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Nr. E Erstes Blatt.

»•••eMtsilftteilt i« Gießen, abgehstt monatlich SH Pfg., Ve Lsu- gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel­jährlich Mk. 1.50.

Gas Btaft erscheint « litt Mk«« »achmit»,--

Samstag, den 4. Juli 1903

Gie Kener

__________________12. Jahrgang

3«ferHp*^rei It Die ei«fpaM,e PetitzeNe Mr Gießen Vie ganz Oberhefsen, die Kreise Wetzlar und Rarburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg. - Reklanre« die Petttzetle 30 resp. 40 Wg.

Postzeitungsliste No. 3*0.

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für Oberhefsen und die Kreise Marvnrg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Dietzen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden m Oberhefsen

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Die Abonnenten^hl

der „Gießener Neueste Nachrichten" ist beim Quartal-

Wechsel so enorm gestiegen, daß wir uns veranlaßt sehen, dieses unseren

----------- Inserenten ------------ anzuzeigen. Auf die Vorteile, die den Inserenten da­durch erwachsen, brauchen wir wohl nicht besonders aufmerksam zu machen. Gerade dos Anwachsen der Abonnentenzahl bei diesem Quartal, nebenbei bemerkt, das Quartal, an dem die Land bevötkerung die Zeitungen wegen zu vieler Arbeit sonst abbestellen, giebt dem Inserenten Gelegenheit, sich ein Urteil zu bilden, über die Beachtung, die unsere Zeitung in allen Bevölkerungsschichten findet. Uns ist der große Zuwachs an Abonnenten ein neuer An­sporn, auf dem eingeschlagenen Wege fortzuschreiten, um allen denen, die durch unsere Zeitung irgend etwas anzeigen oder bekannt geben, immer größere Vorteile bieten zu können

Der Verlag

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In der Körpermessungszentrak in

Berlin,

- Berlin, 3. Juli.

In die Geheimnisse des Körpermeßdienstes beim Berliner Polizeipräsidium wurden gestern Mittag die Mitglieder des „V e r e i n s B e r l i ner Jour- n a l i st e n" durch den Kriminalkommissar Klatt, den Vor­steher der Centrale des anthropometrischen. Erkennungsdien­stes für Deutschland, eingeweiht. Vorher wurde zunächst das „Polizei-Museum" besichtigt. Es ist dies eine hochinteressante Sammlung von Gegenständen, deren sich die Verbrecher bei Ausübung ihres „Berufes" bedienen. In der Abteilung für „Einbruch" interessierten am meisten die Werkzeuge zum Erbrechen von Geldschränken. Dieses Gewerbe ist, in­folge der modernen Technik und Beschaffenheit der Schränke nahezu ausgestorben, da die Panzerplatten wegen ihrer Härte und Dicke allen Werkzeugen widerstehen und nur ev. unter Benutzung von Sauerstoffgebläse angebohrt werden können. Dietriche mit beweglichen Bärten, die ausnahms­los jedes Schloß öffnen, wechseln in bunter Reihe ab mit Spazierstöcken, innen mit Brecheisen versehen, Sicherheits- ketten-Kneifzangen, Instrumenten zuni Anbohren und Aus­schneiden von Türfüllungen u. s. w. Die Abteilung „Mord" zeigt an erster Stelle eine Anzahl Beile, mit denen Personen erschlagen worden sind. Auch eine Anzahl Schlagringe, Dolche und Revolver, eigenartig in Spazierstöcken und Heu­gabeln verborgen, Büchsen für Wilddiebe, Stoffproben mii Blutspuren gehören zu dieser Abteilung, die auch Toten­masken von Ermordeten enthält. Instrumente zur Falsch­münzerei, Briefmarkenfälschung, Höllenmaschinen vervollstän digen die Sammlung. Dann erfolgte die Vorführung dec Körpermeßdienstes, wie er zur Zeit üblich ist.

