Nr. 55.
Freitag, den 6. März 1903.
12. Jahrgang.
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OewemeaWiri*: te ti*n, ü|ejik tMnetii* W ^«., m'< Haus gebracht 90 Pfg., durch die Post dezogen viertöl- jährlich Mk. 1.50.
•t*ttebtU<gm : Oberheffische ^«etltmidtÄwq (täglich) QderhesMche Zeitschrift fit -»«bwirtschaft, Qbst- ww5 •artraba«, sowie die •ietrwet Cetfeebürf« (wöchentlich). Das Blatt erscheint tu tin Berttagen nichmcuas«.
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für Oberheffeu und die Kreise Marbnrs und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtliche« Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhe^en.
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Gin gefährliches CUirtscbaflsprinzip.
— Zur Angelegenheit der Kasseler Trebertrocknung. —
Von unserem Berliner ^.Mitarbeiter wird uns ge tchrieben: Ter Prozeß gegen den ehemaligen Direktor der Leipziger Bank, Einer, der augenblicklich stattfindet, offenbart bereits den tieferen Zweck der Mas feier Treber- tlocknungsnnternehm'mgen, bezw. den leitenden Wcban- ken, dem der verl-aftete Diresior der Trebertrocknung, ^buarb Schniidl, nachging U«? wäre ein Grundirrtum wenn man a mummten wollte, jener Mann sei lediglick 'in großer Scknuindler gewesen, der nur Geld aus bei Menge heran blockte, um nichts dafür zu leisten. Das ist keineswegs bei Fall. Schmidt hat eine Reihe bedeutender Unternehniiliigen geschaffen und organisiert, aber do 'r ein zu großer Optimist mar, so beobachtete er bei dem Erwerb der Erfindungen und bei den Gründungen nicht die nötige Vorsicht. Er schuf Unternehmungen, die garnicht oder wenigstens nur sehr spät erst einen Erfolg abwerfen konnten, und al. die nach der Dividende schmachtenden Weibgeber die Hand aufhielten, da ward er zum Verbrecher, indem er die Bilanzen fälschte und unrichtige Darstellungen über die Lage der Verhältnisse gab. Aber auch in diesen Stadium verließ ihn der Optimismus noch nicht. Unaue gefegt jagte er dem Gedanken nach, alle die Unternehm nningen zu einem sogenannten Riesentrust zu vereinigen, der, nne ein Sachverständiger in dem Prozeß Exner be kündete, ganz gewiß Großes geleistet haben würde, auch wenn es nicht gelungen wäre, alle einzelnen Untern eh mungen zu sanieren. Ueber diesen Punkt sind die Mei nun gen durchaus geteilt. Die Anhänger von Schmidt be hauptcn, daß das Eingreifen der Kritik eigentlich erst die 3u)animmbrüd)e herbei geführt und dadurch den gei fügen Leiter dieses ganzen Riesengebäudes in seinem Werke gestört habe. Zu den Leuten, die es glauben, gehört auch heute noch der ehemalige Bankdirektor Exner, der bMd' sein blindes Vertrauen in die Aussichten bei Schmidtschen Unternehmungen ebenfalls zum Verbrecher geworden ist. Ein anderer Teil aber ist der Ansicht, daß es niemals gelungen sein würde, die sämtlichen Unter nehnrungeu derart rentabel zu machen, daß das aufge wendete Geld seine Frücht? getragen hätte. Wäre aber dein verhafteten Sck-midt der große Wurf gelungen, dann würde ihn die Welt zu den großen Strategen der Wüter* erzeugung zählen, wie Rockefeller, Sck)wab und Morgan, die das Petroleum, das Eisen und den Verkehr nahezu auf der ganzen Erde behcrrsck-eii. Bei derartigen Naturen kiitscheidet lediglich der Erfolg über ihr Ansehen und den Xiamen, den sie vor der 2belt tragen.
Andererseits offenbart aber auch dieses Sck)icksal lvie der die Grenzeii der inenschlichen Leistungsfähigkeit und da- Auf und Nieder im Gebell. Hierauf mögen namentlich diejenigen achten, die von den amerikanischen Trust magnatrn den Ruin unseres Wirtsck-aftslebens fürchten. Mänrrcr, wie Rockefeller, Schwab und Morgan, unter- scheidei: sich von Schmidt und Exner nur durch ihre glück sichere Hand. Wer sie haben, wie diese, alles auf eine Karte gesetzt, und daS Riesengebäude stürzt, wenn es ü« mqelHcu zu zerbröckeln beginnt.
