Einzelbild herunterladen
 

Nr. 6.

Donnerstag, den 8. Januar 1903.

12. Jahrgang.

Abonnementspreis : in Gießen, abgehslt monattich 50 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel­jährlich Mk. 1.50.

Gratisbeilage« : Oberhesfische Famittenzeitung (täglich) Oberhesfische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst- nwb Gartenbau, sowie die Gießener Teifenblasen (wöchenUtch).

Das Blatt erscheint an alle« Werktagen nachmittags.

Beitet

InsertionSprei Sr Die einspaltige Petttzeile für Gießen wie ganz Oberhessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg sonst 16 Pfg.: Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3269.

Redaktton und Expedition: Gießen Neuen weg 28.

Mernsprechanschlvh Nr, 362.

für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

ML

sr

Der postetat.

^ .^^ Postreform, mit der unser heutiger Landwirt« schastsminister v. Podbielski seine Tätigkeit als Staats­sekretär des Reichspostamts abschloß, hat sich im allgemei­ne sehr bewährt. Das ergiebt sich sowohl aus dem Ge­samtergebnis, wie aus den Einnahmen bei der Brief bestellung. Denn trotzdem der Ortsverkehr für Berlin auf 5 Pfennig für den Brief und der Preis für die Orts« Postkarte auf 2 Pfennig ermäßigt wurde, und trotzdem die Gewichtsgrenze erhöht wurde, ist die Einnahme bei bei Ortsbestelluug von 14 650 000 aus 15 2 .0 000 Mark ge­stiegen. Ebenso haben sich die neuen Telegrammgebühren außerordentlich bewährt, beim die Mehreinnahillen bei dem Telegraphenamt beziffern sich auf rund 15 000 00C Mark. An der Au uärtsbeu e u g die'es Be..i b z l ei- es - haben vor allem die mittleren und kleinen Geschäfte in den Großstädten lind ebenso die mittleren und kleineren Vertehrsplätze teilgenommen. Infolgedessen erscheint in dem neuen Posthaushalt auch ein Posten von 22 095 000 Mark für Herstellung von Telegraphena ilagen. Derartige Ausgaben werden besonders gebucht imb verrechnet, weil die Tilgung der Anlagesumme sehr schnell erfolgt. Je rascher iinb intensiver sich das Verkehrsnetz entwickelt, um so größer sind die Aussichten auf weitere Betriebs Verbilligungen. Denn wir leiden in Preußen speziell ge rade unter der Tatsache, daß auf weite Flächen mitunter, sagen wir nach einem Gute, mell es der Sitz des Amts Vorstehers ist, wenig benutze Te egrapheuan a en ge ü )rt werden; diese sind unrentabel, während in dicht bevölkerten Bezirken gerade das Telephon eine glänzende Rentenanlage ist. Die Staffelung der Fernsprechgebühren und die gleich­zeitige Vermehrung der A.klagen war e en a h eine sehr dankenswerte Neuerung. Daß aber in der Preis­festsetzung ohne Gefährdung der Ergebnisse noch mehr geschehen kann, wenn einmal das Telegraphennetz aut- gebaut ist, ersehen mir aus den Verhältnissen in Württem- berg. Dort lostet imganzen Ländle" ein Gespräch von 5 Minuten 50 Pfennig, bei kleinereren Entfernungen kostet die gleiche Zeitdauer nur die Hälfte dieses Betrages, mit anderen Worten, die wücttembergischen Fernsprechgebüh­ren sind um 20 Prozent billiger als im Reichspostgebiet. Wir verleimen nickst, daß innige der größeren Volksdich- tigteit die Verhältnisse dort günstiger liegen als hier, aber inbem die Reichspostverwaltung das Netz rentabler Telephouanlagen vermehrt, giebt sie auch dem Publikum ein Anrecht, weitere Verbilligungen zu fordern. Die Re­form der Gebühren und die dadurch bedingte erhöhte Inanspruchnahme des Postbctriebes hat zugleich noch eine andere höchst erfreuliche Wirkung gehabt. Sie hat eine Vermehrung des Beamten- und Unterbeamtenpersonals nötig gemacht. Tie Ausgaben hierfür sind ganz beträchtlich gestiegen. Trotzdem aber ergiebt sich aus den Veröffent- lichungen folgende Bilanz: Die Mehreinnahmen beziffern sich auf 15 590 970 Mark, die Mehrausgaben abgesehen von den in den Betriebsfond eingerechneten Kosten für Telephonanlagen betragen an fortdauernden Mehr­lasten II 755,280 Mark und an einmaligen 498 246 Mark, zusammen also 12 253 526 Mark. Es verbleibt sonach ein Ueberschuß von 3 337 444 Mark. Die nächsten Betriebs­jahre werden durch Vermehrung der werbenden Belriebs- anlagen noch bessere Früchte tragen und dann ist die Zeit gekommen, daß auch an eine gründliche Reform der Postbeamtengehälter gedacht wird. Hier liegt für einen energischen und wohlwollenden Leiter der Reichspost noch viel Arbeit vor. Unterbeamtengehälter von 700 Mark pas­sen nach den heutigen Lebensmittelpreisen und gemessen an den Söhnen der Industriearbeiter entschieden nicht mehr in unsere Zeit, zumal schon deshalb nicht, weil an die Energie, Pflichttreue, Pünktlichkeit und Gewissenhaf­tigkeit der Postbeamten aller Klassen die höchsten An­forderungen gestellt werden. Ebenso ist es ein durchaus ungesunder Zustand, daß die Postassistenten erst nach einer imenblich langen Wartezeit mit Tagegeldern eine endgiltige Anstellung finden und sonach relativ spät in die Lage kommen, einen festen Wohnsitz und einen eigenen Haus­stand zu begründen. Hier ist in Zukunft der Hebel der Reform anzusetzen.

