Nr 62 Erstes Blatt.
Samstag, den 14. März 1903.
__________________12. Jahrgang.
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Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg SS» stier«sprecha«fchl«ß Nr. 86».
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Sturm und Drang.
[P olitifche <ü o ch e n sch a u.J
(Mitten im Epigonen Geschlecht. — Der inilbe Pater Plötz — ^eue Gruppen. — Am Scheideweg« — Rauhere Sitten — Ein Arrrenvolk. — Ein vielseitiger Fürst. — Ein Anerkenntnis fein Bekenntnis.)
Obwohl wir mitten in einem Epigonen-Ge s 'llecht stecken, hat unser Zeitalter lühne Na u en Heroo- j.» bracht, die durch ihre Persönlichkeit mächtiger in den (>ang der Verhältnisse ciugreisen, als man es im ersten Augenblicke ahn«. Wo hätten beispiclslvcise die Handroll ostelbischer Gutsbesitzer und der verstorbene erste Bundespräsident^ von Plötz, der milde Vater Plötz, je daran gedacht, daß ihre politische Gründung eine Bedeutung erlangen werde, wie sie ihr heute innewohnt. Es ist nun einmal nicht zn leugnen, daß der Bund der Landwirte eine Macht geworden ist, mit der alle Parteien zu rechnen haben, weil der Blind in vielen Reichsta su allkreis. n bic Rolle des Unparteiischen spielen kann. So erleben l?ir dann das Schauspiel, daß in bem einen Kreise der Bund für einen Nanonalliberalen und sogar einen Zen- trumsmann ^st, in einem anderen aber liegen die Dinge »ungelehrt. To stehen mir scheinbar vor einer Umwee u g aller politischen Begriffe bind) den überwiegenden Einflug deS wirtschaftlichen Elements. Aber wie alles sein Aus und Nieder hat, so machen sich jetzt auch bereits wieder die Zeichen eines erstarkenden polnischen Einflusses bc^ nternmr. Die jüngsten Vorkommnisse auf lirchenpoliti schem Gebiete, sowie die in regelmäßigen Abständen er Atzten Ansprüche der lonfessionell gegliederten Parteigruppen an die Volksschule haben die na.ürliche Wir s^ng auf den Liberalismus gehabt. Die preußischen Nationalliberalen haben kürzlich in einer Fraktionssitzung verabredet, in Preußen nach Möglichkeit mit den linksstehenden Liberalen Hand in Hand gehen und über dem G> meinfamcn das Trennende vergessen zu wollen. Es ist ia noch lange hin, bis etwa. eine ,.große liberale Partei" wieder ersteht, aber unverkennbar schlvindet doch die Lcheidelvand zwischen dem gemäßigten und dem radikalen Liberalismus. Auch ans die Reichstagswablen wird die neue Parleigruppierung ihren Einfluß au. üben.
Umgelelirt aber geht es in Oesterreich, wo gerade die gemäßigten Parteien allmählich in ihrer G.undstimmung immer radikaler werben. In einer der jüngsten Sitzung des Abgeordnetenhauses hat sich sogar ein allo en scher Ao- geordneter gegen die habsburgische Monarchie erNä t, wnl diese nach seiner Ansicht, wie von jeher, auch Heu c noch bic dynastischen über die deutschen Interessen stellt. In Ungarn hat man inzwischen ebenso.B Propaganda für ein nationales Staatsoberhaupt gemacht — freilich was man so national nennt; denn bemerkenswerterweise sind die Führer der ungarischen Bewegung fast sämtlich anderen als magyarischen Ursprungs. Monats) ist Slavone, Aleran- der He ree g hieß früher Herzog und ist deutschen S ammes. Aber der Ungar versteht Zuckerbrot und Peitsche zu handhaben, um die Bewohner des Landes n maeyarifieren. Wer beispielsweise von den Siebenbürger Sachsen bic beiläufig bemerkt gar keine Sachsen sondern Frau en sind — einen ungarischen Namen annimmt, marin Mar Jere; wer aber seinem Volke treu bleibt, wirb verfolgt. Und treu ist der Sachse seinem Stamm und seiner Trabi ion. &T folgt dem Geiste seines herrlichen Nationalliedes:
„Sind wir nicht ein adlig Geschlecht?
