Nr. 188.
Donnerstag, Len 13. August 1903.
12. Jahrgang.
• § 3^3
^■2Q'
_ 3 5 Q
3 SES-
MZ
3 «3^»
>33S?e
Abo««eme»tspreiS: in Gießen, adgeholt monatlich dO Psg., in'S Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährlich Mk. 1-50.
Gratisbeilage« : Oberle ffifc^e Famitte«reitu^ ttâglich) Oberhesfische Zeitschrift für Landwirtschaft, ^ Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblase« (wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmitagS.
I«strtio«Sprei Sr Die einspaltige Pentzeile für Gießen m - ganz Obnhcssen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 PW. sonst 15 Pfg.; Reklame« die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.
Postzeitungsliste No 3269.
Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 2 8.
^er«sprecha«schlvß Nr. 868.
ießener
(Hießener Dagevrall)
Wnaöhängige Tageszeitung
(Gießener Bettung)
für Oberhefsen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
3 IS ^'^ sW*
ar °L2
Bekanntmachung.
Nachdem die bei einem Schweine des Oekonomen Preis dahier ausgebrochene Rotlaufseuche erloschen ist, wird die unterm 24. Juli l. Js. angeordnete Gehöst- sperre ausgehoben.
Gießen, den 12. August 1903.
Großh. Polizeiamt Gießen
I. V. Roth.
äac ®^
e3g
ras
Bekanntmachung.
Die am 11. Juli L I. ungeordnete Sperre dec Marktstraße wird hiermit aufgehoben.
Gießen, den 13. August 1903.
Großh. Polizeiamt Gießen.
J. V.: Roth.
g?
2 =
Q „ ZA Ss
^«Ws
^£12/3
"MZZZ r^eas»
?=8^ö" : «o
:5° 2%:.=
r, ^ C?3 6
2^2
-1 ^ «
ZM» SSSSä?
„ä^iL"
Bekanntmachung.
Wegen Vornahme von Walzarbeiten wird die Moltkeftratze von Freitag, den 14. L Mts. an bis auf W itercs für den Fuhrwerks- und Fahrradverkehr gesperrt.
Gießen, den 13. August 1903.
Großh. Polizeiamt Gießen.
___________________I. V.: Roth. ___________
Bekanntmachung.
Die am 16. Juli l. Js. angeordnete Sperre dec Hammstratze zwischen Wieseckbrücke und Unterführung an dec Westanlage wird hiermit aufgehoben.
Gießen den 12. August 1903.
Großherzogl. Polizeiamt Gießen. _______________J. V.: Roth.
Hibert von Levetzow p.
^Ä. Die Reihen der alten Parlamentarier, die noct bie große Zeit des deutschen Reichstages gesehen haben, lichten sich zusehends. Aus Königsberg i. N. fommt jetzt die Kunde von dem Hinscheiden eines der besten Männer, die der deutschen Volksvertretung je angehört haben: Albert b. Levetzow, der langjährige Präsident des beutfehen Reichstages, ist auf seinem Gute Gossow bei Bärwalde g c - storben.
Ueber ein Menschenalter, feil 1867, hat Albert V. Le- DeboW der deutschen Volksvertretung angehört, von 1877 ns 1884 und von 1887 bis 1895 war er erster Präsident DeS hohen Hauses; als Abgeordneter wie als mbent erfreute er sich vermöge seines liebenswürdigen nnb dabei vornehmen Auftretens der Achtung und Sympathie aller Parteien. Als Führer der Konservativen in, Reichstage zeichnete er sich durch eine schlichte, aber eindrucksvolle Be- redsanlkeit, durch ruhige Sachlichkeit und konziliantes Wesen auch den Gegnern gegenüber aus. In seiner ruhigen, bestimmten Art der geborene Leiter der Verhandlungen, wußte er auch in stürmischen Tagen die Würde des Harstes zu wahren. Seine politische Ueberzeugung führte ihn von Anbeginn seiner parlamentarischen Kaufbapn auf die Seite Bismarcks, zu dessen vertrauten ^reunbcn er später gehörte. Seine Verehrung für den großen Kanzler gebot ihm auch, die Verweigerung des Glückwunsches Uim 80. Geburtstag Bismarcks durch die Reichstagsmehrheit mit der Niederlegung der Präsidentschaft zu beantworten.
