Sr. 135.
Freitag, den 12. Juni 1903.
12 Jahrgang.
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Gießener
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Postzeitungsliste No. 3289.
Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 28.
Ker«sprecha«schl»ß Nr. 868.
Weiteste Wacstricstlett
(OteKener Uagevtatt) Mnabhängige Tageszeitung (Hießener Weik«ng)
für Oberhefsen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
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Die dioränackt von Belgrad,
CB. Mit zahlreicher Opfer Blut getränkt ist der Kö- mgsmantel, den Peter Karageorgiewitsch, das Haupt der serbischen 5)eeresverschwörung gegen die Dynastie Obre- nowitsch, sich um die Schultern geworfelt hat: Weit mehr Vpfer hat die Mordnacht von Belgrad gefordert, als die ersten kurzen Depeschen zu berichten wußten: Nicht nur König Alexander von Serbien und seine Gattin Draga, auch deren Bruder Nikoden:, der als der künftige Thron- folger galt, ihre beiden Schwestern, der Ministerpräsident Hinzar Markowitsch und seine Gattin, zwei andere Minister, der des Krieges und des Innern, ein General, der Äeueraladjutant des Königs- Petrowitsch, und zwölf Mann der königlichen Leibwache sind in der Nacht zum Don- nerstag kurz nach Mitternacht int Belgrader Schlosse von den Verschwörern ermordet lvorden.
Denselben Tag, an bem Peter Karageorgiewitsch vor 35 Jahren durch feine Kreaturen dem Großvater Alexanders, dem Fürsten Michael Obrenowitsch, im Park von Lopschider bei Belgrad ein jähes (Silbe bereiten ließ, den- selben Tag hat der unversöhnlichste Feind der serbischen Dynastie sich gewählt, um den letzten Sprossen der Obrc- ilmütsch uub alle, die zu seinem Hause gehört, zu ver- iiithteu. Am Donnerstag sollte für Michael Obrenowitsch in Belgrad eine Gedächtnisfeier stattfinden, bet Morgen dieses Tages sah den Enkel Michaels kalt und starr, mit der Todeswunde in der Brust im serbischen Könrgsschtofse nifgcbahrt.
Peter Karageorgiewitsch, der Rächer des Unrechts, das die Obrenowitsch seinem Hause, dem Hause der frühe- ten Fürsten Serbiens, zugefügt haben- hat sein Ziel erreicht, er wird beu serbischen Thron endlich besteigen. Denn es ist keilt Zweifel, daß er, der Schwiegersohn des einzigen Freundes" des Zaren, des Montenegrinerfürsten Nikita, auf Rußlands Beistand rechnen kann, Mag auch Oesterreich-Ungarn seine Thronbesteigung mit scheelen èliigeu anseheN. Und ët wird sich, Wenn nicht auch ihn Ver- dlenduug überkommt- wie seinen Vorgänger, auf dem Dhronè halten können. Düs Heer ist ihm ergeben, und da- init hat er auch das Saub für sich.
Alexander selbst hat seinem Rivalen in blinder Unvernunft in b»' zmnbe gearbeitet: Er hat im Volke und HH Heere dèn Verdacht immer aufs neue genährt, als »volle er den Bruder seiner den Serben verhaßten Gattin, Nikodem Lunjewitsch, zum Thronfolger proklamieren. Und er hat mit dem jüngsten Staatsstreich, der die Verfassung einfach aufhob, der das Ministerium und die Skupschtina sprengte, eine neue, dem Volke nicht genehme Ver- iaifuug einführte und ihm ein unwillkommenes Ministe- tiuht aus Kreaturen dès Königs aufzwang — er hat mit diesen: wahnwitzigen Staatsstreich dem Fâß den Boden dusgeschlagem Die radikale Partei, die mastigste im Lande, gegen die sich dieser Streich des Königs richtete, trieb der König dadurch selbst dazu, mit den Unzufriedenen, unter Karageorgiewitsch's Einfluß stehenden Elementen im serbischen Offizierskorps gemeinsame Sache zu ma- hen.
