Nr 2 Zweites Blatt. Samstag, den 3. Januar 1903.
12. Jahrgang.
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Fern sprech« nschluß Nr. 3($2.
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Neueste Nachrichten
(Gießener Hagektalt)
für Oberhefsen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeraer für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
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Gessener cagesneuigtreitrn.
** Vortrags k u r s u s f ü r p r a k t i s ch e L a n d- wirte in Mainz. Bei Gelegenheit des in nächster Woche des in Mainz stattfindenden Vortragskurs wird, wie erst neuerdings festgesetzt, Herr Kceisveterinärarzt S ch in i d t - G i e sz e n über die Bekämpfung der Tuberkulose des Rindviehs referieren. Herr Schmidt hat die
Htrulvliüngige Tageszeitung
neue Methode des Herrn Geheimrat Prof, von Behring eingehend studiert. Reu und besonders interessant, wie überhaupt diese bedeutsamen Entdeckungen, dürften die Mitteilungen des Herrn Schmidt über jene eigenen diesbezüglichen Versuche in der Präcis sein. Bei dieser Gelegenheit bemerken wir noch, daß auch RichUaud- wirte an jener Veranstaltung des Hessischen Landwirt- schaftsrates teilnehmen können.
** Der P o st v e r k e h r zum diesmaligen Fahres- loechsel war bei Weitem nicht so lebhaft wie in den früheren Fahren. Namentlich der Witzkartenversand hat unter scharfer Zensur der berufenen Behörden eine kolossale Abnahme erfahren und dies mit Recht. Den meisten Absatz an Postwertzeichen sollen die Zweipfennia- marken gefunden haben; somit dürften die vom Post- fiskus gefürchteten Mindereinnahmen durch Einführung genannter Postwertzeichen nicht in Erfüllung gehen, da ein guter Absatz im Allgemeinen zu verzeichnen ist.
** Eine Versetzung v o n Beamten in größerem Umfange wird, wie u a. auch die „Hamb. Nachr." mitteilen, zum ersten April d. I. von den Eisenbahndirektionen ins Auge gefaßt und zwar dergestalt, daß Beamte der Eisenbahndirektion Posen gegen Beamte anderer Bezirke ausgetauscht werden mit der Absicht, auf diese Weise den Polonisaliousbe strebungen einen geeigneten Widerstand entgegenzusetzen.
Zus Hessen und Nacbbafgebieten.
** In Marburg ist nun endlich ein greifbares Projekt bezüglich der Anlage von Straßenbahnen zustande gekommen. Darnach soll eine Pferdebahn, die eine Verbindung zwischen Nord und Süd der Stadt (Hauptbahnhos W l- helmsplatz) herftent, angelegt werden. Die Kosten belaufen sich auf 47 000 Mk., deren Verzinsung und Amortisation mit 7 Prozent âch die Einnahmen als gesichert angenommen wird.
)( Wetzlar. In den Tagen vom 23. bis 25. März ds. Js. finden die A u f n a h m e p r ü s u n g c n bei dem hiesigen Kgl. Lehrerseminar statt. Nach Ostern wird ein neuer dritter P räparandeu k u r s u s eröffnet. Anmeldungen zur Aufnahrne in beide Ausfallen sind an Herrn Seminar-Oberlehrer Vocbrodt hierselbst zu richten.
** Braunfels. Der Kaiser hat dem Prinzen Friedrich zu Solms-Braunfels am Tage vor Weihnachten den Raren Adlerorden 3. Klasse verliehen.
(Lietzener Zeitnng)
^ [9kne Luftschiff-Experimente, l Pros. Alexander Grahaui Bell, der belainite un^rikanische Erfinder, bat sich während des Sommers und des Herbstes aus feinem Landsitz mit der Lösung des Problems der Lustschiss- fahrt beschäftigt hHb eingehend? Erverinienl? an gegellt, Oie, lvie er hofft, die .Konstruktion einer loirklich brand) baren Flugmaschine ergeben werben. Seine Idee der Lnft'wiffahri gründet sich auf die beim Steigenlassen von Trachel' gemachten Beobachtllngen.