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Die ßalhanwirren.
^mmvr langsam voran! lautete Don jeher der Wahl- sPrnch der türkischen Regiermig in bezug auf die Ausführung der Reformen. So anen jetzt bei der mazedonischen Reform. Zwar der Sultan Abdul 5? a m i d gibt sich ben Anschein, als sei er fest entschlossen, das Reformpro-- fest zu De rinir Hüben, doch ist darauf nicht allzuviel zu geben. Der Padisckmh ist ein Meister in der diplomatischen Verstellungskunst, und wenn er — wohl das erstemal während seiner langen Regierung — ehrlich gewillt wäre, seine Bcrichrechungen zu erfüllen, so hätte er doch mit dem Fanatismus seines Volkes und der Armee zu rechnen, welcher möglicherweise das Reformwerk vereiteln könnte. Inzwischen bereitet die Pforte ein Memorandum vor über die Propaganda der mazedoiuschen Komitees und die jüngsten, mit dem Bandenunwesen zusammenhängenden Vor^ fälle zur Mitteilung an die Großmächte.
Nach einer Leibung aus Sofia hat zwischen einer zohlreichen Bande von Blufft an bis dien unter dem Befehl des bekannten Saratofi unb einer Abteilung türkischer Trrrppen bei dem Dorfe Vladimirowo ein (vefecht stattge funden, in tvelchern die Aufständischen zehn Tote und Verwundete hatten. Der Verlust der Türken war größer. Sarotofs schlug sich nach dem Treffen ins Webirge.
Das Land der Schwarzen Berge möchte von den gegenwärtigen Wirren auch gern profitieren. s)Lad) Berichten aus Cetinje hat die montenegrinische Regierung allen kampfpflichtigen Männern die Weisung zukommen lassen, sich bereit zu halten, um längs der Grenze gegen Novibazar Aufstellung zu nehmen. In Kreisen, ivelcbc der mentenegrinifeben Regierung nahe stehen, >mrd Der sichert, daß, wenn der Status quo auf der Dalkanhalb ins el geändert mirb, Montenegro einen Handstreich unter nehmen wurde, um sich der Gegend von (Kennje und Plava,
auf die es nach bem berliner Verträge Anwruch zu haben glaubt, zu bemächtigen. So itbielen die Klemen des Balkan uach dein fVall des türkischen Bären, noch l>euor er erlegt ist.
Griechenland will die Gelegeuheil benutzen, um wenigstens für feine Volksgenossen in der Türkei einen Vorteil zu erzielen. Nach einem Telegramm aus Atheic hat die griechische Regierung an die Großmächte eine Note gerichtet, worin sie ersucht, vom Sultan dieselben Refor men, welche Mazedonien erhalten soll, für die Bewohner des Vilajets Janina zu fordern, da die dortige griechische Bevölkerung unter dem Drucke der obwaltendeu Verhält risse schwer leidet.
Deutscher Reichstag.
277. Sitzung. E,gr«c Vericht.
— Ein strafrechtlicher Wunschzettel. —
Den Reichstag beherrschten diesmal die Iürrstcn. X e n 8 ni a n n (frf. Vp.) leitete die Beratung des Justizetats mit dem Vortrag einer dichtbesetzten Menukarte bic er bem Staatssekretär Dr. Nieberding überreichte Er erfannre an, daß eine grunblegenbe organisatorische Reform des Strafprozesses und des Strafrechts eiuer gründlichen Vorbereitung bedürften, lvie sie in freien Kommissionen jetzt begonnen hat. Aber losgelöst und vor Durchführung dieser großen Reformen verlangte er die Einbringung eines Gesetzes über den Strasiwllzug, eine Beseitigung des «»roden uusugparagrapheu, eine andere strafrechtlichc Bc-Haridtung der Majestätsbeleidi gnngen, eine Zerteilung der großen Gerichte unb and re Maßnahmen gegen die Pro.zeßverschleppung und viel?? andere mehr. Taun nahm der westfälische Jurist in eigener ^ache das Wort unb urrchte den Versuch, eine ui der weiten Öffentlichkeit unb namentlich in den rid) terlichen Kreisen lehr bemerkten Aeuß?rui>g, die er vor einiger Zeit von der Tribüne des Reichstags gel an hatte, S ?