Nr. 104.
Dienstag, den 5. Mai 1903.
__________________12. Jahrgang.
At««»e»e»t-Preis : irr Vielen, »d-e^,U minttilé 50 Pf-., hfl #<ul gebracht 60 Psg., durch die P»ft bepgep Htenel- " Mrlich Mk. 1.60.
Gr«tisteH«-e» : Qberhesfische F«»tl1e«-eit»Nâ (tL-lich) CletNeffHdie 3ett1*Hft fit 8«rttotrtf*eft, LbA iw> ••««>«< f«»U bk Dietze,er eeHrvbUfm (»Me*»M).
D«s BlLtt erscheint « ein B«rtt<t« i»é**t*f*
5«irrtis>sWret A» Die einspLitige Peti^eile f&r Gießen »k -am Oderheffen, die Lretse ®c#lav und M«rd«g 16 Pfo knn 16 Pfg.; ReHemni die BerttMe 30 resp. M W^
Post-eitun-rlifte ßk MM.
lUkaitUn und Expediti-«: Gietze» Re»e«V-ß Mk »mH#re*«rf*lw< 9h, IM.
(Gießener Ungelknttr
y*«l|ixgigt Ueqeszntuag
(Gießener Kei1««M
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebimz.
Enthält affe amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
^*^" ^ ........ ~w^ ■WWIHI ■! _ _ _ |l HTy II !■ ■ riTRW WWMmi. j .................... ■■»■ .w 1 .......... I WWMMWWWIWWBMW
Kaisertage am Ulber strand.
Sonderbericht. HP. Rom, 3. Mai.
„Der Kaiser hat uns die Sonne gebracht," jubelte das römische Volk, als bei Eintreffen des kaiserlichen Zuges wie mit einem Zauberschlag die finsteren Wolkenkulissen von der glänzenden Schaubühne der Via triumphalis sich Aurückschoben. „Ein gutes Emen!" Und ein Heller Widerschein des in neuer Schönheit erstrahlenden Tagesgestirns lag auf den Mienen der vieltausendköpfigen Menge, die Den prunkvollen Zug umdrängten, der die beiden befreun beten Herrscher zum Quirinal führte. Ein donnerndes Evviva über das andere wurde dem kaiserlichen Gast ge» bracht, und nicht weniger erregten seine schmucken blühenden Söhne das Wohlgefallen der leicht enthusiasmierten Römer.
Der Willkomm.
Wurde es doch bald des Guten fast zu viel als qn der Esedra der Bürgermeister seinen Willkomm bot und stil den jedem Bewohner der Siebenhügelstadt unvergeß- ItdjeiL Augenblick erinnerte, als Kaiser Friedlich, damals Kronprinz des deutschen Reiches, bei einem Besuche in
Rom den jetzigen König von Italien, der damals noch ein zartes Knäblein war, auf dem Arm vom Balkon dem Volk zeigte. Die Wogen der Begeisterung gingen so hoch, daß die Menge den vierfachen Truppenkordon durchbrach und sich ohne Scheu vor den mächtigen Pferden der eskortierenden riesigen Leibaardisten anbrgngte. Der Kaiser und seine
an die Wagen her«
ondrstngte. Der Kaiser und seine Söhne hatten kaum Zeit, den ihnen zu Ehren von Kiinstlerhand geschaffenen herrlichen Straßenschmuck zu bewundern, so sehr nahm ne die angenehme Pflicht in Anspruch, auf die von allen Zeiten auf sie einbrechenden Willkommensstürme mit freundlichen Grüßen zu erwidern. In ganz langsamem ^empo mußte der Zug sich nach seinem Endziel bewegen, so dicht gestaut stand die Menschenmauer, und sie wankte und wich nicht, bis sich der Kaiser, die Prinzen und das >köuigspaar zusammen auf dem Ballon zeigten. Als der Kaiser und seine Söhne dann später ins Pantheon fuhren, um einen Kranz an des ermordeten Humbert Grab aiederzulegen und sich von dort zum Besuch bei der Kö- uiginwitwe begaben, kam auch die deutsche Begleitung ui ihrem Recht. Reben der Reckengestalt des bekannten Oberstleutnants v. Plüskow war es namentlich der greise Feldmarschall Waldersee, der die allgemeine Aufmerksam- leit auf sich zog. Bis spät in die Nacht hinein währte das fröhliche Treiben aus den Straßen, denn das muß den Jiömctn der Neid lassen, Feste feiern sie gar zu gern.
Tee Kaiser beim Papst.