I Tao Theaterstück ohne Verfasser, f Ee> ist sUlon vor gekommen, daß ^on Antoren sich den Titel oder den Stoff eines Stückes streitig machen und wegen der Tau tièmen in Hitze und „Verrohung" geraten daß aber ein Dheaterdirektor den Verfasser eines sehr erfolgreichen Stückes sucht und nicht finden taun, dürfte trotz Ben Akiba noch nicht dagelvesen sein. In London hat sich dieser außerordentliche Fall ereignet. Herrn finde Bet lern, der ein Londoner Theater leitet, fiel es vor eini ger Zeit ein - Theaterdirektoren haben manclunal son derbare Einfälle einen Haufen Manuskripte, die schon Jahre lang in, feinem Bureau niüberlen, dlirch^nander unuerfeii. Bei dieser Gelegenheit eiltdeckte er ein Stück, das ihm so außerordentlich gefiel, daß er es sofort auszuführen beschloß. Den Nam^i. des Autors kannte er nicht: der Mann hatte sich entw-eder nicht genannt oder sein Begleitschreiben mar im Laufe der Fall re her«, leren gegangen. Das Stück hatte einen Bombenerfolg nnb ermiev sich als eine wahre Goldgrube. Als an ständiger Mensch faßte Kyrle gellem den rühmeuslver len Entschluß, dem Vinter Tantiemen z>l za l) len. Der Vinter ist Vber nicht 511 sinden, obwohl Kyrle hellem bereits die Hälfte der Tantiemen für Annoncen ans gegeben hat, in welchen der verschwundene Antor dringend ersucht wird, znrnckzlilehren. Fst er tot? Oder ver sctyvunden? Hat er Selbstmord begangen, weil er nicht so lange warten konnte, bis Kyrle Bel lew sein Stück gesunden haben würbe? Oder sucht er vielleicht irgenb wo in außereuropäischen Ländern die Humberts, ohuc 511 ahnen, daß man sie bereits hat?
Kurzes -lllcrlci. Ein 121 jähriger Greis lebt nach Petersburger Blättern in Inotseno in Finland. Er i|l Zigeuner und Wan her I noch heute von Torf zu Dorf. Das Gehör hat er vor 10 Jahren verloren, aber sehen kann er noch ziemlich gut.
]) R uhcstörnngcn durch belgisches Militär. Schlägereien zwischen Soldaten und Zivilisten, die sich seit einigen Tagen in der belgischen Stadt Namur in Tauzlokalen wiederholten, arteten in eine ernstliche Rnhestorung ans. Ein Hanfe bewaffneter Laneiers warf in einer Anzahl Straßen alle Fenster ein. Die Polizei und die Gendarmerie waren nicht im stunde, die Ordnung uncderher- §ustellen; zwei Polizisten und einer der Lanciers würben schwer verletzt. Der Bürgermeister hat zur Wiederherstellung der Rube Militär reaulriert.
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Roman von Dr. Kalifa r und T. L. Ak c a d e. Autorisierte Bearbeitung von E. Weßner.
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Aber an dem Abend, an welchem er in (Fronhofen ciiifnhr, begann Der bessere Teil seines Ichs znm ersten Mal sich leise zn regen. Er war zwar Damit einverstanden gewesen,,Daß seine Gattin imter anderen Gästen auch Fran Everett nach Okon ho seit ein lud, aber ein sonderbarer Ausdruck in Den leiDerrüUtcu Augen der Witwe nnd ein forschender Blick ans Hetms Augen rüttel len seine Seele, die unter der ihm anserlegten Prüfung vielleicht am schwersten gelitten, wie ans tiefem Schlummer wach und erfüllten ihn nach nnd nach mit Gewissensbissen. Sie Stimme seines Gewissens war erwacht nnd machte sich immer schärfer und dringlicher geltend.
