Nr. 109
Montag den 11 Mai 1903.
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oderhesstfche Zeitschrift für L««dtvirtschaft, Obst- k*>
öartewlitu, sowie die Stete«er Te^e»bl«se« (wScheBtttch).
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___12 Jahrgang.
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Redaktion und Expedition: Gieße» Xri« »Hl# Ms
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bsrhèsien unb die Kreise Marburg und Wetzlar; Lskalanzeiger für Gietzèn und Umgebung
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Gießen.
JVeue Scbreckenskunde aus Mazedonien.
□ Eine entsetzenerregende Nachricht kommt aus Sofia Zn Köprülü (Mazedonien) soll vor acht Tagen die dortigk N-oschee mit mehr als 200 Mohamedanern, die darin ver- ammelt waren, mit Tynamitbomben in die Luft gemengt und die Mohamedaner unter den Trümmern ver. schüttet worden seien. Der Attentäter Namens Popow habe sich dann erschossen; bei ihm habe man einen Zettel )cs Inhalts gefunden, er sei ein mazedonischer „Todes- l'ikter", er habe gelobt, sich nach dem Attentat zu töten. Zia Wien, wo man sich über die Vorgänge in Mazedonier sur gut unterriâet hält, mißt man der Nachricyr reiner Klauben bei, und in der Tat ist es nicht wahrscheinlich daß die Kunde von einer solchen Freveltat eine ganze Aoche gebraucht haben sollte, um bis nach Sofia zu dringen. Unmöglich ist natürlich die Sache nicht.
Sicher ist jedenfalls, daß die Vorgänge in Monastil Nlvch ernster gewesen sind, als man nach den bisheriger Meldungen annahm. Durch die in Monastir von Vulgarer w ow Moschee geworfenen Bomben wurden nach neuerer tftellangen 11 Personen getötet und 19 verwundet. Echlimme Nachrichten kommen auch wieder aus Saloniki Dvrt scheinen sich die Schreckensszenen wiederholt zu habt u. Einzelheiten fehlen noch, auch ist nicht mit Sicher- ynt sestgestellt, ob die fremden Kriegsschiffe im frafer Puppen gelandet haben. Wie verlautet, ist das gesthe- hen. d 1 ,
Neuerdings sind auch in Uesküb ernste Unruhen aus- gt brachen. Dort sind bulgarische Verschwörer aus Sosio emgetroffen. Tie Konsuln erhielten Drohbriefe; infolgedessen wurden die Konsulate scharf bewacht.
Die bulgarische Regierung hat in Wien, Paris mit Petersburg mündlich erklären lassen, daß sie die Verantwortung für die Attentate in Saloniki ablehne, unb Hai and) auf das grausame Verhalten der Türken nach den Attentaten hingewiesen. Die türkischen Truppen in Salo- nati werden beschuldigt, unter den Angehörigen der Atten- tLter von Saloniki ein großes Gemetzel angerichtet zu haben. Selbst wenn das der Fall sein sollte, weiß man doch nicht, wie gerade Bulgarien dazu kommt, sich dar- tilber zu entrüsten, wo es doch feststeht, daß tatsächlich dee bulgarische Regierung moralisch die Mitschuld an den Untaten von Saloniki trägt.
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3U ben Unruhen in Monastir und der allgemeinen Lage in Mazedonien wird aus Konstantinopel noch weiter berichtet: Eine türkische Meldung besagt, daß ein Avigrifssversuch gegen das Munitionsmagazin in Monastir stattgefunden habe. Gegenwärtig herrscht Ruhe; die Stadt ist militärisch besetzt; Handel und Verkehr sind unterbrochen. Der Vali hat dem Konsularkorps Zusicherungen betreffend den Schutz der Fremdenkolonien gegeben. Auf Wunsch des serbischen Konsuls wurden auch die serbischen Schulanstalten militärisch besetzt. Nach türkischen Angaben sind in den Bandenkämpfen bei Capary und Orv- zari in der Nähe von Monastir 15 Bulgaren getötet mib 74 gefangen worden, die türkischen Verliiste sind gering^ Tie Pforte erhielt von maßgebenden biptomatL Men totesten freundschaftliche Ratschläge, die energischen Maßregeln gegen bte mazedonischen Komitees, gegen das Bandenunwesen, sowie gegen die Urheber der jüngsten Ty- namitanschläge und bereu Mitschuldige nicht auf Unbeteiligte auszudehuen, unnötig harte Maßregeln und Ausschreitungen seitens der Sicherheitsorgane und Truppen ru vermeiden, sowie alles, was die Erbitterung der irreqe- führten, exaltierten Elemente steigern und Beschuldigungen g-egen die Pforte zeitigen könnte, im eigenen Interesse streng zu verhüten. Ferner gingen der Pforte seitens einiger diplomatischer Stellen freundschaftliche Ratschläge betreffend die Vorsorge für jene Vijalets und Städte zu, in welchen die Komitees angeblich gleiche Anschläge planen, wie in Monastir.
