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Nr. 105.

Erstes Blatt

Mittwoch den 6. Mai 1903.

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J»s^rti»«Sprci Ji Die einspaltige Petiyeile für Gießen Äk gatu Odcrdenen, die Jh-eife Wetzlar und Marburg 1- $fo ienfi 1b Big-: Reklsmeu die PetN»âe 30 resp. *• We-

Postzeitungsliste N» MN.

Redaktion und Expedition: Gießen Ne«<»Weß BM atenifNr^*»«f*I** Ne, MB.

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(seltener Hattorfs) Ax-M-^ige Lagrszettung (Hietzener ?Ht*«e)

für Oberhessen unb die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und llrnqedimg

Enthält ade amtlichen Bekanntmachungen der Grvßh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

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Die Kaisertage am Eiberstrand.

stno an, über der festungsartig auf schroffem Felsen die 529 von Benedikt von Nursia begründete Abtei thront.

"ich kommen ähnliche Nachrichten

(Conderbericht.)

HP. Rom, 4. Mai.

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„Uff — der Staub, uff — die Hitze!" klagten bit Stammgäste der Casss an der Piazza Colonna, als fit von der großen Heerschau zurückgekehrtüich an den Mar- mortischen zur Eolazjoue niederließen. „Aber schön war'? doch! Haben Sie denn gut sehen können?" — „Ja, ich habe ihn ganz in der Näh? gesehen!" — „Und ich auch, ich auch!" Alle haben ihn gesehen — damit be­gnügen sie sich und trösten sich über das stundenlange Harren in Glut und Staub. Und wer ihn nicht gesehen hat, wie er stattlich einherschritt in seiner glänzenden ..Lohengrin" Rüstung, der stellt sich doch wenigstens leb- hast vor, wie er ausgesehen haben könnte, wenn nicht so fiele Leute sich unverschämt dazwischen geschoben halten. Und das Bild wird allmählich so deutlich in der 'üblich entflammten Phantasie, daß deren Besitzer bald wirklich glaubt, ihn gesehen zu haben, und die wunder- barsten Einzelheiten seines Gesichts und seiner Gewan­dung beschreibt. Tenn gesehen muß man ihn haben, sonst zählt man einfach in Rom nicht mehr mit.

Und jeder weiß etwas neues oom Kaiser zu berichten. Wie er dem Grafen Lanza und dem ehrwürdigen Ge­neral de Sonnaz aus dem Kranze, den er im Pantheon nu Humberts Grab niederlegte, zwei Rosen brach und tum Gedächtnis überreichte. Wie er bei der Rückkehr vom Vatikan den Gendarmen mit lachender Miene wehrte, als sie die allzu vorwitzigen Bewunderer auf der Piazza Venezia zerstreuen wollten. Dort hatte die Menge näm» Ilch direkt den kleinen Belagerungszustand über ihn ver­hängt. Die Tramways standen in langer Reihe, zwisck>en ihnen Wagen auf Wagen, die Schutzleute waren kaum imstande, die nötige Fahrbahn für den kaiserlichen Zug frei zu hallen. Unb auf und neben dieser Wagenburg eine schier unglaubliche schwarz wimmelnde Menschen­menge, von der sich die Tollkühnsten bis unmittelbar unter di? Hufe der kaiserlichen Equipage drängten. „Und der Kaiser lächelte nur, so sympathisch! Er ist überhaupt ein Simpaticone, ein wahrer Ausbund von reizenden! Menschen!" Ein anderer will wieder gesehen haben, wie der Kaiser nach dem Verlassen des Vatikan zu einem Fenster der p äst liehen Gemächer hinanfgewinkt habe, an dessen blitzenden Krystaltscheiben sich ein ehrwürdiges Greisenaul litz gedrückt habe, um bem kaiserlichen Zuge nachzusehen. Der Erzähler will Leos XIII. scharf markierte Büge ganz deutlich erkannt haben. Und dann, welchen marinen Anteil der Kaiser genommen habe an bem Schick fat des einen Offiziers der Luftschifferabteilung, der das Unglück hatte, bei einem Balkonmanöver statt, wie be­absichtigt, zu landen, wieder in die Lüfte gerissen zu werden. Wie er sich gefreut habe, als endlich die Nach­richt eintraf, daß es dein Wackeren gelungen sei, schließ- kich doch glücklich bei Aquila den Erdboden zu erreichen! Und weiter — „Sahen Sie, wie herzlich er lachte, als ber beleibte Abate, der, um besser sehen zu können, auf den Rand der Fontana Trevi geklettert war, das Gleich- gewicht verlor und in das kühle Waß hineinpurzelte'?

bat sicherlich Sinn für Humor und ist nicht blasiert." lind so trägt jeder ein buntes Steinchen zu einem glän-

Mosaikbilde zusammen, das in der Erinnerung der Römer an diese schönen Tage ständig fortleben wird.