Sieben seiner parlamentarischen Tätigkeit — er war auch Mitglied des preußischen Herrenhauses — entfaltete er eine unermüdliche Wirksamkeit auf dem Gebiete der provin- fialen Verwaltung. Zwanzig Jahre lang, von 1876 bis 1896, Wo ihn Alter und Kränklichkeit auszuruhen zwangen, war er Landesdirektor der Provinz Brandenburg; als solcher bat er sich besonders auf dem Gebiete der Kunst- Pflege große Verdienste erworben, wie er denn überhaupt über ein gediegenes künstlerisches und literarisches Urteil verfügte.
Ein sanfter Tod hat jetzt den 76iährigen von beschtver- licher Kralckheit erlöst. Er war der Typus des preußischen SanbebelmanneS der alten Schule; an seiner Bahre werden sich in aufrichtiger Trauer Freunde und Gegner vereinen.
ZZ-Z-A5
K <■ ' ^ A
MW
Die Politik.
Der prentzifche Kronrat.
G Zum vierten Male unter der Regierung Wilhelms II tritt — am heutigen Mittwoch — der preußische Kronrat, sine Versammlung des Staatsministeriums unter dem Ersitz des Königs zusammen. Es bedarf keiner großen Kombinationsgabe, uni zu sagen, mit welcher Frage ßch dieser Kronrat zu beschäftigen haben. wird: Selbstverständlich gilt die Beratung in erster Linie den Maßregeln, die zwecks Be-
CB
icmgung Der gegenwärtigen Hochwasserschäden in Schlesien und zur Verminderung ähnlicher Katastrophen zu ergreifen sind. Indessen wird damit der Beratungsstoff des Krollrats nicht erschöpft fein; vielmehr dürfte er einewichtigere Maßnahme auf dem Gebiete unserer neueren Politik zur Folge haben, eine Maßnahme, die freilich in organischer Verbindung mit der Hochwasserfrage steht. Wie nämlich unser Berliner d-Mitarbeiter aus guter Quelle hört, wird in Ministerkreisen davon gesprochen, daß ein oder mehrere Minister dem König empfehlen wollen, die Mittetla n dsk a n a l - Vorlage, die bekanntlich für die nächste Landtagssession angekündigt lvar, auf u n b e st i m m t e Z e i t, d. h. bis zur Beendigung der gegen die schlesische Hochwassergefahr zu ergreifenden Maßregelll, zu vertagen. Ob diese Au regung 311 einem Beschluß sich verdichten wird, steht freilich dahin. Im Kronrat dürfte ferner über ben Zeitpunkt bet Einberufung des Landtags Beschluß gefaßt werden, der bic Hochwasserkredite ja noch zu genehmigen hat. Im übriger verlautet in Berliner politischen Kreisen, daß der Kronra allch diesmal, wie seine drei Vorgänger, ben Rücktritt eine« Mitgliedes zur Folge haben werde. Als solches wird Heri o. Hammerstein, der wegen der Teilnahme am Kronra seinen Urlaub unterbrochen hat, genannt. Wieviel an biefen letzten Gerücht sein mag, entzieht sich jeder Beurteilung.
In Posen beziffern sich die Hochwasserschäden, mitei denen besonders die kleinen und mittleren Besitzer zu leiden, haben, auf 3 Millionen Mark. Obwohl die meisten beschädig ten Besitzer Polen sind, hat sich die polnische Bevölkerung an der Hilfsaktion in keiner Weise beteiligt. Die zweiten ^mnm langen für Schlesien beziffern sich auf über 1 Mill. Mk.
Die Krawalle in Sndrnßland. _
□ Was an Nachrichten über die Streikunruhen in Süd rußland durchsickert, zeigt, daß diese Unruhen ärger und blutiger sind, als alle früheren. So wird durch Privatbriefe aus Kiew besannt: Alle Fabriken und Werkstätten sind geschlossen, die große Tabakfabrik Kogan wurde zerstört, der Direktor ermordet. Auch andere Fabriken wurden zerstört. Wie auf einem Kriegsschauplatz finden bald hier, bald da Straßenkämpfe statt. Der Trambahnverkehr ist eingestellt, die Bäcker arbeiten nicht, das Rohrnetz der Wasserleitung ist verstopft, die elektrische Beleuchtung gestört. In Podol fand eine förmliche Schlacht statt; es wird von Hunderten von Toten gesprochen. Privatnachrichten aus Baku melben von dort völlige Anarchie- die Arbeiten sind sämtlich seit zwölf Tagen eingestellt. Montag wurde die Stadt an mehreren Enden an gezündet. die Wasserleitung zerstört, um die Löscharbeiten zu verhindern. Die Bohrtürme wurden gleichfalls in Brand gesteckt.
