Nr 5. Zweites Blatt.Mittwoch, den 7. Januar 1903.
12. Jahrgang.
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Gießener
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Postzeitungsliste No. 3269.
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Fernsprechauschluß Nr. 36».
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für Oberhefsen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
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** Die Tage haben schon wieder etwas zugeuommen, wenn auch nur wenig. Eine alte Bauernregel sagt: Am Neujahrstag ist der Tag um einen Hahnenschrei, am^DreikönigStag um'.einen Hirschsprung, am Sebastian (20. Jan.) um eine ganze Stunde länger, allein Lichtmeß (2. Februar) meist man erst etwas davon. Dies hat seinen (9runb darin, daß trübe, schneeigc^Winter- tage überhaupt an sich den Tag^verkürzen. Dann stimmen auch unsere Uhren nicht genau mit dem Sonnenuntergang. Die Uhr zeigt die Stunde mathematisch^ genau, der astronomische Tag ist aber ein anderer. Nur an jUcr Tagen im Jahre, am 14. April, 14. Juni, 31. August und 23. Dezember stimmt unsere Uhr genau mit dec Sonnenuhr überein. Am 11. Januar erreicht z. B. die Sonne erst um 12 Uhr ihren^höchsten Stand und wir halten den Vormittag für kürzer.
** Vorsicht mit Katzen! Aus Dresden wird geschrieben : Daß man Katzen mit kleinen Kindern, die sich noch nicht^selbst zu helfen vermögen, nicht allein lassen darf, zeigt wieder dec folgende Fall. Eine Katze hatte sich in das Zimmer, in welchem zwci^neuge- borene Kinder ohne Aufsicht lagen, eingeschlichen. Sie sprang auf das Bett und kratzte spielend an den Gesichtern. Die Verletzungen waren geringfügig, trotzdem rief man den! Arzt: allein für das eine Kind zu spät, es starb infolge von Blutvergiftung.
Hus Hellen und llaedbargebieten.
□ Marburg, 4. Januar. In Immichenhain (Kreis Ziegenhain) wurde der 66 Jahre alte Nachtwächter Möller in der Sylvesternacht von Burschen, denen er Ruhe geboten hatte, mit Latten erschlagen. 4 Verdächtige wurden fest- genommen, 3 jedoch wieder entlassen. Nur der Dienstknecht Kaspar K hn aus Immichenhain wurde in Hast behalten.
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tlichen Scmitnii'.bo 5teup gefüllte N«
Standesamt-Nackrichten der Stadt Gietzen Aufgebote.
Am 31. Dez.: Heinrich Junker, Kaufmann dahier mit Johannette Karoline Bertha Marie Wilhelmine Bruckman hierselbst. Am 2. Jan.: Georg Karl Kloos, Former in Offenbach a. M. mit Auguste Margarethe Katharine Zeidtec dahier.
Gebo ene.
Am 11. Dez.: Dem Taglöhnec August Rausch ein Sohn, Ernst Wilhelm. Am 20.: Dem Bezirksfeldwebel
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Heinrich Kaiser eine Tochter; dem Fabrikarbeiter Philipp Hahn eine Tochter; dem Mechaniker Jakob Schlosser ein Sohn, Friedrich. Am 21.: Dem Ingenieur Theodor Eigcl ein Sohn, Leopold Josef. Ani 22.: Dem Drechsler Wilhelm Walther ein Sohn; dem Glaser Wilhelm Kreß ein Sohn, Eduard Karl Wilhelm. Am 23.: Dem Zimmermann Christian Staffel ein Sohn; dem Maurer Heinrich Müller eine Tochter, Elisabethe Margarethe Juliane. Am 25.: Dem Kaufmann Friedrich Jung ein Sohn; dem Kaufmann Karl Häuser eine Tochter, Elsa Regina Sophie; dem Eiscnbahntelegraphist Panl Neumann ein Sohn, Heinrich Wilhelm Albert; dem Kaufmann Heinrich Friedrich Roth ein Sohn, Karl Walter. Am 26.: Dem Schmied Johannes Groß ein Sohn, Johannes Joseph Wilhelm. Am 27.: Dem Gerber Hermann Höhn ein Sohn, Johann Anton; bcm Platzmeister Heinrich Westcckec eine Tochter, Lisette Luise. Am 29.: Dem Artist Friedrich Jörg ein Sohn, Heinrich.
Gestorbene.