nahe. Zwar wird hier die Befürchtung am Platze sein, daß möglicherweise gerade diese kurze Blüte einen um so größeren Rückschlag bringen muß, weil der Erwerb von Roheisen mit Deutlichkeit dartue, daß Amerika in der Herstellung der Eisenwaren so sehr die Führung habe, daß es mit seinen reichen Schützen nicht mehr die Roh- stoffe für seine Fabrikation aufbringen könne. Allein man übersieht , daß das in Köln verkaufte Gußeisen und das Siegerländer Spiegeleisen bereits ein verarbeitetes Qualitätsmaterial ist, das in dieser Güte nur in Deutschland hergestellt wird, wie denn auch unsere Maschinen und Lokomotiven wegen ihrer Kohlen sparenden Anlage in der ganzen Welt gesucht sind. Hier macht sich die Knappheit an dem kraftspendenden Material dahin geltend, daß die Intelligenz und Technik für eine möglichst ökonomische Verwendung des teuersten Betriebsstoffes mobil gemacht werden. Die amerikanische Lokomotive ist billiger als die unsrige und doch haben die Berechnungen ergeben, daß eine deutsche Maschine sich im Laufe von 10 Jahren durch die Ersparnis an Heizstoff amortisiert. Das werden uns die Amerikaner so leicht nicht nachmachen. Die leichte Erreichbarkeit der Bodenschätze und die relativ geringe Bevölkerung verleiten zum Schleudern und unökonomischen Wirtschaften, während bei uns die Notwendigkeit, mit wenigem Haus zu halten, und die Bolksdichtigkeit zu einer intensiven Ausnutzung der vorhandenen Kräfte Zwingen. So sind die Eheschließungen nicht nur ein Symptom der verstärkten wirtschaftlichen Kraft unseres Volkes, sondern auch eine Zulünftsgarantie für unsere Stellung auf dem Markte. Von der Anschauung, daß die arithmetische Progression des Bevölkerungs- und des Nahrunas- zuwachses nicht in einem geregelten Verhältnis stehen ist man auf Grund der naturgeschichtlichen Analogien in der Wissenschaft längst zurückgekommen und verfehmt dec halb eine künstliche Hemmung der Bevölkerunaszu- u-bme. Tie Hemmungsbestrebungen entspringen lediglich p rsönlichen Gründen, die uns Zola in seinem fo-later Roman „Fruchtbarkeit" so anschaulich schildert. Der nationale Egoismus aber muß darauf bedacht sein, möglichst die Bedingungen für eine fortschreitende Volksvermehrung zu schaffen. Jedenfalls aber hat der Volkswirtschaftler allen Grund, sich über eine Zunahme der Eheschließungen zu freuen, weil diese barometrisch den wachsenden Wohlstand des Volkes und die Existenzsicherheit kennzeichnen. Aus diesem Grunde ist es auch von höchstem Interesse, in den Zentren des wirtschaftlichen Lebens die Ehe- statistik zu verfolgen, und so gewinnt die Heiratsfreudig- keit von JungberUn eine über die Grenzen der Reichs- hauptstadt hinausgehende Bedeutung.
,det 1868.
MirtfcKâftslage und Ghe fehlte ssungen.
(Bon unserem ständigeii 6L -Mitarbeiter.)
Das „Berliner Statistische Amt" verbreitete dieser Tage die Nachricht, daß im ersten Viertel des neuen Jahres die beim Ablaufen des alten bereits beobachtete Steigerung der Eheschließungen fortgedauert habe, während das Jahr 1902 einen Rückgang der Eheschließungen gegen 1901 und dieses einen Rückgang gegen 1900 aufwies. Die Neigung, einen eigenen Familienstand zu gründen, veränderte sich also in dem vorliegenden Falle — Berlin mag hier lediglich als typisches Beispiel gelten — je nach der Wirtschaftslage. Im Jahre 1900 setzte die Krisis ein und heute ist diese allmählich überwunden, denn nach den allerneueften Meldungen ist von Amerika aus eine starke Nachfrage nach Roheisen. Am Freitag wurden beispielsweise in Köln 800 000 Zentner verkauft mib die Verhandlungen betreffend Ankaufs von 2 700 600 Zentner S-ieserländer Spieaeleisen sind dem Abschluß
Lie Politik.