Die Politik

Venezolanisches.

^st Die mit^Spannung erwartete Antwort der Mächte auf Eastros Schiedsgerichtsvorschlag ist jetzt erfolgt. Ter Wortlaut der deutschen, britischen und italienischen Ant­wort ist derselbe. Die Mächte nehmen das Schiedsgericht mit der Maßgabe an, Venezuela solle Bürgschaft ge­ben, daß die vom Schiedsgericht festgestellten Entschä- dcgungsbeträge an die Mächte auch wirklich gezahlt wür­den. Castro hält noch immer mit großer Hartnäckigkeit ^aran fest, daß seine Truppen in dem Gefecht bei latira vor den Revolutionären nicht unterlegen seien, Wi im Gegenteil die Rebellen aufs Haupt geschta- Mtten. Nach seiner An Labe hätte wegen dieser

angeblichen Niederlage der Aufständischen deren Rüh­rer General Matos sich schon genötigt gesehen, mit ihm, Castro, in Friedensverhandlungen zu treten. Na, ua!

Ein ähnlicher Handel wie zwischen den Blockade­mächten und Venezuela scheint sich zwischen den Ver­einigten Staaten und Haiti entspinnen zu wollen. Der amerikanische Gesandte in San Domingo hat bei der haitianischen Regierung die sofortige Zahlung von 325 000 Doll, verlangt, welche Haiti derClyde Steam- ship Line", einer amerikanischen Gesellschaft, schuldet.

Eine Krise im Kabinett Combes.

= Der französische Marineminister Pelletan, neben dem Kriegsminister Andre der Hauptphrasendrescher im Pa­riser Kabinett, wird wohl seinem Ministersessel Adieu! sagen müssen. Zwischen ihm und dem Finanzminister Rouvier ist es zu einem Konflikt gekommen, weil Pelle­tan einfach im Widerspruch mit der Kammer eine Reihe Beamtenstellen neu geschaffen und mit seinen Anhängern besetzt hat. Rouvier will diesen Beamten kein Gehalt zahlen. Als Nachfolger Pelletans wird der Admiral Four­nier genannt.

Das Ende des marokkanischen Aufstandes.

) Tie deutsche Regierung ist nach den letzten Ereignisstu in Marokko überzeugt, daß es nur eine Frage der Zeit ist, wann der Sultan Abdul Aziz allein oder mit Hilfe seines zum Generalissimus ernannten älteren Bruders der Aufständischen Herr wird. Tie Möglichkeit, daß der Prätendent Bu Samara die Mehrheit der Sheriffs für sich gewinnen könnte, ist schon jetzt vorüber. Diese Auf­fassung wird durch eine Meldung aus Fez bestätigt, wo­nach die Lage dort besser ist; der Mangel an Vorräten hat ausgehört. Zwei mächtige Stämme, welche sich den Rebellen angeschlossen harten, haben durch eine Abord­nung ihre Unterwerfung kundgegeben.

Die Burengenerale und Chamberlain.