In seiner ansgezeichneicn körperlichen und genügen Gewnd- bett war sein erster Impuls, diese Stimme zn erstickn nnd Die begangene That lotziychweigen. Sein heißer Wunsch ging dahin, seine Lchnld vor Der Welt zu verheimlichen und das Gelleunms seines Lebens mit ins Grab zn nehmen. Er hieU cs fnr ein leichtes, sein Gewissen zu beschwichtigen, aber am Tage seines Einzugs empfand er, Daß eine sonderbare Umwandlung in ictneni Inneren vorgegangen sei. Das Gefühl Der Zufriedenheit und der Freude am Leben mit all' seinen Vergnügungen unD Schönheiten, welches soviel zn feiner Genesung beigetragen, war von ihm gewichen uuh an seine Stelle Die gnälendc Erkenntnis getreten, Daß er ein schlechter Wien sch, ein Henäüer sei. sind langsani begann er, sich selber zn hassen. Troß alledem aber Dominierte Der Wii nsch in ihm, sein Geheimnis streng zu hüten Fran Everett mit gebrochenem Herzen Dem Grabe enlgegeuwankcn und ihren Sohn Den Kelch Der Schwach uuD Entehrung bis auf Die Neige leeren zn lassen. . .
Der Baron schlief Die erste Nacht nach seiner Heimkehr fast garnicht. Am Morgen erwachte er mit Dem klaren Bewußtsein, daß er entweder das furchtbare Geheimnis bis an fein Lebensende in seine Brust verschließen ober feine That bekennen und Die Strafe auf sich nehmen müsse, welche ein anderer an feiner Stelle büßte. Sein endgiüigcr (hmchfuß an Diesem Morgen war — auch fernerhin zu schweigen. Er begab sich in das Mhftücfysiuimcr und nahm sich vor, auf seiner Hut zu sein. Seine Gattin bemerkte nichts llngewöhnliches in fernem Wesen, sein Gesicht drückte Heiterkeit und Lebensfreude aus, Interesse
für alles, was in der Welt und besonders in seiner Umgebung verging. Nur Frau Everett, die wachsame, scharfblickende, entdeckte einen sonderbaren Ausdruck von heimlicher Unruhe und verschleierter Scheu in seinen Augen, ohne eine Erklärung dafür zu finden. "Audrey blieb den ganzen Tag abwesend, er hatte in Wirkschaftsangelegenheiten auf feinen Gütern zn thun, mit den Pächtern zn konferieren nnd vor allem manche neuen Vorkehrungen zu treffen, da er die Zügel der Oberleitung selber in die Hände nehmen wollte. Während er G von Hans zu Hans ritt, war das neue Gefühl über sich selbst sein treuer Begleiter. Ueberall empfing man ibn mir Fnbcl und Herzlichkeit, aber er empfand seine reine Frende über alle diese Beweise von Liebe nnd Treue. Er nannte sich im tiefsten Herzen einen Heuchler der schlimmsten und niedrigsten Art. Diese Erkenntnis traf sein Herz jedesmal ivic ein VJiesferstich, wenn er sich dieselbe vorhielt. Sie folgte ihm überallhin, sie peinigte ihn grausam, weil sie allen Traditionen seines Hanfes und seines Namens Hohn sprach. Seine geistige Gesundheit war jetzt eine so vollkommene, daß er seine Handlungsweise im grellsten Licht erkannte — sie zeigte sich in einer häßlichen, unsagbar häßlichen gestalt. Er verachtete sich, er haßte sich nnd Dennoch schlug der Entschluß, die Wahrheit nicht zu bekennen, immer tiefere Wurzeln in feiner Brun. Er wollte sein (geheimuiv auf keinen Fall vreivgebeu. Sie Möglichkeit, daß die Wahrheit eines Tages auf anderem Wege, als durch ihn selber, he raus kommen könne, hatte er garnicht in Betracht gezogen.