. Und nun erst am Sonntag, wo alle Arbeit ruht und bas Landvolk in seinen malerischen Trachten in dichten Scharen in die Stadt strömt. Kopf an Kopf harrt die bunte, lebhaft gestikulierende und schwatzende Menge des Augenblicks, als, nach einem kurzen Gottesdienst in der Kapelle der deutschen Botschaft, wo auch das Frühstück eingenommen wurde, der Kaiser sich zum Vatikan begab, um "m Oberhaupt der katholischen Christenheit seinen Gruß ju entbieten. Als der Galawagen, mit vier Pferden â la Dumont bespannt und geführt von zwei deutschen Spitzenreitern, in dein der Kaiser und der Kronprinz Platz ge- nvmmen hatten, während Prinz Eitel Friedrich in einem Zweispänner folgte, sich in Bewegung setzte, mischten sich n die brausenden Klänge der deutschen Nationalhymne und die Kommandoworte der Offiziere, die die Spalier bildenden Truppen präsentieren ließen. wahrhaft betäubende Hochrufe, die ihn den ganzen langen Weg bis zur Porta Zeeea im Vatikan begleiteten. Dort schwenkten die ita> lieni scheu Karabinieri, die bisher zwischen den 12 Wagen des Zuges geritten hatten, ab, und dieser verschwand in den altersgrauen Toren der päpstlichen Hofburg. 3m Innern entfaltete sich nun die ganze farbenreiche mittelalterliche Pracht des herkömmlichen Zeremoniells. Die Palastwache in ihren prächtigen Galakostümen erwies die militärischen Ehren, die schweizer Landsknechte senkten die brci.en Hel lebarden, eine von Gold und Purpur strahlende Schar hoher Würdenträger empfing den hohen Gast und geleitete ihn zum Privatkabinett des Papstes, das er allein betrat, während die Prinzen im Nebengemach blieben. Nach einer zwanzig Minuten dauernden Unterredung zwischen Kaiser und Papst wurden dann auch die Prinzen von letzterem empfangen. Leo XIII. sah recht frisch aus und unterhielt sich mit allen Herren in der leutseligsten Weise. Als Andenken an ihren Besuch bei ihm machte er dcm Kaiser und seinen Söhnen wertvolle Mosaikgemälde mit römischen Ansichten zum Geschenk. Nach einer kurzen Unterredung des Kaisers mit dem Staatssekretär Ram- Volla verließ der Kaiser den Vatikan, wo er ” 'r eine Stunde verweilt hatte, auf dem Rückweg - ■ „esandt- l^att und zum Quirinal vom römischen V und deutschen Pilgern, die sich am Martaplatz mit Jaunen ausgestellt hatten, stürmisch begrüßt.
Galadiner und Theater.
Jm Quirinal gab es dann abends ein großes Gala- diner mit bedeutsamen Trinksprüchen, in denen die innige Freundschaft nicht nur zwischen den Familien der beiden Herrscher, sondern auch zwischen ihren Völkern hervorge-
Hoben wurde. Und dann der Glanzpunkt der FestliGke-tten für die römischen oberen Zehntausend: Verdis „Othello" im Argentinatheater mit Tamagno in der Titelrolle. Als um halb 11 Uhr die kaiserlichen und königlichen Herrschaften erschienen, der Kaiser im Attila der Leibhusaren, ivar es allerdings mit der Aufmerksamkeit ziemlich vorbei, die man bis dahin den Vorgängen auf der Bühne und den hinreißenden Tönen des Lieblingstenors geschenkt hatte. Die Wände des Theaters dröhnten wider von einer Kundgebung, wie sic nur südländische Begeisterung hervorzubringen fähig ist, und bis die hohen Otüfte ihre Logen verließen, bildeten sie das eigentliche Schauobjekt. Tamagno wird sich über die Unaufmerksamkeit seines Publikums wohl getröstet haben angesichts der schmeichelhaften Anerkennung, die ihm von feiten des Kaisers zu teil vurde.
^tc groye Truppenschau.
Rom, 4. Mai.
