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Nr. 184.

Zweites Blatt.

Samstag, den 8. August 1903.

Ubovncmevtsprets: in Gießen, avgeholt monatlich LO Pjg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel­jährlich Mk. 1,50.

BratiSbettage« : Oberhesfische ^amilieuzeitung (täglich) Oberhesfische Zeitschrift für Landwirtschaft, Qbfi unv Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen (wöchemlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmitags.

Gießener

_________________12. Jahrgang.

Jnsertlonsprei Sr Tv einspaltige Pelitzeile für Gießen w,. Kanz Qb^l Hessen. die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg.; Rekl. u.cu die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3269.

Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 2 8.

^ernsprechanschluß Nr. 362.

Weoelte Nachrichten

(Gießener Gageötatt) Anabhängige Tageszeitung (Gießener Aettnng)

für Oberhesfeu und die Kl-eise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Hus dem Geriebtssaal.

§ Ein „Furchtloser". Vor dem Münchener Gerichte Haiti sich ein junger arbeite und berufloser Mensch wegen brutaler Angriffe auf einen Gastwirt zu verantworten. Plötzlich griff er in die Tasche und warf dem Wirt, der als Belastungs­zeuge erschienen war, eine Handvoll Kupfermünzen mit aller Gewalt ins Gesicht, während er gleichzeitig einen ver- zweifelten Versuch machte, sich auf ihn zu stürzen. Als er jedoch sofort von mehreren Schutzleuten gepackt und feft- gehalten wurde, rief er wutschnaubend aus: „Wenn ich wieder hercmskomme, begehe ich einen Mord, denn ich fürchte weder Gott, noch bcu Teufel, noch den Galgen." In Anbetrachl dieser Furchtlosigkeit hielt es der Richter für das sicherste, den Menschen so lange als möglich hinter Schloß und Riegel zu bringen, und verurteilte ihn zu achtzehn Monaten Ge­fängnis und zu weiteren sechs Monaten, falls er keine Bürg­schaft für sein gutes Betragen in der Zukunft'zu hinterlegen vermöge.

§ Kindestötung. Das Schwurgericht zu Konstanz verur­teilte den 45jährigen verheirateten Landwirt Ignaz Moos- brugger von Schlatt auf Krähen, der mögen Kindestötung, Mord u. s. W. angektagt war, nach viertägiger Verhand­lung zu 7^2 Jahren Zuchthaus. Da die Mitangeklagte 25jährige Frau Balbine Hüng, die frühere Dienstmagd Moosbruggers, im Verlaufe der Verhandlung für geistes­krank erklärt worden war, wurde gegen sie die @infte(hmg des Verfahrens beschlossen.

§ Wirt und Militärkapelle. Ein interessanter Prozeß zwischen Wirt und Militärkapelle kam nach mehr als jahre­langen Verhandlungen in Elsterwalde zum Abschluß. Ein dortiger Gastwirt hatte eine Militärkapelle zu Konzert und Ball engagiert und eine Garantie von ISO Mark übernom­men. Die Kapelle vereinnahmte das Eintrittsgeld selbst. Nach Beendigung des Vergnügens forderte sie 38 Mark Zu­schuß; der Wirt jedoch zahlte nichts, weil, wie er jetzt no^ wies, die an der Kasse sitzenden Musiker sehr viele Leute hatten durchgehen lassen, die weder Konzert- noch Tanzgeld bezahlt hatten. Die Kapelle wurde deshalb kostenpflichtig abge- miefen.

§ Leicht erklärliche Arbeitsunfähigkeit. Vor dem Pariser Schwurgericht wurde ein Mann von 60 Jahren, der seiner Gattin im Verlaufe eines Streites die Kehle durchschnitten hatte, zu 13 Monaten Gefängnis verurteilt, da man an- nahm, daß er nur „im Affekt" gehandelt habe. Anstatt dèr Mordsrage hatte man den Okfdnoorontm nur die Frage nach Körperverletzung mit tätlichem Ausgange vorgelegt und dann noch folgende zopfige Unterfrage hinzugefügt: „Haben die Stiche und Verwundungen eine Arbeitsunfähigkeit von mehr als 20 Tagen herbeigeführt?" Die Geschworenen ant­worteten einstimmig: „Nein!" Es war ja ganz klar, daß die Frau nicht „mehr als zwanzig Tage arbeitsunfähig war"; sie war nämlidj schon nach dem ersten Messerstich tot.