Am 27. Dez.: Elise Braun, 9 Jahre 11 Monate alt, Tochter des Bremsers Johannes Andreas Braun dahier. Am 28.: Marie Elise Müller, 78 Jahre alt, Rentnerin dahier; Jakob Bamberger, 60 Jahre alt, Lederhändlec dahier. Am 31.: Heinrich Hattenhaller, 34 Jahre alt, Schneider dahier.
Geschäftliches.
Eine Fülle neuer Anregungen bietet dem Industriellen, dem Kaufmann, dem Gewerbetreibenden, welcher die Zeitungsannonce, dieses bewährte Hilfsmittel geschäftlichen Erfolges, in seinen Dienst zu stellen pflegt, der soeben in 36. Auflage erschienene Zeitungs-Katalog der Annonceu- Ex'pedition Rudolf Mosse für das Jahr 1903. Auch die neue Ausgabe beschränkt sich nicht auf die Wiedergabe trockenen Zahlenmaterials. Einen breiten Raum nimmt das so wichtige Kapitel der Anzeigen-Ausstattung in Anspruch. Das Problem, eine Annonce typographisch oder illustrativ berät auszugestaltcn, daß sie auch bei bescheidener Größe aus der Menge der übrigen Anzeigen einer Zeitung wirkungsvoll heraustritt, wird wieder an zahlreichen neuen Verspielen erläutert Einen erlösten praktischen Wert erhält der Kata'og durh seine Ausstattung als Schrerbmappe mit Notizkalend' r. Neu ist die Beigabe von wichtigem Nach- schlagematerial, wie Bestimmungen über Arbeite: Versicherung, über Anmeldung von Patenten und Gebcauchsmuste'n, Eintre-ben von Forderungen 2C. Satz und Druck dcs Katalogs zeigen wiederum die Leistungsfähigkeit der Buch- I drucktet Rudolf Moss'.
!? i^inc Mord-Rcligiou. I In der „Revue" erzählt Jean Finot: Einer der Bibliothekare des Britich Wiik um in London zeigte mir vor einigen Jahren eines der interessantesten Dokumente die die Kartographie jemals zum Gebrauche der Menschen sertiggestellt hat. Es war die berühmte Karte des Kapitäns Paton, der im Jahre 1880 auf den Gedanken gekommen war, seiner Regierung eine malerische Darstellung der Orte, wo die hibiilIk Mörder- sekte der Thugs ihre Opfer ermordete, 311 schenken. Von etwa vierzig Personen, die alle in ihrem Lande sehr geachtet waren und sich allgemeiner Wertschätzung erfreuten, sind aus religiösen Gründen beinahe 3 26u Worbe begangen worden! An der Spitze der Mörder marschierte der djrwürbigc Buhram. der während seiner vierzigjährigen religiösen Tätigkeit 931 Mordtaten vollbracht hatte. Der zweite, den Verdiensten nach, war ein gewisser Ramsou, der 608 Personen erwürgt haben soll. Fus sh Khan hatte nur 308 Personen ermordet, aber diese Zahl hatte er bereits in einer dreis;igjäl)rigeu Thlig Praxis erreicht. Jmernbux der ^fbwar v tonnte 340 Ttrangnlationen Nachweisen, Alanar 377, Muckdov- mee 264. Von diesen Höhen steigt .inan nach und nach zu den bescheidenen Zahlen von 20, io oder selbst 3 „lumpigen Morden" herab, die von den Gläubigen zu Ehreit der Göttin Kali begangen Worben sind. Kati hat den Gläubigen nicht nur die Kunst der Erdrosselung beigebracht, sondern trieb ihre Zärtlichkeit so weit, daß sie ihre Diener vor den stuchivürdigeu Augen der *98^1- gläubigen verbarg.
)—) fWie cs venezolanischen Präsidenten geht^. Auf einem Platz der Stadt Caracas steht ein Denkmal, das zuerst 511 Ehren Guzman Blanco errichtet wnrbc; nach seinem Abgang schnitt man den Kopf der Statue ab lind schraubte ben Kopf seines Nachfolgers aus. Die Präsidenten sönnen verschwinden, das Standbild bleibt, man ändert eben nur ben Kopf. In einer Vorsicht, die der Stadtverivattung zur Ehre gereicht, hat man die Residenz des Präsidenten der Republik dem Bahnhof gegenüber erbaut. Es soll sogar e ne geheime Treppe vom Palast zum Wartesaat führen. Eastro wirb also, wenn die Revo Intion siegreich sein sollte, nur einen kurzen Weg zu machen haben, um den Eilzug zu nehmen, in gerade so viel Zeit, wie man braucht, um den Kopf seines Nachfolgers an die Stelle seines eigenen zu fetzen.
