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H^ ». 238, Zweites Blatt.

Oonnement-Preis : in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg., M HâuS gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel- jährlich Mk. 1.50.

Samstag, den 10. Oktober 1903

__________________12. Jab'-yang.

IsserttosSprel -r Die einsvalttge Petitzeile für Gießen wie aanz Oberhessen, die Kreise Wetzlar und Narburg 10 Psp. fonft 15 Pfg. - Reklame« die P'etitzeUe 30 réfp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3269.

Redaktion und Expedition: Gi.eßen Neuenweg 28.

Fer«sprechk»fchl«h Nr. 368.

IM Saut,

NratiSbeilage«: Oberhesstsche Familie«zeit«Ng (täglich) Ostrheffifche Zeitschrift für L««dwirtschSft, Obst- u«d V^te«b«ü, sowie die Gieße«er Seifenblase« (wöchentlich).

Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmitagS.

(Hietzener GageSkatt)

Hlnaöyângige Tageszeitung

(chi-ßener KettimM

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für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden ton Oberhess«.

Hus der Rächsbauptstadt.

* Das Lied der Saison.

Berlin hat sein Lied! Alle Jahre nämlich, wenn die SIntter sich rötlich färben, wenn der Sommer zur Rüste geht, lassen sämtliche Leierkastenmänner Berlins in ihre Kasten eine neue Walze setzen. Das ist durchaus nicht so einfach, sondern eine Sache von großer Wichtigkeit, und monate-

I b§j /ür^L lang vorher sind die Angestellten der Instrumentenbauer I bezw. .Drehorgelfabrikanteu auf-der Jagd nach populären

I Melodien. Neue Lieder erscheinen nänilich nicht auf der

Ij* DhHI Nalze, sondern nur solche, die sich bereits durch ihre Ver- I breitung ein Recht auf diese Ehre erworben haben. Und in

und von Wen aus Tat, der Leierkasten hat in der Musik schon immer eine 8 wichtige Rolle gespielt, und Meperbeer sagte in allem Ernst: r—***^ Der Dichter und der Komponist sind erst dann populär, wenn in Wilcke auf dem Leierkasten gespielt werden.

Also Berlin hat sein Lied, und schon jetzt kann man sich kaum davor retten. Ich will dem geneigten Leser nicht das ganze Lied vorsetzen, dazu bin ich zu rücksichtsvoll. Aber den Refrain muß ich ihm in die Brust stoßen, und wenn's das 4 U'eigene Leben kostete. Denn am Ende kann ich doch nichts am Mittelweg, in dafür, daß die Schlußzeilen lauten:

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„Den schönsten Platz, den ich auf Erden hab', Das ist die Nasenbank an meiner Eltern Grab "

Ich will hier keine kunstästhetische Abhandlung nieder- ttreiÈenf was an dem Verse alles unschön, trivial und un- poetisch ist. Ich kann nur von dem Unfug reden, der hier mit Gefühlen und Regungen getrieben wird.

Mit Stocklaternen kehrt eine Gesellschaft von einer Land­partie zurück; voran die Kleinsten, drei Käse hohe Kerlchen. Mit schrillen Stimmen gröhlen sie das Lied herunter:

„Der schönste Platz, den ich auf Erden hab', Das ist die Rasenbank an meiner Eltern Grab."

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Arm in. Arm folgen die Alten. Schöne Aussicht für sie!

Ein ander Bild: „Mutter" liegt seit Wochen krank dar- . nieder, heut ist sogar der Vater zu Hause geblieben, die Kinder sind in der Küche, sie sollen ruhig sein. Sie sind's auch in ihrer Weise. Sie sitzen zusammen und singen. Und was fingen sie — welche Melodie klingt herüber?

Die Kranke zuckt zusammen. Der Vater wünscht, dem Dichter um 3 Uhr früh in der Wuhlheide zu begegnen.

Bei Schulzes ist Taufe. Man ist nicht mehr beim ersten Glas. Natürlich wird gesungen. Und was wird ge­sungen? Natürlich mich:

„Der schönste Platz . . ."