§ Die Camorra. In Neapel wurden der frühere Ab­geordnete Casala und der frühere Bürgermeister Sum

Monte wegen Unterschlagungen im Amte und zum Schaden der Gemeinde Neapel begangener Betrügereien zu je 3 Jahren 1 Monat Gefängnis, 1000 Lire Geldstrafe und 1 Jahr Ehrverlust verurteilt. Außer diesen beiden Haupt­schuldigen, die als hervorragende Genossen der Verbrecher­gesellschaft Camorra gelten, hatten sich noch 27 weitere Au geklagte wegen gleicher und ähnlicher Vergehen zu verant­worten. 16 von ihnen wurden freigesprochen 11 zu Ge fängnisstrafen von 2 bis 33 Monaten und entsprechende Geldbußen verurteilt. omeqenöen

Vermischtes.

T tDer Gipfel des Elends.] Von einem Rundgang durch ein durch das Hochwasser verwüstetes Dorf erzählt ein schle­sischer Lehrer folgende ergreifende Episode. „Ein Bruder Straubinger kommt mir entgegengewalzt. „Hier werden Sie wohl nicht viel herausschlagen!" sagte ich zu ihm. Er aber entgegnet im schönsten Sächsisch: „Ich würde mich schämen, in der Gegend jemanden um eine Gabe zu bitten; ich möchte jedem schenken, wenn ich etwas hätte. Ich bin schon weit herumgekommen, aber so etwas habe ich noch nicht gesehen!" Dem alten Fechtbruder traten die Tränen in die Augen.

~ [Gin „treues" BildZ Die von uns mehrfach gerügte Unzuverlässigkeit mancher Berichterstatter, die aus Rom aller lei Fabelberichte über die Vorgänge bei der Papstwahl in die Welt hinaussandten, wird humoristisch widerAWgelt in folgendem Mosaik, das die „Berliner Zeitung" aus diesen widerspruchsvollen Berichten zusammensetzt. „Pius X. zeigt sich schon in seiner äußeren Erscheinung als der geborene Herrscher; er besitzt eine imponierende Figur, ist aber ziem lich klein und von gebeugter Haltung. Er ist kerngesund and darf auf ein langjähriges Pontifikat bis 311 den Jahren Petri hoffen, nur ist er seit vielen Jahren herzkrank. Er spricht außer feiner Muttersprache und dem venezianischen Patois fließend französisch und beherrscht auch die deutsche Sprache vollkommen, ist and) ein glänzender Latinist; nur sind seine Kenntnisse fremder Sprachen äußerst mangelhaft. Seine greife Mutter lebt noch, ist aber vor kurzem ihm durch den Tod entrissen worden. Sein Wappen ist ein achteckiger Stern zwischen zwei sich neigenden Siegespalmen, zeigt aber einen auf dem Meeresgrunde stehenden Anker mit einem Stern darüber. Seine Wahl ist ein eklatanter Mißerfolg der Gruppe Kopp-Gibbons, und zwar hat Kardinal Koptz zu seinen Gunsten den Ausschlag gegeben." Ein „treues" Bild!

J2 [Gute Kapelle, die ein Mann allein gebaut sjat] ist in Neugrün bei Sandau (Böhmeu) eingeweiht worden. Dic Kapelle samt dem Glockentürmchen ist von den Grundmauern bis zum Dache, Dom Fußboden bis zum Altar und den Heiligenfiguren darauf das Werk eines einzigen Mannes, des Tischlers Johann Lenz in Neugrün, der alles ohne jede Beihilfe mit eigenen Händen gebaut und alle Auslagen, auch die Glocke für das Türmchen, aus eigenen Mittelic bestrit­ten hat.

d=P [ Mutatio rpmm I ] In einer Sckwtzhn^' hp^ ß^e

a

säuses fand" ein Besucher beim Durchblättern des Fremden­buches folgende Verse:

Sie is in an Gletscherspaltn g’ftogn,

Er hat sie aussazogn!