:||: lEin aus 250 Jahres sestgetegtes Kapital ist vor kurzem nach der „Japan Times" der Tai-ichi-Bank in Tokio überwiesen worden. Diese erhielt ein Depositum, von 3000 Jen (nach unserem Gelde etwa 12 000 Wt.), Nn'lches auf Zinseszins die oben angegebene lange Reihe von Jahrcm unberührt stehen soll. Nach Ablauf dieser Zeit hätte bann die Bank den Erben des vorsorglichelr Sparers die ungeheure Summe von fast 3 Milliarden Mark zu zahlen. Mtabene, wenn die Davichi-Baul sich I dann noch ihres Taseiils erfreut.
selben
r 1903. ^cn^nnf.
ahmend e\x^W Zungen zu Hfl weiterer ÄusW
ne 1903.
Dr. Rumseys Patient.
Noman von Dr. Halifax und T. L. Meade.
Autorisierte Bearbeitung von E. Weßner.
tyq (Nachdruck wrbden.)
„Ich weiß nicht", stammelte Hetty verwirrt. „Vielleicht sonnen Sie nach und nach vergessen und die Stimme Ihres Gewissens beschwichtigen. Auch bei mir regte sich einst das Gewissen, jetzt ist es lange nicht mehr so schlimm — seine Stimme ist leiser geworden."
„Das ist eine vergebliche Hoffnung! Ich kenne mich viel zu gut, um das nicht genau zu wissen, llnb trotz alledem will ich den breiten Weg gehen, der ins Verderben führt. Wenn ich es aber wirklich thue — können Sie es auch ertragen?"
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»Ich habe es länger als fünf Jahre ertragen."
„Ja, das ist ancrbmg§ wahr. Aber jetzt ist es doch anders. Früher war ich nicht in Großhofen. Der abwesende Herr nimmt nie einen großen Platz in dem Gedankenkreis seiner Leute ein. In Zukunft wird das ganz anders sein. Sehen Sie mir einmal ordentlich ins Gesicht, Hetty Vincent. Sie sind nicht gesund, Ihre Wangen sind eingefallen, und die Augen haben einen unnatürlichen Glanz. Frau Everett behauptet mit größter Entschiedenheit, Sie trügen ein Geheimnis mit sich hernm. Wenn sie das denkt, bann werden vielleicht auch andere denselben Verdacht schöpfen. Ihre Tante kennt mein Geheimnis auch?"
' „Ach, mit Tante ist es ganz anders, sie leidet nicht so schwer darunter, wie ich. Aber ich glaube, Herr Baron, daß ich jetzt, wo Sie wieder hier sind, wo ich Ihren Entschluß kenne und weiß, daß Sie an der Last des Geheimnisses ebenso schwer tragen wie ich — und daß wir zwei —" sie hielt inne, die Stimme wollte ihr versagen, „ich glaube, es wird mir jetzt viel leichter sein."
„Sie dürfen auf keinen Fall uoch einmal verhört werden", fiel der Baron hastig ein. „Wenn ich das furchtbare Gehemmis wirklich in Zukunft weiter hüten soll, so müssen Sie das Land verlassen!"
„Das — Land — verlassen — * stammelte Hetty, während ihr Gesicht leichenblaß wurde und die Thränen ihr aus den U Augen stürzten. „Das hieße mich töten" — fügte sie dumpf rftöhnend hinzu. „Ich Sie verlassen — 0 mein Gott — das kann WA nicht — Sie müssen doch wissen, Hcn' Baron, warum ich das D^ für Sie ertrug!" einè
„Still, still", sagte er in fast rauhem Tone, indem er an eins der nicht verdunkelten Fenster trat unb hinausspähte. Er sah, oder meinte zu sehen, daß Frau Everett in ziemlicher Entfernung vorüberging. Dann trat er schnell in den Schatten zurück.
„Ich kann nicht vorgeben, Ihre Worte nicht zu verstehen", sagte er nach einer Pause. „Aber barauf eingeben kann und darf ich nicht. Wenn ich also die Wahrheit nicht enthüllen soll, baun kann dies nur unter der Bedingung geschehen, daß Sie und Ihr Mann das Land verlassen. Aber wie gesagt, einen be- Itimmten Entschluß habe ich und) nicht gefaßt. Das geht auch nicht so schnell. Doch nun wird es besser fern, wenn Sre mich verlassen."
