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St 289.

Mittwoch, den 9. Dezember 1903.

12. Jahrgang.

IL ,««eme»t^reiO: tx«irß«n, aLeehstt m-nstlich S0Vf«^ tt SkuH aâri^t S0 Pfg., durch die Post bezog»« viertel, jährlich Mt- 1.50.

Gießener

L«^rria«»Prai», Die -iN^aM-e Petu-ttle Mr «heim wu tanz Oderhefsen, die Kreise Wetzlar und Mardur, 10 Pis- ssttst 16 Pf-.; ÄtfUmee die MtitMe SS resp. 40 W«.

Postzeitun-slifte Ro. 3W.

IkM-keilage«: OberheMche Famitte«zett»«g (täglich) kL-ehèsfifche Zeitichri/t für Landwirtschaft, Kit- ««d iitttt*6e*, ftMr die Siti«« Leise«blase« (wöchentlich).

r aS Blatt «schewt * Mia« Bediagte v«ch»ir»gS.

Redattisn und Expedition: Gießen Nene«weg 81. &mrfNre*ii*f*htW He» •••-

für Oberhesim und die Kreise Marburg und Wetzlar; LokalSRizMer für Gieße« und Umgehmg. r«chSÜ eSe ««tlichm Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden mm Dtafö*-

bin „kleiner" Hbrü stungs vo r sch* ar.

icr bekannte Vertreter Frankreichs auf der Friedens . ; loilferenz im Haag, der Deputierte d'EstaurneÜes de (£oii hont macht jetzt, angesichts der jüngsten englisch-französischen , Berl ciideruiig und des Zustan^omtnens eines Schieds- ' geripltsvertrages zwischen beiden Ländern, seinen Lands Wtml und den neuen englischen Freunden den Vorschlag, Whke Flottenrüstungen einzuschränken. Er schreibt u. a.: „Jrc nkreich und England sind ihrer übermäßigen Auf- , WM L ungen für die Flotte niüde; England vielleicht mehr als Ml kreich, denn England leidet viel mehr als wir unter . per Konkurrenz jenseits des Meeres, und die Kosten des Tronsvaalkrieges lasten noch schwer auf seinen Schultern." Gar so müde scheint England, das eben noch erst ein paor auf englischen Waffen für Chile gebaute Kriegsschisse getauft hat, der Ausgaben für seine Seewehr nicht zu sein. Herr d'Estournelles muß denn auch selbst fefÜteüeii; daß Eng tont) im Jahre 1903 über 900 Millionen Franken für seine 4 Molke ausgegeben hat, Frankreich dagegen nur 350, während dor sinnt Jahren England bloß 600 Millionen Franken für feine Flotte ausgab, gegenüber 300 Millionen, die Frank räch für seine Flotte bestimmt hatte. Und trotz der Ver Milderung mit Italien und Frankreich werben die Briten kaun geneigt sein, am Ausbau ihrer Flotte in beut bis Archen Maße weiter zu arbeiten, so lange sie noch irgend- moodi-e Besatzung für neue Schisse austreiben können. Schon um Amerikas willen, das seine Kriegsflotte sozusagen im DKoPptempo vergrößert, können die Briten ihre Seerüstung iiill)!. verkleinern, selbst wenn sie es sonst wollten.

Dafür gedenken die Briten an einem anderen Punkte ihm. militärischen Rüstung zu sparen. Tas Londonec Wbiinett beabsichtigt, die Ausgaben für Heereszwecke sinn Mbzüsetzen. Namentlich die Kosten für Feldmanöver und Scheibenschießen sollen verringert werden. Die Kosten füi )if militärische Ausbildung waren von militärischer Sein Ar das Jahr 190 l 05 ans ein Minimum von -100 000 Lstrl - 180 Millionen. Mark - berechnet worden. Das Krieg W isteriuni soll jedoch der Ansicht sein, daß >20 000 Lstrl.. Äso« noch nicht ein Drittel der von den Militärs für not obig erachteten Summe genügen. Für die Ausbildung ^es irischen Militärs, einschließlich der Miliz, verlangten iiilUtärischen Sachverständigen 80 000^ Lstrl., während dne âiiegsmittiskeÄum die Klimme auf 2a 000 Lstrl. herunter U'irkte. Für das 1. Korps, dessen Hauptquartier London ist, ! M dem neben Regulären auch Milizen und ^olunteerâ in stößer Anzahl zugewiesen würben, will das Ministerium licht mehr als 15 000 Lstrl. bewilligen statt der verlaugteu 10 io00. Ob diese Sparsamkeit nicht am falschen Orte geübt Urb, das ist freilich eine Frage, die mindestens streitig ist. Moosen viel schlechter als heute kann das britische Heer nüV uieli-r werden.