^^"ke fand bei schönstem Wetter die große Truppen- ichau ziemlich programmmäßig statt, nur daß anstelle des trotz der Sonnenglut noch immer nicht ausge- trockneten Exerzierplatzes das Feld von Centocelle zur Ab- yaltung der Revue gewählt werden mußte. Der Kaiser und König sowie die Prinzen bestiegen bei der Karabiniers- kaserne die bereitgehaltenen Pferde, während Königin He- .ena sich zu Wagen nach dem Paradefelde begab. Dort hatten mittlerweile unter dein Kommando des Generals Besozzi die Truppen der Garnison Rom, verstärkt durch be beutende Heranziehungen aus der Provinz, in drei Treffen Aufstellung genommen hatten. Bei der Ankunft der Majestäten empfing sie wie Sturmesbrausen anschwellend )as vicltausendstimmige Hoch der ungeheuren Menge, die erschienen ivar, dem glänzenden militärischen Schauspiel beizuwohnen. Fast verhallten gegen diesen Begeisterungssturm die schmetternden Klänge'der Militärkapellen, die )ie deutsche Nationalhymne und den italienischen Königs- marsch spielten. Nachdem der Kaiser und der König dic üblichen Meldungen entgegengenommen, ritten sie bv. Fronten ab und ließen dann die verschiedenen Truppenabteilungen und Regimenter an sich vvrüderzichen Wie im incr erregte auch diesmal die Elitetruppe der Bersaglicri mit ihren wellenden Federbüscheri das besondere Wohlge- fallen des Kaisers. Erst um Mittag war die glänzende Parade beendet. Der Kaiser trug die Uniform der Gardes du Torps mit schwarzem Küraß, in der rechten den Marschall- !tab, auf dem Haupt den silberblinkenden Adlerhelm. Wie gebannt hingen die Augen des für alles Schöne so ein- pfänglichen römischen Volkes an der ritterlichen Erscheinung, und immer von neuem brachte man ihm bei der Rückkehr nach bcni Schloß südlich-lebendige Ovationen.
Hohenzollern und Savoyen.
Wenn auch Monarchentoaste in neuerer Zeit nicht mehr als politische Akte angesehen werden dürfen, so gelten fit bod) mit Recht sozusagen als Thermometer für die Wärme der politischen Beziehungen, in denen die Völker der beteiligten Herrscher zu einander stehen. Unter diesem Gesichtspunkte sind die Trinksprüche, die am Sonntag bei Dem Galadiner im Quirinal zwischen Kaiser Wilhelm und König Victor Emanuel gewechselt wurden, von besonderer Bedeutung: selten sind zwischen zwei Monarchen so herzliche Frcundschaftsversichernngen ausgetauscht worden Der junge Herrscher Italiens begrüßte seinen Gast inii Worten lebhaften Dankes für sein und seiner Söhne Gr scheinen auf italienischem Boden; er nannte den Besuck des Kaisers „einen Beweis ständigen Interesses und Herz, licher Sympathie, für Italien, ein Pfand der inniger Freundschaft, die ein festes Band schon seit drei Genera tionen ist zwischen unseren Familien, unseren Heeren unt unseren Völkern; eine neue Bekräftigung des gemeinsamen Willens Dei'tschlands und Italiens, alle ihre A: strengungen und ihr einträchtiges Wirke" unter den Au spizien des gegenseitigen Bündnisses ' ' die Besörderunc ves Friedens zu richten." Nicht mint herzlich war Kai i'er Wilhelms Trinkspruch. Der Kai e ragte u. a.: Jr seinem Empfange durch König und Veit Italiens erkennc er ,die Bekräftigung der Tatsache, d^ ' das Bündnis, wel ches unsere beiden Häuser nrK c verbündet, von den italienischen Volk in HDlf^ ^'mpachie anerkannt und un verändert gepflegt wird." Der Kaiser gedachte des verstör denen Königs Humbert als eines ritterlichen Helden unt herzgewinnenden Menschen, und schloß in italienischem Sprache: „Ich trinke auf das Wohl Ihrer Majestäten bei Königs und der Königin, auf das Wohl des mächtigen ita^ lienischen Heeres, auf das Wohl des schönen und rühm reichen Italien und des edlen italienischen Volkes." Das die Worte des deutschen Monarchen bei ber römischen Bevölkerung helle Begeisterung erweckten, wird niemanben wundernehmen; in fast allen römischen Theatern mußte am Sonntag die deutsche Nationalhymne gespielt werden sie wurde von den Zuhörern mit stürmischem Beifall ausgenommen. Zweifellos wird der Besuch Kaiser Wilhelms in der Popularisierung des Dreibundes bei der italienischen Bevölkerung von recht günstiger Wirkung sein. — Vor dem Ealadiner empfing der Kaiser den italienischen Ministerpräsidenten Zanardelli.
^
Die Politik.
Wieder eine neue Partei!
(—) Wir haben in Deutschland noch nicht genug Parteien. Um einem tiefgefühlten Bedürfnis abzuhelfen, soll jetzt in Elsaß-Lothringen eine neue demokratische Partei ins Leben gerufen werden. Eine am Sonntag in Kolmar abgehaltene Versammlung der bemafratifdicn Vertrauensmänner aus dem Unter und Oberelsaß hat behufs e ines gemeinsamen Vorgehens bei den Wahlen und behufs einer einheitlichen Organisation und intensiveren Agitation^ die Gründung eines Zentralausschusses mit dem Sitze in Kolmar beschlossen. Selbstverständlich ist dieser Zentralausschuß als Grundstock einer besonderen elsaß-lothringischen Demokratenpartei gedacht Besondere politische Erfolge dürften der neuen Partei nicht beschieden sein; wenn sie etlvas erreicht, so kann das nur geschehen, indem sie das französierende Pro- testlertum im Reichslande verdrängt. Und das wird ihr, so erfreulich es an sich wäre, schwer halten.