In der Destille sitzen drei Sonnenbrüder, arbeitsscheue, Verbummelte Gesellen, aber auch ihnen hat die Stachel- malse der Leierkastenkompositionen die Gefühlsnerven bloß- gelegt. Mit verdrehten Augen singen sie im Krawattentenor, Fuselbaß und Schnaps-Bariton:

„Den schönsten Platz . . /

„Du, Ede," sagt der eine, „gehste denn da oft hin?"

„Nee, du?" — Schweigen . . . Beide wenden sich an den Dritten: „Du?"

Da kam's 'raus; alle drei wußten nicht genau, wo ihre Eltern begraben liegen, nur einer konnte die Begräbnis- stelle seines Vaters angeben, sie lag auf dem Zuchthaus­friedhof von Nawitsch.

Uebrigens hat das Lied schon den Behörden zu schaffen bemacht. Vorige Woche erst wurde ein Mann wegen ruhe­störenden ßörmcnS auf eine Polizeiwache gebracht. Er hatte trotz Verbots eines Schutzmannes in ruhestörender Weise das Lied gesungen:

„Der schönste Platz, den ich auf Erden hab',

Das ist die Nasenbank an meiner Eltern Grab."

Als man seine Perfonalien feststellte, fam es heraus: der Mann war ein Findelkind.

Der zweite Fall, in welchem die Behörde gegen das Lied einschreiten musste, ereignete sich in Plötzensee, juo ein Gefangener mit lauter Stimme das Lied gesungen. Singen ist im Gefängnis streng verboten. Der Mann bekam eine schwere Disziplinarstrafe, wobei erschwerend ins Gewicht fiel, daß er wegen versuchten Elternmordes eingesperrt war.

Was helfen aber alle Kritiken? Gedankenlos wird das Lied heruntergegröhli, vielleicht in dem instinktiven Gefühl: Bei diesem Liede braucht man nichts zu denken, denn bei d-em haben sich der Autor und Komponist auch nichts ge­dacht. Aber darauf kommt es auch mir nicht an, Berlin hat sein Lied und das ist die Hauptsache^ Spectator.

Kunst und Glissen schaff.

Gp. Wie hoch steigen unbemannte Luftballons? Ganz außerordentliche Höhen haben jüngst unbemannte Ballons er

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reicht. Ein in Bath ausgestiegener Gummiballon-Tandem erreichte nach Angabe der in der Gondel befindlichen Registra- turcrpparate 11 660 Meter und vermerkte eine Kalte von 56 Grad. Ein in Berlin ausgelassener, ebenfalls aus Gummi, fand bei 11 700 Meter —57,0 Grad, während bei einem von der Militär-Luftschiffer-Anstalt in Wien aufgelassenen in 11 480 Meter Höhe nur —40,2 Grad festgestellt wurden. In Zürich kam ein Ballon bis auf 12 760 Meter und fand dort —66,0 Grad. Die größte Höhe und die stärkste Kälte wurde von einem in Straßburg ausgelassenen Gummiballon-Tandem ausgezeichnet, der in 13 900 Meter Höhe —70,0 Grad fand Der letzte Versuchsballon der Schweizerischen Wetterwarte er­reichte sogar eine Höhe von über 15 000 Meter und ver­merkte 50 Grad C. Kälte; zu dieser Hochfahrt und Landung brauchte der Ballon im ganzen nur 90 Minuten. Noch höher stieg der Schweizer Ballon auf der Fahrt am 3. September dieses Jahres. Damals konnte eine sichere Höhe von nahe 16 500 Meter festgestellt werden mit einer Kälte bis 45 Grad; voraussichtlich wird das überhaupt die größte in diesem Jahr von den internationalen Ballonfahrten erreichte Höhe bleiben.

LG Ein Dickensmuseum gedenkt die Stadt Portsmouth, in deren Mauern der berühmte englische Dichter das Licht der Welt erblickte, ihrem großen Sohn in seinem Geburtshause zu errichten. Die Stadt erstand das Haus in einer Auktion für den Preis von 1125 Pfund Sterling (225 000 Mark). Für das Museum werden jetzt in ganz England Dickens­andenken gesammelt.

