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UNr. 129.
jFreitag, den 5. Juni 1903.
12. Jahrgang
toe««eme*t8»*ei8: in «Hegen, abgeh.lt monatlich 60 Psg., in'« Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährlich Mk. 1.50.
Ek^-tâge« : Oberhesfische flamilteureitung (tSglich) Oberhesstsch« Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst- und »«rtenbau, sowie die Siebener «eifenblasen «wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werttagen nachmitags.
Gießener
J«fertio«Sprei Sr Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberheffen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg.; Reklame« die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.
Postzeitungsliste No. 3269.
Redaktion unb Expedition: Gießen Neuenweg 28.
Fer«sprecha»schl«ß Nr. 368.
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Eriumph der angewandten Wissenschaft
CB. Staatssekretär Gras Posadowsky und Freiherr von Rheinbaben, der preußische Finanzminister, haben auf dem internationalen Chemiker-Kongreß, der zur Zeil in Berlin tagt, die chemische Wissenschaft als einen Teil Der modernen Weltwunder gefeiert. Graf Posadowsky schilderte eingehend den wunderbaren Entwickelungsgang, der Dieser Zweig gemacht habe, und betonte, daß sie Berge versetze und Täler auffüllen könnte. Zwar habe du moderne Wissenschaft und insbesondere die Chemie einen Teil der Kriegswerkzeuge geschaffen, aber immerhin sei die wohltätige Wirkung unserer Fortschritte größer, als die zerstörenden Instrumente. Denn auch diese bienen ja eigentlich dem Fortschritt der Menschheit, indem sie dazu verwendet werden, um die modernen Verkehrsmittel durch die Berge und über" die Meere zu führen. Diese Errungenschaft würde niemals erreicht worden sein, wenn sich nicht die Wissenschaft mit der Technik und mit der rein handwerksmäßigen Kunstfertigkeit zu einem idealen Bunde vereinigt hätte. So kann gerade die Chemie eigentlich als die typische Verkörperung der mobernen Arbeit gelten. Denn welche Tätigkeit man auch annehmen möge, eine jede mirb erst leistungsfähig durch den Geist, der sie beseelt. Selbst der moderne Handwerksbetrieb kann nur dadurch auf der Höhe der Leistungsfähigkeit erhalten werden, daß schon in der Lehrlings- erziehung auf eine geeignete theoretische Ausbildung Bedacht genommen wird.
Bis etwa zu Anfang des vorigen Jahrhunderts war Deutschland die Heimat der rein theoretischen Gelehrsamkeit. Wir hatten die größten Philosophen, die größter Dichter, aber auf dem Gebiete der Industrie unb der Technik waren uns fremde Nationen und vor alten Dingen die Engländer bei weitem überlegen. Ein neuer Geist zog in die Wissenschaft erst ein durch die Naturphilosophie unb durch den eminent praktischen Sinn, bcin unser Altmeister Goethe und die Brüder Alexander und Wilhelm von Humboldt den Weg geebnet haben. Seitdem hat die deutsche Wissenschaft sich vor allen Dingen auch auf praktischem Gebiete betätigt, unb wir dürfen stolz darauf sein, daß sie hierin auch tatsächlich die erste Stellung aus der Welt einnimint. Speziell aus dem Gebiete der chemischen Wissenschaft ist Deutschland den anderen Nationen soweit überlegen, daß die meisten chemischen Präparate und Fabrikate in der Zolltarifre- form, die gegen Schluß des Vorjahres zur Annahme gelangte, vollständig ohne Schutzzoll geblieben sind, weil auch auf dem offenen Markte Deutschland durch die fremben Nationen nicht vertrieben werden konnte. Nicht minder groß ist unsere Leistungsfähigkeit auf dem Gebiete der Technik. Der Hauptbeweis dafür ist die un- umfchränfte Anerkennung des Auslandes, die darin ihren besten, allerdings auch für uns gefährlichen Ausdruck findet, daß von allen Enden der ganzen Welt junge Leute zur technischen Ausbildung nach Deutschland kommen. Unsere Hochschulen sind allmählich geradezu durch Hörer aus aller Herren Länder in eine Notlage geraten, sodaß es wohl eine Frage der Zeit sein dürfte, daß den fremden Nationalitäten der Zugang zu unserer angewandten Wissenschaft erschwert werden muß, damit den Kindern des eignen Volkes der Weg dazu offen bleibt.
Die Politik.
Ein Minister gegen den Bund der Landwirte.
