Nr. 126.
Dienstag, den 2. Juni 1903.
12. Jahrgang
Ub,«e«O»tS-re1S: in Gießen, abgehslt monatlich 50 Pfg., hfl Hau- gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährlich Mr. 1.50.
Gr«tt-beila-e«: Oberhefstsche Familienzeitung (täglich) Oberhefstsche Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst und Gartenba«, sowie die Gießener Seifenblasen (wöchentlich). Da- Blatt erscheint an allen Werktagen nachmitagS.
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Postzeitungsliste No. 3269.
Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 28.
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Aeue
(Kießener Gagevtatt)
Mnaöhângige Tageszeitung
(Hießener Zeitung)
für Overhefsen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Lassalkaner und Marxisten.
CB. Die sozialdemokratische Partei feierte in letzter Woche den 40jährigen Gedenktag der Begründung des all- gemeinen deutschen Arbeitervereins, der ähnlich, wie der Natiorialverein die Wiege der nationalliberalen Partei geworden ist, dell keimenden Kern der sozialdemokratischen Partei bildete. Doch hat sich seitdem der Sozialde- mokratismus weit von den ursprünglichen Zielen dieses von Lassalle gegründeten Vereins entfernt. Mit vollem Recht wies ein Hamburger Mitglied in einer Versammlung darauf hin, daß ein Lassalleaner den Kandidaten der Sozialdemokratie seine Stimme nicht geben darf. Durch Abgabe weißer Stimmzettel möge man Protest erheben legen das Vorgehen der reaktionären Sozialdemokratie, die )urch das leichtsinnige Inszenieren von Streiks u. s. w. )ie Interessen der gesamten Arbeiterschaft schädige.
Bevor Lassalle die Gründung in die Wege leitete, rich- ' tete er an den Schöpfer der modernen Genossenschafts- bewegung Schulze-Teliksch einen Absagebrief, in dein er Den dröhnenden Schritt der organisierten Arbeiterbatail- lonc ankündigte nnd dem Fortschrittsabgeordneten gegenüber betonte, Lassalles Werk lind Name werde blühen, wenn Schulze-Delitzsch längst vergessen sei. Lassalle ging damals darauf aus, die Arbeiter von der Fortschrittspartei zu trennen, der sie bis dahin angehörteu. Als Sprengmittel wühlte er ein neues Ziel in der Genossenschaftsbildung. Er vertrat nämlich den Standpunkt, daß Die Arbeiter kein Interesse daran haben, Konsum- und Rohstoffgenosseuschaften zu bilden, weil diese doch nur Den kleinbürgerlichen Kreisen und dem Handwerkerstand zu Gute kämen. Tie Arbeiter haben nur einen Vorte.il von Produktivgenossenschaften, die sich selbst mit der Gütererzeugung befassen, so daß also durch derartige Neugründungen die Arbeiter am Uuteruehmergewinu beteiligt sein würden. Lassalle organisierte zum Zwecke der Gründung von Produktivgenossenschaften den deutschen Arbeiterverein nnb forderte zur Schaffung dieser genossenschaftlichen Unternehmungen einen Staatskredit von 100 Millionen Taler. Tenn Lassalle war Staatssozialist, und sein Werk war auf rein nationaler Grundlage gedacht. Ter Fundamentalsatz seiner wirtschaftlichen Anschauung war die These von dem ehernen Lohngesetz, das uach seiner Ansicht den Prozeß der Lohnbemessung regelt. Lassalle glaubte, daß die Arbeiterlöhne sich trotz geringer Schwankungen im allgemeinen nur auf dem Niveau der niedrigsten Lebenshaltung bewegen, eine An sch an ung, die durch die Statistik allerdings vollständig widerlegt und auch von den Sozialdemokraten selbst preis- gegeben worden ist. Für Lassalle war die gesamte soziale Frage eine Angelegenheit der Lebenshaltung, und in die sein Sinne war auch der im Jahre 1863 organisierte all gemeine deutsche Arbeiterverein tätig. Lassalle hat den Termin dieser Gründung nur ein Jahr überlebt, denn bereits 1864 fiel er im Duell; aber sein Werk wurde für einen anderen ein wichtiges Hilfsmittel der Propaganda, für Marx nämlich, der in der sozialen Frage eine Angelegenheit des Aufbaues der menschlichen Gesellschaft erblickte. Für ihn war die Wurzel alles Nebels, daß das Kapital das Bestreben hat, sich immer mehr zusammen- zuballen, woraus er eine zunehmende Verarmung der Bevölkerung, die sogenannte Verelendigungstheorië, folgerte. Indessen sind auch ihm wissenschaftliche Gegnerin der eigenen Partei erwachsen, die nachgewiesen haben, daß die Konzentration des Kapitals bedingt ist durch die Art der Fabrikation, die nur als Großbetrieb leistungs- fähig und lohnend ist, daß aber als Ergebnis der Kapi talverschmelzung die Gewinnverteilung folgt, und daß auch in günstigen Zeiten die Arbeiter durch Lohusteigerungen an den Vorteilen der vergrößerten und verbilligten Gütererzeugung teilnehmen. Der wesentlichste Unterschied zwischen Lassalleanern und Marxisten bestand darin, daß erstere nur die Löhne verbessern und sich auf nationaler Grundlage organisieren wollten, während die Marxisten das Privateigentum in G esellschaftseigent u m umwandeln wollten und sich als eine internationale Macht organi- iierten. Tie Lassalleaner sind schon seit 20 Jahren fast völlig zurückgetreten, und der Marxismus ist in der Sozialdemokratie das herrschende Prinzip -- wenigstens bis vor zwei Jahren — gewesen. TrpMem also die heutige Sozialdemokratie doch etwas wesentlich anderes ist, als s. Z. der allgemeine deutsche Arbeiterverein, kann sie die- >en als den Ursprung der Partei ansehen, weil mit dieser Gründung das Prinzip in die Arbeiterschaft getragen wurde, daß sie sich als Klasse organisieren müsse.