^br Bedeutung abzuschwächen, nämlich daß es im Westen keine politischen (Berichte gebe, wi? das im Osten ber Fall sei. Im preußischen Abgeordnetenhause hatte der ^'Ustizminister Dr. Schönstedt unb auch ein politischer Gesmuungsfreund des Abg. Leuzmanu gegen diesc Bemerkung eine scharfe Verwahrung eingelegt, und d.'r Staatssekretär Dr. Nieberding schloß sich ihr heute an llud iDolUc die heutige Erklärung, daß „politisch" nicht gleichbedeutend sei mit „parteiisch", nicht gelten lassen. VLus dem Wunschzettel des freisinnigen Redners griff ber Ehes der Reichsjustizverwaltung nur zivei fragen heraus, den Strafaufschub und ben Strafvollzug; den ersteren erklärte er noch nicht reif für eine gesetzliche R' gelung unb der Regelung des Strafvollzugs müsse die neue Feststellung des Sirafensystems borattnehen. Der ReichSgerichtsrat Dr. Spahn erinnerte als Redner des Zentrums an die alte Forderung eines strafrechtlichen Vorgehens gegen das unlautere Ausverkallssweseu und verlangte eine ßntlapnng des Reichsgerichts durch Her aufsetzuug der Revisionssumme von 15 00 aus 3000 Mk XT. Niebe r.b i N g erkannte die Biwechtignug dieser For derung an, verblieb aber gegenüber dem wiederholten Eintreten des iiationaHiberalen früheren Leipziger Amtsrichters Dr. Esche für eine Herabsetzung der 'StrarE Mündigkeit von, 12. auf das 14. Lebensjahr bei feiner ajir Zeil wenigstens noch ablehnenden Stellungnahme Der Sozialdemokrat $ eine polemisierte sodann gegen die Erklärungen der preußischen Minister in Sachen der polizeilichen Mißgriffe.
Abg. Czarlinski führt Klage über die Behandlung der Polen durch die Rechte unb legt Bilder vor, bic wegen ihres angeblich aufreizenden Eharakters konfisziert waren. Staatssekretär Dr. Nieberding weist die Ber- dachnguugeu des Vorredu. - gegen die deutschen Gerichte
. ^dg. Raab «Antis. macht anfmertfam auf eine Wnhdtcibung des Reichsgerichts, wonach der Vermieter vertragsmäßig als Klausel das Kahlpfäiidungsrecht, das nach bei Zivilprozeßordnung aufgehoben ist', wieder in Anlpruch nehmen kann. Staatssekretär Dr. N i e b e r b i n a erwidert daß sowohl er, wie der preußische cufti .mimfter schwere Bedenken gegen diese Entscheidung hätten
Die Politik.
Die Reife des Kaisers.
F Wie noch zur Utetrutetn^ereibigung rn Wilhelmshaorn gemeldet wird, überreichte der Kaiser nach der feierlichen Handlung dem katholischen und dem evangelischen Marinepfarrer eine Kopie seines an den Admiral Hollnrann gerichteten Schreibens über „Babel und Bibet".
Von Wilhelmshaven ging der Kaiser mit dem Lion?»- schiff „Kaiser Wikhelnl II." bei etwas stiirmischein Setter nach Helgoland in See. Der Großherzog von Oldenburg folgte mir dem Kreuzer „Niobe" und ^. M. S. „Sleipner" fuhr als Begleitschiff mit. Tre Ankunft in iMgolaub erfolgt MXr bca Satarschufien der S^curddarterie.
Wi^m av bleibt deutsch
Die Preßerörleruugeu iitxr das künftige Schicksal des iwr hundert Jahren von S<hu>e0eu an Mecklenburg verpfändeten Wismar dürften sich als gegenstandslos erweisen Die Angabe, der WrjO;bergig o?n Mecklenburg Schwer m wuuiche, daß bic formelle @rle: igung des Pfand Vertrages durch einen Sdiiebfpruch oeS Königs Ehristiau von Dänemark herbiugt sühn werben soll, wirb von ben den offiziösen „Medlenb. Nachrichten" bt'ineniieri Das Bwit roeift darauf hin, daß im vorigen Jahre der icbwebi'dje Minister des Ä ußern in b:r Main- mer dar logte, wre nuin beim AbschUtß des Vertrages von 1803 vollkommen darüber einig gewesen fei, daß ine Einlösung des verpfändeten Wismar nicht mehr in Betracht kommen sönne. Eine sogenannte Wismar Frage bestehe überhaupt nicht. Demnach wäre bic Einlösung? Klausel gar nickn ernst gewesen, sondern nie pro forma in ben Vertrag ausgenommen, und die Wio- marauer, über denen so lange das Tanvoll es niuvert bei Siebernuviieferung an Schweden g dnuebt, sönnen auf* atmen sie bleiben Deutsche. Selbstverständlich hat niemand im Erliste je daran gezlveisett.