König Eduards Besuch in Paris
hat am Montag sein Ende erreicht. Präsident Loubet, sämtliche Minister und die Präsidenten des Senats unt der Kammer gaben dem König das ÖDl H zum Bahnhof SX’t Abschied war sehr herzlich. Während des letzten Tages seines Pariser Aufenthaltes wohnte der Herrscher Großbritanniens einem Frühstück im französischen Ministerium des Aeußeru bei, an dem auch das gesamte diplomatische Korps teiluahm. Nach dem Frühstück hatte der König eine lange Unterredung mit dem französischen Minister des Auswärtigen Teleassö. Im Verein mit der Tatsache, daß Präsident Lonbet am Tage vorher bei dem Gala- dürer, das er dem König zu Ehren gab, die Hoffnung ausgedrückt hatte, die herzlichen Beziehungen zwischen England und Frankreich würden sich in Zukunft noch in- Niger gestalten, wird diese lange Unterredung des Kö- nigs mit Delcassè in politischen Kreisen dahin gedeutet, daß tatsächlich zwischen Frankreich und England eine Vereinbarung über koloniale Fragen getroffen ist. Den vorherigen etwas Hals über Kopf unternommenen Besuch des Königs in Rom sieht man, wie unser Berliner c'L.-Mitarbeiter uns schreibt, in urteilsfähigen Kreisen lediglich als einen Versuch an, die politische Bedeutung seines Pariser Aufenthalts einigermaßen zu maskieren.
Tic Mordbrenner von Saloniki.
VF. Ueber die Festnahme der bulgarischen Dynamilar- den am Tage nach bem Anschlag wird jetzt berichtet: In verschiedenen Läufern der Stadt wohnten seit kurzem Fremde, die sich Serben nannten und nachts Zusammen- fünfte hatten. Das Benehmen des einen, des Hauptes der Verschivörer, am Tage nach dem Anschlag erschien seinen Wirtsleuten verdächtig, sie verständigten die Po- lizei, und diese ließ das Haus umzingeln. Als nun bit ihrigen Mitverschworenen abends mit Paketen beladen n der Wohnung ihres Führers erschienen waren, besetzt M litär die Hauseingänge, und der Kominandeur der Gruppe fragte, an die Haustür pochend, mi. lauter Stimmt nach dem angeblichen Serben, der sich Georg Iourdar genannt hatte. Jourdan ließ sagen, er kunme gleich. Balt Darauf trat er, einen Revolver in - .t Linken, auf den Altan und warf ^'ne Bombe in V Richtung, wo er die Soldaten vermutete, ^in,- . <jar die Antwort. Er ivarf eine zweite und eine dritte Bombe. Bei der letzteren wurde er am Arm verletzt, worauf er sich sogleich ine Kugel durch den Kopf schoß. Ein zweiter Bulgare hatte ebenfalls zwei Bomben geworfen und war verwundet wor- )en. Auch er erschoß sich, nachdem er in den Garten gesprungen war und den Hausleuten zugerufen hatte: „So sterben Bulgaren!" Die anderen zwei waren aufs Tuch geklettert, warfen von dort Bomben und wurden herab- gefd)offen. Im leeren Hause fand man eine Menge frischer Papierasche. Die Verschwörer hatten alle kompromittieren- Den Papiere verbru. .t. Man muß gestehen: So ruchlos auch das Beginnen der ^pnamit^rben ist, sie verstehen wenigstens für eine Idee zu sterben. Die mazedonischen ,Bcfreier"-Bande^ zählen jetzt au -) ein weibliches Mitglied, ein Fräulein Katharina Arnandowa, die sich offenbar zur Rolle einer mazedonischen „Jungfrau von Dr* leans" berufen fühlt!
Kurze politische Nachrichten.
* Tie Vorkonferenz des Pariser Antituberkulosekon- gresses beschloß einhellig eine Ergebenheitsadresse für Die deutsche Kaiserin. Vertreten waren 14 Nationen.
* Im Somalilande sind die Engländer einem munter betriebenen Wafsenschmuggel für die Truppen des Mullah auf die Spur gekommen. Natürlich waren es französische Flinten und Munition, die da geschmuggelt wurden, irnb auch die Schmuggelhändler selbst waren Franzosen. Eine Illustration zu der in Paris eben so emphatisch betonten französisch-britischen Freundschaft in Kolo- nialfragen.