Nr. 187.
Mittwoch, den 12. August 1903.
12. Jahrgang.
Abo««emeutspreiS: in Gießen, abgeholt monatlich 50 $fg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährlich Mk. 1.50.
BratiSbeilage«: Oberhesfische Famitte«reitu«g (täglich) Oberhesfische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst- und Bartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen (wöchentlich).
Das Älatt erscheint an allen Werktagen nachmitags.
Gießener
InsertiouSprei Sr Die einspaltige 45 enteilt für Gießen wn ganz Oberhessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Psp. sonst 15 Pfg.: Reklame« die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.
Postzeitungsliste No. 3269.
Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 28. Fernsprechauschluß Nr. 362.
Neueste Machrichten
(chießener Taget»tait)
KnaMngige Tageszeitung
«Siegeltet Zeitung)
für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
HaHaBMMMMMHaMIBOUmMMBMMBMMMMaHHmmHBHBBaaBaBmMMHHMBHMHMHHMaBHHBBMBBBHaHBHMHHMMHHMMMMH
Brandkatastrophe auf der pariser Untergrundbahn.
Ein furchtbares Unglück, durch das Jnbrandgeraten eines Zuges herbeigeführt, hat sich aus der Pariser Untergrundbahn ereignet. Soweit man übersehen saun, hat die Katastrophe weit über 100 Opfer gefordert. Mühsam sind bereits 102 Leichen aus dem Tunnel geschafft. Der Poli- zeipräfekt erklärt jedoch, daß sich noch weitere Tote im Tunnel befinden. Die Leicher: sind schrecklich entstellt, von •Raud) geschwärzt und deuten auf einen schweren Todeskampf hin. Eine große Menge umsteht, von Schrecken erfüllt, den Eingang des Tunnels.
Ueber den Verlauf des Brandes und die Ursachen seiner Entstehung werden folgende Einzelheiten berichtet: Gegen 8 Uhr abends ging ein leerer Zug, der einen ander:: leeren Zug schleppte, nach der Wagenremise der Place de la Nation. In der Nähe der Station Wnilniontant gerieten diese beiden Züge in Brand. Der Maschinist und das übrige Zugpersonal konnten sich jedoch rechtzeitig retten. In dem- selben Augenblick traf aber ein mit zahlreichen Reisenden be setzter Zug auf der Station Couronnes ein. Der Maschinist dieses Zuges stoppte, da die Linie blofiert war. Sofort war der Zug in dichten Rauch gehüllt und es entstand eine furchtbare Panik unter den Reisenden, besonders, ab nach I bis 2 Minuten das elektrische Licht erlosch. Die Reisen den, über 200 an der Zahl, suchten einen Ausgang. Das Mchupersonal bemühte sich zwar, den Reisenden den Weg zu leigen, aber es scheint, daß es sich wegen der entsetzlichen Perwirrung kein Gehör verschaffen konnte. Die Rettungs- arbeiten waren wegen des den Tunnel erfüllenden dichten Manches ungeheuer schwierig. Es vergingen Stunden, ehe die Feuerwehr in den Tunnel eindringen konnte. Anfang lich glaubte man, daß niemand das Leben 'eingebüßt habe. Gegen Mitternacht verbreitete sich jedoch das Gerücht, daß von den 200 Reisenden sich kaum die Hälfte habe retten können und die übrigen Reisenden erstickt seien. Der ver mundete Maschinist des in Brand geratenen Zuges erklärte, er glaube, der Brand sei dadurch verursacht worden, daß sich ein Metallbestandteil von dein Motorwagen gelöst habe unb auf die Schienen gefallen sei, wodurch ein Kurzschluß ent standen sei. Die Guttaperchahülle der Leitungsdrähte habe sich entzündet und der Holzboden des Wagens habe Feuer ge fangen, das rasch um sich gegriffen habe.
Ein weiterer Bericht besagt: Die meisten Verunglückten hielten krampfhaft das Taschentuch in der Hand: ihre Ge sichter waren rot aufgedunsen und von hem heißen Dampf versengt, der noch in den Morgenstunden den Tunnel er füllte und das Arbeiten her Feuerwehr sehr erschwerte. 50 Opfer sind in Ainbnlanzwagen in die Morgue geschafft. 52 in die Caserne de la Citä. Von der ungeheuren Volksmenge, welche sich schon den ganzen Morgen vor den Zugängen der Morgue und der Kaserne drängt, werden Gruppen von je 10 Personen in die Säle eingelassen, wo sich herzzerreißende Szenen abspielen. Um 10 Uhr waren mehrere Opfer von ihren Angehörigen wiedererkannt. Der Polizeipräfekt traf alsdann persönlich in der Morgue die nötigen Anordnungen für die Beerdigung der rekognoszierten Leichen. Gegen halb 11 Uhr erschien Ministerpräsident Combes in der Morgue und in der genannten Kaserne.
