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Nr. 8.Zweites Blatt.Samstag, den 10. Januar 1903.

12. Jahrgang.

Lbo*«eme«tSpr,1s: in Gießen, abgehslt monatlich 50 Pfg-, in's HauS gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel- jährlich Mk. 1.50.

Gratisbeilage« : Oberhesfisck: Familieuzeitunq (täglich) Oberhesfische Zeitschrift für Lavdwtrtfchaft, Obst- ««d Garte«bau, sowie die Gießener Leifesblase« (wöchentlich).

DaS Blatt nick eint an alle« Werktagen nachmittags.

JAfertionSprei S» Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberbefsen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst in Pfg. ; Reklame« die Petitzeile 50 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3269.

Redaktton und Expeditton : Gießen Neuenweg 28.

Fer«sprecha«schlvst Nr. 36S.

(Gießener Pagevtatt)

Unabhängige Tageszeitung

(Gießener Weitung)

für Obertzessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen imb Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Vermischtes.

[Sie älteste Zeitung.s Wann ist die erste europäische Zeitung erschienen? Diese Frage wird in einem Elsasser Blatt folgendermaßen beantwortet: Im Jahre 1609. In Straßburg soll dieser Vorfahr der modernen Zeitungen das Licht der Welt erblickt haben, und das vierzehn Jahre vor der ersten Pariser Zeitung. Das Blatt hatte übri­gens einen Titel, der gerade nicht lakonisch genannt werden konnte und nicht leicht zu behalten mar ; er lautete: , .Bericht über die hauptsächlichen und denkwür­digen Ereignisse, die sich zugetragen haben und noch zutragen werden in diesem Jahre 1609 in Ober- und Niederdeutschland, und auch in Frankreich, Italien, Eng­land, sowie Schottland, Ungarn, der Moldau, der Tür­kei usw. Das ganze auch treu gedruckt, wie ich es erhalten habe und wie ich es redigieren konnte." Für jene Zeit war das, wie man zugeben muß, ein sehr umfangreiche Programm. Wir wissen leider nicht, was aus dieser alten Zeitung geworden ist. Hat sie lange Jahre glücklich gelebt oder ist schon nach einem Ein­tagsdasein friedlich entschlummert?

)( ^Nationale Verkäuferinnen. > Die Pariser Zucker­bäcker engagieren jedes Jahr für die wichtige Verkaufs­zeit vom 15. November bis zu den ersten Tagen des Mo­nats Januar Aushilfsverkäuferinnen. An einem der letz­ten Tage verbrachten nun zwei offizielle Sendlinge einen Teil des Nachmittags in den vornehmsten Zuckerbäcker- läden der Stadt nnb suchten sich unter den Aushilfs­verkäuferinnen die Hübschesten aus, um sie feierlich zu nationalen Verkäuferinnen zu ernennen. Der Staat wird nämlich noch vor Ostern ein Verkaussmagazin der Er- zeugnissc von Sèvres, der Münze und der Kupferstecher- Ateliers der Louvre eröffnen und braucht zu diesem Zwecke tüchtige Verkäuferinnen.

^Schlittschuhe für den Nobelpreis! Ein Teil des Nobelpreises ist zum Ankauf von Schlittschuhen verwendet ivorden. Eine Genfer Zeitung berichtet, daß unlängst $crr Go bat, Tireftor des öffentlichen Unterrichts im Kan­ton Bern und glücklicher Besitzer des Friedenspreises her Nvbelßiftnng, aus der Stadt E... einen Brief erhielt, der folgendermaßen lautete:Herrn Gobat, Schulinspek- tor (!) in Bern. Ich möchte gern Schlittschuhe haben. Mein Vater ist ein Holzhauer. Er hatte mir Schlittschuhe versprochen, aber der Weihnachtsmann hat ihm nicht Geld genug geschickt, und er konnte mir keine Schlittschuhe kaufen. Ich habe in einer Zeitung gelesen, daß Sie einen Preis von 100 000 Francs gewonnen haben. Da dachte ich mir, daß Sie mir vielleicht Schlittschuhe kaufen könnten, damit ich auf dem Eise, wenn welches ist, Schlittschuh laufen kann; in der Schule ist man sehr zufrieden mit mir. Ihr dankbarer Schüler X. X." Herr Gobat opferte sofort einen Teil des Nobelpreises und kaufte die Schlitt­schuhe, die bereits in E... eingetroffen sind. So hat der Friedenspreis der Nobelstiftung wenigstens etwas Gu­tes gestiftet!