Wir haben an dieser Stelle schon damals, bei der Kunde von diesem hirnverbrannten Staatsstreich, die Revolution in Serbien und den Sturz der Dynastie sicher vorausgesagt. Daß die Gegner der Dynastie und die persönlichen Feinde des Königs sich nicht auf die Entthronung Alexauders beschränkteu, sondern ihrr mit seinem ganzen Hause vernichteten, wird ihnen im zivilisierten Westeuropa die Sympathieir schmälern, die sie bei einer unblutigen Entthronung der Königskarikatur Alexander sonst gehabt hätten. Um so größer wären diese Sympathien Westeuropas mit deu serbischen Radikalen gewesen, als die Persönlichkeit Alexanders und seiner abenteuerlichen Ehege- jponsin in allen Kreisen, die auf Zucht und Würde halten, starker Abneigung begegnete. Durch das Blutbad, das die Verschwörer im Belgrader Konak angerichtet haben, varch die Ermordung völlig Unschuldiger, wie des Mini- jtcrpräfibenteu und seiner Gattin und der zwölf Leib- ^rbiften, haben sic sich die Sympathien der sittlich empfindenden Welt frevelirden MuteS entfremdet.
Freilich, man darf an die moralische und geistige Kultur dieser Völkerschasteu auf bem Balkair nicht den Maßstab anleaen, mit dem die Bürger einer Mturnation Oie Menschen und ihre Taten zu messen pflegen. Die Mord- llacht von Belgrad ist ein Ausfluß der allen sittlichen Hub Vernrrnftfordernngen hohnsprechenden Leidenschaftlichkeit, die jene Mischlrirgsvölker beherrscht. Das uub die ungeheure Erbitterung, die d-er Sohn Milans und Natalies im Volke gegen sein Haus großgezogen, macht zu einem Teile die Vorgäilge in der Mordnacht verstärrdlich.
Der Politiker kennt so wenig wie der Geschichtsschreiber das Wort, daß man von den Toten nur Gutes reden solle. Es wäre eine widerwärtige Heuchelei, wollte man tiefe Trauer darüber vorgeben, daß Alexander und Draga aus den Reihen der Lebenden geschieden sind. Beider Persönlichkeit war nicht dazu angetan, irgend welche menschlichen Sympathien zu erwecken. Und auch die Rolle.
die Alexander und Draga im politischen Leben spielten, war so wütdelos und ärgerniserregend, daß man, ihr Abtreter: von der Bühne der Oeffentlichkeit längst Wüuschte. Daß freilich ein gewaltsames Tod sie von der Szene rief, wird trotzdern Mitleid erregen. Noch mehr aber wird man Die übrigen schuldlosen Opfer der Verschtvöruug beklagen. Und Peter Karageorgietvitsch, der neue König der Serben, hat sich durch di Bluttat, die er für nötig hielt, um sich auf den Thron zu schwingen, die Sympathien aller Kulturnatiouen von vornherein verscherzt.
* * *
Wre immer bei so sensationellen Ereignissen werden auch diesmal allerhand unkontrollierbare Versionen über die Vorgänge in Belgrad laut. So hat nach Kner nicht eben glaubwürdigen Nachricht König Alexander beim Einbringen der Verschwörer in den Konak erst die Königin und dann sich selbst erschossen.- Nach einer anderen Mel- triitig erzählt man in Belgrad, bet König habe in letzter Zeit in der Tat die Absicht verwirklichen wollen, sich von der Königin Draga scheiden zu lassens die Königin habe dies bemerkt und es hintertreiben wollen. Einige hohe Militärs hätten die Königin in der letzten Nacht gc- waltsanr aus dem Konak entfernen wollen, seien aber ruf Widerstand bei den Anhängern der Königin gestoßen. In Dem erbitterten Gemetzel seien alsdann beide, der König und die Königin, mit ihrem Anhang gefallen. — Nach Üner weiteren Meldung aus Belgrad sind außer dem Königspaar und den Angehörigen der Königin auch der Adjutant Nailmowitsch sowie andere Hofleute ermordet worden.
Schließlich verzeichnen wir aus den übrigen aus Belgrad vorliegenden Nachrichten das Wesentlichste: Um Mitternacht wollte die Verschwörergruppe in den Konak ein- dringen. Als die Wache dies verhindern wollte, entstand ein Kampf- wobei der Wachkommandant und 12 Mann der Wache niedergemetzelt wurden. Die Verschwörer drangen dünn in den Konak ein. Der König wurde zur Thronentsagung aufgefordert; als er sich iveigerte, zogen die Verschwörer die Säbel und Metzelten das Königspaar und einen Teil des Hofstaates nieder. Nach späteren Meldungen sind alle Getöteten erschossen worden. Angeblich soll König Alexander sich verteidigt und einen Mann niederge- schossen haben. Der Konak ist vott Militär umzingelt. Peter Karageorgiewitsch, der bis vor kurzem in Gens weilte, soll sich angeblich derzeit in der Nähe von Belgrad befinden. Junge Leute rotten sich zusammen, schwen- kett Fahnen und ziehen umher unter dem Rufe: „Es lebe Karageorgiewitsch!" Fast alle Häuser Belgrads haben Fahnen ausgesteckt, jedoch sind keine schwarzen Trauerfahnen darunter. Von: Königsschloß weht keine Standartc mehr. Das Militär trägt nicht mehr die Kokarden mi bem Namenszug Alexanders, sondern Blumen und grün. Zweige oder Blätter an Stelle der Kokarde. Viele An Hänger des Königspaares flüchteten mit ihren Faniilie nach Semlitt. Die Stadt gleicht einem Militärlager. All wichtigen Punkte sind miut .tifc^ besetzt. Mililärpatrouil len durchzichell die Straßen der Stadt.