Aber über all der Plauderei darf man nicht verges- fen, daß auch heute nachmittag Gelegenheit ist, den Kaiser zu Gesicht zu bekommen. Man versäumt sie nicht Man begrüßt Hm auf der Fahrt zum Forum, wo er die Ausgrabungen besichtigt. Man erwartet ihn dann wieder bei dem wuchtig emporstrebenden Riesenbau des fast vollendeten Viktor Emanuel-Denkmals, von dessen 4>Iattform er den Rundblick über die ewige Stadt genießt.

11 ^nmt aber auch, wenn irgend angängig, nicht, K kaiserlichen Prinzen sich noch einmal ordentlich in der .cape anzusehen, als sie langsam zum Petersdom fahren, um von dessen hochragender Kuppel aus das bezaubernde Panorama der Siebelhügelstadt in sich auf­zunehmen. Triumphierend erzählt man sich, daß die jun­gen Herren von dein Anblick so entzückt gewesen sind, daß pe ihren kaiserlichen Vater bestimmt haben, noch länger in Roin verweilen zu dürfen, auch wenn er abreist. Und er, der Simpaticone, hat der Bitte gütig gewillfahrt. Tic Prinzen nehmen in der deutschen Gesandtschaft im Palazzo Caffarelli Wohnung. Tnß der große Ordens­regel!, der sich über die hervorragenden Persönlichkeiten des Hofes, der politischen Welt und der Stadt Rom ergoß, mit befriedigter Eitelkeit besprochen wird bedarf kaum besonderer Erwähnung. '

Besuch im frUftet Cassino.

IIP. Rom, 5. Mai.

Viktor Emanuel und seine herzoglichen Vettern von Aosta, Genua, den Abruzzen, sowie der Gras von Turin begleiteten heute den deutschen Kaiser und seine Söhne nach dem altberühmten Kloster Monte Cassino in der Provinz Caserta. Um 9 Uhr ging der Hofzug von Rom ab und langte gegen 12 Uhr in der alten Volskerstadt Cas-

In der sonst stillen Stadt herrschte reges Leben. Fremde waren von allen Seiten hinzugeströmt, um Kaiser und Kö­nig zu sehen, zahlreiche Truppenaufgebote waren hinbeor- bert, um vom Bahnhof zur Abtei Spalier zu bilden. StN' Hon und Stadt prangte in herrlichen! Blumen und Fahnen­schmuck. Tie Begeisterung der Bevölkerung übertraf fast noch die der Römer. Jin Kloster wurden die Monarchen von dem Erzabt Pater Krug und bem ganzen Kapitel im Fuß der großen Treppe empfangen, auf deren Stufe Alumnen des im Kloster befindlich!« Priesterseminars in Doppelreihe Spalier bildeten. Der Zug begab sich dann, Den ersten und znniten Klosterhof durchschreitend, direkt in die altersgraue Kirche. Des Kaisers bewundernder Blick weilte hier vor allem auf dem herrlichen bronze­nen Hauptportal, das im 11. Jahrhuudert zu Konstanti nopel gegossen worden ist, und deß reichen Wandmale eeien und Schnitzereien der Chöre. Bon hier ging cs in Den prächtig geschmückten Kapitelsaal. Dann mürbe die Kammer des H. Benedikt besichtigt, das astronomische Ob iervatorium und die Pinakothek. Im großen Archiv­saal überreichte ber Erzabt dem Kaiser Wilhelm eine in Monte Cassino gedruckte Geschichte ber Hohenzollern Bald nach vier Uhr nachmittag- begaben sich die Mon­archen zum Bahn! o‘ zurück und langten in Rom um 7 Uhr wieder an

Vereitelter Massenmord in Saloniki.