Der Druckfehlerteufel und die Krankengefetznovelle.
(?) Ein böser Flüchtigkeitsfehler hat sich in die Novelle zum Krank'enversicherungsgesetz, die der Reichstag noch am Schluß seiner Tagung verabschiedete, eingeschlichen. Die Veröffentlichung des Gesetzes liach den Beschlüssen des Reichstags, also die endgiltige und auch von der Regierung genehmigte Fassung des Gesetzes enthält in Paragraph 21 einen neuen Absatz 2a, der bestimmt, daß neben freier Kur und Verpflegung in einem Krankenhause, falls der Untergebrachte Angehörige hat, deren Unterhalt aus seinem Arbeitsverdienst bestritten wurde, ein Krankengeld bis zur Höhe des durchschnittlichen Tagelohns bewilligt werden kann. Diese Bestimmung wider- spricht geradewegs den Gruiidsätzen unserer Arbeiterversicherungsgesetzgebung, in denen höchstens die Hälfte des ^agelohns bewilligt wird. Nachträglich TteKf sich renn auch heraus, daß jener Absatz 2a, der auf Antrag der Kommission vom Plenum in das Gesetz eingestellt wurde, einen Setzfehler enthält. Ter Absatz sollte nach der Konimi!;ionsrassung dahin lauten, daß ein Krankengeld bis zur Hälfte" des durchschnittlichen Tagelohnes bewilligt werden kann. In der Zusammenstellung der Kommlsuonsbeschküsse hat der Druckfehlerteufel aber „bis zur Hohe" gemacht, und dieser fatale Druckfehler ist dann in die endgültigen Beschlüsse des Reichstaaes übergegangen. Da wir z. Zt. keinen Reichstag haben/ läßt sich dieser Fehler nicht verbessern. Unter diesen Umständen ist es fraglich, ob die Novelle zum Krankenversichernngs- gesetz einstweilen überhaupt zur Veröffentlichung gelangen wird. Vielleicht wird man dazu den Zusammentritt des neuen Reichstags abwarten.
E»n amerikanifcher Ftottenbesuch in Kiel soll nun doch erfolgen, und zwar soll das in Villa Franca am Mittelmeer liegende amerikanische Geschwader Ende dieses Monats nach Kiel gehen. Der Kommandant des Geschwaders, Admiral Cotton, hat bereits entsprechende Befehle erhalten. Efrenbar ist diese Maßnahme auf eine Einwirkung des Präsidenten Roosevelt zurückzuführen, der einmal Deulschland nicht verletzen und zum andern auch zeigen will, daß Amerika trotz der schlechten Verfassung seines Kriegsgesckiwaders doch noch Schiffe besitzt, mit denen es sich vor fremden Marinen sehen lassen kann.
Teilung der Kanalvorlage!
„(—) Minister Budde hat sich einen neuen Schlachtplün jur den in der nächsten Legislaturperiode des Landtags bevorstehenden Kampf um die Kanalvorlage zureck 'ge- legt: Er will dem Hunde den Schwanz stückweise ab* hauen, b. h. er will die Kanalvorlage in mehrere Teile zerlegen und diese einzelnen Teile'nach und nach dem Hauke zur Beratung und Genehmigung vorlegen. Nach den Aeußerungen, mit denen die Organe der bisherigen Kanalgegner diesen Plan begleiten, scheint es denn auch als sei er aussichtsreich. Man nimmt an, daß der Mi- ister zunächst die Flußregulierungen in Angriff nehmen Jirb um erst nach deren Vollendung dem eigentlichen ..analbau näher zu treten.
De West machte gegen Rustland?
