Nr. 128.
Donnerstag, den 4. Juni 1903.
12. Jahrgang
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Ab»«ewe«tSpre1S: in Gießen, abgeholt monatlich 60 Pfg., tn'S HauS gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährlich Mk. 1.50.
Vr«ttsbeilage«: Oberheffische Famitte«zeitu«g (täglich) vberhesfifche Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst- v«d Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblase« (wöchentlich). DaS Blatt erscheint an alleM Werttagen nachmitags.
Gießener
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Postzeitungsliste No. 3269.
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Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 28.
Fernsprechanschlnß Nr. 362.
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(Gießener Tageblatt)
Unabhängige Hageszeitung
(Gießener Reifung)
für Oberhefsm und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
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Hm Vorabend des Sängerkrieges.
(Souderbericht.) Frankfurt a. M., 3. Juni.
Das Zwitschern und Girren der kleinen gefiederten Länger in den Lindenkronen der Zeit und in den Büschen der weiten städtischen Anlagen rings um das Jägerhäus- chen ist verstummt. Die Freuden und Leiden des Ehestandes haben die liederreichen Schnäbel vorläufig verschlossen. Dafür langen andere sangeslustige Wandervögel in dichten Scharen und noch dichtgefüllteren Eisenbahn- zügen in der alten Kaiserstadt am Main an. Von Nah und Fern, aus allen Gauen des deutschen Vaterlandes strömen sie zusammen, in liederfrohem Wettstreit um den Lüegespreis zu ringen, den der Kaiser für die beste Aufführung des Meßnerschen Chors „Siegesgesang nach der Varusschlacht" (Gedicht von Felix Dahn) bestimmt hat.
Es ist eine schwierige Aufgabe, die her wackeren Kämpen die nächsten drei Tage hindurch wartet, wo sie morgens imb nachmittags in der großen Festhalle im Wechsel ihre Stimmen ertönen lassen und zeigen sollen, was sie in sorgsamer Schulung gelernt. Ein Preisrichter des letzten Kasseler Wettstreites vor vier Jahren hält den diesmaligen Preischor für viel schwieriger als den Kasseler „Der Choral von Leuthen", besonders für kleine und mittlere Vereine, da er fast durchweg doppelchörig ist unb sich nicht in dem bekannten ausgetretenen Liedertafelstil bewegt. An die Tenöre und Bässe werden außerordentlich hohe Anforderungen gestellt. Doch der ernste Kampf kommt ja erst morgen, heut heißt es, in fröhlichem Chor den hohen Protektor des Festes und seine Gemahlin zu begrüßen. 1300 Frankfurter Sänger und das auf 130 Köpfe verstärkte Opernhausorchester haben sich dieser dankbaren Aufgabe unterzogen, und mit Ungeduld sahen tausende von Menschen, Einheimische und Fremde, in den festlich geschmückten Straßen dem Nahen des kaiserlichen Zuges entgegen.
Pünktlich lief der Hofzug ein. Das Kaiserpaar mit dem Prinzen Eitel Friedrich und dem Herzog von Koburg entstiegen ihm- und der Monarch nahm die Parade über die Ehrenkompagnie des 81. Infanterieregiments ab. Dann begaben sich die hohen Herrschaften mit Gefolge durch das Fürstenzimmer nach den bereitstehenden Hofwagen, die in schneller Fahrt die prachtvoll dekorierten Feststraßen durcheilten. Ueberall Fahnen, Laubgcwinde, kostbare Teppiche, Ehrenpforten, Obelisken. Ein mächtiger Triumphbogen an dem Brückenkopf der Wilhelmsbrücke zeigt die Form einer Prachtgondel. Schmetternde Fanfaren empfingen und begleiteten die hohen Gäste, die huldvoll nach allen Seiten den stürmischen Kundgebungen des Publikums dankten, bis zur Festhalle an der Forsthausstraße. Durch das eigens errichtete Kaiserportal hindurch begaben sie sich nach der prächtigen Festhalle. Dort empfingen sie aus 1300 Sängerkehlen die brausenden Klänge des Begrüßungschores von Bernhard Scholz: „Dem Kaiser Heil!" Das Konzert währte etwa iy2 Stunden. Wahre Beifallsstürme folgten den einzelnen Piecen, und der Kaiser gab wiederholt selbst das Zeichen dazu. Gegen 9 Uhr fuhr das Kaiserpaar und Gefolge durch die in einem wahren Meer von Lichtern schwimmenden Straßen zum Bahnhof zurück, um sich nach Wiesbaden zu begeben. Morgen um 10 Uhr wohnt der Kaiser dem ersten Preiswettsingen in der Festhalle bei.