Wir kennen nicht Herren, wir kennen nicht Knecht!" Dieses Volk, das schon seit 70 ) Jahren die öffentliche Volksschule hat, und, durchdrungen von seinem inneren Werte, jede Mischung mit einem anderen Volksteil als unwürdig mit Ausstoßung aus der Volksgemeinschaft b> straft, ist vorzugsweise durch seine freien Jnsli Unionen Hl seiner Kulturbedeutung gefommen. Es lebt in ihm .noch der Herrengeist des ehemaligen Franlenstammcs.
Freilich zur Freiheit muß ein Volk auch reif sein, bae sehen wir am Orient. Auf dem Ballan führen nur die- ienigen Stämme ein glückliches Dasein, die unter einer absoluten nationalen Dynastie leben — so vor allem das kleine Häuflein der Montenegriner, für das Fürst Nikita Gesetzgeber, Richter und Heerführer in einer Person ist «Ten übrigen Staaten hat der Parlamentarismus seit Glück gebracht.
Nach solchen Erfahrungen wird man sich in Rußlant bei der tiefen Kulturstufe des Volkes noch lange besinnen ehe man dort westliche Verhältnisse schafft. Tas nein Manifest des Zaren darf deshalb nicht überschätzt werden Es ist lediglich ein Anerkenntnis der dortigen Sturm und Drangperiode, aber kein eigentliches Bekenntnis einem staatsrechtlichen Fortschritt.
Die politih.
Zehn Millionen Patronen.
Zu derselben Zeit, ivo Zar Nicolaus seine getreuen Untertanen mit einem ebenso wohlgemeinten wie frag- würdiget» Reforrnprojeti beglückt, macht a auch den ge treuen Serben ein Präsent Alexander III. hatte dem
ungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und
arnNni ^'anoe vor zeyii^ Jahren zeynläüs(üio"Berdan -Gewehre geschenkt und letzt sorgt sein Sohn und Nachfolger für die dazu gehörigen ^atronen. Zehn Millionen Patronen — es ist ein hübscher Posten Munition, den der Zar dem Belgrader Hofe avisiert. Die Sendung ist auch ganz plausibel mit dem Hinweis auf die Gewehre begrün bet und der Geburtstag Alexanders III., an dem Zar Nikolaus die Reformen verkündet, macht es erklärlich, warum das Geschenk gerade jetzt erfolgt. Gleich- wohl kann es nicht ausbleiben, daß dem Patronen- Präsent eine Deutung gegeben wird, die ihm sicherlich nichl zukommt. Denn Patronen sind nicht nur dazu da ?aß man Gewehre damit lädt, sie sind auch dazu bestimmt, verschossen zu werden. Verschossen aber gegen ven? Auf diese Frage werden die Serben, die Erbfeinde der Türken, nur eine Antwort haben. Man sieht, es ist nicht ganz unbedenklich, zu einem Zeitpunkt, wo soviel Zündstoff am Balkan aufgehäuft ist, auch noch Patronen dahin zu schicken. Ter Serbenkönig aber mag, im Hinblick aus den leeren Staatsschatz, leise seufzen: „Lieber noch als die Patronen wären mir die — Doppel krönen."
Ter Londoner Millioncnschwindcl.
— Endlich hat sich ein englischer Richter gefunden, der sich der zahlreichen Opfer des größten Börsen- schivindlers der letzten Jahrzehnte, des Herrn Whitaker Wrickn, angenommen hat. Durch Verfügung des Richlers Buckley wirb der frühere Direktor der verkrachten „London and Globe"-Gesellschaft wegen 'Betrugt in den Anklagezustand versetzt. Die Ursache des langen Widerstrebens, der englischen Strafjustiz, Herrn Wright vor ihr Forilm zu ziehen, lag darin, daß er es wie kein anderer vor ihm, verstanden hatte, Mitglieder des Par lamen:s, Lords, hohe und höchste Beamte der Krone, die vornehmsten Spitzen der Aristokratie, selbst Mitglieder der hohen Gerichtshöfe an seinen Gründungen in der Art zu interessieren, daß sie fast alle ihren Teil an dem Raube erhalten haben. Sie alle halfen mit, nicht weniger als 41 Gesellschaften auf dem Papier zu gründen, die fast siimilich auf Schwindel beruhten, und zwar mii einem Kapital von 22 Millionen Psd. Sterling, d. h. 440 Millionen Mark, von denen nach dem niedrigsten Ansätze 150 000 Millionen als völlig verloren gelten dürfen. Herr Whitaker Wright, der dem Anklage- beschluß gemäß verhaftet werben sollte, hat es leider verstanden, sich durch die Flucht in Sicherheit zu bringen, vorläufig wenigstens. Er soll auf dem Kontinent gesehen worden sein, doch hält das Verschwiilden dieses Gannergenies das gerichtliche Verfahren nicht auf.