::: Auf der Wanderversammlung der Württembergischen Landwirte in Geislingen hat der Minister v. Pischek eine Rede gehalten, die noch zu mancherlei Preßerörte- cungen Veranlassung geben dürfte. Der Minister erinnert daran, daß die Wünsche der Landwirte noch vor drei Jahren sich in engeren Grenzen bewegten, als dies jetzt von den Führern der Landwirte geschehe. Die Landwirte, bereu Lage sich allerdings nicht gebessert habe, würden von besoldeten Agitatoren zu immer neuer Begehrlichkeit angereizt. Die Regierung müsse der Landwirtschaft Schutz gewähren, in gleichem Maße aber auch Der Exportindustrie. Der Minister schloß mit einem eigenartigen Hoch! aus die Landwirtschaft und die Landwirte:
.,Sie sollen leben, aber auch leben lassen!"
Chamberlains Pläne.
)( Mr. Chamberlain versteht es, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Er hat an ein australisches Blatt einen Brief gerichtet, der gleichzeitig einen warnenden Wink an die Kolonien bedeutet, sie sollten ihn bei seinen zollpolitischen Vorschlägen unterstützen, und der andererseits bem Minister die Möglichkeit gibt, mit guter Art da- oonzukommen, wenn aus seinen Rianen nichts wird. In den Briesen an das australische Blatt erklärt Chamberlain, wenn sich die öffentliche Meinung in den Kolonien in der Tat feindlich oder gleichgiltig verhielte, bestände nicht die geringste Möglichkeit, die Sollreform zu verwirklichen. Er würde sich für berechtigt halten, den Kamps auszugeben, menn er nicht warm von den Kolonien unter- stüvt würde. — Einstweilen ist die Stimmung der Kvlo-
ggHPWgffreg^EMHaMMte'MaiW^^ IfMMMBMMMnMMBBMMB men für die Chamöerlaiuschen Pläne außer in Kanada nicht eben günstig. In Australien sind zwar die Minister eines Sinnes mit Chamberlain, aber das Parlament will nichts davon wissen. Aehnlich liegt die Sache in Südasrika. Trotzdem aber kann es als sicher gelten, daß England schließlich dem Freihandel Valet sagt.
Blinder Lärm wegen Königin Draga.
----- Nach neueren Nachrichten auè Belgrad beruht das Gerücht von einer Erkrankung der Königin aus Orrfinbung. Ebenso ist es nicht richtig, daß sich ein französischer Leibkoch erschossen habe; ein solcher ist am Belgrader Hof über* Haupt nicht vorhanden. Wahr ist lediglich, daß vor unge führ einer Woche ein bei Hose bediensteter sVüchenjuuge wegen einer Liebesaffaire Selbstmord beging.
Ein Attentat auf Roosevelt?
).....( Aus Chicago kommt die Nachricht, man habe unter der Eiseilbahnbrücke in Lincoln (Jlliouis), die der Zug des Präsidenten kurz daraus passieren sollte, eine Menge Dynamit gesunden. Nach einer anderen Lesart soll man in der Nähe der Stelle, wo Präsident Roosevelt ausstcigru wollte, eine Handtasche mit Dynamit gefunden haben. Diese doppelte Lesart läßt die Meldung ziemlich verdächtet! erscheinen. Es wird sich auch wohl diesmal wieder um eine leere Sensationsmache handeln.
Eine Weltbeglückcrphantasie.
() Ein seltsames Projekt hat ein Ungar, Marcus 'S. Manheim, ausgeheckt. Er will für alle Ungarn^ ohne Unterschied eine staatliche Pension einführen. Zeinen Plan hat er in einem Schriftchen niebergelegt, bem wir ber Kuriosität halber einiges darüber entnehmen wollen, wie der Verfasser sich die Durchführung seines Phantasieprojektes denkt. Er will die obligatorische Pensionsberechtigung sämtlicher Bewohner Ungarns einsuh- ren, in der Weise, daß jedermann entsprechend seinen Verhältnissen — es sind sieben Kategorien vorgesehen — eine gewisse Jahresprämie zahlt, wofür er vom sechzigsten Jahre an Pension bezieht. Die Gesamtsumme dieser Pensionsprämien würde in einem Jahre etwa 658 700 000 Kronen, in zehn Jahren daher (ohne Ziu- sen) 6587 Millionen Kronen ausmachen; die Pen;rome- rung würde erst zehn Jahre nach Jnslebentreten des Planes 'beginnen. Die 6587 Millionen Kronen, die im ersten Dezennium angesammelt würden, sollen nun das Vermögen der ungarischen Nation bilden, aus welchem nicht nur die Pensionen, sondern auch die Kosten einer großartigen Entwickelung der Hauptstadt, sowie des ganzen Landes bestritten werden sollen. So sollen in Budapest u. a. die innere Stadt umgestaltet, zahlreiche öffentliche Gebäude, Bäder, eine Sternwarte, Statuen, Sanatorien, Schulen usw. errichtet, im Lande die Ei^en- bahnen, Straßen und Kanäle ausgebaut, die Judustric entwickelt, der Unterricht verstaatlicht, gewisse Staatsschulden getilgt, Dalmatien reinkorporiert werden usw. Das alles ist bis aus einen Heller ausgerechnet. Schade, schade, daß dieser Bellamytraum sich nicht verwirklichen läßt!