Der Wettergott hat leider in die Vorbereitungen zum Fest mit störender Hand eingegriffen, es hat einen halben Tag fast ununterbrochen geregnet. Doch dadurch lassen sich die „Frankforter Börger" die gute Laune nicht verderben, und die fremden Sänger auch nicht, die seit heut früh das Straßenbild beleben. Nicht zu vergessen die lieben „Mädercher", denen in Erwartung der schönen Dinge, die die Festtage bringen sollen, die Augen noch einmal so hell leuchten. Gar mancher der fahrenden Sänger — zehn gegen eins ist zu wetten — wird sich an dieser Glut versengen.
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kanadischen Zollkonflikt besaßt, nichts zu melden. Ebensc erfährt man aus der Auslassung des offiziösen Blattes daß die Initiative zu dem deutsch-kanadischen Zwischenfall durchaus nicht von deutscher, sondern von kanadischer Seite ausgeht. Die Kolonialregierung hat nämlich England unt nicht bloß diesem, sondern auch Frankreich einen Vorzugszoll gewährt imb diesen speziell für (Snglanb auf 33Vr Prozent erhöht. Ta Kanada seit dem Jahr 1880 völlic selbständige Zollabmachungen treffen kann, so bedeutet dieser Schritt Deutschland gegenüber eine Aufhebung bei seitherigen Meistbegünstigung, die denn auch von deutscher Seite mit Gleichem erwibert wurde, indem nicht mehr bu Zölle des Vertrags- und Meistbegünstigungstarifs, sondern die Sätze des allgemeinen Tarifs zur Anwendung kamen. Jnzlvifchen dauern die Verhandlungen ztvischen Ka- aada und Deutschland behufs Zustaudekommerrs einer end- ziltigen Regelung fort. Trotzdenr hat sich Kanada be- urüßigt gesehen, einen Zuschlagszoll von 25 Prozent aus deutsche Waren zu legen. Es sann somit kein Zweifel vorliegen, daß dies direkt eine Kriegserklärung ist, und England dürfte sich gewiß nicht wundern, wenn Deutschland darauf mit Anwendung des Paragraph 6 des Zolltarif- gesetzes von 1829 bezw. 1893 geantwortet und die kanadische Einfuhr mit einem Zollznschlag belegt hätte. Jedenfalls stünde England, nachdem es seinen Kolonien die Zollautonomie zugestanden hat, kein Recht auf Gegen- maßrcgetn, oder auch nur auf amtliche Protestnoten zu. Wie kommt nun Herr Chamberlain dazu, Deutschland in das Licht einer feindseligen Politik gegen die englische Regierung zu stellen? Offenbar spekuliert er auf den günstigen Wind, den der neu entfachte Deutschenhaß seinen Zollplänen einhauchen könnte. Er ist also der bewußte Wühler, der in England die Volksleidenschaften aufrührt und sich nicht darum kümmert, daß Deutschland der englischen Regierung und der englischen Politik untrügliche Proben feiner Freundschaft gegeben hat. Wir wollen uns diesen neuesten Streich „unseres guten Freundes' Chamberlain hinter die Ohren schreiben.
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„Unser freund“ Chamberlain.
CK Der englische Kolonialsekretär Chamberlain hat » der denkwürdigen Parlamentssitzung, in der er den Ueber: gang Englands vom Schutzzoll zum Freihandel als Wrrt- schaftsprinzip der Zukunft ausrief, den Standpunkt ver- ireten, daß Deutschland in seinem Konflikt mit Kanade nichts anderes betreibe, als eine Einmischung in die inneren Familienangelegenheiten des britischen Weltreiches and daß es auch auf seiner feindlichen Politik beharre obgleich die englische Regierung unsere Regierung mit Pro testen geradezu bestürmt habe. Diese Erklärung wurde vor einer Stelle ausgegeben, von der man unbedingte Wahr Heitsliebe erwarten sollte. Chamberlain sprach nicht etwa wie in Birmingham, als Parteimann, sondern in durchaus verantwortlicher Eigenschaft als Mitglied der englischen Regierung. Um so mehr muß man sich wunberii, daß -er sich in seiner feindseligen Stellungnahme gegen Deutschland nun schon zum zweiten Male auf einer Unwahrheit ertappen ließ. Von einer Bestürmung der deutschen Reichsregierung mit englischen Protestnoten werf die „Nvrdd. Allg. Ztg.D die sich eingehend mit bem deutsch-
Die Politik.
