Nr. 111
Erstes Blatt
Mittwoch den 13. Mai 1903.
12. Jahrgang
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N,»«e»e«rSPreiS : in Gießen, abgejtlt mentiH^ 60 Pfg., Lift Haus gebracht «0 Pfg., durch die Post dezogep viertel-
Q jährlich Mk. 1.50.
ItaMbtitafrex : Oberhesfiscke Fa»ilie«zeit«»» Häßlich) Lierhesstsche Zeitschrift für Laußtvirtschaft, Obst- *•> »imeuba«, sowie die Gieße«er ed#**ilesen (»t*ee*M).
Das Blatt erscheint •* eie* Bedtee« m**HMh*’
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3»srrti,»Sprei S: Die einspaltige Petitzeile für Gießen tei ganz Oberheffen, die Kreise Wetzlar und Marbnrs 16 Pf« .säst 15 Pfg.; Reklame« die Petit-elle 30 resp. ét VG-
Postzeitungsliste lb. MM.
Brdân und Spedition : Gießen Ness»»«, •* $tr*fnt***W*l 9k IM.
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für Ober Hessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Siegen und anderer Behörden von Oberhessen.
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Gngliscbe Kriccberd vor Russland.
RK. Was für den einzelnen Engländer gilt, das gilt auch für den britischen Staat: Man muß beide grob behandeln, wenn man sie gefügig haben will. Dir deutsche Politik der Höflichkeit, die England gegenüber beobachtet wird, bat nicht verhindert, eher vielleicht dazu, beigetragen, oaß das Kabinett von St. James die Unterstützung der deutschen Bagdadbahn trotz weitestgehenden Entgegenkommens gegen britische Wünsche, trotz der Bereitwilligkeit der deutschen Unternehmer, den Engländern einen bedeutenden Einfluß auf die Verwaltung der Bahn zuzugestehen, ablehnte. Nicht einmal zu der Beförderung der britischen Post nach Judien durch die Bagdadbahn, die eine viel schnellere Verbindung Europas mit Judien darstellt als die Schiffsrouten, wollte man sich in England verstehen, trotz der Vorteile dieser Beförderung für den Postverkehr. Es war nicht sowohl die Angst vor der Konkurrenz der Bagdadbahu als das Bestreben, das deutsche Unternehmen möglichst zu schädigen, was diese Haltung des britischen Kabinetts hervor- rief. Umso merkwürdiger berührt cs, daß England das, Ivas es Deutschland versagen zu sollen glaubte, Rußland ohne weiteres bewilligeu will. Die sibirische Bahn ist für Rußland das Instrument, mit dessen Hilse es dereinst der britischen Herrschaft in Indien d m Garaus zu machen gedenkt. Dieses direkt englandfeindliche Unternehmen will die Staatsweisheit der Männer an der
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Themse unterstützen! Im britischen Unterhause erklärte Herr Chamberlain, der Sohu Joes und Generalpostmeister, ungefragt, er habe es stets vorgezogen, englische Postsendungen, wenn irgend möglich, auch durch englische Lchiffe befördern zu lassen. Wenn jedoch die sibirische Bahn eine regelmäßige Beförderung gestatte, die bedeutend schneller sei als die Beförderung auf dem See- tvege, so würde er gelungen sein, diesen Weg zu wählen. Die Regierung stände gegenwärtig mit den russischen Behörden darüber in Unterhandlung, unter welchen Bedingungen die transsibirische Eisenbahn zur Beförderung der englischen Post nach Peking und Ostbenutzt werden könne; bis jetzt sei es jedoch noch möglich gewesen, zu einem Abschluß zu kommen, wenn die sibirische Bahn schneller die Post beför- als die Dampfer, so ist Chamberlain gezwun- sie zu benutzen. Bei der Bagdadbahn, die zweifellos schneller die Post befördern würde als ein Schiff, tvar er nicht nur nicht „gezwungen", sondern er erklärte die Benutzung der Bagdadbahn für unmöglich. Dieses Widerspruches Lösung zu finden, ist uns versagt. Nur eine Erklärung hätten wir dafür: Dieselbe, die wir für das der gesamten britischen Volksmeinung im schroffen Gegensatz stehende Entgegenkommen Englands gegenüber Rußland in der Mandschureiaffäre finden. 'Wenn sich die Meldung bewahrheiten sollte, daß England, Frankreich, Italien und Rußland ein Bündnis miteinan
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der planen, das Deutschland überall aus dem Welttheater mit alleiniger Ausnahme der durch den Drei- lmudvertrag vorgesehenen Fälle isolieren soll, wenn diese Meldung, sagen wir, sich bewahrheitet, dann hätte Englands Kriecherei vor Rußland trotz der Fußtritte, die es überall da, wo Russen und Engländer sich in der Welt gegen überstehen, erhält, einen Sinn. Sonst wäre sie ein Mstmördcrischer Wahnsinn.