Die politih.
Neuerungen in der Heeresansrüftung.
)—( Eine kaiserliche Kabinettsordre, die auf dem Trup- peuübungsplatz Döberitz ergangen ist, trifft neue Gestirn mungen über die Farbe der Ueberröcke der Offiziere, der sogenannten Jnterimsuniform. Danach tragen die Offiziere künftig allgemein (mit Ausnahme der im nächsten Satze genannten) die Ueberröcke von dem Grundtuch des für sie vorgeschriebeneu Waffen rockes. Dje Offiziere der
Maschinengewehrabteilungen tragen — tote Die ^ager — Ueberröcke von dunkelgrünem, die der Jäger zu Pferde — wie bisher — vou dunkelblauem Tuch. Die Sanitäts- vffiziere und die Beamten der Militärverwaltung tra jen Ueberröcke von dunkelblauem Tuch. Blauschwarze lleberrötfe dürfen bis aus weiteres abgetragen werden. Neubeschaffungen sind nicht gestattet. Ferner hat der Kai [er angeordnet, daß das Leib-Garde-Husarenregimeut für Paraden einen aufrechtstehenden ^aarftub, wie ihn bereits die Offiziere des Regiments tragen, an Stelle des nach rechts herabhängepdèn Haarschweifes zu tragen hat. Man ist dadurch wieder auf die alte Ausrüstung, wie sie nach der Gründung des Regiments, 1815, bestand, zurück gekommen. Schließlich sei noch erwähnt, daß auch über die Kriegshunde neue Bestimmungen ergangen sind. Als Kriegshunde wurden beim Gardejägerbataillon in Potsdam seit Jahren auch versuchsweise deutsche Jagdhunde ausgebildet. Es hat sich aber herausgestellt, daß die laughaarigen schottischen Schäferhunde sich besser für diesen Zweck eignen, weil sie mehr Ausdauer und Energie entwickeln, sich and) bei ihren Botendiensten nicht dnrch ettoti ihnen in den Weg laufendes Wild ablenken lassen, mic es die Jagdhunde mitunter taten. Tie Jagdhiuide sollen deshalb nach und nach durch schottische Schäferhunde ersetzt werden.
Der „Druckfehler" der ^rattkettvcrsicherungd! Novelle.