Thrirtngisch-preuhische Universitätsschmerzen.
)( In Thüringen werden Klagen über einen Zwiespalt laut,'der zwischen den preußischen und thüringischen Bestimmungen über die Zulassung zum Rechtsstudium besteht. Seit der letzten Schulreform werben in Preußen bekanntlich auch die Abiturienten der Realamstalten zum Nechtsstudium zugelassen. Im thüringischen Staat ist daZ nicht der Fall. Thüringische Realabiturienten, die sich dem Rechtsstudium widmen wollten, sonnten sich hun in der ersten Zeit nach der Einführung der Reform in der juristischen Fakultät einer preußischen Universität inskribieren lassen. Neuerdings aber hat Preußen ihnen diese Möglichkeit abgeschnitten: der Unterrichtsminister hat eine Verfügung erlassen, wonach alle in einer preußischen juristischen Fakultät inskribierten Realabiturienten solcher Sunbebftaaten, die für die Zulassung zu den juristischen Prüfungen an der Forderung des Gymnasialreifzeugnisse- festhalten, ihr Studium nur fortsetzen können, wenn sie in die philosophische Fakultät übertreten. Natürlich hat das für eine ganze Reihe thüringischer Realabiturienten, die sich auf preußischer: Hochschulen dem Rechtsstudium widmen, schwere Nachteile im Gefolge. Und in Zukunft tön* neu solche Realabiturienten überhaupt auch in Preußer nicht zunr Studium der Jurisprudenz zugelassen werden. Offenbar will Preußen einen Druck auf die anderen Bun- desstaateu ausüben, um sie zu der gleichen Schulreform zu veranlassen. In diesem Falle wird die Sympathie aller Freunde der Gleichberechtigung der höheren Lehranstalten, auch der Thüringer, auf Seiten Preußens sein. Es ist in der Tat nicht abzusehen, warum die thüringischen Staaten nicht auch die Realabiturienten zum Rechtsstudium zulassen sollten.
Vatikanische Politik.
::: Italienische Blätter wissen allerhand Bemerkenswertes über die Haltung mitzuteilen, die der Vatikan gegenüber der ordensfeindlichen französischen Regierung beobachtet. Unter dem Hinweis darauf, wie die Kurie während des Kulturkampfes in Deutschland sich der von der preußischen Regierung gemaßregelten Geistlichen, insbesondere des Posener Erzbischofs Ledvchowski, annahm, veröffentlichen römische Blätter eine Mitteilung über das gerade entgegengesetzte Verfahren des Vatikans gegen die französischen Ordensgeistlichen. Jin französischen Departement Haute Savoie haben sich eine Anzahl Kapuziner, die wegen Angriffen auf die Behörden in §aft genommen waren, an den Papst mit der Bitte gewandt, ihnen den päpstlichen Segen zu erteilen. Papst Leo XIII. hat sich zwar bereit erklärt, ihnen den Segen zu erteilen, aber nur untter der Bedingung, daß die Segnung absolut geheim gehalten und unter keinen Umständen den französischen Behörden bekannt werden dürfe. Damit war,jedoch der Prior her Kapuziner nicht einverstanden, er zog seine Bitte um den päpstlichen Segen zurück. Sehr wahrscheinlich klingt die ganze Geschichte gerade nicht. Sie erscheint umso unglaubwürdiger, als
jie Kurie im übrigen aus ihrer Befehdung dër französischen Regierung kein Hehl macht. Das römische Organ des Vatikans bestätigt jetzt unsere Mitteilung, daß — wenn Präsident Loubet nach Rom komme — er vom Papste nicht empfangen werden würde.
Die russische Osfiziersverschwörung gegen den Zaren<
(—) Allmählich sickern immer neue Nachrichten durch, die unsere Meldung über die von den russischen Behörden noch immer geleugnete Petersburger Offiziersver- schwörung gegen das Leben des Zaren bestätigen. Auf Umwegen kommt aus Petersburg die Nachricht, daß von Den verhafteten Offizieren der Petersburger Artillerieschule zwei neulich nachts in der Feste Schlüsselburg standrechtlich erschossen worden sind. Zwei andere wur- dey nach der Insel Sachalin verbannt.