Unter den neuen Ministern befinden sich mehrer Opfer der Rechtsbeugung Milans und Alexanders. Sc Schifkovic (für das Justizwesen), der mit Prolic unte Milan zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt war. De neue Handelsminister Gencic war der stärkste Gegner bi Heirat des Königs, er wurde seinerzeit zu acht Jahre. Kerker verurteilt wegen ei:ies Briefes, den er aus Abba zia über diese Heirat veröffentlichte.
Die königliche Familie war schon seit einigen Tagen in Besorgnis vor einem Ueber fall, König Alexander getraute sich nicht mehr auf die Straße. Das hinderte die Königin freilich nicht, noch am Abend vor ihrem Tode einem Wiener Modesalon ein höchst ungnädiges Telegramm zu schicken, weil sich die Absendung einer von ihr bestellten Robe verzögert hatte. — Exkönigin Natalie erhielt die Nachricht von der Katastrophe in der Kirche oom Abbo Solange, ihrem Beichtvater. Die Königin schluchzte heftig und rief: -Mein armer, irregeleiteter Sascha." Um bem Ansturm neugieriger Reporter zu entgehen, begab sie sich von Paris nach Versailles.
In Wiener serbischen Greifen war man schon seit einiger Zeit durch Belgrader Privatbriefe darauf vorbereitet, daß sich ein gewaltsamer Umschwung in Serbin vorbereite. Als einer der Gründe dafür wird die Erbitterung des größten Teils des Volkes über den Ausfall der Wahlen bezeichnet, bei denen infolge behördlichen Terrorismus kein einziger Oppositioneller gewählt wurde. Die Oppositionsführer fürchteten ihre Verhaftung, die der Belgrader Präfekt angeMicI) schon vorbereite.
Die Politik.
Eine Kaiferreise nach Stockholm?
(?) In der schwedischen Hauptstadt erhält sich das Gerücht, Kaiser Wilhelm werde im Juli in Stockholm eine Begegnung mit König Oskar von Schweden haben. In dieser Form ist die Nachricht, wie unser Berliner CB.^ Mitarbeiter uns schreibt, unrichtig, dagegen ist es nicht ausgeschlossen, daß eine Begegnung zwischen den beiden
Herrschern an irgend einem Orte der nowegischen Küste stattfindet. Möglicherweise wird die Nordlandsreise des Kaisers dazu Gelegenheit geben.
Balfour und Chamberlains Zollptäne.
)( Reichlich spät, erst am zweiten Tage der Debatte über den Chamberlainschen Antrag auf Beibehaltung des Kornzolles, hat sich der britische Premierminister vera:ilaßt gesehen, seinerseits zu den Schutzzollpläneu seiner Ministerkollegen Stellung zu nehmen. Dabei kam die Uneinigkeit des britischen Kabinetts in dieser Frage wieder voll zum Ausdruck. Balfours Rede sagte so ziemlich das Gegenteil von dem, was der Schatzkanzler Ritchie am Tage vorher geäußert hatte. Hatte der Schatzkanzler sich als unbedingten Anhänger des Freihandels besannt so erklärte Balfour sich zwar nicht in dürren Worten, aber durch die Blume geneigt, an eine Aenderung des Zollsystems zu gehen. Schutzzöllner, sagte er, sei er zwar gerade nicht, aber bei ihm stehe fest, daß England die Möglichkeit erhalten müßte, durch Kampfzölle andere Staaten handelspolitisch gefügig zu mad)en. Schließlich redete der Ministerpräsident einer Prüfung der Chamberlainschen Pläne das Wort. Tie Rede befriedigte (eine Partei im Unterhause, und in der Debatte kam denn auch die völlige Spaltung der Ministeriellen zum Ausdruck: Ein Teil der Anhänger des Kabinetts unterstützte den vom Ministerium betämpften Antrag Chaplin, ein anderer sprach dagegen, und die Gegner des Antrages waren noch in sich gespalten. Die einen befürworteten eine Untersuchung der Chamberlainschen Zollpläne, die anderen wollten davon nichts wissen und schworen auf die Vorzüge des Freihandels. Trotz, d'ieses Tohuwabohus kam es zu einer Einigung bei der Abstimmung: Mit 424 gegen 28 Stimmen wurde der Antrag Chaplin abaelehn't. Der britische Kornzoll wird also aufgehoben. Auch der Verlauf der Debatte des zweiten Tages erwies, daß zwar vorläufig an eine Durchführung der Chamberlainschen Pläne nicht zu denken ist, daß sie aber in einer nicht zu fernen Zukunft §ut Tatsache werden können.