Der serbische Schattenkönig.
LS. König Peter von Serbien ist seiner neugewonnener Würde bisher noch nicht froh geworden. Obgleich er seine: Zeit als der einstimmig Erklärte des Volkswillens nach Serbien geführt wurde, zeigt sich mit jedem Tage deutlicher, daß er das willenlose Werkzeug der Militärpartei ist, die das alte Königshaus mit blutiger Arbeit vom Erdboden hinweg fegte und eine neue Dynastie unter dem Schein: eines Plebiscits schuf. Es war vorauszusehen, daß die Unternehmer des Putsches von ihrem Erkorenen die Dankbarkeit und Willfährigkeit einer Kreatur verlangen würden Auch König Peter konnte sich darüber nicht im Zweifel sein lind er hatte bei Antritt seines königlichen Amtes zu ent scheiden, ob er seine persönlichen Interessen durch ein Hand inhandgehen mit der Militärpartei sichern wollte, oder ob es vorzuziehen sei, sich durch einen Akt persönlicher Ent schlossenbeit eine autoritäre Stellung im Staate zu erobern In letzterem Falle war es notwendig, daß er die am Königs inorde beteiligten Offiziere bestrafte, oder wenigstens nicht mit Auszeichnungen überhäufte. Es ist nicht zu verken neu, daß der letztere Weg der gefahrvollere, und zum min besten unbequemere war, denn das Militär ist die alleinige Stütze des jungen Thrones und die alten Traditionen, dru Ansehen, das seine Vorfahren einmal genossen haben, ist ein sehr problematischer Wert, der sich sehr schwer in der Gegenwart in bare Münze umwandeln läßt. Indem König Peter dem Verlangei: Rußlands nicht willfahrte, hatte er gewählt. Gewählt hatte er aber auch, ab er unter hem Scheine eines strengen Konstitutionalismus in den inneren
Verhältnissen namentlich im Angesichte der kommenden Wahlen jede Einwirkung perhorreszierte und dadurch für die Sieger der Parlamentswahlen den politischen Einfluß als Urämie aussetzte.
Man konnte allerdings noch in: Zweifel sein, ob der neue König nicht etwa seine ganze Hoffnung darauf setzte, daß er durch ein kluges Lavieren Zeit gewinnen und fiel] allmählich genug persönliche Autorität erobern könne, um sich aus der notorischen Abhängigkeit von der Militärpartei zu befreien. Diese Wahrscheinlichkeit aber muß als völlig ausgeschlossen gelten. In bem Charakterbilde des neuen Königs von Serbien zeigt sich als konsequenter Zug die Unentschlossenheit. Wie er es nicht wagte, die Forderung Rußlands offen und rückhaltlos abzulehnen, wodurch er du eigentlichen Machthaber mißtrauisch machte, so will er auch nicht nach außen hin zeigen, daß diese das große Wort führen; er versucht sich zu diesem Zwecke in kleinen Selbst- stäudigkeitsanwandlungen bei Verteilung der Hofwürden. Aber diese sind eine reelle Macht, eben weil an der Spitze des Staates ein Mann getreten ist, der das Prinzip des Geschehenlassens zum Regierungsprogramm macht, da ihm die Natur das eigentliche Herrschertalent versagt hat.
Man könnte fast zu der Auffassung kommen, daß du slavischen Völker eine Dynastie, wie die Westeuropäer, und namentlich die germanischen Völker sie haben, nicht hervorzubringen vermögen. Dieser Rasse fehlt der instinktive Sinn für Ordnung und der vielfach belachte Idealismus unseres Volkes. In bem Widerstreit der nackten eigensüchtigen Interessen kann sich nur ein despotischer Herrscher behaup ten, oder aber die Staatsgeschäfte geraten in die wildeste Unordnung. Die größten slavischen Herrscher von Peter dem Großen bis zu Milosch, dem Begründer der serbischen Königsdynastie aus dem Hause Obrenowitsch, waren Despoten von kalter Entschlossenheit und brutaler Gewalt. König Peter aber hat in Westeuropa bir Anschauungen höherer Kultur in sich ausgenommen und ist in seinem eigenen Volke ein Fremdling, obgleich ihm der Nimbus des Nationalheldentums als einziges Erbteil seiner Väter in die Wiege gelegt wurde. Die Mißgriffe seiner beginnenden Regierungstätigkeit haben ihm im Auslande kein Vertrauen errungen und im Innern keine Autorität. Es ist ein bloße: Schattenkönig. Die inneren Wirren in Serbien werden fortdauern und ebenso eine fortdauernde Gefahr für den Frieden sein, wie her unüberbrückbare Gegensatz zwischen der muhamedanischeu und der christlichen Bevölkerung aui dem Balkan.