22 In einer halbamtlichen Darlegung wird jetzt der bekannte Druckfehler in der Krankenversicherungsnovelle, nach dem „neben freier Kur und Verpflegung in einem Krankenhause, falls der lhitergebrad)tc Angehörige hat, Deren Unterhalt bisher aus seinem Arbeitsverdienst bestritten wurde, ein Krankengeld bis zur „Höhe" des durchschnittlichen Tagelohns bewilligt werden kann," während es nach den Beschlüssen der Kommission heißen müßte, „bis zur „Hälfte", aus formellen wie aus sachlichen Gründen für „ohne jeden Belang" erklärt. Der am 15. April 1903 ausgegebene Bericht, der von den Mitgliedern der Koul- mission unterschriftlich vollzogen ist, sei entscheidend, nicht die vorläufige Zusammenstellung vom 8. April, die im Bureail des Reichstages betvirkt sei. In: ersteren lautet der Passus richtig: „bis zur Hälfte". Ebenso enthielt die vom Reichstagspräsidenten vollzogene Ansfertigung der Beschlüsse des Reichstages, die dem Bundesrate vorgelegt wurde, und die „die allein maßgebliche Urkunde" darstellt, den richtigen Wortlaut. Daß der Reichstag stets nur dic- sen Wortlaut im Auge gehabt hat, ergaben die gesamten Verhandlungen. Es wäre ja auch direkt widersinnig, wenn man in diesem Falle die Angehörigenunterstützimg in Höhe des durchschnittlichen Tagelohnes gewähren wolle, da nach Paragraph 21, Absatz 1, Ziffer 2 des Krankenversicherungsgesetzes das Krankengeld für den nicht im Krankenhause untergebrachten Versicherten höchstens drei viertel des durchschnittlichen Tagelohnes betragen darf. Davon müsse dann der Kranke aber sich nnd seine Angehörigen unterhalten. — Im Gesetz, das jetzt der Reichsanzeiger veröffentlicht, stehen mithin mit Recht im Para graph 21, Abs. 1, Ziffer 2a die Worte „bis zur Hälfte". Wir haben diesen Standpunkt von Anfang an vertreten.
Ein serbisches Attentatsmärchcn.
::: In osteuropäischen Blättern toar in letzter Zeit häufig davon die Rede, in Belgrad sei eine Vcrschivö- rung gegen das Leben des Serbentönigs entdeckt ivor- den. Wir haben, wie die deutsche Presse überhaupt, von diesem Gerücht keine Notiz genommen. Es trug den Stempel der Unglaubwürdigst an der Stirn. Jetzt wird denn auch bekannt, was an der ganzen Geschichte wahr ist. Zwei in Fiume wohnende politische Lockspitzel haben sich dem Belgrader Kabinett gec er erboten, gewisse Persönlichkeiten, von denen sic ahmen, daß sie der serbischen Regierung unbequem )\ n, fälschlich einer Verschwörung gegen König Alexander zu bezichtigen. Das serbische Kabinett hat sich auf den unsauberen Handel erfreulicherweise nicht eingelassen. Wir teilen diesen Sachverhalt mit, um zu zeigen, wie leicht man in Serbien um Kopf und Kragen kommen kaun, wenn man der Regierung unbequem ist. Diesmal hat sich das Mi- nisterium auf den Schurkenstreich nicht eingelassen. Ein anderes Mal geschiehts vielleicht. Wieviele Unschuldige mögen auf solche Zeugnisse wie die dieser beiden Lockspitzel hin in Serbien schon zu schweren Strafen verurteilt worden sein?
Kretisch-kritische Vorgänge.
Auf Kreta gewinnt die Volksbewegung, die einen Anschluß der Insel an Griechenland fordert, von Tag zu Tag an Ausdehnung. Selbstverständlich werden diese Bestrebungen von Griechenland aus insgeheim und offen unterstützt, trotz des Widerspruches der vier Schutzmächkc Kretas — Englands, Italiens, Frankreichs und Rußlands — und trotz des Widerspruches auch Deutschlands und Oesterreich-Ungarns. Neuerdings hält man es in Griechenland nicht mehr für nötig, mit der Unterstützung der kretischen Wünsche Hinterm Berge zu halten. König Georg von Griechenland hat jetzt eine an 'seinen) Geburtstage von der kretischen Kammer an ihn gerichtete telegraphische Kundgebung mit einem Telegramm beantwortet, welches lautete: „Ich danke Ihnen und allen
deputierten Herzlich mit dem Gegenwunsche nach baldiger Erfüllung der Sehnsucht des gesamten Hellenismus." Die AnUvort des Königs wurde in der kretischen Kammer verlesen. Die Mächte werden dem König wohl klar machen, daß er solche unüberlegte Telegramme zu unterlassen hat. Es kann keinem Zweifel unterliegen, doß die Türkei sich die Wegnahme Kretas nicht gefallen Lip fen würde. Auch die türkische Langmut hat ihre Grenzen, und wenn der Fanatismus der Türken erst einmal entfesselt wird, ist ein Weltkrieg unvermeidlich. Und einen solchen Krieg heraufzubeschwören, mir bannt die Kreter sich Griechen nennen dürfen, wäre blanker Wahn- jw*»
Der Figarokrieg gegen Pelletan.