Mazedonisches Allerlei.
W 200 000 Francs Sühnegeld fordern die Russen von der Pforte für die Ermordung des russischen Konsuls in Monastir Rostkowsky. Das Geld ist für die Familie des Ermordeten bestimmt. In ganz Mazedonien ist inzwischen der Guerillakrieg ausgebrochen. Neben anderen schönen Dingen Wirb berichtet, daß bei Nevrekop im Sandschak Sores ein drei Tage dauernder Kampf zwischen türkischen Truppen und einer .Komiteebande stattgefunden hat. Ueber die Zahl der Toten und Verwundeten sind genaue Nachrichten noch nicht vorhanden. Die Herren Rebellen haben übrigens jetzt ihr politisches Programm formuliert und den diplomatischen Agenten der Großmächte übersandt. Als Bedingungen für die Einstellung der Bewegung werden die Ernennung eines christlichen, von der Pforte unabhängigen Gouverneurs in Mazedonien und die Kontrole der Mächte über die Durchführung der Reformen gefordert.
Kurze politische Nachrichten.
* Der altenburgische Staatsminister v. Helldorf hat seine Entlassung erbeten und erhalten. Seiki Nachfolger dürfte der Geheime Staatsrat v. Borries werden.
* Die in Lo n do n eingesetzte Kommission für Fremden- einwanderung empfiehlt, daß die Einwanderung gewisser Klassen von Fremden unter staatliche Ueber- wachung gestellt werde. Ein Einwanderungsamt soll errichtet werden, um den Zutritt von Personen mit schlech - t e m Leumund, die dem Staate lästig werden könnten, sowie von solchen, die an ekelerregenden und ^ansteckenden Krankheiten leiden, zu verhindern. Die Schiffseigentümer sollen verpflichtet sein, Einwanderer gegebenenfalls nach dem Einschiffungshafen zurückzubringen.
* Die irische Landbill ist nun auch vom britischen Oberhause in dritter Lesung angenommen worden.
* Das Befinden des Kardinals Herrero y Espinosa hat sich wesentlich gebessert; er hat den Vatikan bereits verlassen.
* Kardinal Vanntelli soll nach der Meldung des Londoner „Catholic Herald" zum päpstlichen Staatssekretär ernannt worden sein.
bof und Gesellschaft.
*** Der Kaiser ist von seiner Nordlandsreise über Swmemünde nach Berlin zurückgekehrt. Programmmäßig traf er an Bord der „Hohenzollern" in Swinemünde ein, übernachtete dort und wobnte am Moraen vor der Abreise nach
HBROHBBKraBMHraianBgQagaH^^
Berlin mit seinem Gefolge einer anderthalbstündigen, aus Dem Fort abgehaltenen Artillerieschießübung gegen schwirn. inende Ziele bei. Das Publikum bereitete bem Kaiser lebhafte Mndgebungen. Die „Hohenzollern" unb der „Sleipner" lagen im .Hafen nahe am Zollschuppen, während die „Nymphe" auf der Reede verblieb. Das Publikum besichtigte :n Masse die Schiffe, die heute nach Kiel zurückkehren.
*** Die Kaiserin ist ans Posen in Wildpark einge- troffen und vom Kronprirrzen, der von einem Ausflug nach Plön kurz vorher zurückgekehrt war, empfangen worden.
*V" .^ ö n i g Eduard von England ist nach Marienbad abgereist. Die Reise erfolgt über Blissingen, Hanncwer, Magdeburg und Leipzig.
Die pariser Stadtbahn-Katastrophe.
Im Auftrage der Staatsanwaltschaft ist von bem Untersuchungsrichter Jolliot wegen des furchtbaren Unglücks auf Der Stadtbahnstation Menilmontant die strafrechtliche Untersuchung gegen „vorläufig Unbekannt" wegen fahrlässiger Lotung eingeleitet worden. Bisher ist es unmöglich, mit Sicherheit festzustellen, wer die Verantwortung für das Un glück trägt. Wie verlautet, haben die Bahnbehörden sedoch bereits die Ueberzeugung gewonnen, daß das Unglücl niemals einen solchen Umfang hätte annehmen können, Denn die Bahnbediensteten nicht den Kopf verloren hätten.