Glieder ein Umschwung in OFtasien!

Eine ganz unerwartete Meldung bringt das Reutersche Ihtireau aus Peking: China Will seinen Frieden mit Rußland machen! Was der Grund dieser plötzlichen Sinnesänderung der Cihnesen ist, scheint noch «nicht recht klar; indes wird man wohl fauni fehlgehen, wenn man annimmt, daß das neueste Vorgehen der Eng- lövlder in Tibet nicht ohne Einfluß auf diesen Entschluß Per Pekinger Regierung geblieben ist. Offenbar fürchten die Chinesen, daß die Engländer sich in Tibet ähnlich fest feuert wie die Russen in der Mandschurei, falls Rußland nicht durch Befreiung von seinen mandschurischen Sorgen in die Lage versetzt wird, seine Kraft auf die Lahmlegung des sbrütischen Vorgehens in Tibet zu verwenden. Nachstehend die Meldung des Reuterschen Bureaus:

Hervorragende 'Beamte der Pekinger Regierung er- lläireu, China sei dabei, ein Abkommen mit Rußland über " bitt Regierung der Mandschurei abzuschließen. Man er^ wwrtet, 'das Abkommen werbe die Bewilligung der meisten den Zusatz-Bedingungen enthalten, die Rußland früher für ’ HÜ Räumung der Mandschurei gestellt hatte, und nominell dia Souveränität Chinas anerkennen, während es Rußland ebne beratende Stimme bei der Regierung gibt., Bei den wir kürzern abgehaltenen Besprechungen im Palaste wurden dr:ü Entwürfe beraten. Der erste wandte sich gegen Ruß- fand, der zweite wollte den Beistand der befreundeten Mionen erbitten, der dritte ging auf eine Einigung mit Rußland unter den besten Bedingungen, die zu erhalten Men. Ter erste Entwurf würbe abgelehnt, da er einem Z-llbstmord gleichgekommen wäre, der zweite scheiterte imran, daß China außer staube war, irgend welche praktischen Schritte vorzuschlagen, und daß Amerika und Japan, an die Mna sich wandte, keinen ausführbaren Rat geben konnten. Traber wurde der dritte Plan der Verständigung mit Ruß- ioib angenommen.

Auch Rußland dürfte durch die Aussicht, daß England in tobet festen Fuß fassen und ihm dann die Vorherrschaft in Masten mit Erfolg streitig machen könnte, bewogen wor­

den sein, auf diesen Vergleich einzugehen, der ihm sonst vielleicht nicht willkommen gewesen wäre. An weiteren Nachrichten aus Ostasien sind die folgenden zu erwähnen: Tie gegen Chnnchusenbanden am Liauflusse entsandte russische Expedition brachte den Chunchusen eine Niederlage bei. Diese hatten nach chinesischen Angaben gegen 200 Tote und ebensoviel Verwundete. Dieser große Verlust erklärt sich aus der unter ihnen ausgebrochenen Panik. Die Er pebition verfolgte die Chunchusen zunächst eine lange Strecke westlich vom Liauflusse hin. Als sich der Rest der Chun chusen dann nochmals nach dem Liauflusse wandte, wurde die Verfolgung wieder ausgenommen.

Inzwischen ist die Kriegspartei in Japan keines wegs müßig. Sie plant einen Feldzug gegen das Kabinett im Parlament, weil die Verhandlungen mit Rußland nicht energisch genug betrieben würden. Daran ist nun freilick' nicht sowohl die japanische Regierung als Rußland schuld, das seinen Gesandten in Yokohama auf seine Instruktionen regelmäßig ziemlich lange warten läßt. Gar zu schlimm wird diese Parlamentskanipagne nun freilich nicht werden, da die Verständigung zwischen China und Rußland die Aussicht ünes Krieges für Jcrpan stark beeinträchtigt.

Die Politik.

^ Ein klassisches Beispiel polnischer Anmaßlichkerk Elcür eine Zuschrift, die das Berliner Polenblatt, der Dziennik Berlinski, aus Gorzno in Westprenßen erhält. Sie lautet: „Ich teile Ihnen folgende traurige Botschaft mit: In unserem altehrwürdigen Kirchlein an der polnischen. Oke 1130, wo sich nur polnische Bevölkerung befindet, hat aus Anlaß der Beerdigung der Lehrersfrau aus Wengornia Pfarrer Fischöder zum erstenmal einen deutschen Gottesdienst abgehalten und von der Kanzel herab deutsch gepredigt. Das Herz muß darüber weinen, was heute alles geschieht." Diese maßlose Dreistigkeit der Polen, deutsche Gottesdienste auf deutschem Boden als empörende Vorkommnisse hinzu stellen, verdient schärfste Zurückweisung. Aber sann man sich darüber wundern, wenn die Polen glauben, der liebe Gott „spreche nur polnisch" und verstehe andere Sprack-en überhaupt nicht?