Der Körpermeßdienst erfolgt bekanntlich nach dem Ber- tillonschen Verfahren. Seit der Konferenz zur Einführung der Körpermessung in Deutschland im Jahre 1897 ist bei Meßdienst bei allen deutschen Bundesstaaten eingeführl worden. Beim Berliner Polizeipräsidium ist die Zentrale für Deutschland eingerichtet, welcher die in Deutschland verteilten Meßstationen die Meßkarten einsenden. Solcher Meßstationen gibt es z. Z. 63 im Reiche, so u. a. n Breslau, Danzig, Elbing, Hannover, Düsseldorf, Essen Chemnitz, Hamburg. Die Meßbeamten Werder sämtlich in der Centrale ausgebildet. Die (Senfrah steht ferner in unmittelbarem Verkehr nnb Kartenabschrifts austausch mit den Centren des Auslandes, u. a. mit Algier Bern, Brüssel, Bukarest, Chicago, Genf, Kopenhagen, Son don, Paris, New-Aork, St. Petersburg, Rom, Rotterdam Wien, Zürich. Die Berliner Meßstation verfügt z. Z. über 45 000 Meßkarten, nachdem sie 1896 mit 1543 Karten der Betrieb eröffnet. Auf das Jahr entfallen durchschnittlich 290 Feststellungen. Wie in Paris, wo jeder Eingeliefertt gemessen wird und infolgedessen ein Karteubestalld von ins gesamt 1 600 000 Stück vorhanden ist ist auch in Berlin

eine besondere Karten-Registratur für Jugendliche im Alter von 18 bis 21 Jahre eingerichtet. Nach dem 21. Lebens­jahre, also nach vollendetem Wachstum, werden diese Per sonen, wenn sie der Behörde wieder in die Hände fallen neu gemessen und dann erst ihre Meßkarten der großen Re­gistratur einverleibt.

Die Identifizierung einer Person erfolgt in der Haupt­sache durch die Fingerabdrücke. Um nun aber einen Anhalt zur event. Auffindung der Karte zu haben, werden geniessen: llovstänge, Kopfbreite, Jochbeinbreite, Länge des rechten Ohres, Mittel- und kleiner Finger der linken Hand, Sänge des linken Fußes und des linken Unterarnies. Aus den ber- schiedenml Zahlenkonstellationen kann der geübte Meßbeamtc in wenigen Minuten die Kartenkategorie ermitteln und durch die Fingerabdriicke konstatieren, ob das Jrdividnum bereit gemessen worden ist und sich einen falschen Manien beigelegl hat. Ein solcher Fingerabdruck kommt wl 'n seiner eigen artigen Linienzeichnung im Verein mit bm Abdrücken der übrigen Finger nie mehr vor. Es wird auf der Meßkarte u. a. noch als Beiwerk vermerkt: Die Körperlänge, die Arm- fvannweite, Sitzhöhe, Augenfarbe, die in sechs Klassen zer mllt, Gestalt der Stirn, Stase, Lippen, Hals, Genick. Gan^ ? eso aber § behandelt wird das rechte Ohr nach Leiste, Läppchen Lippe, Falte und zwar jedes Rubrum nach fünf Klassen, urr in Zweifelsfällen ganz sicher gehen zu können.

Zum Schluß der interessanten Erkursion erklärte Kom- inissar Klatt das Wesen des Verbrecheralbiims, das zur Zeii 22 Bände in insgesamt 49 Bandformationen umfaßt. Jedc Kategorie Verbrecher ist gesondert, so die Einbrecher, Taschen- hiebe, Fahrraddiebe, Zuhälter, Ladendiebe, Sittlichkeusver brecher, Mädchenhändler, Gelegenheitsdiebe rc. 2c. Die Er­mittlung eines unbekannten Verbrechers durch das A.^un welches an 300 000 Photographien enthält, ist oft sehr zwei­felhaft; eine wertvolle Ergänzung ist erst durch das ?wrper Meßverfahren 'geschaffen worden. Ein Gang durch ba* Photographische Atelier des Polizei-Präsidiums beendet der äußerst lehrreichen Vortrag.

Die Politik.

Konstantinopeler Attentatssorgeu.