Drauf is sie ihm in die Arme g'flogn,

Er hat sie an sich gezogn.

Nachher hat sie ihn 31111t Altar 'zogn,

Er is richtig — hineinge—flogn ...

Jetzt thut's nt nm er in a Spaltn fliagn,

Er aber thu 's — Kindern agerl ziagn.

Sie nennt ihn: „Du alter . . .!" Er sie: „Du alte. . ..'

Und Beide schimpfen auf jene Gletscherspalte!

W [Sic Kinder des Astronomen^ Jaubert, der Direktor des Pariser Observatoriums, ist dieser Tage von seiner Frau mit Zwillingen beschenkt worden, die die Namen Kastor und Pollux bekommen haben. Auch die anderen Kinder des Herrn Jaubert sind nach Sternen benannt: drei Söhne heißen Uranus, Jupiter und Saturn, und ein Töchterchen, das jetzt etwa 5 Jahre alt ist, nennt sich Venus. „Es ist bedauer­lich", bemerkt dazu ein Pariser Blatt, „daß Eltern ihre Minder bei der Namengebung nicht zu Nate ziehen, können, so daß die Kinder ihr ganzes Leben lang mit lächerlichen Namen behaftet bleiben."

~ lDcs neuen Papstes Lieblingsfpiel.j Ein römifdjes Blatt wußte zu melden, daß der neugewählte Papst in seinen N^ußestunden mit Vorliebe einem in Italien sehr uerbrei teten Kartenspiel, dem Tre Sette, obliegt. Das Spiel isi in Deutschland gänzlich unbekannt. Man spielt es mit der gewöhnlichen Hombrekarte von vierzig Blättern. Um die Plätze wird wie beim Whist gezogen und die beiden Gegen übersitzenden spielen zusammen. Von den beiden Kompag­nons nimmt der eine das Markierbrett oder den sogenann­ten Kamm, auf welchmu die gewonnenen Partien verzeichnet werden, der andere erhält 21 Marken, mit denen er markiert. Der Kartengeber läßt links abheben und gibt rechts herum, jedesmal 3 Blätter. In allen vier Farben folgen die Karten so aufeinander: Drei, Zwei, Aß, König, Dame, Bube, Sie­ben, Sechse, Fünfe, Viere. Ist gegeben, so sagt zuerst die Vorderhand an, was sie dreifach oder vierfach in der Hanè hat, und zeigt es auf Verlangen vor. Für das Spiel gel­ten dieselben Regeln wie beim Whist, nur mit dem Unter- schiede, daß kein Atout ist. Jede Farbe muß bedient werden und der zu Stich kommt, darf die Farbe nicht spielen, welchc sein Freund abgeworfen hat. Einundzwanzig Points gehören zu einer Partie. Die Karten werden in folgender Weist gezählt: Drei, Zwei, König, Dame, Bube heißen Figuren und gelten je 3 drei Points, jedes Aß markiert ein Point, ebenso der letzte Stich.

c? [Gin MusterehepaarZ In Dunmow (England) fant nach altem Brauch das Verteilen von Speckseiten als Prä­mien für besonders glückliche und friedliche Eheleute statt. Zu dieser Feierlichkeit wird alljährlich ein „Schwurgericht" oeranstaltet, bei dem das Geschworenenkollegium aus sech^ Jungfrauen und sechs Junggesellen besteht und ein beson­ders geachteter Bürger ist „Richter". Für die Paare, die den Ruhm ungetrübten ehelichen Friedens in Anspruch nein mpii erscheint ein Anwalt, desgleichen ein anderer Bürger

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W. Schmidt, Schuhlager.

Städtische Pflichtscuemchr.

Donnerstag, 13. August, abends 8% Uhr im Turmhaus am Brand

Uebung der 1. und 2. Rotte.

Gießen, am 8. August 1903,

Der Branddirektor: Traber.