Nr 33.
Montag, den. ,9. Februar
12. Jahrgang. 1903.
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Gießener
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Postzeitungsliste No. 326*.
Redaktion und Expedition: Gietzen Neuenweg S8.
Ajernsprechanschlnß Nr, SSL.
Neueste Ya Lichten
(Gießener Ungevtett) HlnaSöängige Iageszeitnng (Gießener Weitung)
für Overheffm und die Kreise Marburg und Wetzlar; LoklUlittzeiaer für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Giegen und anderer Behörden von Ober^essei^
Die Grundlage des Staates.
Man schreibt uns: Reichskanzler Graf Büloiv Ipt in der Sitzung des Landwirtschaftsrates vom letzten Donnerstag die Landwirtschaft als die Grntidlage des Staates bezeichnet. Mit diesem Ausspruch, richtig g deutet, kann man vollständig einverstanden sein, aucf) in im man einem anderen Berufe angehört; nur muß man sich vor der falschen Auffassung hüten, als solle damit die Landwirtschaft als Grundlage unserer Nationalwirtschaft überhaupt erklärt werden. Das ist naturgemäß nicht der Fall. Alle Stände sind notwendig, sonst wären sie nicht da. Tenn was sich nicht als ein unentbehrliches Element des Volkswirtschaftlichen Daseins entwickelt hat, kann sich auch nicht behaupten. Es wird also niemand sagen können, daß unter den heutigen volkswirtschaftlichen Verhältnissen ein n iner Agrarstaat denkbar wäre. Schis'- sahrtslinien und Eisenbahnen erstrecken sich überall hin nnd Verbinden die entferntesten Gegendm, ermöglichen auch einen Austausch der Güter unb der Erzeugnisse. Wer sich völlig absondern wollte, wurde bald, weil mit Dem erlöschenden Verkehr auch die geistigen Impulse oerschwinden würden, dem Verfall der Kultur entgegen- gehen. Ein geistreicher Nationalökonom äußerte einmal, die Landwirtschaft liefert uns die Soldaten, die Indu strie liefert uns die Mittel, sie zu erhalten, lind in ähnlichem Sinne sagte der Staatssekretär Gras Posa- dowskh im Vorjahre in der Zolltarifkonimission: wir wünschen weder einen reinen Industrie-, noch «nn^n reinen Agrarstaat. Aber gerade darin wird vielfach hüben und drüben gefehlt, daß ein jeder Stand seine Int?r?sseu für die allein berechtigten hätt lind daß die ^nbiiftrk Den Eindruck hat, es werde für die Landwirtschaft, und üe Landwirtschaft, es werde für die Industrie zu viel g; an. Tas Wort des Reichskanzlers ist entschieden in soziologischen Ginne gemeint. Die Landwirtschaft ist in osern die Grundlage des Staates, als sie die M?nschh?ii an Ort und Stelle fesselt unb durch die Bodenständigkeit alte Vorzüge und Mängel der Seßhaftigkeit bedingt. Di Vorzüge aber überwiegen bei Weitem. Vermöge ihrer Seßhaftigkeit und Bodenständigkeit ist die Landwirtschaft Der eigentliche Träger der nationalen Tradition und ^sinnung, während die den Einwirkungen des intensiven Verkehrs weit mehr ausgesetzte Jndustriebevötk?rung auch leichter dem sremden Wesen und fremder Anschauung sich zuueigt. Sodann ist die Landwirtschaft als Rekrutierungsgebiet für alle Berufe die Grundlage des Staa- tes. Der Aufenthalt im Freien und die Arbeit in der Natur stählt Körper und Geist, während die Tätigkeit in der Industrie unb in den Schreib- oder Getehrtcnstu ben die physischen Kräfte airfzehrt. Anthropologische Sta- tiftifen haben ergeben, daß in der Regel die vierte Generation einer städtischen Familie dem Niedergänge oerfallerr ist und daß die Landwirtschaft den ewigen Jungborn für den Nachwuchs der Gesellschaft darstellt. Wir möchten wünschen, daß auch der zu seiner Jahres- gevsammlung zusanimentretende Bund der Landwirte die Aeußerung des Kanzlers in richtiger Weise deuten würde. Dann würde die Mißstimmung, die zwischen beiden Giän^ um herrscht, nach der neuen JahreSversarnntlung viel, .eicht völlig schwindeln
Deutscher Reichstag.