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Hrbdterwobnbäu ser auf Grbpacbt.
(Von unserem ständigen CB.Mitarbeiter.)
Der Staatssekretär des Reichsamtes des Innern, Gra jZosadowsky, hat dieser Tage in Wilhelmshaven für nahezr mre Million Mark Ländereien für das Reich angekauft ms denen Arbeiterwohnhäujer in Erbpacht gebaut Werder sollen. Dieses System ist bekanntlich seit Einführung des ärgerlichen Gesetzbuches in Deutschland auch wieder zulässig geworden. Die Rechtsform selbst ist altgermanü |d)en Ursprungs und durch die germanischen Volksein- lchläge in England besonders zur Durchführung gebrach: Norden. Beispielsweise ist ein großer Teil des Baugrundes )er Stadt London in den Händen eines einzigen Großgrundbesitzers und überhaupt nicht veräußerlich. Verkäuflich sind allein die Bauten, die auf diesem Grund unt doden stehen. Hier in Deutschland kannte man das Erbsachtverhältnis fast nur bei landwirtschaftlichem Besitz. Es rurde aber ziemlich gleichzeitig mit der Aufhebung bei Leibeigenschaft beseitigt. Dann aber führte auch die Frei- Handelsbewegung, die seit einem Jahrhundert so mächtic einsetzte, eine Einschränkung der Erbpachtgüter herbei. Fast in allen europäischen Staaten, mit Ausnahme von England, wo sich die altgermanischen Rechtsanschauungen am energischsten gegen das römische Recht zu behaupten wußten, wurde damit aufgeräumt. Neuerdings aber machl sich eine Gegenbewegung geltend, da man der Ansichl mieigt, daß nicht eigentlich das Pachtsystem, sondern die Nebcvbedingungen, vor allem die als Kanon bezeichneten Pachtverpflichtungen sich als Belästigungen fühlbar gemacht haben. Es ist selbstverständlich, daß der Kanon jc nach den wechselnden Markt- und Vreisveründerungeu
veränderlich sein muß. Ebenso könnte eine Erleichterung der Wciterbegebung für die Erbpacht nur förderlich fein Zweifelhaft aber bleibt es immerhin, ob dieses System sich in den bäuerlichen Verhältnissen leicht wieder einführen wird, weil bei dem unsicheren Preisstande bei Bodenerzeugnisse der Erbpächter allein fast alle Stößl der Konjunkturen aushalten müßte. Dagegen ist die Ueber- tragung dieses Systems auf die Baupolitik jedenfalls ein Mittel zur Seßhaftmachung der industriellen Bevölkerunc und zur Linderung der Wohnungsnot. Ter Baugrunk wird gegen Gewährung einer angemessenen Verzinsung auf eine Reihe von Jahren für die Anlegung von Häu fern zur Verfügung gestellt, und in einem besonderer. Vertrage zwischen Eigentümer und Pächter werden danr die Bestimmungen über die Zulässigkeit der Veräußerunc uud die Taner deS Verhältnisses getroffen. Durch ein! derartige Politik wird vor allen Dingen die Spekulatior tu kleinen Wohnungen, die bekanntlich am meisten ge sucht und baruliu auch relativ am teuersten sind verhütet und ein Teil der Arbeiterschaft aus einem fluktuieren den zu einem seßhaften Voltselement gemacht.
3in vorliegenden Falle handelt es sich um Arbeiter die in ReichSbetrieben tätig sind, so daß die Anlagen ir Wilhelmshaven eigentlich nichts aubercS als Wohnstätter s.'-ud, di? der eigentliche Unternehmer zur Verfügung stellt ähnlich, ime dies Krupp in Essen, Stumm in Neunkircher und Swing auf Borsigwerk getan haben. Die eigentliche Wohnungssürsorge für die Arbeiter ist im übrigen nich von dem Reich in Aussicht genommen, sondern wird Auf gäbe der OVnieinben werden. Das Reich hat ein Haupt autricbsmittel geschaffen, indem es im Gegensatz zu den den Grund und Boden mobilisierenden römischen Rech die germanische Einrichtung der Erbpacht wieder ernew erte. Aus dieser Grundlage kann von Gemeinden und pri weiten Spar- und Bauvereinen die Wohuungsfürsorge ir nMM Stile betrieben werden.