Der Somali-Feldzug.
è Nachrichten aus Obbia vom 6. d. Mts. erwähnen einen Bericht über ein Gefecht zwischen dem Mullah und den abessinischen Truppen, bei welchem etwa tausend Mann getötet und verwundet sein sollen. Wie es heißt, ist die Mutter des Mullah von Kundschaftern in der Nähe von Damat gefangen genommen worden. Der Mullah übt seine Macht mit unbarmberuner Strenge aus, zahlreiche abgeschnittene Köpfe von Männern und verstümmelte Frauen und Kinder zeugen von seinem Schreckensregiment. General Manning hat auf dem Marsch nach Galkaju viele Kameele verloren.
Kurze politische ^kachrichten.
* Dem Gouverneur von Bertin, Generaloberst v. H ahnte, hat der Kaiser durch eine Kabinettsordre den Rang eines Generalfeldmarschalls verliehen.
* Wie die „Nordd. Allg. Ztg." erfährt, ist der Regierungspräsident v. Brandenstein in Hannover, der um seinen Abschied gebeten hatte, zur Disposition gestellt und statt seiner Oberregierungsrat Dr. Baltz in Breslau zum Regierungspräsidenten in Magdebu.rg be- rufen.
* Der Handelsminister Möller bi It bei dem Fest mahl der nationalliberalen Partei des preußischen Abge- vrdnetenhauses eine Ansprache, in der er auf die große Bedeutung der bevorstehenden Reichstagswahlen für den glücklichen und befriedigenden Abschluß langfristiger Han velsver träge hinwies.
* Der erste Vizepräsident des preußischen Abgeordnetenhauses, Frhr. v. Hee re nla n, ist an einer Lungenentzündung erkrankt; der Kranke hat hohes Fieber.
* Ter langjährige Pr ) zeß der Stadt Berlin mit Berliner Kirchengemeinden wegen Beitrag- eistungen zu Kirchenbauztveckeu auf Grund der Konsistorialordnung von 1673 ist zu Gunsten Berlins entschieden worden.
* Der Gouverneur von Kamerun schickt sich zu einer Befichtigungsren. nach dem Tschadseegebiete an.
Teru aus Sübafrtta heimgekehrten englischen Ko- lonialminisrer E h a m b e r 1 a i n ist bei seiner Ankrrnft in Southampton ein feierlicher offizieller Empfang bereitet worden. In London wurde er auf dem Bahnhöfe von dem gesamten Kabinet und zahlreichen Parlamentsmitgliedern empfangen. Am Montag findet im Oberhause eine große Ovanon für Sbamberlain statt.
anderer Behörden von Oberhessen
politischer Klatsch.