258. SitzlMft. Eigener Bericht.
— fein sozialpolitischer Wunschzettel. —
Verstärkung des Arbeiterschutzes, Beschränkung der Frauen nnd Kinderarbeit, Einführung des Zehnstnnden Maxinmlarbeitstages, das war das Menn, das dem Reichs tage bei der zweiten Beratung des Etats des Reichsamts des Innern vorgesetzt wurde. Eine Reihe Resolutionen, die diese Gegenstände behandelten, lagen vor, außerdem and) eine, die die Rechtsfähigkeit für die Berufsvereine forderte. ES gab zunächst eine sozialpolitische Debatte allgemeineren Charakters, die der Abg. Trimborn vom Zentrum einleitete. Er verteidigte namentlich die Notwendigkeit eines freiheitlicheren Vereins- und Versamm kungsrechts. Nach ihm nahm Abg. Roesicke Dessau, der in der sozialpolitischen Bewegung besonders hervorgetretene Generaldirektor der großen Schultheißbrauerei, das Wort. Er glaubte in der Aeußerung des Kanzlers, daß nach Emanzipation des dritten Standes nunmehr die Emanzipation des vierten Standes vor sich gehen solle und daß die Gleichberechtigung der Arbeiter das nächste zu erstrebende Ziel sei, das Geständnis erblicken zu dürfen, daß die Arbeiter heute nicht einmal auf gesetzlichem Ge biete gleichberechtigt seien. Das müsse anders werden. Der Redner beschwerte sich u. a. darüber, daß den Ar heitern das Streikposten stehen erschwert oder unmöglich gemacht würde, während die Unternehmer sich durch schwarze Listen sehr leicht verständigen könnten. Ein Verband von Unternehmern sei sogar p weit gegangen, Arbeiter, die sich mißliebig gemacht, ganz von den Betrieben seiner Mitglieder auszuschließen, so daß die Arbeiter »ich außer halb Teutickstands Arbeit suchen müßten! Und m-^—'
Die Art eiter würden nicht zu Schöffen und Geschworenen genommen. Man braucht sich nicht zu wundern, wenn Die Arbeiter von Klassenjustiz sprechen. Die Bedeutung Der Arbei cerversicherung soll nicht verkannt werben. D?r Auffassung des Kaisers, [eher Arbeiter müsse durch die Versicherung in seiner Existenz sicher gestellt werden, werde aber Durch die Tatsachen noch nicht entsprochen. Was den Arbeitern gegeben werbe, komme den Arbeitgebern wieder zu gute. Unter dem Staatssekretär sei Bedeutendes und Nützliches geleistet; hoffentlich werde die neue Aera Bülow recht lange dauern und große Erfolge zeitigen. Abg. Wurm 'Soz. erörterte die Frage der Vertürzuug der Arbeitszeit; er führte aus, daß der zehnstündige Ar beitslag schon jetzt durchführbar sei. Er beklagte sich über Mißstände bei der Gewerbeinspektion in Baden. Ein Re gicrungskonnnissar tvies Die Unrichtigkeit dieser Angriffe nach, dann vertagte sich das .van*, dessen schwache Besetzung nährend der Reden bewies, daß es diese sozialpolitischen Debatten nicht sonderlich interessant fand.
Die politih.
Die Venezuetasrage vor dem Haager Lchicd<lgcricht?
> Die Differenzen der Blockademächte mit Bowen haben nun in der Tat dahin geführt, daß das Schiedsrichter- amt dem Präsidenten Roosevelt angetragen wurde. Roos? m it * al aber Den Schiedsspruch abgelehnt, da er ihm nicht auch von Castro an getragen worden sei. Wie aus Washing tun verkantet, soll die Frage jetzt dem Haager Schieds gerichl nm vbreitet werben. Die Blockade soll aufgehoben werben, sobald das bezügliche Protokoll unterzeichnet ist Immerhin ist es nicht unmöglich, daß man doch noch mit Bowen weiter verhandelt, da Englarld eine Verstimmung in Amerika, wie sie aus Bolvens Ablehnung als Vermittler sich ergeben würde, vermeiden möchte.
Buren und Briten.