Hetty erhob sich: sie taumelte, als sie sich der Thür näherte. Der Baron schloß dieselbe auf. Dabei fragte er:
„Sie sahen alles? Sie sahen, wie ich die That beging?"
„Ja, Herr Baron, ich sah den erhobenen Stock in Ihrer Hand —"
„Ah, das wollte ich nur noch wissen", fiel er hastig ein. „Und was that ich mit dem Stock?"
„Sie schleuderten ihn ins Gebüsch, etwa zwanzig Fuß von der Stelle entfernt, an weichern" — sie konnte den Satz nÄht vollenden.
„Ja, ja", sagte Audrey langsam und schwer atmend. „Dessen erinnere ich mich. Hat man den Stock gefunden?"
„Nein, das wäre auch garnicht möglich!"
„Warum nicht möglich? Wie meinen Sie das? Wenn man nun an jener Stelle Holz fällen würde? Auf dem Knopf ist mein Name und das Wappen der Audreys eingraviert! Wenn man ihn findet —"
„Er kann nicht gefunben werden, weil er nicht mehr dort liegt. Tante und ich hatten Angst wegen des Stockes; wir gingen in der Nacht na ch dem Morde an jene Stelle, suchten den Stock, beschwerten ihn mit Steinen und versenkter: ihn in den Teich, wo er am tiefsten ist. Um den Stock brcmchenSie sich also nicht zu ängstigen, Herr Baron!"
Audrey antwortete nicht, aber in seinen Augen blitzte ein Licht der Befriedigung auf, nnb ein schlauer Ansdruck, wie er seinem Gesicht bisher nicht eigen gewesen, legte sich über dasselbe.
Er öffnete die Thür und ließ Hetty hinaustreten; dann verschloß er die Thür wieder.
Nun war er allein — mit seinem Gewissen allein. Mit leisem Anfstöhnen sank er neben einem Stuhl in die Kniee und begrub das Gesicht in die Hände, während sein Körper von verhaltenem Schluchzen heftig erbebte.
Zweiuudzwanzigstrs Kapitel.
Von dem Bureau ans führte ein direkter Weg in kurzer Zeit auf die Landstraße, sodaß Hetty nicht am Schlosse vorbeizugehen brauchte. Aitt diesem Weg war sie auch gekommen; es hatte niemanb ihre Ankunft gewahrt, und kein Mensch sah sie jetzt fortgeben. Als sie auf der Landstraße an langte, blieb sie einen Woment liehen unb atmete tief auf. Eine große innerliche Befriedünlng schwellte ihr die Brust. Es ging alles besser, als sie gedacht. Der Baron erinnerte sich zwar an alles — er hatte es selbst gestanden — aber sie durfte sich doch der beruhigenden Versicherung hmgeben. daß er das von ihm begangene Verbrechen auch fernerhin verheimlichen werde.
„Er kann ja nicht dafür — es liegt den Audreys im Blut — es ist fein Fluch", murmelte sie vor sich hin. „Aber er darf nichts gelteben um seiner Gattin willen — und um meinetwillen auch nicht! Da ist freilich Frau Everett und ihr armer Sohn — dagegen aber stehen die Baronin und ich — also zwei gegen zwei — erwog Hetty für und gegen — „und wir zwei stehen dem Baron viel näher — und dann seine vielen Untergebenen — ja, ia, wir müssen das Geheimnis strengstens hüten."
Die Sonne war inzwischen untergegangen, und die Dämmerung auf die Erde herniedergesunken. Hetty hatte bergauf zu gehen, um das Pachtgut ihres Mannes zu erreichen. Sie bedurfte daher zum Heimweg längere Zeit als zum Weg ins Schloß. Sie beeilte sich, so gut sie konnte, um ja nicht so spät zu kommen; denn es wäre nicht gut für sie gewesen, wenn ihr Mann heransbekommen hätte, daß sie ihn hinterging. Wenn er jetzt noch fest schlief, worauf sie mit Bestinimtheit rechnete, so hatte sie nichts zu befürchten, bann war auch ihr Geheimnis völlig sicher. Suse betrat das Haus nie nach vier Uhr nachmittags, nach dieser Hinsicht konnte sie also auch beruhigt sein. Die Leute, die nach Feierabend von den Feldern heimkehrten, stellten ihre Gerät'chaften in den dazu bestimmten Schuppen; auch sie hatten nichts im Hause zu suchen. Vincent war also allem und vor jeder Störung sicher.