) In weiten Kreisen Deutschlands hat ein Telegramm aus Pretoria 7^"ljches Befremden erregt, wonach die Burengenerale Botha, Telarey und Cronje sich an den lärmenden Feiern beteiligt haben, die die Briten in Pre­toria für Chamberlain veranstalteten. Jetzt stellt sich heraus, daß die Generale dies nicht zu ihrem Privatver­gnügen getan haben, sondern daß sie, wie zu so vielen anderen schweren Dingen, sich auch hierzu bequemt habeu, um des Wohles ihrer Landsleute willen. Sie zeigen sich versöhnlich, um auch die Briten zur Versöhnlichkeit zu stimmen. Am Dienstag, einen Tag nach dem Fest- niahl für Chamberlaiil, an dem die drei Generale teilnah­men, fand in Pretoria unter dem Vorsitze Schalk Bur­gers eine Versammlung von Burenführern und anderen hervorragenden Burghers, darunter Botha, Telarey, Cronje und Smuts, statt, um eine Adresse an Chamber­lain aufznsetzen. In dem Entwurf wird um allgemeine Amnestie und um die Erlaubnis für alle früheren Bu­ren gebeten, in ihre Heimat zurückkehren zu dürfen. Disse Bitte wird vielleicht dadurch unterstützt werden, daß in Südafrika ein großer Arbeitermangel herrscht. Die Re- gienmg von Kapstadt fordert gegenwärtig in einer Be­kanntmachung zur Anstellung von landwirtschaftlichen Arbeitern aus Nord-Italien auf für die Wein- und Obst­gebiete im Westen der Kapkolonie. Die Arbeiter sollen mit ihren Familien auf Kosten der Regierung nach dem Kap gebracht iverbeu.

Kurze politische Nachrichten.

* Berlin, 7. Januar. (Hofbericht.) Der Kaiser reist am Donnerstag nach Hannover, von wo er am freite j zu< S^n- hud ^unnuu- a v nach Springe lueiiei* fährt. Sonnabend kehrt der Kaiser nach Berlin zurück. Anläßlich des heutigen Todestages der Kaiserin Augusta wurde mittags auf Anordnung der Kaiserin die Glocke der Gnadenkirche geläutet. Der Kaiser fuhr vormittags bei dem Mausoleum vor und legte am Sarkophage der Kaiserin Augusta einen K^anz aus weißen Rosen und anderen weißen Blumen nieder.

* Im Befinden des Königs von Sachsen ist eine weitere Besserung eingetreten.

* In einem Telegramm an den Kaiser protestieren 160b Arbeiter des StettinerVulkan" gegen die von den Werkmeistern der Werft vorgenommene Untere s ch r i f t e n s a m m l u n g für eine Zustimmungsadresse an den Kaiser in Sachen Krupp. Sie seien anderer Meinung und zur Unterschrift nur durch die Besorgnis vor wirt­schaftlicher Schädigung bewogen worden. Das Direktorium des Vulkan wird eine Gegenerklärung wohl nicht schuldig bleiben.

* Der Führer der Reichspartei, Aby. Wilhelm v. Kar­dorfs, vollendet am Donnerstag sein 75. Lebensjahr. Er ist einer unserer ältesten Parlamentarier, da er dem Reichstage seit 1868 ununterbrochen angehört hat. Er ist besonders bekannt als eifriger Vertreter der Silber­währung.

* Der badische StaatSminister v. Brauer ist an Jnjl«N-a erkrankt.

* Geuniß dem s. Zt. in der Generalversammlung im Zirkus Busch gefaßten Beschluß erhebt der Bund der Landwirte in diesem Jahre den doppelten Jahres- Beitrag zu Agitatisnszweckeu.

* Für die Unteroffiziere und Mannschaften her Armee ist eine ständige zahnärztliche Behandlung einge- fütyrt tvorden.

Verstossung der Königin Draga.