)( Der Pariser „Figaro" läßt nicht locker, er hat sich Jörgen oin men, den Mariuemiuister Pelletan zu stürzen, und so bringt er täglich neues Material gegen ihn vor. Pelletan hat bekanntlich versichert, er habe den Brief Parapres nicht erhalten, der Brief sei auch im Marene Ministerium nicht abgegeben worden, schon deshalb nicht, weil kein Postamt ihn empfangen habe. Nachdem der Figaro schon neulich dieser Behauptung des Ministers mit der Nennung des Aufgabepostamtes und der Nummer des Posteinlieferungsscheines entgegengetreten war, bringt er jetzt zum Hebers hip noch das Faksimile des Couverts, auf dem sich ein Registraturvermerk befindet, der erweist, daß der Brief im Marineministerium tatsächlich eiuge- gangen ist. Der Figaro begleitet diese Veröffentlichung mit der ungeschminkten Erklärung, damit sei absolut erwiesen, daß Pelletau den Brief empfangen und in der Kammer die Unwahrheit gesagt habe. Pelletan erklärt jetzt demgegenüber, es sei schon möglich, daß der Brief oder wenigstens der Briefumschlag, der ihu enthalten haben soll, im Märineministerium eingegangen sei. Aber er selbst habe den Inhalt dieses Briefumschlages nie gesehen. Vielleicht sei in dem Umschlag nur ein leeres Blatt gewesen. Tie ganze Geschichte sei nichts als ein Erpres- sungsmanöver zu Gunsten der Humberts. Diese Vermutung ist mindestens recht weit hergeholt. Wie die ganze Kampagne ausgeht, läßt sich schwer voraussagen. Nicht unrecht dürfte der Figaro haben, wenn er erklärt, gewiß zu sein, daß sein Feldzug gegen Petletau den Beifall Der ganzen Marine habe, vom Admiral bis zum Subalternoffizier herab.
Zur Neubesetzung der 2. Armceinspettion.
(?) Bereits vor etwa vierzehn Tagen waren wir auf Grund einer Information unseres Berliner ^.-Mitarbeiters in bJr Lage, mitteilen zu können, daß die Ernennung des Erbprinzen Bernhard von Suchsen-Mei- ningen zuur Generalinspektelir der 2. Armeeinspektion bevorstände. Eine kaiserliche Kabinettsordre hat inzwischen diese Meldung bestätigt, auch darin, daß der Sitz der 2. Armeeinspektion nach Meiningen verlegt ist. Zu dieser Inspektion gehört außer dem 5. auch das bisher von dem Erbprinzen befehligte 6. Korps, so daß von einer „Entfernung" des Prinzen vom Kommando dieses Korps keine Rede sein kann. Ebenso hat sich unsere weitere s. Zt. gebrachte Meldilng als authentisch erwiesen, daß der Nachfolger des Erbprinzen im bisher vou ihm innegepabten Breslauer Generalkommando der Generalleutnant v. Woyrsch in Neiße sein werde. Die erwähnte Kabinettsordre beauftragt den General V. Woyrsch mit der Führung des 6. Korps.
Blamage eines deutschfeindlichen Hetzblattes.
(!) Einen seltsamen Abschluß hat der schon mehrfach erwähnte Krieg zwischen zwei Berliner Blättern einerseits und dem „Newyork Herald", dem bekannten deutsch- frefserischen Sensationsblatte, gefunden: Der Berliner Korrespondent des Newyorker Blattes, Luhnow, ist plötzlich '"spurlos aus Berlin verschwunden. Der „Newyorl Herald" hatte seiner Zeit, um gegen Deutschland zu hetzen und den Kaiser in den Augen der Anrerikaner zu verkleinern, eine große Anzahl toller Depeschen und Interviews veröffentlicht, die er angeblich von fernem Berliner Korrespondenten erp-alten haben sollte. Die beiden Berliner Blätter behaupteten darauf, diese Tepescheu stammten unmöglich aus Berlin, sie seien in Paris fabri- ziert worden und lediglich Produkte der chauvinistischen Phantasie der Pariser Heraldredakteure; die Interviews aber hätte der Berliner Korrespondent frei erfunden. Der „Herald" tat sehr gekränkt und verklagte die beiden Berliner Blätter wegen Beleidigung. Der Prozeß stand vor der Tür, und Herrn Luhnows Zeugnis inußte für seinen Ausgang entscheidend ins Gewicht fallen. Daß er sich jetzt offenbar auf Veranlassung des Herald- oertegerS in aller Stille aus dem Staube gemacht hat, zeigt, daß die Berliner Blätter mit ihrer Anschuldigung gegen den „Herald" Recht hatten. Teni Newyorker Blatts fam es eben nur darauf an, durch Anstrengung Der Beleidigungsklage den Schein zu erwecken, als feien Die ihm zuteil gewordenen Angriffe haltlos. Um sine wirkliche gerichtliche Austragung der Sache drückt sich der „Herald" natürlich. Er weiß wohl, warum!
Nnsrland wird ungeduldig!
1) Rußland hat sich b^i der Pforte .über, deren Bor-