Seit der Mordnacht von Belgrad hat der Beherrscher bei Gläubigen keine ruhige Stunde mehr. _ Täglich erhält der Polizeiminister aus dein Palast Anweisungen, die sich aus die Sicherheit des Sultans beziehen, und das sehr zahlreiche Geheimpolizistenkorps ist Tag und Nacht auf den Beinen. Die Geheimpolizei soll einen neuen, im Auslande ausgeheck­ten Anschlag auf den Sultan entdeckt haben; die Verschwörer befinden sich angeblich zur Zeit in der türkischen Hauptstadt. Augenblicks befahl ein Ira de beut Polizeiminister die strengste Ueberwachung aller Gasthäuser in der Stadt und die scharfe Beobachtung aller Fremden. Jeder Ankömmling, der ein nur halbwegs verdächtig erscheinendes Gebühren an den Tag legt, wird Knall und Fall ausgewiesen. Die Hotels sind von Geheimpolizisten förmlich belagert. Auch für den Selamlik, der jeden Freitag stattfindet, sind Vorsichtsnurß- regeln getroffen. Den einzelnen diplomatischen Vertretun­gen ist mitgeteilt lvorden, daß nur eine je nach der Bedeutung der Gesandtschaft höher ober niedriger begrenzte Zahl Aus länder, keinesfalls aber mehr als ein Dutzend für jede Ge­sandtschaft, der Ausfahrt des Sultans zürn Selamlik zusehen dürfen. Jur Palast selbst sind eine Unmenge Vorsichtsmaß­regeln getroffen, um jede Ueberrmnpeluug oder Verschivö rung hintanzuhalten. Armer Padischah!

Bulgarisch-türkische Reibungen.

G Die Pforte nimmt die Aktion gegen die widerspenstigen Albanesen wieder auf. Marschall Omer Ruschdi Pascha, der Vali Schakir Pascha und Divisionsgeneral Schemii Pascha sind mit 2 Bataillonen und 7 Batterien, General Servet Pascha mit 4 Bataillonen von Djakova in Prizrenk eingetroffen, um ein neues militärisches Vorgehen gegen die oppositionellen Albanesen in dem südlich von Prizrend gelegenen Gebiete Sjuina zu beginnen. Der österreichisch- ungarischen und der russischen Botschaft hat die Pforte mit geteilt, daß eine bulgarische Bande das Dorf Kollandiceb, Kreis Castoria, Wilajet Monaslir, das zwei niohamedanischc und 28 bulgarische Häuser zählte, angegriffen und nieder gebrannt hat. Die bulgarische Bevölkerung ist ins Gebirge gezüchtet. Die bulgarische Regierung hat sich demgegenüber bei den Mächten über angebliche Ausschreitungen der für tischen Truppen sowie der Baschi-Bozuks in Mazedonien be klagt. Sie protestiert gegen die Truppenkonzentration t der Grenze und lehnt die Verantwortlichkeit für die daran-: entstehenden folgen ab. Tie Pforte begründet die Ver Härtlingen an der bulgarischen Grenze damit, daß sie gegen den Uebertritt von Bandelt aus Bulgürien gerichtet seien

Jin Wilajet M 0 n a st i r leidet die Landbevölkerung zum Teil jetzt schon Not infolge der Unterbindung des Ver kebrs dank der strengen Beivachungsvorschriften imb ist e: nicht ausgeschlossen, daß sich diese Not noch weiter erstreckt In den Städten und größeren Ortschaften inertt man vor einer Notlage dagegen noch nichts.

Für den Eritst der Sage sind folgende Meldungen be zeichnend: Die bulgarische Regierung hat die Attsfuhr boi Pferden und Maultieren verboten. — In Konstantinopel

hat ein mtßerordentlicher Ministerrat die Zusaminenziehung starker Streitkräfte an der bulgarischen Grenze beschlossen. Es scheint keinem Zweifel mehr zu unterliegen, daß es zwi­schen der Türkei uub Bulgarien binnen kurzem zu einem bewaffneten Konflikt fommen wird.