„Bereinigte Staaten von Südamerika"?
() Seit Jahren macht sich in verschiedenen südunrerika- nischen Staaten eine ©trömung geltend, die aus einen Zusammenschluß der südamerikanischen Republiken nach dem Vorbild der nordamerikanischeu Union abzielt. Ob diese Pläne Aussicht aus Verwirklichuug haben, bleibe dahingestellt. Jedenfalls aber ist es bemerkenswert, daß neuerdings zwischen Argentinien, Brasilien, Uruguay und Chile eine Uebereinkunst zustande gekommen ist, nach der die vier Republiken einander tatkräftig beistehen wollen, falls eine von ihnen durch einen europäischen Staat bedroht würde. Ferner soll die Diplomatie der vier Staaten intervenieren, salls ein europäischer Staat oder eine europäische Staatengrulppe mit einer anderen südamerikanischen Macht Differenzen hätte. Endlich soll der Vierbund eine Art ständigen Aufsichtsrates einsetzen, der die Ausgabe hat, im Vereine mit den Vertretern der anderen südamerikanischen Mächte Konflikte, die zu äußeren Verwickelungen führen könnten, möglichst im Keime zu ersticken. Das ist offenbar in der Idee ganz schön, aber in der Praxis wird's mit ber Aussührung dieses Programms wohl hapern.
Kurze politische Nachrichten.
* In Bremen ist ein neuer Klempnerstreik ausgebrochen.
* Infolge einer leichten Störung in dem Befinden des Papstes, — er leidet an einem Darmkatarrh — mirb das auf den 15. Juni angesetzte Kardinalskonsistorium bis zum 22. ober 25. Juni vertagt werden.
* Die -wa;yrngtoner ruuijche Geiaudtfchast yat Äerichte aus Petersburg erhalten, die besagen, daß die Räumung der Mandschurei stetig fortschreite und die enbgiltige Zurückziehung der Truppen im September erfolgen werbe. Daß der russische Gesandte das der Welt einreden möchte, ist natürlich, nur wird ihm niemand glauben.
* Aus Peking wird gemeldet, daß der Zustand in her Provinz Pünnan wieder normal sei. Die Stadt Liu-An-su sei den Aufständischen wieder abgenommen, morbat.
Dér deutsche Sängerwettstreit,
(Sonderbericht.) Frankfurt a. M., 4. Juni.
Der „Kampf der Gesänge" hat allen Ernstes begonnen. Um 10 Uhr heute früh begann die erste Gruppe der Sänger das Ringen um den Wanderpreis des Kaisers. Als erster Verein erschien auf der Wahlstatt der Hannoversche Männergesangverein, und ihm schlossen sich in den Vormittagsstunden sechs weitere Vereine an. Dieselbe Zahl der heiligen 7 wiesen die Vereine aus, die nachmittags um 2 Uhr in Die Schranken rückten. Jeder von ihnen sang zuerst das Preislied, dessen markige Klänge wie Sturmesbrausen anschwellen unb sich zum Schluß zu einem Hohenlied des Deutschtumes erhebem »Bei der Endstropye:
„Heil dem Helden Armin,, Auf den Schild hebet ihn
Und zeigt ihn unsterblichen Ahnen:
Solche Mh> ' ■ wie der, Gib uns, rt, noch mehr, —
Und die Welt, sie gehört den Germanen." wenden sich die Augen der begeisterten Menge voll Bedeutung nach der Kaiserloge, wo der Enkel des großen Fürsten sitzt, der den Traum von deutscher Macht unb Einigkeit so herrlich verwirklicht hat. Dir Kaiser, der pünktlich, wie immer, mit seinen Angehörigen und seinem Gaste eingetroffen ist, unterhält sich wiederholt lebhaft mit den Preisrichtern, doch wäre es natürlich viel zu verfrüht, schon heute irgend ein Urteil über die Aussichten der Vereine, den Siegespreis zu erringen, abzugeben. Außer dem großen Kaiserpreis, der bekanntlich aus einer schweren dreigliedrigen Goldkette mit einem diamantbesetztem Schild und dem Portrait des Kaisers besteht, gibt es noch eine Menge von Ehrenzeichen, mit denen sich die trösten können, denen der große Wurs nicht gelingt. Außer dem Preislied singt jeder Verein nämlich noch ein selbstgewähltes Lied, und auf diese Weise wird es auch schwäch-eren Vereinen möglich, sich erfolgreich in zweiter Reihe am Kampfe zu beteiligen.