Tie ungeheuerliche Ruchlosigkeit der mazedonischen Freiheitskämpfer und zugleich die Wahrheit des alten Spruches, daß bei allem Unglück immer noch ein Glück ist, erweisen die letzten Nachrichten aus Saloniki. Bei den Aufräumungsarbeiten in dem von den Dynamitbolden zerstörten Gebäude der Ottomanbant stieß man auf eine große Mine, die sich nicht nur unter das ganze Bank- gebäube und das benachbarte europäische Klubhaus, son- Dcrn unter das gesamte Europäerviertel erstreckte: die ganze europäische Niederlassung sollte also in die Luft fliegen. Uns wird darüber berichtet:

Der ausgedehnte Minenstollen war etwa zwei Meter hoch und 1 Meter breit und mit Holzstreben unb Balken oben und an den Seiten verspundet. An verschiedenen Stellen fand man große Dynarnitlager, die bnreh eine Kupferdrahtleitung miteinander und mit einer starken elel irischen Batterie verbunden waren und von dieser aus zur Explosion gebracht werden sollten. Nur ein glücklicher Zufall verhinderte das Gelingen des ungeheuren Verbre­chens: Durch die erste Bombe, die in die Bank geschleudert wurde, wurde eine Mauer Hingerissen, die Erschütterung bei dem Zusammensturz hatte zur Folge, daß der Minen- [tollen verschüttet und Die Drahtleitung nach der Batterie Dabei unterbrochen wurde. So versagte denn die Leitung. Man male sich die unabsehbaren Folgen aus, die eingetre ten wären, wenn dieser Massenmordanschlag gelungen wäre!

Trotz solcher Entdeckungen, die doch wohl die Befürch hing rechtfertigen, daß die bulgarischen Mazedonier ihr ruchloses Vorhaben weiter fortsetzen werden, ist die Pforte dem türkischen Fatalisnius entsprechend — ziemlich sorglos. Nachdem sich herausgestellt hat, daß wenigstens in Konstantinopel die Häuser einstweilen noch vor dem Jndieluftfliegen sicher sind, ist man am Goldenen Horn wieder ganz guter Dinge unb denkt nicht daran, energische Vorkehrungen gegen eine Wiederholung solcher Anschläge ;u treffen. Ein papierner Protest bei der bulgarischen Re­gierung gegen das Treiben ihrer Staatsangehörigen und Deren Unterstützung durch das Sofioter Kabinett, ein Pro­test, den der bulgarische Ministerpräsident Danew natür- .ich prompt mit gekränkter Unschuldsmiene zurückgewic- sen hat, das war alles, wenn man von einer kleinen Ver­schärfung der Ueberwachung der bulgarischen Elemente in Den Städten Mazedoniens absieht.

Nicht die bulgarischen Mordbrenner und Tynamit- ooldc machen der Türkei und dem Sultan Sorge, son­dern das einstweilen noch ganz harmlose Erscheinen der Kriegsschiffe der Mächte vor Saloniki. Vielleicht wird er Durch bic Versicherungen der Mächte, sie beabsichtigten kein bewaffnetes Eingreifen, sich auch hierüber beruhigen lassen. Denn in der Tat huben die Mächte einstweilen keine Lust, sich in die Sackte al.io el.izumischen, um o weniger, als die mazedonisch .« Europäer nichts sehn­licher wünschen, als eine bewas nete Interventlon Euro- oas, bei der sie im Trüben zu fischen hoffen. Aber schließ­lich wird ihnen, wenn der Sultan weiterhin den maze- )onischen Zuständen untätig zu sieht, nich s übrig blei- Dcn, als doch einzugreifen, und wenn sie heu^e auch versichern, sie dächten nicht an einen Einmarsch ober eine Truppenlandung in Mazedonien, so rüsten sie sich doch chon für den Fall, daß ein Eingreifen unvermeidlich werden sollte. In Südungarn z. B. werden neuerdings 300 Eisenbahnwagen für etwaige Trppentransporte nach Mazedonien bereitaebalten. Und aus Rußland und Stta»

ioch werden mag.

Man weiß niuu, was

Bei einem Zusammenstoß bulgarischer Banden mit türkischen! Militär bei Gabrovo soll ein deutscher Of- hier, der die «ürli scheu Truppen befehligte, getötet wor

)cn sein.

Saloniki sind alle

bulgarischen Gymnasiums, welche im

cofefsoren des erdachte stehen,

revolutionär? Bewegung zu len n, verhaftet worden.

Die politiR.

Neue M onntchuibegegunngen.

::: König Eduard von England wird noch in diesem Sommer eine ganze Anzahl weiterer Besuche an euro-

päischen Höfen penhagen zum nigs Christian St. Petersburg Berlin, lvo er aufhalten wird.

abstatten Mitte Juli fährt er nach Mo- Be suche seines Schwiegervaters, des Kö- von Dänemark, dann Ende Juli nach und von dort aus Anfang August nach sich wie in Petersburg drei Tage lang

Bor seiner Abreise nach Kopenhagen

wird er Anfang Juli noch den Besuch König Viktor Emanuels empfangen, der unterwegs auch Gast des Prä-

fidenten Loubet in Paris sein mirb. Für König wird der Sommer danach ziemlich strapaziös zumal da er im August noch eine Fahrt nach unternehmen soll.

