachen inzwischen gelehrt: Am Tage darauf ist das Streikgesetz von der ersten holländischen Kammer einstimmig genehmigt worden und, nach Sanktion durch die Königin, sofort in Kraft getreten. Unter diesen Uniständen werden die Arbeiter, die zum teil den vernünftigen Beschluß der Streikleitung: zunächst mißbilligten, wohl einsehen, daß die Aushebung der Verpflichtungen zum Streik in ihrem eigenen Interesse lag, und nur wenige Tage dürften vergehen, bis die große Mehrheit der Arbeiter wieder ihre Tätigkeit aufnimmt. Es heißt zwar, daß die in der holländischen Arbeiterschaft stark vertretene anarchistische Richtung den Streik fortsetzen wolle, und ihr Führer, Domela Nieuwenhuis, fordert seine Anhänger sogar auf, das Streikgesetz „auf revolutionären Wege" zu Falte zu bringen. Aber das sind in der Hauptsache Großsprechereien, die vielleicht noch einige Krawalle im Gefolge haben mögen, die aber nichts an der Tatsache ändern, daß der Generalstreik der Arbeiter in der Tat als zu Ungunsteu beendet gelten muß. Das beweist auch i: er Umstand, daß die preußischen Bahnen ohne weiteres wieder Güter nach Holland annehmen. Der regelnd f?ge Verkehr ist eben fortan gesichert. Nur dann wäre eine revolutionäre Bewegung größeren Stils zu befürchten, wenn die Bahnverwaltungen die Streikenden nicht nieder einstelten. Wenn die Arbeiter hungern, so erklärte ein holländischer Politiker einem Journalisten, so haben wir den Bürgerkrieg! Unter diesen Umständen wird einige Nachsicht seitens der Bahnverwattungen durchaus an- gezeigt sein. Die Miliz wird wegen der Notwendigkeit, die Bahnstrecken zu bewachen, nicht entlassen werden.
Auch in Rom ist der Generalstreik gescheitert. Die Arbeiterführer haben einen Aufruf erlassen, der die Arbeiter zur Wiederaufnahme ihrer Tätigkeit auffordert. Einige angesehene Bürger der ewigen Stadt sind damit beschäftigt, zwischen Arbeitern und Unternehmern zu vermitteln. Das nach Rom beorderte Militär ist infolge der Beendigung des Streiks, an dem nur noch seine Urheber, die Setzer, festhalten, nach seinen Garnisonen zurückgesandt worden. Auch der Budapester Straßenbahnerstreik dürste binnen kurzem mit einer Niederlage der Streikenden enden. Die Straßenbahngesell- schaft hat sämtliche Ansständigen ausgesperrt. Unter diesen macht sich schon die Neigung bemerklich, um gut Wetter bei der Direktion zu bitten. Während diese.