0 Es wäre grundfalsche ans dem bisherigen Verhalten hervorragender Buren gegenüber Mr. Chainberlaiu den Schließ zu ziehen, daß die Buren mit Chamberlains Reden und Vorschlägen einverstanden wären. Sie fügen sich einst weilen in das lliivermciDüchc, im Innern denken sie sich aber ihr Teil dabei. Mitunter bricht die wirkliche Ge- sinnung doch bnrei). So hatten dieser Tage in Bloeni rontcin De Wet und 40 andere Buren, welche der extremen Vonänberpartei an gehören, eine ztveistündige Besprechung mit Ct amberlain, in welcher es zu erregten Vorgängen kann De Wet beschuldigte die britische Regierung, die Friedens?.stimnrun'gen von Vereeniging verletzt zu haben. ?> rambedain lehnte die ihm angebotene Adresse ab und u achte den ihm Di esc überbringenden Delegierten sehr jcftigc Vorwürfe, weil sie den guten Glauben der englischen Negierung und seinen eigenen guten Glauben angegriffen stillen. Den „guten Glauben^ der Engländer ihrerseits gutgläubig auszunehmen, haben rum allerdings die Buren eine rechte Veranlassung.
Kurze politische Nachrichten.
* Fürst Nikolaus von M iu g relieu, russischer Generalmajor a. T., ist in Pe^-sbueg an Herzlähmung gestorben. Der Fürst war seinerzeit als Kandidat für mi bulgarischen Thron vielfach genannt worden. Er war coch selbst souveräner Herrscher über Miugrelien, entsagte Iber 1860 zugunsten Rußlands.
* Infolge der Erkrankung eines der Geschworenen ist die weitere gerichtliche Verhandlung in dem Prozeß gegen Rubino auf Dienstag vertagt worden.
* Die Frage des Verkaufs der dänischeu Antillen an Nordamerika soll wieder ausgenommen werden. Im dänischen Landsthing, das bisher den Verkauf ablehnte, ist c ( eine Mehrheit für den Verkauf vorhanden. Der Ministerpräsident ist gegen den Verkmcf, und die Frage wird vermutlich eine Ministerkrise hervorrufen.
* Die Ratifikation de- bririsch-amerikauischen Alaska- oert'-ages, die noch vor lvenigen Tagen als aussichtslos angesehen wurde, dürfte nun doch in kurzer Zeit erfolgen.
Hus dem Rausche erwacht.
— Zur Umkehr der Prinzessin Luise. —
Aus sächsischen Kreisen wirb uns geschrieben: Endlich also ist Der Moment eingetreten, da die Kronprinzessin Luise den Schritt getan hat, den irwin als unvermeidlich längst vorausgesehen hatte: Die Prinzessin hat sich von Giron geirennt. Noch mehr: sie hat sich an den sächsischen Hof mit der Bitte gewanDt, auf einige Stunden bei ihrem kranken Kinde verweilen zu dürfen. Tie Bitte ist vom König Georg nach Anhörung der Minister abgeschlagen worden. Auch in Salzburg darf sich die Heimatlose, der auch die Fremde den Aufenthalt n?r* weigert, vorläufig nicht mehr blicken lassen. 9htr ihre Mutter wird der unglücklichen Frau, die die Mutterliebe yu ihrem kranken Kinde endlich den Schritt tun ließ, den
man längst von ihr forderte, ^figm, daß sie noch nicht ganz verlassen ist Ihre Mutter an einem Grenzort? zu sehen, soll der Prinzessin gestattet sein, und später wird sich ihr vielleicht auch in der Heimat ein Plätzchen öffnen, wo sie ihr verfehltes Dasein beschließen kann.
Nicht einem plötzlichen Entschluß ist die Trennung der Prinzessin von Giron zu danken. Gdpn seit einigen Wochen war die früher frohgemute Stimmung Der Prinzessin in ihr Gegenteil umgeschlagen. aus ihren Brä sen sprach Niedergeschlagenheit und Reu?, und als si? Mentone — noch an Girons Seite verließ, meint? si? bitterlich. Nicht allein die Gefahr, in Der ihr Kind schwebte, nicht allein der Wunsch, ihm in den Stunden Der Gefahr nahe zu sein, anch die Erkenntnis, daß Der Mann, dem zuliebe sie Krone und Weibes-ehve, Gatt 'n unb Min Der im Stiche ließ, ein Unwürdiger war, hat Die Prinzessin zur späten, und wie sich jetzt herausstellt, zu späten Einkehr gebracht. Wäre die Trennung von Giron vor Dem 28. Januar, dem Tage Der Verhandlung des Scheidungsprozesses in Dresden, erfolgt, so hätt? sich, nad) der Versickerung eingeweihter Kreis?, 'in Ar- rangement treffen lassen, das der ^Prinzessin ermöglicht?, ihre Kinder zu fe[)en.