Die Lage in Mazedonien
hat den Konstantinopler Botschaftern Englands und Italiens Veranlassung gegeben, bei der Pforte darauf zu bringen, daß sie energische Vorkehrungen für die Sicherheit, namentlich im Wilajet Monastir, treffe. Die Pforte hat das auch versprochen. Aber ob sie es halten wird? — Rußlands Einspruch gegen die Massenverl)aftungen von Bulgaren in Mazedonien hat übrigens seine Wirkung getan. Nach einer Mitteilung der Pforte hat sie in Saloniki bisher ungefähr 400 verhaftete Bulgaren entlassen ; 26, deren Schuld erwiesen ist, befinden sich noch in Haft. Von der Hartnäckigkeit nnd dem Fanatismus der Bulgaren gibt ein Vorkommnis eine Vorstellung, das aus dem Renkontre zwischen Bulgaren und Türken bei Moyila berichtet wirb. 17 Bulgaren hatten sich in einem Hause verbarrikadiert, das von einem türkischen Bataillon umzingelt und unter Feuer genommen wurde. Tie Bulgaren hielten sich eine ganze Nacht. Als schließlich die Munition ausging, verübten alle 17 Selbstmord. Unter den 17 befanden sich einige, die bulgarische Offiziersuniform trugen.
„Heiliger Krieg" in Algier.
21 Höchst bedenklich gestaltet sich die Lage an der algerisch-marokkanischen Grenze. Der wilde moslemische Be- raberstamm und andere Stämme rüsten sich zum „heiligen Kriege", zu einem bis zum letzten Atemzuge geführten Vernichtungskampf gegen die Franzosen. Diese sind ihrerseits auch nicht lässig: der Ort, in dessen Nähe der algerische Generalgouverneur Jonnart mit seinen Begleitern plötzlich beschossen wurde, ist bereits bombardiert worden, und täglich gehen neue französische Truppenabteilungen nach der Grenze ab. Den Kabinetten von London und Madrid hat ^ranfreich seine Absicht mitgeteilt, die marokkanische Grenze zu überschreiten und die marokkanischen Stämme, die sich Feindseligkeiten gegen Frankreich haben zu schulden kommen lassen, zu züchtigen. Es ist ganz zweifellos, daß England diesem Vorgehen Frankreichs, von Dem es trotz Frankreichs gegenteiligen Versicherungen ein Dauernbes Festsetzen in Marokko besorgen muß, nicht un* tätig zusehen wird. Es ist leicht möglich, daß sich aus den Unruhen an der marokkanisch-algerischen Grenze eine allgemeine europäische Affäre entwickelt, deren Tragweite einstweilen noch nicht zu übersehen ist. . .
Kurze politische Nachrichten.
* Der Burenoberst Schiel ist in Reichenhall sehr schwer erkrankt.
* König Leopold von Belgien wird binnen kurzem in London eintreffen, um alle zwischen Großbritannien imb >em Kongostaat schwebenden Streitfragen zu regeln.
* Nach Blättermeldungen aus Semlir: ist dort das Ge- rücht im Umlauf, die Königin Draga sei an einer Speise Die der französische Leibkoch des Königs Alexander zube reitet^ hatte, unter Vergiftungserscheinungen erkrankt, bei Leib koch habe sich später im Schloß erschossen.
* Als eine Folge der Kischinewer Vorgänge kann eir Ukas des Zaren gelten, der eine Liste von 101 Ortschafter enthält, in denen Juden das freie Wohnrecht und Grund erwerbungsrecht zugesichert wird. Andererseits wird bet Juden einstweilen verboten, außerhalb des Gebietes, Wi ihnen die Ansiedelung gestattet ist, Grundkäufe abzuschlie- gen.
* Unter den britischen Truppen im Somalilande ist der Skorbut ausgebrochen. Die meisten Offiziere sinè wegen der Krankheit dienstunfähig.
Gin fest am Rose von Korea.
Zwischen Japan und Rußland ist in letzter Zeit bit Eifersucht wieder hell entbrannt. Außer um den politi schen Einfluß in China dreht sich der Wettstreit bei beiden Mächte hauptsächlich um die Halbinsel Korea, de^ ren mildes Klima und reiche Schätze wohl geeignet finb fremde Begehrlichkeit zu reizen. Für beide Rivalen wäre die Einbeziehung Koreas, das sich an die bereits sc gut wie in russischem Besitz befindliche Mandschurei an» lehnt und von der japanischen J.nsel Kiusu nur durch