Die Politik
Keine Lungenheilstätten in den Kolonien.
O Von verschiedenen Seiten war der deutschen Regierung nahegelegt worden, Heilstätten für Lungenkranke in Deutsch-Südwestafrika zu errichten. Es wurde daraus hingewiesen, daß das dortige Klima sich für diesen Zweck außerordentlich eigne. Die Aerzte, die zu der Frage ihr Gutachten abgaben, waren in ihrer großen Mehrheit Gegner des Vorschlages, und dementsprechend hat denn aud) die dieser Tage in Berlin abgehaltene Konferenz der Landesversicherungsanstalten einstimmig den Vorschlag auf Errichtung von Lungenheilstätten in Teutsch-Südwestafrika abgelehnt.
Neue „Enthüllungen" zum französischen Kulturkampf
□ Herrn Edgar Combes, dem Sohne des französischen Ministerpräsidenten, ist es gelungen, sich von dem Vorwurf der Bestechlichkeit zu reinigen: Er hat nachweisen können, daß er nicht derjenige Politiker war, der den Kartäusern gegen Zahlung von einer Million Francs das Niederlassungsrecht in Frankreich erwirken wollte. Jetzt zeihen die Freunde der vertriebenen Mönche andere Politiker dieses Verstoßes gegen Moral und Ehre. Der Redakteur des Lyoner Blattes „Reveil republicain", Va- rigny, erklärt, der Anwalt der Kartäuser, Lenthelme, habe ihm erzählt, daß eine politische Persönlichkeit ihm 400,000 Francs angeboten habe, wenn er ihr den Ankauf der Fabrikmarke der Kartäuser ermöglichen würde. Lenthelme und der Direktor der Likörfabrir der Kartäuser, Abbs Rey, hätten auch angegeben, daß eine politische Persönlichkeit, die sich als Beauftragter einer Gruppe von 90 Deputierten bezeichnete, ihnen gegen Zahlung von 2,300,000 Fr cs. die Stimmen von 90 deputierten angeboten habe. — Die erste Meldung ist ganz unverfänglich: Warum soll ein Politiker, der im Privatleben Kaufmann oder vielleicht Branntweinbrenner ist, nicht in dieser Eigenschaft an die Mönche herantreten und ihnen das Recht zur Fabrikation des berühmten „Chartreuse"-Likörs abkaufen wollen? Ter Ankauf der Fabrikmarke bedeutet die Erwerbung der alleinigen Berechtigung, die Chartreuse fortan herzustellen. Hier liegt also ein durchaus reeller Vorschlag vor. Anders steht es mit dem zweiten Geschäft: Ta handelt es sich um einen nichtswürdigen Mißbrauch des politischen Amtes, das die Wähler ihren Vertretern übertragen haben. Es fragt sich aber, ob diese zweite Enthüllung wahr ist: mindestens ist es sehr merkwürdig, daß die Herren Lenthelme und Abbe Rey nicht auch die Namen der betr. Deputierten —
nennen.
Neues vom Balkan.
0 In Ueskueb und Monastir sollen neue Attentate und in ihrem Gefolge ein großes Blutbad unter der bulgarisch-christlichen Bevölkerung sich ereignet haben. Näheres darüber ist bisher noch nicht bekannt. Bei den bisherigen Unruhen in Monastir sind von den Türken nach Angabe der Pforte neun bulgarische Mazedonier getötet und sechs verwundet worden. Die in Monastir wohnhaften Konsuln wissen dagegen zu berichten, dort seien bei den Ereianissen am Mittwoch acht Griechen
und sechs Bulgaren getötet sowie vier Griechen und drei Bulgaren verwundet worden. Wahrscheinlich wird es deshalb auch noch zu diplomatischen Weiterungen mit Griechenland kommen. Das mazedonische Komitee hat einen großen Anschlag für den 1. Mai alten Stils, al)o für den 13. nach unserem Kalender, angekündigt. Indessen wird es sich wohl nur um eine leere Drohung handeln. Jedenfalls trifft die Pforte alte Vorkehrungen, um einem solchen Anschlag zu begegnen, soweit er etwa auf die Hauptstadt des Osmanenreiches gemünzt sein könnte. Alle in Konstantinopel vorübergehend sich aufhaltenden Bulgaren werden polizeilich ausgewiesen, alle öffentlichen Gebäude werden unablässig von starken Patrouillen und Geheimpolizisten bewacht. Unter den in den letzten Tagen zu Saloniki Verhafteten beenden sich nicht weniger als 468 Lehrer und 22 Professoren Davon sind nur 82 Serben, alle übrigen sind Bulgaren die Pforte behauptet, die Verhafteten seien durchwea bezahlte Agitatoren, sie wird sie, um der Agitation die Wurzel abzschnueiden, den ganzen Sommer über in Hart behalten. — Zu allem Ueber ltiß machen auch die Armenier wieder einmal der Pforte das Leben sauer. Einige Banden armenischer Revolutionäre sind über die per« fische Grenze in den Sandschak Bajaset eingedrungen.