^ Eine Landkarte für vier Millionen Mark, vielleicht die teuerste Landkarte der Welt, ist die von der Regierung des Königreichs Sachsen fertiggestellte, die zeigt, wie der Boden in Sachsen in der Tiefe beschaffen ist, aus welchen Gesteinen und Verwitterungen er besteht, ob Lehmboden oder frucht­bare Ackerkrume aufliegt, ob das Erdreich durchlässig ist oder wie sonst der Untergrund beschaffen ist, ob Metallgange oder Kohlenlager und Bergwerkslager sich unter der Erde hin­ziehen u. s. w. 123 einzelne Kartenblätter (im Maßstabe von 1 : 25 000) gehören zu diesem einen großen Ganzen, deren jedes etwa zwei Quadratmeilen umfaßt und eine etwa ein­jährige Arbeit eines Geologen erfordert hat. Die Kosten jedes einzelnen Blattes stellen sich im ganzen auf 30 000 bis 40 000 Mark. Aber auch der Nutzen dieses kostspieligen Karten­werkes ist seiner Herstellung fast unmittelbar gefolgt. Bei Eisenbahnbauten, bei Bergwerksanlagen u. s. w. ist diese Uebersicht schon mehrfach von großem Vorteil gewesen. Auch die Wasserbeschaffung für die Großstädte Leipzig und Chem­nitz beruht im wesentlichen auf diesen Ermittelringen der geo­logischen LandeSuntersnchung, aus denen dieses Kartenwerk hervorging. Damit die Ergebnisse dieses kostspieligen Unter­nehmens nicht nur wenigen vorbehalten bleiben, sott noch eine Zweite Redaktion derselben Karten in dem um drei Vierteile kleineren Maßstabe von 1 :100 000 folgen.

Vermischtes.

A lEm asiatischer „Konsumverein",! der in seiner Art wohl einzig dastehen dürfte, ist auf der Station Buchatu der Ostchinesischen Bahn auf die Anregung des Stationschefs von den Beamten und Agenten der Eisenbahn gegründet worden. Von den verschiedenen Methoden, die zur Erz­laugung von Waren angewandt werden, erfreut sich folgende besonders ausnehmender Beliebtheit: Kommt ein Güterzug an, so kommandiert der Stationschef: „Fünf Kisten mit Eiern sind für den Konsumverein abzuladen!" Der Befehl wird erfüllt, und die Eier werden unter die Mitglieder des Ver­eins verteilt. Fehlt es an Fischen, so erteilt der Stations­chef den Befehl, von dem nächsten Zuge sieben Kisten mit Fischen abzuladen, und dem Mangel ist abgeholfen. In besonders dringenden Fällen scheut sich der Verein auch nicht, ganze Waggons für seine Bedürfnisse loskuppeln zu lassen. So wurde z. B. am 30. Juli auf Befehl des Gehilfen des Stationschefs ein von Charbin nach Hailar bestimmter Waggon mit Zucker zurückbehalten und der Zucker gleich an Ort und Stelle an einen Kaufmann verkauft. Diese Art, über fremdes Eigentum zu verfügen, war zu eigenartig, um nicht die Aufmerksamkeit der Obrigkeit zu erregen. Sie griff ein, beschlagnahmte den verkauften Surfer und traf Anordnungen, um ähnliche Operationen für die Zukunft unmöglich zu machen.

A lDcr Vormund des Königs Milan f 1 In Wien ver­starb im Alter von 77 Jahren der ehemalige serbische Justiz­minister und Vormund des verstorbenen Königs Milan, Georg Zenitsch. Georg Zenitsch war unter der Regentschaft, die sich nach der Ermordung des Fürsten Michael konsti­tuiert hatte, Justizminister und zugleich der Vormund des damals erst sechzehn Jahre alten Königs Milan. Zwei Jahre (ana bekleidete er das unter den damaliaen Verbalt-