Auch nachmittags erschien der Kaiser wieder beim Preiswettfingen, nachdem er in der Zwischenzeit nach dem Römer und dem neuen Rathaus gefahren war, wo ihm der Ehreritrunk der Stadt kredenzt wurde. Oberbürgermeister Adickes hielt eine Ansprache, in der er der' Beziehungen der alten Kaiserstadt Frankfurt zum alten und neuen Kaisertum gedachte, er schloß mit einem Hoch! auf das Kaiserpaar.
Kaiser Wilhelm antwortete in längerer Rede. Er wies daraus hin, welchen wirtschaftlichen und geistigen Aufschwung Frankfurt genommen, nachdemes unter das Hohenzollernszepter gekommen sei. Mit dem Tore des Kyffhäusers seien auch die engen Tore Frankfurts aufgesprungen. Die Stadt sei für die anderen deutschen Städte vorbildlich in bezug auf ihre Fürsorge für die minberbegüterten Klassen. Darin berühre sich die Stadtverwaltung mit ihm, dem Kaiser, dem vor allem die soziale Fürsorge dauernd am Herzen liege. Schließlich teilte der Kaiser den Frankfurtern mit, daß das hessische Artillerieregiment Nr. 63, das in Frarrkfurt steht, fortan den Namen „Regiment Frankfurt" tragen soll. Der Kaiser trank dann auf das Wohl der Stadt.
Später nahm er baun bei dem Prinzen Friedrich Karl von Hessen in dessen Palais am Untermain* kai das Frühstück ein. Die Kaiserin stattete verschiedenen wohltätigen Anstalten Besuche ab und um 51/2 ühr erfolgte die Rückfahrt nach Wiesbaden, wo die Bevölkerung den hohen Gästen einen ebenso lvarmher- jigen Empfang bereitet hat wie in Frankfurt. Beson- >ers sympathisch hat ein liebenswürdiger Zug des Kaisers dem greifen Tänenkönig Christian gegenüber be- cührt, der, wie bekannt, ziir Kur in Wiesbaden sich auf- hält und es nicht versäumt hatte, sich am gestrigen Nbend zum Empfange des Kaisers auf dem Bahnhof rinzufinden. Der alte Herr trug die Ulanka des ihm gehörigen Hanauer Ulanenregiments, und da es nachts am 10,20 Uhr war und eine recht empfindlich kalte Lust wehte, hüllte der Kaiser in herzlicher Liebens- lvürdigkeit den König mit seinem eigenen Mantel fürsorglich ein. Daß die Stadt prächtig illuminiert war, läßt sich denken. Besonders die zum Schloß führende Withelmstraße bot einen wahrhaft zauberischen Anblick bar. In aller Morgenfrühe lockte heute das herrliche Wetter das Kaiserpaar schon hinaus, ehe es um 9 Uhr nach Frankfurt fuhr. Der Kaiser unternahm einen Ausritt in die Waldungen hinter dem Neroberg, die Kaiserin machte eine längere Ausfahrt. Auch morgen wird das Kaiserpaar wieder in Frankfurt weilen.
Aus dem Festplatz hat, dieweilen sich in der Hallc der ernste Kampf abspielt, ein gar fröhlich Leben* begonnen. Riesige Wirtschaften laben die durstigen Sänger ein, sich zu stärken, und welch Wirtshausschild hätte je einem Sangesbrüder vergeblich gewinkt? Denn Erquickt des Liedes Quell die deutsche Seele, Gebührt ein frischer Trunk des Sängers Kehle — 'o steht aus einem dieser Schilder zu lesen. Und wer gönnte da widerstehen? In zwantzlosen Gruppen lassen sich die frohen Gesellen an den Tischen nieder und gar attmLer tiefe, tiefe Schluck wird geta& nicht nur v^n