Die Politik.
Die Hilfsaktion für die Ileberschwemmtcn.
ö" In Gegenwart der Kaiserin wurden jetzt in Breslau mb in Posen Beratungen der Provinzialhilfskonntees für Die Ueberschwemmten abgehalten. DaS Breslauer Hilss wmitee hat beschlossen, die Sammeltätigkeit fortzusetzen und oon den gesammelten Geldern sofort 150 000 Mark den rusführenden Organen zu überweisen. Die Kaiserin überdies persönlich dem Provinzialhilfskomitee weitere 10 000 Mark, außerdem dem Landrat Wichelhaus für die Notleidenden des Landkreises Breslau 5000 Mark und dem städtischen Hilfskomitee 2000 Mark. — Die Nachricht, bic Kaiserin habe in Breslau ein Telegramm ihres Gemahls whalten, wonach auch der Kaiser n a ch Schlesien kommen wolle, ist übrigens unrichtig.
Die Verstaatlichung ber pfälzischen Bahnen.
□ Dic bäuerische Regierung hat, wie seiner Zeit mitge^ :eilt die bereits geplant gewesene Verstaatlichung der Plätzer Privatbahnen aus verschiedenen Gründen auf später hin- msgeschoben. Im bayerischen Volke und namentlich unter Den Pfälzern geht bic Bewegung, die auf eine Verstaut lichnng des pfälzischen Bahnnetzes abzielt, weiter. Auf deni Lerbandstage der Sektion Pfalz des bayerischen Eisen- öahnerverbandes, an dem auch eine Anzahl bayerischer Ab geordneter teilnahm, teilte der Abgeordnete Siben unter Dom Beifall der Versammlung mit, er mit seinen Freunden werde dafür stimmen, daß die pfälzischen Bahnen möglichst bald verstaatlicht werden. Die Beschaffung der hierfür nötigen 240 Millionen Mark könne nicht schwierig sein. Auch Abgeordneter Zimmern sprach sich in diesem Sinuc aus. Auch sämtliche Abgeordneten der Pfalz haben er klärt, daß sie für Verstaatlichung der pfälzischen Bahnen mitteten werden. Das pfälzische Bahnpersonal erhofft von Der Verstaatlichung Erhöhung seiner Gehälter und Verbesserung der Pensionsbezüge, das nicht augestellte Arbeiter- persoual Erhöhung seiner Löhne und Aufnahme in die Ar beiterpensionskasse des jenseitigen Bayerns. Eine die Ver staatlichung fordernde Resolution sand einstimmige Au nähme.
Ein Nachklang zum Fall Hüssener.
= Für die Behandlung betrunkener Soldaten ist — jeden falls mit Rücksicht auf den Fall Hüssener — folgende Unter Weisung an die Unteroffiziere ergangen: „Gegen betrun fene Saldaten ist stets mit der größten B eh u t s a m k e i t und Vorsicht zu verfahren, bamil dieselben nicht etiva zu wörtlichen oder tätlichen Wider
febungen gereizt werden. Der Unteroffizier muß sich daher gegen sie mit der größten Ruhe und Besonnenheit benehmen und jeden Wortwechsel mie jede persönliche B e - r ü hrung . soweit es möglich ist, vermeiden. Wo es irgend möglich ist, sind betrunkene Soldaten durch K a m e r a b e n zur Ruhe zu bringen. Wenn sich der Betrunkene im Dienst befindet, so ist ohne Aufsehen durch geeignete Maßnahmen, nötigenfalls durch Festnahme, bafür zu sorgen, daß er keine Ausschreitungen begehen kann. Jede Anreizung zur Un- bonnäßigkeit ist zu vermeiden. Von der Waffe ist nur Gebrauch zu machen, wenn der betrunkene Soldat gegen einen Unteroffizier mit Tätlichkeit vorgeht und das Leben bedroht, doch ist in erster Linie darauf Bedacht zu nehmen, daß der Angreifer nur kampfunfähig gemacht wird. Die Nichtbeachtung dieser Vorschriften wird, besonders, wenn sie Ausschreitungen herbeiführt, an dem Unteroffizier streng bestraft." So zweckdienlich eine solche Verfügung sein mag, zu wünschen bliebe, daß auch den Soldaten klar gemacht würde, daß Trunkenheit die Schwere einer Ausschreitung cher vermehrt als vermindert.