Die Wirren in Marokko.
)—( Mit der Nachricht von der Niederlage der Br Hamara-Leute bei detuaii war es natürlich wieder nichts Int Gegenteil, sie machen den Snltanstruppen in Tetuar oas Leben herzlich schtver. Nachdem sie die ganze Umgebung barbarisch verwüstet haben, griffen sie "am dienftac bie Stadt heftig an. Ueber den Ausgang liegt noch keim Nachricht vor; aller Wahrscheinlichkeit nach wird der Kampi mit der Einnahme Tetuans durch die Rebellen enden Die Europäer haben auf einem englischen Panzerschiff bie Stadt verlassen.
Cleveland wider Oh ofeVelL
(—) Präsident Roosevelt hat nun doch einen ernsthaften Nebenbuhler für die nächste Präsidentenwahl bekommen. Die amerikanischen Demokraten huben Grover Cleveland, der schon zweimal das höchste amerikanische Staatsamt bekleidete, als ihren Kandidaten für die Präsidentenwahl aufgestellt. Cleveland hat zwar neulich erklärt, er wolle nicht mehr kandidieren, doch wird er . diese Weigerung kaum aufrecht erhalten, wenn er be- gründete Aussicht hat, im Wahlkampf nicht zu i .erliegen. Cleveland ist bekanntlich ein Gegner jener politischen Abenteuersucht, die neuerdings in der Union und namentlich in den leitenden Kreisen sich breit macht. Diese Welteroberungssucht der Yankees pflegt Roosevelt, der dadurch gewählt zu werden hofft. Eben erst hat er auf seiner Wahlreise in der Stadt Watsonville in Kalifornien ein Langes und Breites über die vorherrschende Stellung geredet, die die Vereinigten Staaten nach seiner Meinung schon jetzt im Stillen Ozean besitzen. In Zukunft würden sie, sagt er, eine noch unendlich viel bedeutendere Stellung einnehmen. Im Laufe des jetzigen Jahrhunderts müsse der Stille Ozean unter amerikanischen Einfluß kommen.
Der groste Newyorker Streik, den die Maurer begonnen haben, hat auch alle übriger Bauarbeiter in Mitleidenschaft gezogen und die gesamte Bautätigkeit lahm gelegt. Durch den Streik der Maurer sahen sich die Bauunternehmer genötigt, auch die übrigen Bauarbeiter, für die sie keine Arbeit hatten, zu entlassen. Etwa 100,000 Arbeiter, fast alle Zimmerleute, Erdarbeiter, Fuhrleute und Ziegelstreicher sind beschäftigungslos. In Brooklyn wurde die Polizei infolge Ausschreitungen ausständiger Grobschmiede zum Eingreifen genötigt.
Kurze politische Nachrichten.
* Staatssâetär Graf Posadowski überwies dem Verband deutscher Arbeitsnachweise eine Beihilfe von 6000 Mark aus Reichsfonds.
* Zum Besuche des Präsidenten Loubet wird Kronprinz von Dänemark in Paris erwartet.
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* Gegen die Araber, die den „heiligen Krieg" gegen die Franzosen in Algier erklärt haben, hat der Gouverneur vier Schwadronen Kavallerie und ein Bataillon der Fremdenlegion nach Taghit entsandt.
* In der griechischen Deputiertenkammer treibt die Opposition Obstruktion, indem sie den Sitzungen fern bleibt. Die Lage des Ministeriums ist schwierig. Man spricht von einer bevorstehenden Krise.
* Der Präsident von Kolumbien Marroquin ist infolge politischer Unruhen zurückgetreten. Der zweite Vizepräsident Reyes wurde zum Präsidenten ernannt.
bof und Gesdlscbafl.
*** Der Kaiser hat sich eine Erkältung zugezogen und verließ infolgedessen gestern den Palast in Straßburg den ganzen Tag über nicht. Die geplante Reise nach Schlettstadt und der Hohkönigsburg mußte aufgegeben werden. — Die Illumination der Stadt am Abend vorher hat b&n MongrHe.n. übexgutz. gefallen, Nur be-