^( ) Auch die Besetzung von Niutschwang mit russischen gruppen will man an der Newa nicht wahrhaben. Dieses Dementi rennt sich schlecht auf die amtlichen Nachrichten, bie das Washingtoner Kabinett über den Vorgang erhalten hat, Nachrichten, die die Besetzung von Niutschwang durch die Russen voll bestätigen. Wie verlautet, will Amerika diesem neuesten Schritt Rußlands nun doch nicht un* tätig zusehen: Nach Meldungen aus Washington hat Staatssekretär Hay den Präsidenten Roosevelt um seine Genehmigung zu einer gemeinschaftlichen Aktion der Vereinigten Staaten mit England und Japan gegen das russische Vorgehen in Niutschwang ersucht. Wenn es zu einer solchen gemeinsamen Aktion kommt, so wird dabei aller Voraussicht nach genau soviel herausschauen, wie bei dem Einspruch der Mächte gegen Rußlands neuerliches Vorgehen in der Mandschurei. Rußland hat diesmal den rechten Moment abgepaßt: die Besetzung Niutschwangs und anderer strategisch wichtiger Punkte der Mandschurei erfolgte gerade zu der Zeit, als die von Europa kommenden Verstärkungen der russischen Flotte den Golf von Petschili erreicht hatten. Ferner errichtet Rußland große Laaer von Proviant und Kriegsvorräten, auch hat es viele Pferde aufgekauft. Auch sonstige Nachrichten weisen auf die Absicht hin, seine Streitkräfte in der Mandschurei zu verstärken, statt sie zu vermindern. Tie Ehinesen sind durch diesen neuesten russischen Streich geradezu verblüfft worden; sic sehen es als einen Beweis dafür an, daß das Zarenreich bereit sei, für die Aufrechterhaltung seines Besitzes der Mandschurei zu kämpfen. Von einer Absicht Chinas, Rußland bewaffneten Widerstand zu leisten, verlautet nirgends etwas. Prinz Tsching hat einen Urlaub erhalten, zweifellos, um sich den Anfragen und Protesten der fremden Gesandten entziehen zu können. Rußland wird also auch diesmal auf der ganzen Linie und ohne Schwertstreich siegen, zumal da man in England offenbar vor einem ernsthaften Konflikt mit Rußland zurückschreckt.
Britischer Spleen.
(—) Eine merkwürdige Idee hat ein englischer Pfarrer namens Dr. Barr ausgeheckt. Er gehört offenbar zu jenen Engländern, die in der starken Einwanderung von gut situierten amerikanischen Landwirten nach dem kanadischen Nordwesten eine große Gefahr für Kanada als englische Kolonie wittern und eine baldige Annexion des Landes durch die Vereinigten Staaten fürchten. Deshalb hat er in ganz England 2000 Personen zusammengetrommelt, mit denen er in Kanada eine eigene Gemeinde begründen will, in die kein Nichtengländer, vor allen aber kein Yankee ausgenommen werden soll. Er ist mit seinen 2000 Myrmidonen jetzt in Kanada einge- trofsen und nach der Provinz Saskatchewan im Nordwesten der Kolonie abgegangen, wo die Ansiedelung gegründet werden soll. Merkwürdige Idee das! Aber immerhin zeigt dieser Dr. Barr etwas, was leider uns Deutschen oft fehlt: das Bewußtsein von dem Wert der Erhaltung des eigenen Volkstums. Mag es in seinem handeln auch etwas donquichotisch zum Ausdruck kommen: Seine Beweggründe sind jedenfalls aller Ehren wert.
Der „Heilige Krieg" in Algier, der kürzlich angekündigt wurde, ist ausgebrochen. Nach einer Meldung aus Algier wurde ein unter militärischer Bedeckung stehender, .500 Kamele starker französischer Lebensmittelzug nächtlicherweile bei Taghit von 600 Reitern und 900 Mann Fußtruppen, die zu den Stämmen der Utedscherir, der Benigil und der Beraber gehörten, überfallen und aufgehoben worden. Von der französischen Bedeckungsmannschaft wurden 30 Mann getötet und 18 verletzt. Tie arabischen Angreifer, gegen die die übrige Bedeckungsmannschaft wegen ihrer großen Zahl nicht vorzugehen wagte, lagerten sich mitten auf französischem Gebiet. Die Karawane war nach der französischen Miti- tärstation Jgli im Südwesten Algeriens bestimmt. Da die Station mitten in der Wüste liegt und ihre Garnison ohne die Zufuhr von außen verhungern würde, dürfte^Frankreich sofort eine neue Karawane und zugleich eine starke Truppenabteilung zur Bestrafung der Angreifer nach Jgli entsenden.
Der Streik in Melbourne.
o Infolge des Streiks der Eisenbahner in Melbourne ist der Eisenbahnverkehr vor dort nach dem Innern letzt vollständig eingestellt. In anderen Verkebrszentren