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Nr. 136. Erstes Blatt

Samstag, den 14. Juni 1903

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Wb»«Neme«tSpretS: in Gießen, abgeholt monatlich 60 Pfg., in^ HauS gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel­jährlich Mk. 1.50.

Gratisbeilage« : Oberheffifche Familte«zeitn«a tzäglich) vberheffifche Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst- u«d Gartembatt, sowie die Gietze«er Seifenblase« (wöchentlich). DaS Blatt erscheint an alle« Werktagen nachmitggS. Aeue

J«sertio«Sprei 0» Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberheffen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg.; Reklame» die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3269.

Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 28. Kernsprechanschluß Nr. SS».

(Dienet Uagevlatt)

Unabhängige Tageszeitung

(Gießener Aeitnnz)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberheffen.

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Dasnde der Obrenowitsch.

CB. König Alexander und seine verderbliche Gefähr­tin liegen, wie die anderen Opfer der Katastrophe von Belgrad, in der Gruft, und noch immer weiß man nichts Zuverlässiges über den Hergang des Attentates, dem sie pun Opfer sielen. Bestimmte Nachrichten liegen einstweilen nur über die Zahl der Getöteten vor. Danach bestätig! ts sich nicht, daß auch die Schwestern und zwei Neffen )er Königin den Tod gefunden haben, sie wurden viel- nehr in einem von Soldaten bewachten Hause in Gewahr­em gehalten, um demnächst über die Grenze gebrach! zu werden. Ermordet sind neben dem Königspaar nur die Brüder der Königin, die Leutnants Nikola und Nikodem èunjewitza, der Generaladjutant Lazar Petrovitsch, der )as Königspaar verteidigen wollte und seinerseits einen Hauptmann niederschoß, ferner der mit den Verschwö­rern im Einverständnis gewesene Adjutant des Königs, Naumowitsch, der nach einer Meldung vom Köniae erschos- en, nach einer anderen bet der Sprengung der Türe des vchlafgemachs des Königs infolge unvorsichtigen Operie­rens mit Dynamit ums Leben gekommen sein soll. Da- HL kommen noch die drei schon genannten Minister Mar- 'owitsch, Pawlowitsch und Teodorowitsch letzterer soll übrigens nur schwer verwundet sein und 'ein paar Offiziere, teils Gegner,' teils Anhänger des Königs.

Aus den bisher vorliegenden Nachrichten läßt sich fot­zende Schilderung des Attentates ableiten: Gegen Mit- iernacht rief der Kommandant des 6, Infanterieregiments Oberst Mischitsch die Offiziere des Regiments zusammen, teilte ihnen den Anschlag mit und forderte sie auf, an dem patriotischen Werke teilzunehmen. Sämtliche Offiziere er­klärten ihre Bereitwilligkeit, und der Oberst rückte mit )em Regiment, dessen Mannschaften ebenfalls mit im Komplott waren, vor den Konak, dessen Ausgänge er be­setzen ließ. Hier öffnete der Adjutant Naumowitsch den Verschwörern das Tor und führte sie nach den Gemächern des Königs. Unterwegs stießen sie auf Lazar Petrowitsch, ^n Generaladjntanten oes Königs, der einen der Ver­schwörer niederschoß. Im nächsten Moment war er selbst nne Leiche. An der schweren, fest verschlossenen Tür des vchlafgemachs des Königspaares machten die Verschwo- lenen Halt, und Oberst Mischitsch forderte den König mit lauter Stimme auf, abzudanken, weil er Serbien durch die Heirat mit einer öffentlichen Dirne kompromittiert habe. Der Könia weia^^-M^M^^^L^^^^i^W

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veränderen Lesart hatten die Ofsizier^osorr beiur Be- treten des Zimmers auf das Königspaar, das sich eng umschlungen hielt, eine Anzahl Revolverschüsse abgege­ben. Beide stürzten zu Boden; in der Tat waren ihre Leichen von vielen Kugeln durchbohrt. Die Offiziere wirklich ein exzellentes Offizierskorps, das serbische! ergriffen die noch warmen Körper und warfen sie aus dem Fenster in den inneren Hof des Konaks hinab. Dem König, der noch nicht tot war, wurde dabei eine Schläfe zerschmettert; trotzdem gab er noch zwei Stunden lang Lebenszeichen von sich. Erst gegen 4 Uhr morgens der tteberfall erfolgte um 2 Uhr war er ein toter Mann. Später ergab sich, daß an beiden Leichen die Wirbelsäule gebrochen war. Unter den Verschwörern befand sich auch Oberst Maschin, ein Bruder des ersten Gatten der Köni­gin Draga . . .