Frankreich»

4= In S t. Etienne sind zwei Unteroffiziere verhaftet worben, weil sie in der Kaserne vor versammelter Mamifchafl „Me Internationale", das s 0 z i a l i st i s ch e RevolutionS- lied, gesungen haben. Tie ganze Kompagnie erhielt Kasernen arrest.

Balkan-Staatén*

0 Die von offiziöser Seite so kategorisch dementierte Mi nifterfrife in Belgrad ist nun doch zur Tatfaè geworden Ter FinanM'u'.ister Radowanolvitsch ist zurückgetreten. Man ist in Belgrad überzeugt, daß auch der Rücktritt des .Kriegs ministen? und des Handelsnünisters bevor steht. - In der Sknp f ch t i !' a kam es bei einer Wahlprüfung zu einer solennen Prügelei zwischen zwei Abgeordneten. Auf beiden Seiten regnete es Ohrfeigen und Faustschläge, nur mit Mühe konnten beide Raufbolde getrennt werden.

Türkei*

□ Für die Annahme der österreichisch-ungarischen Reform note hat der Zar dem Sultan ein Tanktclegramm gesandt Ter Sultan wird cs wohl mit recht gemischten Gefühlen ent gegengenommen haben. - Von einem türkisch-amerikanischep Zwischenfall wird aus Alerandrette berichtet: Dort wurde ein Armenier verhaftet, der amerikanischer Bürger ist. Als der amerikanische .Konsul dagegen Einspruch erhob, wurde er he droht und mußte nach Beirut fliehen. Die mnerifaniülk Botschaft in Konstantinopel verlangt jetzt die Bestrafung des Walis von Alerandrette und entsandte ein Kriegsschiff von Beirut dorthin.

Afrika.

+ Auch den Engländern haben die Somalis, die vor einigen Tagen einen blutigen Zusammenstoß mit einem ita [ionischen Kommando hatten, eine Schlavpe beigebrach!. Sius Aden wird gemeldet: Das britische Kriegsschiff „Mohawk" war nach Turbo (Soinaliland) gefahren, um eine Unter­suchung über den Tod des italienischen Leutnants Grabau anzustellen. Der Kommandant des Schiffes, Grant, und GO Mann gingen an Land. Der Sultan setzte ihnen be­waffneten Widerstand entgegen. Grant wurde am Ober­schenkel verwundet und ein Marincsoldat getötet. Die Eng­länder kehrten dann wieder an Bord der „Mohawk" zurück und sind in Aden angenommen.

Hus den Parlamenten.

* Graf Bal! efrrem hat einstweilen keine Amtswoh Hing. Die alte Amtswohnung am Pariser Platz mußte ge räumt werden, die neue im Hause für den Reichstagsprall denken ist noch nicht beziehbar. So hat man denn den Reichs lagspräsidenten einstweilen im Hotel Monopol eingemietet.

* Unter der Führung des Abg. Liebermann V 0 1 Sonnenberg wollen sich eine Anzahl Reichstags Abgeordneter zu einer „Wirtschaftlichen Vereinigung" ,m

ammenschließcn. Beteiligt an diesem Plane sind die Anti- semiten, die vier Mitglieder des Bundes der Landwirte, Stansfer, Dr. Wolff, Vogt Hall und Vogt Crailsheim, die beiden bayerischen Bauernbündler Bachmeier und Hilpert und die beiden Christlichsozialcn Stöcker und Burckhardt. Indessen soll es sich nicht um einen politischen Zusammen schlnß handeln, sondern es soll sich lediglich um eine formale Vereinigung zu dem Zwecke handeln, den beteiligten Partei­gruppen, die sänuiich keine selbständige Fraktion bilden können, zu ermöglichen, sich gewisse parlamentarische Rechte M sichern, ein Wunsch, der nur auf dem Wege einer solchen Grupp.'nbilduNg verwirklicht werden kann.

* Nach privaten Mitteilungen beabsichtigt die Zentrums fraktion des preußischen A b g e 0 r d n e t e 11 h a 11 f e s den Reichskanzler au szu fordern, als Ministerpräsident die Stim­men Preußens für die Aufhebung des Jesuitengesetzes ein- zusetzen. Die Regierung soll sich bemühen, die Centrums fraktion von dieser Absicht wenigstens für das kommende Jahr abjubringen.