Die einzelnen Phasen des jetzt eiugetreteiieu Um«' schwunges in den Verhältnissen der Prinzessin zu Giron ergeben sich aus der uachstehendeu An?inaud?rr?ihung der in der Angelegenheit bisher ergangenen halb und ganz amtlichen Meldiu,gen:
Zunächst teilten die Rechtsanwälte der Kronprinzessin der Presse folgendes mit:
„Giron hat am n. Februar abends Genf mit Dem Pariser Schnellzug verlassen, um sich za seiner Familie nach Brüssel zu begeben. Er hat alle Beziehungen zur Kronprinzessin auf gegeben, um ihr Die Wiederaufnahme des Verkehrs mit ihren Kindern zu ermöglichen."
Ein zweites Telegranini Der Anwälte der Prinzessin stellt sest, daß sie es gewesen ist, Di? Di? Beziehungen zu Giron abgebrochen hat; es enthält zugleich die Bitte an den Kronprinzen, Der Mutter feiner Mi aber zu gestatten, am Bette ihres trauten Sohnes zu erscheinen.
Instizrat Dr. Körner, der Anwalt des Kronprinzen, legte dies Bittgesuch den Ministern vor. König G^wrg hatte eine längere Konferenz mit ben Staats Ministern ü. Metzsch und Leydewitz, aber so sehr man die Prinzessin bedauert, konnte man nur zu dem Entschlusse kommen, daß, obwohl nun die Trennung von Giron vor sich gegangen ist, ein Besuch in Dresden, wenn auch nur für wenige Stunden, nicht erlaubt werden könnte, ehv?é^ teils mit Rücksicht auf Die fronpiin’lisbni Kinder, an dernteils auch mit Rücksicht auf die im Volke herrschende Stimmung, die Vorkommnisse herbei Obren könnte, für die niemand die Verantwort ling übernehmen möchte. Instizrat Körners Antwort lautete deshalb kurz und be- dimmt: „Seine Königliche Hoheit lehnt die Erfüllung der gestellten Bitte definitiv und unter allen Umständen ab." So steht denn die unglückliche Frau, deren Schuld ztveifellos zu einem Teile auf eine geistig? Störung zurückzuführen ist, heimatlos nnd verlassen da. Aus Mentone mußte sie trotz großer Unpäßlichkeit abreisen, weil man ihr ohne Ausweispapiere den Aufenthalt dort nicht gestatten wollte. Ihr wurde mitgeteilt, daß ohne Heimatspapiere ihr Frankr-eich, Italien, Die Schweiz sowie alle anderen Länder verschlossen sind. Eine von ihr beschlossene Auswanderung nach Amerika werde schon durch Die Vorsichtsmaßregeln der sächsischen ^Regierung wegen Des zu erwartenden Kindes ebenfalls vereitelt werden. Aus diesem Grunde hat die Kronprinzessin ihre Mutter flehentlich um Vermittelung gebeten. Legitimationspapiere erhält die Prinzessin nun freilich nicht, doch soll ihr, wenn sie die ihr vorgeschlagenen Bedingungen annimmt, der Aufenthalt in Oesterreich gestattet werden, nur darf sie kein taijedüheS Schloß betreten. Wenigstens wird ihr in ihrer schweren Stunde die Mutter nah? sein Auf eine Anfrage bei der Großherzogin von Tos- -ana, erhielt die Prinzessin Die Antwort, daß sie ihr beim da finden soll, wo die Mutter ist, nur möge sie der Vernunft Gehör schenken. Unter diesen Umständen ist e* wahrscheinlich, daß die Trennung von Giron bauernd win und daß die Prinzessin in Oesterreich ihren Wohn- itz nehmen wird. Dann wird ihr auch der sächsische Hof )en Trost nicht versagen, von Zeit zu Zeit ihre Kinder wiederzusehen. Aus Dresden wird offiziös gemeldet, daß zwar an eine Rückkehr der Kronprinzessin an den säch- ii^en Hof unter keinen Umständen zu denken ist, daß aber bei der jetzt wahrscheinlich gewordenen Aussöhnurig vr Prinzessin mit ihrer Familie und ihrer dauernden Nie- verlassung in Oesterreich vielleicht ein Wiebersehen mit atm Kindern später einmal herbeigeführt wird.
So wird denn die schwere Verfehlung der Kronprinzessin am Ende sich zwac schwer, aber doch nicht allzu bart rächen, und die unglückliche Frau wird in dem reue- oollen Leben, das vor ihr liegt, doch auch Die Freude nicht Mlia entbehren, die einer Mutter beim Anblick ihrer Qin her beschieden ist. Die Milde, wo der ihr das beleidigte Haus Wettin entgegenkomu- ict ein versöhnen
des Moment in dieser an Häßlichke. so reichen Affäre,