Der Tag war von imvergleichlicher Schönheil; er brachte ihm auch Die Erfüllung seines heißen Wunsches: die Nachricht, Daß er ins Parlament gewählt sei. Diese Thatsache erfüllte ihn mit Stolz nnd innerem Jubel. Er sah sich schon in Dem mächtigen Saale stehen und eine geistvolle, zündende Rede halten; er sah sich im Geiste eine Der höchsten Stellen im Miniltcrinin einucbmcn. lind er wollte alles in Bewegung seyen, dies hohe Niel zu erreichen-, denn seine Geburt, sein Reichtum und seine geistigen Fähigkeiten berechtigten um dazu. Generationen, hindurch hatten Träger seines Namens Die einflußreichsten stellen iw vaubc bekleidet, die Abgeordneten für Gronhofen Nets aus dem Hause Audrey gestammt, in der Armee und in Der Marine kurz, überall hatte der Name Andrey ruhmvoll geglänzt. Uno welche Siege hatten seine Vorfahren erfechten helfen! Mit welchen Ehren und Auszeichnungen waren sie jederzeit bedeckt gewesen. Jawohl, es war seine erste und heiligste Michl, Den alten, vornehmen Namen zu Ruhm und Ehren zu bringen Ihn m den Schmntz zu ziehen - das wäre Wahnsinn aewelen Ter größte
Wahnsinn, Den ein Mensch nur je begehen konnte! Es war nicht
minder seine Pflicht, an Margarete zn denken, an feine Be- uynngen, feine Pächter, deren Wohl nnd Wehe znm größten Teil von nun abhing.
Everett nnd seine RcNtler mußten eben weiter leihen. Was waren Diese zwei.Menschen im Vergleich zn Den vielen anderen, welche namenlos leiden würden, wenn Die Wahrheit heranskäme? , Es ging garnicht anders, es mußte alles bleiben, wie es war. Scr stolze Rame Andrey mußte auch fernerhin im hellsten Lichte strahlen. Hub dann mußte er schließlich auch an feine Nachkommen denken. Sein ^öbuchcu Vlrthnr hatte zwar ein tückisches Leiden hiniveggerafft, aber Gott würde ihnen voraussichtlich noch andere Kinder schenken. Die Zukunft lag so vielverheißend vor ihm! Er mußte die Last seines schrecklichen Geheimnisses weitertragen und er wollte es auch. Er wollte es sorglich in sein geheimste-? Inneres verschließen, und niemandem, weder durch ein Wort, noch Durch sein Wesen, weder Durch einen Düsteren Blick, noch Durch ein sorgenvolles Gesicht, verraten, was auf seinem Gewissen lastete. Er wollte fröhlich, tapfer sein, Kni inner nnd Gewissensbisse von sich verbannen und ein sorgloses Leben führen, soweit es ihm nur irgend möglich war.
Tode
3a, ich will mein Geheimnis neulich hüten bis zu meinem , murmelte er vor sich bin. „Wenn nur dies Weib nicht
wäre, diele Hetty! Sie weiß alle' ich muß sie erkaufen."
doch sie muß schweigen —
Andrey ritt in leichtem Trabe durch die herrlich blübendc und duftende Landschaft nach Hanse. Er erinnerte sich, daß er eine llntciTCbima mit Herm vereinbart hatte. Es war eine peinliche Situation für ihn; er mußte Hua sein und alles daran fcBcii, ihr das Versprechen unverbrüchlichen Schweigens abzu- ncbmcii, er mußte ihre Angst und Furcht beschwichtigen. Hetty war ein harmloses, hübsches Weib und ihm herzlich zngerhan; sie hatte sich so rührend treu erwiesen, er mußte gut und freundlich zn ihr sein, da sie seinetwegen so viel und so schwer gelitten. Am besten war es, wenn er Henh nnb ihren Mann bewegen konnte, nach Amerika ober Australien anszumaudern. Vincent war arm; er würde ein reiches Gescheut zweirellos mit Freuden an nehmen, um damit im Lande der Dollars oder der Goldfelder sein Glück zn versuchen, awohl, so war es am besten: die Vincents mußten fort; es wäre ihm furchtbar peinlich gewesen, Herm, der Mitwisserin seiner Schuld, immer zn begegnen.
Und Frau Everett'. Sie durfte nie wieder cingeladen werden; ihre Gegenwart verwirrte ihn nnd flößte ihm ein Gefüllt unbeschreiblichen Unbehagen ein; er sonnte ihr nicht mehr in die Augen sehen, in die durchbohrenden, fonchenden Augen.