Deutschland in St. Louis.
G Der Reichskvmmissar für bic Weltausstellung von 3t. Louis 1904, Dich. Obcrregiecuugsrat Lewald, hat fiel über die varausjichtliche 'Beteiligung Deittfchtauds an bei genannten Ausstellung sehr hoffnungsvoll geäußert. Da nach steht es schon jetzt fest, daß das Deutsche Reich in St. Louis sehr gut vertreten fein wird, und zwar nicht nur innerhalb des Don Anfang an vorgesehenen Rahmens Ursprünglich sollten von Deutschland nur n - Abtc iluiigeu für Er^iehuugSlvescn, Mm.ft unb Kurrstgewerbe beschickt werden. ?«iach ben bivrei: j/u Entschließungen sind jedoch bereits hiuzugekornmeu Bllchgowerbe. die 7c11i11h* dustrie, bic Nahruu smit»e! b»anche, laudwir.schaftliche E Zeugnisse, Votksloirljc.'af!uches, Stahliuvunrie und Ma- schineuweseu. Bei der Winzigkeit, ivelche von der Heilung der Weltausstellung gerade dem Erziehungswesen beige legt wird, ist es besonders von Belang, daß der niüemati scheit Darstellung unseres Unterrichtswesens ein hr iter Raum gewährt wird unb namentlich auch unsere v och fchuleiuricblmigeii in einem Umfang zur Veranschaulichung gelangen, der ihrer Bedeutung für das deutsche Weiftet leben iu vollstem Maße gerecht ivird. Der Staat wird als Aussteller u. a in dem Departement für Volkswirt schaft figurieren. Die Arbeiterverjicherung unb Arbeiter jdjuhgefeegebung soll ausführltch bar gestellt und auch den Einrichtungen für ArbeiterwohNahrt ein Platz eingeräuint werben.
Sturze politische ^t'achrichte».
* Gegenüber der 'Behauptung der sozialdemokratischen Münchener „Post", wonach der Kaiser ben Bries über „B abel und Bibel" nicht selbst verfaßt Itabeu soll, stellt bie halbamtliche „Nordd. Allg Ztg." fest, daß die ser bedeutsame Brief vom ersten bis zum letzteu Wort au» der Feder des Kaisers geflossen, unb daß kein von anderer Seite herrührender Entwurf dabei irgendwie benutzt war beu ist.
* Der Staatssekretär des Innern, Graf Posa- dvwsky, hat sich eine leichte Erkältung zugezogen unb muß das Zimmer hüteu.
* Im sachsetl-weimarischeu Laudtage erklärte der Staatsmiuister Dr. Rothe, daß bic ive1 imarisehe Regierung im Bundesrat gegen die Aufhebung des 8 2 des I c s u i t e n g e s e tz e s stimmen iverbe.
♦ Aus allen Teilen der Diözese Trier laufen täglich bei dem Bischof Ko rum von den (Geistlichen Zustim luuugserktärilugen zu feinem Kampfe gegen die paritä tischen Schulen ein.
* Das Befinden des Papstes ist verhältnismäßig gut.
* Die englische Regierung hat den Gebrauch der Lanze in der Armee ab geschafft. Die dadurch frei gewordene Zeit ist auf Schießen unb Reiten zu verwenden.
preussischer Landtag.
Daus der Abgeordneten.
86. Sitzung. Eigener Bericht.
— Bauarbeiterschutz. —
Bei der Fortsetzung der Etatsberatung begründete der Abg Hirsch (freist Bp seine Resolution/ die Re- gierung um eine Gesetzvorlage zur Regelung des Bau- arbeilerschutzes namentlich zum Zwecke wirksamerer Unfall- und Kraukheitsverhütuua, zu ersuchen. Er führte dabei aus, daß die Hauptschuld in der gouz ungenügenden Bauaufsicht liegt. Abg. Schwartze str. beantragte, die Resolution in etwas anderer st i jung au- zuuehmen: nämlich die Regierung zu ersuchen, im Weg" der Gesetzgebung oder der Verordumlg (Paragraph 120 e der Gewerbeordnung- einen wirksameren Schutz der Bauarbeiter zu sichern. MinisterjaldixLktor S ch u l z erklärte