Einer der Direktoren der Untergrundbahn äußerte nnem Berichterstatter gegenüber, die von der Bahnverwal hing eingeleiteten Nachforschungen hätten ergeben, daß die Verantwortung ausschließlich den Maschinisten Chauviil, einen der ältesten und zuverlässigsten Beamten der Untergrundbahn, treffe. Dieser habe die Vorschriften, die für den Fall eines durch Kurzschluß entstehenden Brandes erlassen seien, vollständig außer acht gelassen. Die Unter- griuldbahn habe bisher etwa 200 Millionen Menschen ohne ernsten Unfall befördert. Der Maschinist Chalwin hat bem Polizeikommissnriat erklärt, daß der in Brand geratene Zug schon am Tage vor bem Unglück nicht mehr hätte verwendet Derden dürfen, da die Vrenrsvorrichfinlg bereits am Mittag einmal versagt habe.
Von der Katastrophe gibt ein Reisender, der sich mit seiner Frau retten konnte, folgende Schilderung: In der Nähe der Station Boulevard Barbes brach in dem Motorwagen des von uns benutzten Zuges ein Fußbodenbrand aus, dessen man mit Löschgranaten rasch Herr wurde. Die Reisenden mußten jedoch aussteigen nnb der leere Zug Nr. 11 setzte dann die Fahrt langsam fort. Wir stiegen in den nächsten Zug, doch mußten wir in der Nähe der Station Belleville abermals aussteigen, da man den Zltg brauchte, um den ersten leeren Zug vorwärts zu schieben. Wir stiegen nun in einen dritten Zug, der bald darauf eingetroffen War. Es War eine verhängnisvolle Unvorsichtig keit von der Bahnverwaltung, diesen Zug hinter dem bren nenden Zug abgehen zu lassen. Auf der Station CouronneZ blieb der Zug etwas länger als gewöhnlich stehen. Dic Reisenden wurden ungeduldig, niemand aber hatte eine Ahnung von der drohenden Gefahr. Der Stationschef wollte schon dem Zuge das Abfahrtszeichen geben, als zwei Bahn Bedienstete herbeistürzten und riefen: „Rette sich, wer samt I" Noch aber glaubte niemand an eine ernste Gefahr. Die Reisenden stürzten die Stiege hinauf. Viele von ihnen blieben beim Schalter stehen und verlangten den Fahrpreis von 15 Centimes zurück. Das Gedränge wurde immer furchtbarer, so daß zahlreiche Personen, welche von dem Unfall noch nichts wußten, die Treppe hinabliefen, um den Zug zu erreichen. Die ganze Menge staute sich nun unterhalb der Treppe. In bemfeWen Augenblick kam von der Station Menilmontant eine dichte Rauchwolke^ an ein Vor- WärtSfommen war nicht mehr zu denken. Ich eilte nun mit meiner Frau und zehn anderen Personell unter dem Tunnel in der Richtung nach der Station Belleville-, ein Bahnbediensteter zeigte uns mit einer roten Laterne den Weg. Mühsam erreichten wir die Station, aber auch hier lvar die Halle trotz des Rauches von Kenten angefüllt, welche ihr Fahrgeld zurückverlangten. Wir mußten uns mit Fäusten den Ausweg erkämpfen.
Der Bahlthof Menilmontant, wo die beiden Züge in Brand gerieten, ist fast vollständig zerstört. Die wenigen Ueberreste sind ausgebrannt und verbogen. Die Bahnb.oU" uhr ist auf 9 Uhr 25 Minuten stehen geblieben. Die beiden Züge bilden einen Trümmerhaufen von verbogenen und zerbrochenen Eisenteilen. Die Fensterscheiben .9^" schmolzen und zu großen Glasplatten geworben. ^ie Drahte der elektrischen Leitungelt hängen über die Mauer herab Die Feuerwehr wirft immer noch Wasserfluten auf du Trümmer. Merfmürbigerweife ist die Hitze an den stellen, wo das Feuer besonders heftig ipar weniger gioß, alt an der Station CouronneS, wo es nicht eigentlich zum -lUmbruch kam. Nach der Meinung der Ingenieure bat der Luftzug die ganze Hitze nach dieser Sette getragen. Sämtliche aufgefundenen Leichen bis auf 2 sind letzt rekogno.- ziert worden es sind dies zwei Frauen, voll denen du eine eine Bäuerin aus der Provinz zit sein scheint. Bei