$ sUngliick in der Liebe und im Spiel zugleich^ hatte in Warschau ein junger Mann, der mit seiner Braut, deren Mutter und einer Tante in der Warschauer Klassen- lokterie spielte. Da der Bräutigam unbemittelt war, so konnte er das letztemal seinen Anteil von 3 Rubeln nicht bezahlen, den dann für ihn die Mutter seiner Braut er­legte. Auf dieses Los fiel nun aber ein Gewinn von 10 000 Rubeln, und so beschlossen die zukünftige Schwieger­mutter und die Tante, dem Bräutigam, da er doch nichts für dieses Los gezahlt habe, auch keinen Teil ant Ge­winn zu gewähren. Außerdem kamen die beiden älteren Damen dahin überein, da das junge Mädchen nun eine ganz andere Partie machen könne, noch obendrein die Verlobung aufzuheben. Der in allen seinen Hoffnungen getäuschte Bräutigam hat jetzt seine künftige Schwieger­mutter und die Tante verklagt; als einzige Zeugin wird die ehemalige Braut vor Gericht erscheinen.

£ fEin ärztliches Rezept gegen die Faulheit^ Unlängst wurde gemeldet, daß die Amerikaner die Mikrob.m der Faulheit entdeckt haben. Jetzt empfiehlt ein Newyorker Arzt, der leider seinen Bauten nicht nennt, den Faulen folgende Kur: Zwei Gramm Thymol um 8 Uhr morgens; um 10 Uhr morgens Wiederholung der Dosis; gegen Mittag eine Dosis Castoröl, Milch- und Suppendiät. Die Behandlung scheint homöopathisch zu sein. Man vernich­tet die Faulheit, indem man den Faulen noch fauler macht unb Wasen läßt. Thymol ist eines der gefähr­lichsten Betäubungsmittel und wird nur in ganz unbe­deutenden Dosen verordnet. Vier Gramm Thymol im Laufe eines Vormittags dürften nicht nur die Mikroben der Faulheit, sondern zugleich auch den Faulen selbst töten, was allerdings eine Radikalkur gegen die Faul­heit wäre.

Die große Schiffsbrücke in Köln wurde infolge des durch den hohen Wasserstand des Rheins entstan­denen starken Stroms auseinandergerissen. Mehrere Joche trieben abwärts, wurden aber bald wieder vor Anker gelegt. Die Schiffahrt ist vorläufig eingestellt.

D Französische Deserteure. Zwei seltene Gefangene yar vas Potsdamer Untersuchungsgefängnis bekommen. In Wannsee sind durch die Polizei zwei Männer beim Betteln abgesagt worden, die man bei näherem Zusehen als französische Fahnenflüchtige erkannte. Sie wurden dann nach Potsdam geschafft. Die beiden Krieger haben im Vorigen Sommer die Gefilde des schönen Frankreichs verlassen und sich feitbem bis nahe an die Hauptstadt des Deutschen Reichesdurchgefochten".

Die Voruntersuchung gegen die Humberts zeitigt bei den Angeklagten die wunderbarsten Märchenblütm inbezug aus die legendären 100 Millionen und deren Erblasser, die beiden Gebrüder Crawford. Nur darin gehen die Aussagen auseinander, daß einer behauptet, die Crawford von Angesicht zu Angesicht gesehen zu ha­ben, der andere sich nur der Bekanntschaft der Craw- fordschen Vertreter rühmt, die den nicht ganz unge­wöhnlichen NamenMüller" führen sollen. Thereses G.'- mahl Frederic Humbert wurde durch seine letzte Ver- nehmnng so angegriffen, daß er am Schluß ohnmäch­tig wurde und ins Hospital geschafft werden mußte.

Bunte Chronik. In Sachen der Berliner Denkmals­schändungen hat man jetzt eine neue Spur entdeckt, de­ren Verfolgung vielleicht zur Entdeckung führt. Ein ein­wandfreier Zeuge will einen Mann Sonntag früh um 4 Uhr am Lustgarten von den Denkmälern haben weg­flüchten sehen. Nach der Beschreibung glaubt die Poli­zei den Täter auffinden zu können.