Aer Reichskanzler Graf Bülow hat, wie jeder Staats manu in leitender Stellung, Widersacher, bi? i u liebet gehen als bleiben sehen. Das ist so klar und selbstverständlich, daß darüber weiter kein Wort gesagt zu werben braucht. L>eit einiger Zeit pll nun aber, wie eine Kor respoudenz berichtet und eine Reihe von Blättern ihr nacherzählt, eine förmliche Agitation gegen den Grafen im Gange sein, bereu Ursprung und Mittelpunkt man in ben Hoflreisen oder, um deutlicher zu sein, in der Umgebung des Kaisers sucht. Eine sehr hochgestellte Same - eè liegt nahe, wer damit gemeint ist — uud eine fürstliche Persönlichkeit aus dem Gefolge des Kaisers werben als bie einflußreichsten Gegner des Kanzlers bezeichnet. Graf Bülow wird beschuldigt, daß er bie preußische Ucbcrlicfc rung nicht genügend berücksichtige und über die Köpfe der Ressorts hinweg handle. Das Verhältnis zwischen den Ressorts und dem Reichskanzler bezw. Ministerpräsidenten sei infolgedessen augenblicklich keineswegs das beste. Graf Bülow gilt angeblich für allzu souverän in seinem per Iänlichen Auftreten, auch habe er allerlei Empfindlich feiten bei Gelegenheit der jüngsten Personalveränd.rungeu gegen sich wach gerufen. Belonders aber werde in den strengprotestantischen Kreisen der Hofgesellschaft bem Gra Ten seine, wie man meint, zu große Nachgiebigkeit gegen bic katholische Kirche verübelt. Alle diese Ausstreuungen beruhen jedoch, wie unser Berliner CK^Witarbeiter er fährt, teils auf Erfindung, teils auf Kombination. Am wenigsten ist zutreffend, was über den Herd der gegen den Reichskanzler gerichteten Zettelungen mitgeteilt wird. Daß freilich durch die zahlreichen Veränderungen in den hohen Verwaltungsstellen Verstimmungen hervorgerufcn find, wird richtig fein; unfreiwilliges Scheiden aus bem Amu ruft meist Verstimmung hervor. Es kann aber versichern werden, daß die Veränderungen im voll n Ein vernehm 11 mit der maßgebendsten Stell vorgenommen sind, und daß, wenn von irgend einer Seite der Versuch gemacht sein sollte, ane diesen Veränderungen gegen den Grafen Bülow Kapital zu schlagen, dieser Versuch gründlich fehlgeschla gen ist. Ebenso wäre eS ein ganz anssichtsloses Unter nehmen, die Kirchenpolitik des Reichskanzlers zu einer Intrigue gegen ihn zu benutzen. Auch die kircheupolitische Haltung des Grafen Bül >w erfreut sich des vollen Bei falls des Kaisers.
Deutscher Reichstag.
‘263. Sihnnq, Etgelrec Bericht.
— Noch immer der Militäretat. —
Ter Abg. v. O l d e n b n r g, der vor kurzem noch im Reichstage für das Snell eintrat, hat sein Mandat iiicbergelegt. Von dieser Tatsache mürbe Kenntnis genommen, als noch immer die Debatte über den Exerzierplatz zu Neuhamnrer auf dem ehemaligen Gebiete des Grafen Dohna besprochen wurde. Der Kriegsmi- uister v. Goßler wies zu diesem Kapitel nach, daß die Etatsüberschreitung beim Ankauf dieses Platzes in Höhe von 3 .Millionen Mark nicht dem Grafen Dohna zu gute gekommen, sondern hauptsächlich durch höhere Arbeits- löhne beim Waldschlag unb Rückgang der Holzpreise entstanden ist. Trotzdent blieb Abg. Bebel dabei, daß die Kommission schwer übers Ohr gehauen worben fei. Nach einer äußerst heftigen und sehr unterschiedlichen Erörterung über diese Frage wird dieser Punkt des Hccresetats, der Ankauf des Exerzierplatzes zu Neuhammer, an die Kommission zurückverwiesen; zugleich wird auch die von der Kommission beantragte Resolution, daß in ähnlichen Fällen in Zukunft genaue Kostenanschläge und Vorverträge auSgearbeitet werden sollen. Ser Nest des Militpretats wird dann nach verschiedenen unwesentlichen Erörterungen erledigt. Beim Marineetat wiederholte Abg. Bebel seine Angriffe gegen die schon oft gerügte Preispolitik der Firma Mrupp. Ter Militäretat wirb bis auf einige an die Kommission zurückverwiesene Punkte angenommen. Tarauf wird bie Postassistentenfrage beraten. Ter Antrag Müller- Sagan betreffend die Vermehrung der Postassistenten- ftellen von 2000 auf 3000 wird abgelehnt ; dagegen wirb ein Vermittelungsantrag des Abg. V. Waldow- Reitzenstein fonf.)„ daß diese Vermehrung eintre- teil solle, sobald die Steigerung des Verkehrs es möglich macht, angenommen. Es folgt die zweite Beratung des Marineetats, bei bei eine ganze Reihe von kleinen Fragen, namentlich Lohnfragen der Arbeiter, zur Sprache gebracht und von Admiral v Tirpitz vertreten wirb.
Lokales.
Gedenktafel für den 13 März.
1719. Ter Alchimist Böttger, der Ersinder des Porzellans 7. — 1741. Kaiser Jo;ef II. von Oesterreich ♦. — 1781. Herschel entdeckt ben Uranus. — Sei Baumeister Schinkel in Neuruppin *. — 1848. Revolution in Wren.