• Der Abg. Dr. Arendt hat mit Unterstützung der Reichs i an ei einen Antrag auf Einführung einer nach dem Ein- fern men abzusrnfenden W ehr st e n e r eingebracht, deren Er ?icg ausschließlich für Invaliden und Veteranen und zur Verstärkung des Reichsinvalidenfonds verwendet werden soll

’ Die zweite h e s s i s ch e K a m m e r ist gestern zu einen rurgen Tagung znsannn engetreten. Der Präsident verlas eint. Sätjchaft des Großherzogs, in welcher dieser den £00 bei 'Prinzessin Elisabeth mitteilt. Tie Karniner beschloß, die Bor «Last durch eine Adresse zu beantworten.

F)of und GeseUfcbaft.

Der Kaiser setzt feine Spaziergänge regelmäßig fort. Er empfing den Maler Prof. Röchling und hörte die Vorträge des Chefs des Militärkabinetts, des Chefs des Admiralstabes und des Chefs des Marinekavinetts. -^ Ueber den Gesundheitszustand des Kaisers erfährt die „Franks. Ztg." aus „unanfechtbarer" Quelle, daß volle Sicherheit be­liebt daß der Kaiser in zwei bis drei Wochen wieder im un gehinderten Besitz seiner Stimme sein wird. Es unterliegt nicht dem geringsten Zweifel, daß der Kaiser den Landtag persönlich eröffnen kann. Ebenso ist der gutartige Charakter der Erkrankung mit aller wissenschaftlichen Sicherheit fest gestellt. Die Quelle, aus der diese Nachricht stammt, ist aller Wahrscheinlichkeit nach (Pcbcimrat Schmidt, der die Ope ration des Kaisers voll führte.

Beer und flott*,

Tie Folgen der Bilseaffäre im Fort x Tranlbatcnllor beginnen sich bereits zu zeigen. Die eifte Stelle in der Reihe der angekündigten Entlassungen nimmt der in Bilses Roman „Aus einer kleinen Garnison" mit „Müller" be nannte Bataillonsadjutant Schmid ein. Ihm wurde ohne sein Zutun der schlichte Abschied erteilt. Mau spricht davon, daß auch bereits weitere Maßregelungen erfolgt seien, doch ist bisher nichts Bestimmtes bekannt. Was den inbireh 1 Urheber dieser Umwälzungen, den kriegsgerichtlich zu Monaten Gefängnis verurteilten ehemaligen Lcutnan: Bilse betrifft, so befindet sich dieser zur Zeit noch immer in; Lazaret des Metzer Militärgefängnisses. Wie verlautet, wird Bilse demnächst einen 14tägigen Urlaub an treten, um seine Privatverhältnisse zu regeln. Nach Ablauf des Urlaubs wird er den Rest seiner Strafe zu verbüßen haben. Sein gegenwärtiger Austmthalt im Metzer Gefängnis wird ihm natürlich auf die Strafe angerechnet.

Umbau zweier großer Kreuzer. Die in Reserve liegender, großen Kreuzer „Kaiser" unb „Deutschland", das ehemalige Flaggschiff des Prinzen Heinrich in China, sollen mit einen Kostenaufwand von je 700 000 Mark unigebaut und bei Klasse der Küstenpgnzer eingereiht werden.

Tic Refcrvcübnngen der Marine. Die Marinebehörde.' beschlossen, von jetzt ab auch die zur Disposition gestellten Kontreadmirale und Kapitäns 3. S. zu den Reserveiibungen cinzuzieben.

Analphabeten in Heer und Flotte. Im preußischen Kultus Ministerium hat man eine Zusammenstellung über die Schul bilbung der im Ersatzjahr 1902 in das Heer und die Flott- eingestellten Bcannschaften gemacht und zum Vergl?' z di- Zahlen des Jahres 1882 83 heramrwgcii. Unter den in der Monar chie insgesamt eingestellten 157 064 Mannschaften waren 15 0 993 mit Schulbildung, davon 57 nur in nicht deutscher Muttersprache. Ohne Schulbildung waren 71, das lind 0.04 Prozent gegen 2,04 Prozent vor 20 Jahren, Die 6519 bei des Marine eingestellten Mannschaften hatten samt lich Lchulvildung: vor 20 Jahren waren noch 3,32 Prozeil: ohne Schulbildung.

Hus dem Gericbtsfaal.

§ Der Dresdener Frauenarzt Dr. Planer, dessen L 0 pinne weaen Meineids beiamiHidi so großes Aufsehen erregte, ist