) [Ser Mond als Annoncenblatts Die Amerikaner haben beschlossen, sich auch den Mond dienstbar zu machen. Da sie nicht sentimental veranlagt sind, halten sie die bisherige Tätigkeit derbleichen Luna" für nicht ausreichend, um den Anforderungen der Neuzeit zu ent­sprechen; es genügt ihnen nicht, daß der von den Dich­tern so viel besunaene Mond die Nächte der Liebenden erhelle. Sie iwut.. ^m dah^ eine nützlichere, prak­tischere Verwendung geben, natürlich zu Reklamezw?ckeu. In Kalifornien '.st jüngst eine Gesellschaft gegründet worden, die die Mondoberfläche mit riesigen Annoncen bedecken will. Um dieses hohe Ziel zu erreichen, will man die X-Strahlen und die drahtlose Telegraphie in sinnbarer Weise zu kombinieren. Man hat bereits be­rechnet, daß der Mond in jeder Nacht 180000 Mark brin­gen würde. Das Nachtgestirn könnte im ganzen oder geteilt verpachtet werden.' Die Frage ist nur, ob bi? Mondbewohner, vor allem der berühmte Mann im Monde, sich mit diesem Projekt einverstanden erklären werden.

Prinzessin friedenstraum.

Ein politisches Märchen.

Ein eigenartiges Präludium zu dem Besuche des deut­schen .Kronprinzen in Petersburg spielt diePeters­burgskija Wjedomosti". Tas pans acische Blatt erzählt ein Märchen von einer PrinzessinFriedenstraum", das sub rosa, aber doch unzweideutig, einen geheimen Angriff auf die deutsche Politik enthält. Tas Märchen beginnt mit der Geburt der Prinzessin. Eine gütige Fee stand an der Wiege der Neugeborenen. Aber keine Feengabe bot sie dem Kinde, nur den Namen gab sie ihm als einziges Geschenk. Lassen wir das Blatt selbst sein Märchen er­zählen :

Geheimnisvoll lächelte die Fee und sprach:Ich gebe der kleinen Prinzessin den NamenFriedenstraum" . . . Dann verschwand die Fee. Man suchte sie in den Zim­mern und im Garten, aber sie hatte wahrscheinlich beschlos­sen, auf lange unsichtbar zu iverben, denn man hat sie seit­dem nicht mehr gesehen. Tie Astrologen stellten der Prin­zessin das Horoskop, und es ergab sich, daß sie ent­weder bis ans Ende der Welt nur Gutes tun oder aber traurig dahinsiechen und sterben werde, wenn man ihr nicht die Möglichkeit gebe, sich segensreich zu betätigen. Natürlich wünschte man ihr das Leben zu erhalten und lud daher alle Prinzen und Ritter ein, damit sie die schöne Prinzessin sähen und zu dem Entschlusse gelangten, ihre alle ihre Streitigkeiten zur Entscheidung zu unter­breiten, um ihr so Leben und Gesundheit zu sichern.

Als sie an dem festgesetzten Tage eintrafen, sand das Volk, daß noch niemals eine so große und schöne Ver- fammlung ruhmreicher Ritter und vornehmer Minzen zu­sammengekommen sei. Alle hatten ihre Freude an der Schönheit und dem Verstände der PrinzessinFriedens- traum" und faßten den Beschluß, ihrer Entscheidung a le ihre Streitigkeiten anheimzugeben und so zu handeln, wie sie es sage. Während dies vor sich ging, wurde die Prin­zessin immer blühender und schöner, und ganz sicher hätte alles glücklich geendet, wenn sich nicht der starke und grobe Ritter vom Roten Adler mit einer unangenehmen Rede eingemischt hätte. Er war neidisch, weil seine Kinder nicht so schön waren, wie die zarte und poetische Prin­zessin und außerdem war er an Kamps und Eigenmächlig- keit so gewöhnt, daß ihm die bevorstehende Eintracht lang­weilig und unvorteilhaft erschien.Alles das ist gut für

Weib. l und Kinder!" schrie er mit einer Stimme, welche die Wände erzittern und die erschreckte Prinzessin erbleichen ließ:Wer ein scharfes Schwert hat, wie ich. wer alles mit seiner gepanzerten Faust zermalmen lann, der braucht nicht Hilfe und Rat zu suchen." Die anderen Ritter machten Einwendungen, aber keine sehr hefigen, denn er war sehr stark, sehr schrecklich und sehr böse!

Die Versammlung ging auseinander. In dieser Zeit machten böse Seeräuber eine Fahrt ins warme Meer, um friedliche Ackerbürger auszuplündern. Obgleich sie die Prinzessin daran erinnern ließ, daß sie ve^sv ochen hätten, auf ihre Ratschläge zu hören, so taten die Piraten doch so, als ob sie nichts wüßten. Dazu stachelte sie der slirchl- bare Ritter vom Roten Adler auf, der die Prinzessin immer noch haßte. Seitdem gerieten die Menschen in verschiedenen Gegenden in Streit und töteten einander. Aber die Okbulb des Volkes ging auf die Neige, als der furchtbare Ritter mit seinem Freunde, dein Seeräuber, überein laut, eine arme und schutzlose Witwe zu berauben. Von allen Seiten ertönte der Rus: ,,Genug, genug, mir dulden das nicht - geht vor das Gericht der Prinzessin, sie wird alle verlohnen und unnützes Blutvergießen nicht zulassen." Mit zitterndem .Herzen sehen der König, die Königin und das ganze Volt, wie die kleine Prinzcsnu aufstand, eine zarte Röte aus ihren bleichen Wangen er^ schien, die begeisterten Augen von neuem Leben blitzteri: vor ihr stehen und warten auf ihr Urteil der starke Ritter und die arme Witrve. Möge die Friedensprinzessin leben!"