ntneu besonders smwierige Amt eines Vormundes des Königs bis zu dessen Großjährigkeitserklärung, die nach dem vollendeten 18. Lebensjahre erfolgte. Sowohl mit Milan als auch mit König Alexander verknüpften ihn Bande inniger Freundschaft und beide legten großen Wert auf die Ratschläge Zenitsch', der zu ihren Vertrauten zählte. Ze­nitsch laborierte seit Jahren an einem nervösen Leiden, in dessen Gefolge sich schwere Herzaffektionen einstellten. Am Tage nach der Schreckensnacht von Belgrad, am 11. Juni, erhielt Zenitsch, der damals in Wien weilte, die Nachricht von dein schrecklichen Ende König Alexanders. Als er die Kunde mit all den greulichen Details vernahm, sank er ohnmächtig zusammen. Herzkrämpfe befielen ihn und -die Aerzte befürchteten das Aeußerste. Als der alte Mann endlich zu sich gekommen war, verfiel er in einen Wein­krampf. Er konnte das Geschehene nicht fassen. Seither hat sich Zenitsch nicht erholt. Es stellten sich in der Folge Herzkrämpfe mit wechselnder Stärke ein, denen der Greis jetzt erlag.

Dao Neueste aus den (Hitzblattern*

Maliziös. Maler: „Denke dir nur, in vergangener Nacht hat man mir mein neues Kolossalgemälde aus dem Rahmen geschnitten und gestohlen." Freund: „Sei froh, daß sie nicht den Rahmen mitgenommen haben."

Kritik. „Ich produziere sehr leicht, Gnädigste . . . einen Roman schreibe ich in durchschnittlich sechs Wochen." — „So schnell? .... Tun Ihnen da nicht die Finger weh?"

Reflexion. Spaziergänger: „Diese Benzin-Autler sind komische Leute! Hüllen den ganzen Körper dicht ein und gerade die Nase lassen sie frei." (Megg. H. Bl.)

Der Pantoffelheld. „. . . Also heute Nacht um 11 Uhr fommt Ihre Frau aus der Sommerfrische zurück?! Da holen Sie sie wohl an der Bahn ab?" — „O nein — ich muß ja schon um 10 Uhr zu Hause sein!"

Die Macht der Gewohnheft. Das Maschinenschreiben ist

dir wohl recht schwer gefallen?

Freilich. Anfangs

wollt' ich die Maschine immer hinters Ohr stecken!"

Abgeblitzt. „. . . Sie sollten sich wirklich endlich einmal entschließen, Fräulein Klara, zu heiraten!" — „Nach Ihnen, Herr Doktor!"

Zu schnell. „Nun, Herr Aktuar, wie geht's im Ehe­stände? Was macht Ihre Frau?" — „Schnell alt wird s' halt. Vor der Verlobung war sie 23, nach der Verlobung 26, und nach der Hochzeit schon 29 Jahr' alt!"

Kleine Verwechslung. Frau Sekretär: „. . . Kennen Sie Hoffmanns Erzählungen?" — Frau Diätar: „Nein —< nur Hoffmanns-Tropfen!" (Fl. Bl.)

Ausgleich, „Nehmen Sie doch ein Loos!" — „Die Ge­winnchancen sind hier gar zu gering." — „Um so größer ist dann auch das Glück, wenn Sie gewinnen!"

Vcrschnappt. Passagier (in der Bahnwirtschaft): „Hält der Zug so lange, daß man ein Mittagsessen einnehmen kann?" — Kellner: „O ja, da können's sich sogar nachher noch in's Beschwerdebuch eintragen."

Ucbertrumpft. A.: „Der kleine Schulze hat doch ein kolossales Glück, in jeder Lotterie gewinnt er." — B.: „Das ist noch gar nichts, mein Freund Müller hat ein solches Glück, daß er in keiner Unfallversicherung sein kann, weil er sich dann jede Woche einen Arm oder Bein bricht."

Deplacierte Mahnung. „Warum heiratest du nicht?"

—' „Ich hab' solche Furcht vor dem Storche!

Ach, sei

lein Frosch!"

Notschrei. „Lieber Onkel, wenn ich nicht bis morgen tausend Mark zahle, muss ich mich mit der vierzig Jahre alten Tochter eines hiesigen Geldverleihers verloben. Bitte, bitte, hilf mir noch einmal. Die Photographie der betreffen­den Dame lege ich bei!" .(Lust, Bl.)

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