Amerika, Ruhland und 8lischinew. h

□ Das Petersburger Kabinett hat, wie wir schon gemeldet, dem Präsident Roosevelt außerarlttlich zu verstehen gegeben, daß eine Vorstellung Roosevelts bei der russischen Regierung wegen der Vorkommnisse in Kischinew zurückgewiesen und als ein Akt der Unfreundlichkeit unb unbefugter Ein­mischung der Union in die inneren Angelegenheiten Rußlands betrachtet werden würde. Roosevelt ist starrköpfig genug, diese Ankündigung zu ignorieren: Er will mit aller Gewalt den Russen die Leviten lesen. Das Washingtoner Kabinett erklärt, der a^lßeramtlichen Mitteilung der russischen Regie- : rung schenke es keine Beachtung. Die amerikanische Regie- l rung werde sich nicht abhalten lassen, innerhalb der Grenzen - offiziellen Verhaltens ihrer Syncpathie für die Kischinewer Juden in einer Note an die russische Negierung Ausdruck zu geben. Die Sache ist recht erbaulich; nach einer Washingtoner Meldung ist man sich sowohl int Staatsdepartement als in der russischen Botschaft darüber klar, daß die Sage äußerst heikel ist. Trotzdem wird sich Nußlaicd hoffentlich die dreiste amerikanische Eintnischinig der Iankees nicht gefallen lassen. Wie sehr inan auch menschliches Mitgefühl mit den Opfern von Kischinew haben mag, immer bleibt die Sache ein inner- russischès Vorkommnis, über das kein fremder etaaf sich offiziell zu äußern hat. Die Anrerikaner zumal haben genug vor der eigenen Tür zu kehren: die Lynchmorde, die Neger­oerfolgungen, die den russischen Judenverfolgungen nichts nad)geben, all das sind Singe, die die Union am letzten zum Richter über fremde Verfehlungen berufen erscheinen lassen. Sine gründliche Abfertigung der aineritanischen Eimnischnng durch das russische Kabinett würde höchst heilsam wirken. Die Arroganz der Aankees Europa gegenüber wird nachgerade .l verträglich.

Kurze Politische Nachrichten.

* Eine Versammlung der Buren von Transvaal in Heidelberg hat unter dem Vorsitz Bothas verschiedene Pro­teste gegen Maßnahmen der britischen Regierung beschlossen.

* Die oberschlesischen Polen haben an den Papst eine mit oielen Tausenden von Unterschriften versehene Beschwerde über Kardinal Kopp und dessen Hirtenbrief abgesandt.

* Der von seiner Amerikareise zurückgekehrte Finanz­minister Freiherr v. R h e i n b a b e n ist vom Kaiser nach Travemünde befohlen worden.

* Der frühere Reichstagsabgeordnete Hermann Frese ist zum Senator von Bremen gewählt worden. ,

* In Athen fand nach Schluß der 5kammersitzung zwi- scheu den Anhängern von Theotokis und Delyannis eine Schlägerei statt. Fünf Personen wurden verletzt.

* Bisher war auch in Frankreich den Wegen Ehebruchs Geschiedenen verboten, sich mit ihrem Mitschuldigen zu ver­heiraten. Dieses Verbot hat die französische Deputiertenkam- mer jetzt abgeschafft. -

* Das für Griechenland geplante Korinthenmono- P 0 l ist gescheitert.

)Nab und fern.

* Des Kaisers Abschied von Kiel. Gestern fand bei leichtem südöstlichen Winde der Start zur Wettfahrt nach Tanger­münde statt. Die großen Jachten starteten bald nach 8 Uhr, darunter „Meteor", „Iduna" und „Hamburg. Als „Me­teor" mit dem Kaiser an Bord um 8 Uhr 10 Minuten die Startlinie passierte und der Kaiser damit gleichzeitig Kiel verließ, feuerte die gesamte Kriegsflotte einen Salut von 33 Schüssen. Tie Besatzung paradierte.

Bunte Chronik. In Trier fand unter Vorsitz des Prä­sidenten des Gesuudheitsüilckes Dr. Köhler eine Kon ferenz von Ministerialräten und Regierungsräten zur Be­kämpfung des Typhus im Westen des Reiches statt.

— Der Kassierer Stephan Feineis von der Würzbrlrger Filiale der Bayerischen Bank ist nach Unterschlagung von 35 000 Mark flüchtig geworden.

— Die Zahl der in der Stadt Osnabrück bei dem letzten furchtbaren Hagelwetter zertrümmerten Fensterscheiben Wirt auf 150 000 geschätzt.

— Große Hitze herrscht immer noch in Paris. An einem Tage starben elf Personen am Hitzschlag. In Neivyork iß es gleichfalls abnorm heiß; dort zeigte das Thermometer 39 Grad im Schatten.

— Vor bem Znchtpolizeigericht in Bukarest kam die be­kannte Angelegen Veit der betrügerischen Losziehnng der ruma- ni chen Rente nur Verhandlung. Der Gerichtshof verwart den von'den Augeklagieti gestellten Vertagungsantrag. Nach Verlesung be; 1umfangreichen Anklageschrift wurde die Verhandlulrg an; den 6. Juli vertagt.