Der Leser wird schon gemertt haben, was diePeters- burgskija Wjedomosti" mit diesem albernen Märchen mei­nen: die PrinzessinFriedenstraum" stellt daö Haager Schiedsgericht vor, der starke, grobe und streitsüchtige Ritter vom Roten Adler mit der gepanzerten Faust, wer anders soll es sein, als Deutschland, oder - genauer ge­sagt unser Kaiser? Die Piraten, die da die Meere unsicher machen, sind natürlich die Engländer, die erst über die friedlichen Ackerbürger, die Buren, auf An- stiften des Ritters Deutschland!! herfallen und dann nachher mit dem Ritter sich an die Ausplünderung einer armen Witwe" machen. Diearme Witwe" ist das schnurrigste Bergleichsobjekt: Regierungen von der Per­fidie derjenigen Castros eine arme Witwe zu nennen und die Bestrafung Venezuelas mit der Beraubung eines wehr­und schutzlosen Weibes zu vergleichen, das (vtommt nur ein vom Panstavismus und Deutschenhaß völlig be­herrschtes Russengemüt fertig. Für uns ist diese Stil­übung des Petersburger Blattes in erst r Linie amüsant, wir haben Humor genug, um über diese kindischen Angriffe zu lachen. Nichtsdestoweniger darf man nicht außer Acht lassen, daß ein großer Teil der russischen G.s Hfdjaft von solchen Empfindungen, wie sie aus dem Störchen der Wjedomosti" sprechen, beherrscht wird.

Lokales.

Gedenktafel für den 10. Januar.

1778. Der Botaniker C. v. Linnè in Upsala t- 1840. Einführung des Pennyportos in England.1890. Ter Theolog Dr. v. Döllinger in München H.

** Der Anspruch der Ehefrau auf WirtschaftsgelL und Mittel zur Kleiderbeschaffung wird in einem Urteil des Oberlandesgerichts Stettin festgelegt. Danach steht der Ehesran ein Anspruch auf Zahlung eines Wirtschafts­und Kleidergeldbetrages auch beim Zusammenleben der Ehegatten im Rahmen der ihr gesetzlich zustehenden Berechtigung und Verpflichtung ^ur Leitung des gemein­samen .Hauswesens zu. Bei dieser Geschäftsführung im Bereiche ihrer Schlüsselgewalt handelt die Frau als Be­auftragte ihres Mannes und kann wie ein Beauftragter einen Vorschuß für die von ihr vorzunehmenden Ge­schäfte verlangen. Die Beschaffung der Lebensmittel für die zum Hausstände gehörenden Personen und der Kleider für sich selbst und die gemeinschaftlichen Kinder sind Geschäfte, die regelmäßig in den Wirkungskreis der Frau fallen. Mese Ansprüche kann sie auch im Wege der einst­weiligen Verfügung verfolgen. Zuständig ist nicht das Vormundschaftsgericht, sondern das orbentlicl^.

** Ist die Nähmaschine ein unentbehrliches Hausgeräts Das sächsische Oberlandesgericht hat hinsichtlich der Pfändbarkeit der Nähmaschine dahin entschieden, daß eine in der gemeinschaftlichen Wohnung der Eheleute be­findliche Nähmaschine nicht als ein ausschließlich zum persönlichen Gebrauche der Frau bestimmtes Arbeits­gerät anzusehen sei und deshalb auch nicht als Allein­eigentum derselben gelten könne. Nach den heutigen An­schauungen und Lebensbedürfnissen bilde die Nähma­schine vielmehr einen Teil des Hausgerätes, dessen sich die Frau nicht für ihre eigene Person, sondern in ihrer Eigenschaft als Hausfrau und Mitglied der Familie be­diene. Als unentbehrliches Hausgerät sei die Nähmaschine nur zu erachten, wenn der S^uldner eine starke Fa­milie habe; in diesem Falle diene sie zur Erhaltung I eines angemessenen Haussbandes.