Neuer Militärskandal in der Schweiz.

Eduard werden, Irland

)( Mit ihrem Milizwesen haben die Schweizer auch im Frieden wenig Glück. Vor einigen Tagen erst gab es ein großes Aergernis, als sich herausstellte, daß der Oberst Martwaloer, dem das Remouteweseu unterstellt war, sich grobe Unregelmäßigkeiten hatte zu Schulden kommen Taf sen. Jetzt wird schon wieder ein ähnlicher Fall gemeldet Der Direktor der Kriegspulverfabrik Worblaufen bei Bern, Stämpfli, hat sich grober Unterschlagungen schuldig ge macht. Er ist seines Amtes entsetzt und in Sanft genommen

worden. Vorher versuchte er, sich durch Oeffnen der Puls­adern das Leben zu nehmen. Er mirb demnächst vor Ge­richt gestellt werden. Es ist nicht ausgeschlossen, daß noch andere Militärs in die Affaire verwickelt sind.

Militärs in die Affaire verwickelt sind.

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Die blutigen Exzesse in Mifdjinciu. Nähere Einzelheiten über die während Osterfestes in Mifcbiiiem, Gouvernement

des rns

Bessara- bien, borgeLmunenen Metzeleien unter der jüdischen Be­völkerung werden jetzt bekannt. Nach Berichten von

Augenzeugen sieht die Stadt jetzt aus, als sei sie von einem Erdbeben oder einer großen Feuersbrunst betraf» f'en worden. Etwa 50 Menschen wurden getötet, 100 schwer und 500 leichter verwundet. Bon den Verletzten, Die zum Teil barbarisch verstümmelt sind, sterben täglich noch mehrere. Etwa 10000 Menschen irren obdachlos und ohne Nahrungsmittel umher. Viele Frauen wurden ge­schändet; auf einem Friedhof sah ein Augenzeuge des Gemetzels die Leichen dreier Frauen: der einen war der Bauch kreuzförmig aufgeschlitzt, der anderen waren eiserne Nägel in die Nase geschlagen, der dritten hatte der ent­menschte Pöbel die Brüste ausgeschnitten. Einem Gym­nasiasten wurde die Zunge herausgeschnitten und er dann niedergcmacht. Von vielen Seiten wird berichtet, daß der fanatische Pöbel die kleinen Kinder der jüdischen Fami­lien aus den oberen Stockwerken der Häuser auf die Straße geschmettert hat. Die Veranlassung zu dem Blut­bade war ein Artikel des in Kischinew erscheinenden Blat­tes, in dem die israelitische Bevölkerung eines Ritual-

mordes Haltung Unschuld lebenden wohl in

bezichtigt wurde. Geradezu unerhört war die der russischen Behörden, die jetzt ihre Hände in waschen und sogar Sammlungen für die über- Opfer des Massacre veranstalten lassen. Ob- Kischinew 5000 Mann Militär und eine starke

Polizeimannschaft stehen, griffen die Behörden doch nicht ein. Zwei Tage lang konnte der Pöbel ungehindert sei­ner Mordlust fröhnen, Polizei und Militär rührten kei­nen Finger, außer — um sich selbst an den Plünde­rungen, die das Gemetzel begleiteten, zu beteiligen? Wahrlich, ein Jdealstaat, dieses heilige Rußland!

Kurze politische Nachrichten.

* Im britischen Oberhause kam die bekannte Skandal­geschichte der Prügelung britischer Leutnants durch ihre Kameraden zur Sprache. Feldmarschall Roberts er- klärte, er sei fest entschlossen, solche geschmacklose und entwürdigende Gepflogenheiten abzustellen.

* In San Domingo hat die Rebellion endgiltig gesiegt. Tie bisherige Regierung ist gestürzt, und die Aufständischen sind Herren des Landes. Ta nun bic Republik sich um ihre Verpflichtungen aus der aus­wärtigen Schuld nicht kümmert, dürften die Gläubiger San Domingos, Deutschland, Amerika, Frankreich, Eng­land u. a., unter Umständen ähnlich gegen die säumigen Schuldner vorgehen, wie es jüngst Venezuela gegenüber geschah.

* In Nicaragua dauert die Revolution fort. Der Dampfer der Aufständischen ,,Viktoria" hat den Regie­run asdampfer „Once de Julio" mit der gesamten Mann­schaft in Grund gebohrt. *