Die Dragakomodie in Serbien ist so mirb wenig­stens von Leuten behauptet, die es wissen können ausgespielt. König Sascha läßt sich von seiner vielge­liebten Trauten scheiben, weil der Zar es so mill. Niko­lai II. I)at zwei Gründe, Frau Draga ins Privatleben zurücktreten zu sehen: Einmal liegt ihm baran, für Ser­bien eine bestimmte Thronfolge festgestellt zu wissen, zum andern wird dann sein Versprechen, Draga am russischen Hofe zu empfangen, gegenstandslos. Die Treu- nnng zwischen Alexander uno Draga herbeizttführen war eine der wichtigsten Aufgabe ff, die Graf Lambs­dorff bei seinem Besuch in Belgrad zu lösen hatte. Der russische Minister erklärte dem Serbenkönig: Rußland müsse, falls man seine moralische Unterstützung in Bel­grad wünsche, den König vor die Wahl stellen, sich ent­weder für die gesetzliche Festlegung der Thronfolge eines der drei in Petersburg sowohl wie in Wien geneh­rneu Kandidaten zu entscheiden, oder die Scheidung von der Königin Draga einzuleiten. Die drei Kandidaten sind Prinz Mirko von Montenegro, der junge Herzog von Leuchtenberg, ein Verwandter des Zarenhauses, der derzeit noch in der Militärakademie in Petersburg er­zogen wird, und Prinz Battenberg. Graf Lambsdorff gab dem bestürzten Alexander eine Bedenkzeit von 24 Stun­den. Nach Ablauf der Frist erklärte der König dem. russischen Minister, er habe sich entschlossen, sich van Draga scheiden zu lassen und eine neue Ehe einzuge­hen, über die er sich mit Rußland und dem Wiener- Hofe verständigen merbc. Draga, die angeblich sich mit diesem Entschluß ihres Gatten abgefunden hat, soll als Entschädigung für die Serbenkrone von Rußland eine angemessene Apanage erhalten. Sie soll bereits jetzt wegen Ankaufs einer Villa in Dresden Verhandlungen: führen. Nichtsdestoweniger dürfte die Scheidung nicht so­fort erfolgen, da dem König noch eine Frist tun einem Jahre offen gelassen ist. Wird ihm in dieser Zeit ein Sohn geboren, so braucht er sich von seiner Draga nicht zu trennen. Aber darauf ist keine Aussicht . . ?

Fraglich ist nur, wie sich Oesterreich zu dieser russischen Taktik hinter den Koulissen stellen wird. Die Scheidungsgeschichte ist in Belgrad höchst geheim betrie­ben worden; in Wien sollte man offenbar nichts davon erfahren. Man hat es nun doch erfahren, und damit hängt auch der Rücktritt des eben ernannten ser­bischen Ministers des Aeußern A n t o n i t s ch zusammen. Wir melbeten schon, daß dieser Herr, obwohl er erst we­nige Tage im Amte tvar, plötzlich ausGesundheits­rücksichten" zurückgetreten ist. Dieser Rücktritt ist eine Folge davon, daß von dem Arbeitstische des Königs Alexander in Nisch Papiere, auf denen er sich No­tizen über den Besuch des Grafen Lainbsdorff gemacht hatte, plötzlich spurlos verschwunden sind.

Man wird kaum fehlgehen in der Vermutung, daß diese Notizen die Scheidung betrafen, und daß sie bon Antonitsch, der Dragas Freund ist, nach Wien spediert sind, nm dort ben ganzen Handel ruchbar zu machen. Oesterreich bekämpft natürlich die Verstärkung des rus­sischen Einflusses in Serbien, und es ist leicht möglich, daß die Wiener Politik Frau Dragas Bundesgenossin wird, wenn diese vom Thron nicht herabsteigen will. Ob die Ernennung eines der drei genannten Kandidaten zum Thronfolger in Oesterreich willkommen wäre, steht trotz Lambsdorffs Andeutung, diese Kandidaten seien auch in Wien genehm, sehr in Frage.^Vollends unwillkommen wäre Oesterreich zweifellos ein Arrangement, das die Scheidung des Königspaares in der von Lambsdorff angebahnten Weise in sich schlosse. Dadurch, daß Ruß­land die Apanage für Frau Draga zahlt, würde doch Rußlands Einfluß in Serbien ganz offenkundig gestärkt werden. Vielleicht hat aber Frau Draga selbst ihre Ehe mit Alexander schon satt und zieht den Demütigungen auf dem Thron ein behagliches Leben im schönen Dres­den vor.

P4ab und fern.

* Eisenbahnunglück infolge von Hochwasser. Eine Glei^unterspülung durch Hochwasser hatte auf dec L^al- ^hn strecke PassauFreyung bei Station Kai -cueck die Entgleisung eines Personenzilges zur Folge. / Personen mürben leicht verletzt. Weiter stieß bèi dichtem Nebel eine von der Unfallstelle auf falschem Geleise nach Passau mit 4 Bahnarbeitern zurückfahrende Draisine mit einer Rangcermaschine zusammen, tpobei 2 Arbeiter getötet ttmr-