Der Marineskandal vor der iia Lettischen Kammer.
(!) Nun ist nachträglich doch noch die Skandalaffäre, in die man in Italic;: den Marineminister Bettolo verwickelt glaubt, zur Besprechung im römischen Parlament gelangt. Es ging dabei ziemlich hitzig zu: Als Bettolo seine Verteidigungsrede gegen die Auflagen begann, die die Sozialisten wider ihn erhoben, fam es zu stürmischen Zwischenrufen. Die Gegner des Ministers forderten ihn auf, er solle doch gegen sie klagbar werden, wenn er sich rein fühle. Der Minister bestritt, für die von der Marine- Verwaltung der Panzerplattenfabrik Terni erteilten Aufträge irgeudwie bestochen worden zu sein. Seine Gegner erwiderten prompt, sie glaubten ihm nicht. So ging die parlamentarische oder — nach den wenig salonfähigen Ausdrücken — unparlamentarische Hatz eine ganze Weile weiter. Schließlich wurde der Antrag auf Einleitung einer parlamentarischen Untersuchung über die Marineverwal- tung, bei dessen Annahme das Kabinett zurücktreten zu wollen erklärt hatte, mit 188 gegen 149 Stimmen, also gegen eine sehr starke Minderheit, abgelehnt. Sehr berühmt ist dieser Sieg der Regierung nicht. Das sieht sie selbst ein, und um die Gegner Bettolos zu gewinnen, Hut der Ministerpräsident erklärt, er werde seinerseits eine strenge Untersuchung über die Verwaltung der Marine vornehmen, um volle Aufklärung zu bringen. Diese für Bettolo ziemlich deprimierende Erklärung des Ministerpräsidenten und die Tatsache, daß Bettolo von feinem Kollegen nur sehr lau verteidigt wurde, haben ihm den Gedanken an seinen Rücktritt nähegelegt. Tritt er zurück, so wird zweifellos das Gerücht, er sei in der Terniaffäre nicht völlig intakt, neue Nahrung erhalten.
Die Unterwerfung der Figig-Manren.
)—( Die Bewohner der Oase Figig haben sich den Franzosen unterworfen. Die Unterwerfungsceremonie begann damit, daß die maurische Abordnung ein langes Gebet im benachbarten heiligen Marabout verrichteten. Während General O'Connor ihnen dann mit starker, eindringlicher Stimme eine drohende Rede hielt, standen sie unbeweglich und schweigend da. Nach der Rede näherte sich einer von ihnen dem General und wollte ihm die Hand reichen. Ter General O'Connor stieß die Hand des Mauren brüsk von sich und galoppierte mit seiner Suite davon. Man zweifelt an der Aufrichtigkeit der Unterwerfung der Mauren. O'Connor hatte gefordert, daß die Zerenwnie in der Nähe des heiligen Marabouts stattfinden solle, weil die Araber dort nicht zu lügen wagen. Nun haben aber einige der Landessprache mächtige Franzosen gehört, wie die Abgesandten unter sich verabredeten, ganz zu schweigen, weil sie nicht lügen dürften. Die Unterwerfung ist also eine Farce.
Kurze politische Nachrichten.
* Der Präsident des russischen Ministerkomitees Iwan Nikolajewitsch Durnovo ist auf einer Badereise im Eisenbahnzug auf preußischem Gebiet am Gehirnschlag gestorben. Durnovo, der im Ausgang der sechziger Jahre stand, fuhr zur Shit nach Wiesbaden. Seine in Berlin aufge- bahrte Leiche wird zur Bestattung nach Rußland geschafft werden.