Nach vollbrachter Tat eilten die Verschwörer nach den Wohnungen der drei Minister, die kurzerhand nie­dergeschossen wurden. Die beiden Brüder der Königin waren durch den Lärm aus ihrer Wohnung auf die Straße geeilt; sie wurden verhaftet, auf die Wache gebracht und nach kurzem Hin und Her erschossen.

In der Morgenfrühe zogen die Verschwörer durch die Stadt, um das Volk von den Geschehnissen in Kennt­nis zu setzen. Keine Trauer um die Ermordete wurde laut, im Gegenteil, im Nu war die serbische Hauptüadt skstlich beflaggt, und Musikkorps spielten auf den öffent- ichen Plätzen lustige Weisen. Der neuen Regierung wurde Mgejubelt, die Blätter brachtest Artikel, in denen die Vor­gänge mit Genugtuung besprochen wurden, und die Stra­ßen hallten wider von den Hochrufen auf den künftigen König, Peter Karageoraewitsch, den Todfeind der Obre­nowitsch. Alexander und Draga müssen ungeheuerlich an diesem Volke gesündigt haben, daß auch nicht eine Stimme i>es Mitleids mit dem Geschick des letzten der einst von den Serben vergötterten Obrenowitsch-Dynastie laut wurde! Aber mögen sie auch noch so sehr gegen dieses Land aewütet haben: daß das Volk den Tag oes Sturzes

der Dynastte und eines so blutigen Sturzes nicht mit Ernst und männlicher Würde zu begehen vermochte, das zeigt, daß dieser König und dieses Volk einander wert waren.

Wird den Karageorgiewitsch, die sich jetzt anschicken, ben serbischen Thron zu besteigen, ein besseres Ende be- f epi eben sein? Niemand weiß es. Peter Karageorgiewitsch ist von der serbischen Armee zum König ausgerufen wor­den; die Skupschtina und der Senat werden am Montag darüber zu beschließen haben, ob er die Krone tragen soll oder nicht. Ihm, dem Schwiegersohn Nikitas, des einzigen Freundes des Zaren, dürften von auswärtigen Mächten Schwierigkeiten nicht bereitet werden, die Krone zu erlan­gen. Er erklärt, unschuldig an dem Tode des Königs­paares zu sein. Viel Glauben wird er damit nicht finden. Wie dem aber auch sein mag, wird er König von Ser­bien, so hat er eine Aufgabe vor sich, deren glückliche Lösung allenfalls auch mit seiner Beteiligung an der Beseitigung der Obrenowitsch aussöhnen könnte.

Die Leichen des Königspaares wurden Freitag Nacht in der Familiengruft der Obrenowitsch in der Kapelle des alten Friedhofs zu St. Markus in Belgrad beigefetzt. Die andern Opfer der Katastrophe wurden schon vorher begraben. Die geplante Proklamierung des den Ofsizi- cen verhaßten Nikodem Ljunewitz, des Bruders der Kö­nigin, zum Thronerben wird allgemein als die unmittel­bare Ursache des Belgrader Attentats bezeichnet. König Alexander hatte vor einigen Tagen diesen Plan einigen höheren Offizieren mitgeteilt und hinzugefügt, die Prokla- inierung werde stattfinden, sollte auch über ganz Ser­bien der Belagerungszustand verhängt werde-?. Dies brachte die Armee, die schon längs für Karageorgiewitsch gewonnen war, zum Entschluß, den König zu beseitigen.

Wie aus Nisch gemeldet wird, verweigert die dortige Garnison der neuen Regierung den Gehorsam und rückt in voller Kriegsrüstung gegen Belgrad vor. Bei den Trup­pen in Nisch erfreute sich der König großer Beliebtheit.