Flurschadenverhütunq im Manöver.
d Herr v. Einem, der künftige preußische Kriegsnunister, der den beurlaubten jetzigen Chef des Ministeriums vertritt, legt es darauf an, alten Beschwerden des Publikums nach Möglichkeit nachzukommen. Mit Riicksicht auf die bevor° stehende Monöverzeit hat er den Truppenteilen anbesohlen, das Betreten bestellter Felder möglichst zu vermeiden. Ge- bäude, Wirtschafts- und Hofräume, Parkanlagen, Gärten, Holzschonungen, Tabaksfelder, Dünenanpflanzungen, Hopfengärten und Weinberge, sowie die Versuchsfelder land- und forstwirtschaftlicher Lehranstalten und Versuchsstationen dürfen überhaupt nicht betreten werden. Eisenbahnen sind nur an den Uebergängen zu überschreiten. In Dörfern und in der Nähe von Gebäuden, von trockenen Heu- und Getreidebaufen, von Klafterholz und anderen leicht Feuer fangenden Gegenständen darf nicht gefeuert werden. Abteilungen, welche im Streitfälle Gebäude, Gehöfte u. f. w. besetzen würden, treten deshalb an diese Oertlichkeiten nur heran, und sind dabei von den Offizieren zu belehren, wie sie in Wncklichkeit zu verfahren hätten. Die Verteidigung von Dörfern wird oft um das Privateigentum zu schonen, nur durch Schützen an den entfernten Gartenzäunen, sowie durch Vortreten von Reserven, zu markieren sein. Die Bekannt- inachung schließt mit den Worten: Der bürgerliche Verkehr darf durch Friedensübunger: jeglicher Art in keiner, auch noch so geringen Weise gestört ober behindert werden, mit der alleinigen Ausnahme, daß der Durchgang durch geschlossene, ruhende oder marschierende Truppen zu ver" sagen ist." .....
Die sächsische Amnestie.
T König Georg von Sachsen hat an seinem letzten Geburtsage bekanntlich 70 Strafgefangene begnadigt. Darunter befinden sich auch drei an dem Löbtaner Krawall beteiligt gewesene Bauarbeiter, die zu acht und sieben Jahren Zucht- mus verurteilt waren. Die Verurteilten haben vier Jahre an Zuchthause zugebracht. Ihre Begnadigung wird in ganz Deutschland um so lieber willkommen geheißen werden, ab einer Zeit das Urteil im Löbtauer Krawallprozeß im gan jen Volke ab drakonisch hart empfunden worden war. Be- nnntlich mib schon von König Albert vier der Löbtauer Verurteilten begnadigt worden. Zwei befinden sich noch in Haft, ein zu zehn und ein zu neun Jahren Zuchthaus Verurteilter.
Zur Ermordung Rostkowskys.
A Nachträglich stellt sich heraus, daß der in Bitoli bei Monasür ermordete russische Konsul Rostkowsku an seinem mben Ende selbst größtenteils Schuld trägt. Rostkowsky hat, wie feir^ vor einigen Monaten ebenfalls von einem tür- stschen Soldaten erschossener Kollege Schtscherbina in Mikro- vitza. lieb durch schroffes Auftreten gegenüber der Bevölkerung und den türkischen Behörden höchst verhaßt gemacht. Anordnungen der türkischen Behörden eristierten für ihn überhaupt nicht, er traktierte türkische Beamten und Soldaten. die auf Geheiß ihrer Oberen ihm entgegentraten, kurzerhand mit Peitschenhieben ins Gesicht und machte sich überall lästig. Den unmittelbaren Anlaß zu seiner Ermordung gab ?r dadurch, daß er, als ein türkischer Posten ihn nicht grüßte, aus dem Wagen sprang und den Posten ohrfeigte. Daraus schoß der Türke den Konsul nieder. Rußland bürste übrigens wegen der Ermordung Rostkowskys nicht größeren Lärm schlagen, als seiner Zeit im Falle Schtscherbina, wie grimmig auch jetzt die russische Presse nach Rache und die russische Diploniatie nach Genugtuung ruft. Der Mörder Rostkowskys ist bereits vor ein Standgericht gestellt worden. Der Aufstand erstreckt sich übrigens bereits bis an die serbische Grenze. Die muhamedanische Bevölkerung ist in großer Erregung, und man befürchtet große Metzeleien. Die Zahl der Aufständischen in Monastir wird auf 12 000 geschätzt. Die Wirren und der Bandenkrieg dauern fort.
Kurze politisch Nachrichten.
* Der deutsche Gesandte in Buenos Aires Freiherr u Wangenheim ist an den Folgen eines Blutsturzes n p st <> r h " n