Selbst Körlig Milan, der Vater Alexanders, begün­stigte in seinen letzten Lebensjah-ren die Bestrebungen für Die Karageorgiewitsch. Als Milan im Jahre 1900 die Nachricht von der Verlobung seines Sohnes mit Draga erhielt, eilte er nach Wien, um sich nach Serbien zu be­geben und dort an der Spitze der Armee die Erhebung gegen Alexander einzuleiten. In Wien besann er sich jedoch eines anderen, er wollte nicht persönlich gegen feinen Sohn Vorgehen. Er schickte jedoch einen Vertrauensmann nach Genf zu Karageorgiewitsch, um diesem mitzuteilen, daß er bereit wäre, ihn mit seiner Autorität bei der Armee zu unterstützen. König Alexander gab damals den Befehl, Milan seinen Vater! niederzuschießen, sobald die­ser serbischen Boden beträte. . .

Die Politik.

Kaisermanöver in den Fjorden?

22 Das 1. Geschwader unter Prinz Heinrich erhielt Be­seht, anfangs Juli eine Sommerübungsreise nach Schwe­den und Norwegen anzutreten. Das Geschwader läuft Christiania und Bergen an. Es tritt die Fahrt fast gleich­zeitig mit dem Geschwader des Kaisers an. Da beide For- mationen dasselbe Reiseziel haben, so verlautet in Marine­kreisen, daß der Kaiser in den nordischen Gewässern: einer Geschwaderübung beiwohnen oder sich Gefechtsbilder vor- führen lassen wird.

Königin Wilhelmina schwer erkrankt.

() Nachrichten aus der Umgebung der Königin Wil­helmine von Holland besagen, die Königin leide seit einiger Zeit an allgemeiner Schwäche. In ärztlichen Kreisen be­hauptet man, daß sie tuberkulösen Typhus zeige. Ihr Aeußeres sei geradezu beängstigend. Zur vollständigen Gesundung sei es nötig, daß die Königin auf ein Jahr nach Madeira ober Kairo gehe. Prinz Heinrich der Niederlande, der Gemahl der Königin, der vor kurzem am österreichischen Kaiserhose aus Besuch weilte, hatte sich im Anschluß hieran, auf Einladung des Fürsten Hugo zu Windischgrätz zur Jagd nach Rakek bei Welsberg in Krain begeben. Von dort ist er jetzt plötzlich nach dem Haag zu­rückgereist. Seine unvermutete Abreise wird mit der Krankheit der Königin in Verbindung gebracht.

Kabinettssturz in Nom.

(?) Die parlamentarische Erörterung der Angriffe auf den italienischen Marineminister Bettolo hat nicht nur, wie man annahm, den Rücktritt Bettolos, sondern den Rücktritt des gesamten Kabinetts Zanardelli zur Folge gehabt. Das Kabinett hat in seiner Sitzung vom Freitag be chloisen, seine Demission zu geben. Offenbar ist das nur ein Tric, um Bettolo das Peinliche des alleinigen Rück­tritts zu ersparen und andererseits Bettolo doch aus dem Kabinett loszuwerden. Zweifellos wird der Ministerprä­sident Zanardelli vom Könige wieder mit der Bildung des Kabinetts betraut werden, und außer Bettolo werden in dem neuen Ministerium wohl dieselben Minister sitzen, die bisher dem Kabinett angehörten.

Politik uno Galanterie in Amerika.

(-) Miß Hanna, die Tochter des bekannten amerika­nischen Senators und Präsidentenmachers, ist ein ener­gisches junges Mädchen: zwang sie doch die Führer der republikanischen Partei in Ohio, sich ihren persönlichen Wünschen zu fügen und das Datum der Abhaltung des Staatskongresses zu ändern, weil sie an dem Tage des Zusammentritts des Kongresses Hochzeit halten wollte! Sogar Präsident Roosevelt mußte ihrem Wunsche gemäß seine Pläne ändern. Als das Datum der Einberufung des Kongresses bekannt gegeben wurde, machte das republi­kanische Comite Herrn Hanna daNon Mitteilung und bat ihn, da doch sein Erscheinen bei dem Kongresse unerläßlich sei, die Hochzeit seiner Tochter zu verschieben. Der Se­nator sandte darauf ein Telegramm an Miß Ruth, die ihm jedoch prompt folgende denkwürdige telegraphische Ant­wort zugehen ließ:Hochzeit findet unwiderruflich an dem einmal festgesetzten Tage statt; verschiebt doch den Kon­greß." Als der Vater dann noch einmal bat, daß das Datum der Hochzeit geändert werden möge, damit auch Präsident Roosevelt der Feier beiwohnen könne, antwortete Miß Hanna prompt:Meine Hochzeit findet am 10. Juni statt und wird nicht verschoben. Ich bin sicher, daß Herr Roosevelt, wenn man ihm die Sache vorstellt, es schon so einrichten wird, daß er dabei sein kann." Herr Hanna kabelte darauf dem Präsidenten genau das, was Miß Ruth angeordnet hatte, und Herr Roosevelt änderte seine Pläne!!

Kurze politische Nachrichten.

* Die oberfchlesischen Polen protestieren beim Papst gegen den Hirtenbrief des Fürstbischofs Kopp. Die Pfar­rer der Diözese drohen den Lesern der polnischen Blät­ter die Entziehung der Sakramente an.

* Der diesjährige Weltfriedenskongreß wird im Sep­tember in Rouen stattfinden.

Rof und GerdU'cbaft.

*** Der Kaiser nahm gestern auf dem Bornstedter Felde bei Potsdam eine Besichtigung des 1. und 3. Garde-Ulanenregiments vor, der eine Kritik folgte. Daran schloß sich ein Gefechtsexerzieren im Feuer an. Hierzu war ein Bataillon des 1. Garde-Regiments zu Fuß, das Lehr-Jnfanterie-Bataillon und eine Batterie Artil­lerie zugezogen. Darauf nahm der Kaiser den Parade­marsch ab und setzte sich sodann an die Spitze des 1. Garde- Ulanen-Regiments, das er zur Kaserne zurückführte. Hier ließ er das Regiment noch einmal vorbeireiten und nahm dann am Frühstück des Offizierkorps des 1. Garde-Ula- nen-Regiments teil. An dem Frühstück nahmen ferner Die Generalität, die fremden Militärattaches, die zur Zeit anwesenden Offiziere der First Royal Dragoons und der Kommandeur des öster-rcichisch-ungarischen Husaren-Regi- ments, Kronprinz Wilhelm, Oberst Prevost, teil. Der kaiserliche Hof wird aus Anlaß der Ermordung des serbi­schen Königspaares eine mehrtägige Trauer anlegen. Der Monarch konferierte nach dem Eintreffen der Todesnach­richt längere Zeit mit dem königlichen Grafen von Wedel und dem kaiserlichen Ober-Hof- und Hausmarschall Grasen zu Eulenburg in dieser Angelegenheit.

Hus dem Geriebtssaal.

§ Am ganzen Körper verzaubert! In den Strafver­handlungssaal des Bezirksgerichts Neubau in Wien kam nach Schluß der Verhandlungen eine etwa siebzigjährige Greisin hereingehumpelt und erklärte, sie wolle ihre Nach­barin verklagen. Richter: Was hat sie Ihnen denn getan, Ihre Nachbarin? Frau: Am ganzen Körper verzaubert hat sie mich. Richter: Und da wollen Sie dieselbe verklagen? Frau: No ja, auf Schadenersatz, weil i am ganzen Körper krank bin. Der Richter be­mühte sich nun, der Frau begreiflich zu machen, daß es weder eine derartige Klage, noch überhaupt eine Ver­zauberung gebe. Ueberzeugt scheint der Richter sie nicht zu Habens dann noch in der Tür meinte sie:Das is a Gericht? Wenn aner an Kreuzer stiehlt, wird er einge­sperrt, und die ruiniert mi' am ganzen Körper und der geschieht gar nix!"

Kleine Gerichts-Chronik. In Bern wurde ein Mit­glied des dortigen Naturheilvereins, der ehemalige Schlos­ser Ritscher, wegen Sittlichkeitsverbrechen, begangen an seiner eigenen Tochter und mehreren seiner Patientinnen, die bei ihm Hilfe gesucht hatten, zu vier Jahren Zucht­haus verurteilt.

Das Landgericht zu Detmold wies die Klage des Grafen Erich zur Lippe-Weißenfeld gegen den Regenten des Fürstentums Lippe Grafen Ernst zu Lippe-Biesterseld, dessen Zugehörigkeit zur gräflich Lippeschen Familie Graf Erich bestreitet, nach längerer Verhandlung ab.