Nr. 178
Zweites Blatt
Samstag, rea 1. August 1903.
1. Jahrgang
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Gratisbeilage» : Oberhefstfche Familieuzeitung (täglich) Oberhesfische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst- ««d Vartenba«, sowie die Gießener Seifenblase« (wöchentlich). DaS Blatt erscheint an allen Werktagen nachmitags.
Gießener
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Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 98.
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(Gießener HagsStatt)
Wnakßängige Tageszeitung
(Gießener AeitnnK
für Overheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Vermischtes.
A lDie Kaiserin als Schützenkönigin. I Von der Kaiserin ist die bei dem diesjährigen Königsschießen bei Schützengilde zu Rosenberg auf sie entfallene Würde eines Schützenkönigs angenommen worden; gleichzeitig hat die hohe Frau der Gilde zur Erinnerung eine silberne Medaille gestiftet.
4< tEine Reichskanzler-Ehrung eigener Art! wird aus Oberuigk in Schlesien gemeldet. Die benachbarte Ortschaft Goscienjewo hatte, um dem Reichskanzler ihre Verehrung und Achtung zu bezeigen, bei der Regierung den Antrag gestellt, ihren Ortsnamen in „Bülowtal" umtaufen zu dürfen. Diesem Verlangen ist jetzt entsprochen worden. Die Tauffeier soll mit großer Festlichkeit vor sich gehen.
= tEinc Abnahme des Littaucrtnmsl wird amtlich konstatiert. Dieser Rückgang hat sich im Verlaufe der letzten zehn Jahre eingestellt. Gegenwärtig werden zwar noch littauische Gottesdienste abgehalten, indessen sind sie meist sehr schwach besucht. Während früher die Besetzung einzelner Prediger- stellen im Litauischen von der Kenniris der littauischen Sprache abhängig gemacht wurde, ist die Beherrschung dieser Sprache nicht mehr erforderlich. Littauischer Konfirmanden- Unterricht wird nirgend mehr erteilt, littauische Einsegnungen finden nicht mehr statt.
□ lEin sinngemäßer Druckfehler! findet sich nach der Zeitschrift für den deutschen Unterricht in einem kürzlich herausgegebenen Werk über katholisches Eherecht von Pro- fefjor Englmann. Dort präsentiert sich auf Seite 178 das geflügelte Wort aus Schillers Glocke: „Drum prüfe, wer sich ewig bindet" in der dem Stoff des Werkes- noch traulicher angepaßten Fassung: „Drum prüfe, wer sich ehelich bindet!"
* [$ie zartfühlende PolizeiZ Im „Amtsanzeiger ber Stadt Bern" erklärt die löbliche Polizeidirektion der eidgenössischen Bundeshauptstadt den Hahnenschrei in den frühen Morgenstunden als „lästige Ruhestörung", gegen welche die Polizei eiuzuschreiten habe. Man merkt, daß Bern !ine — schweizerische Beamtenstadt ist.
^ [Teure Sparsamkeit.! Eine kleine Anekdote, die den Gegnern der Sparsamkeit Vergnügen bereiten muß, erzählt Bixivu in der „Revue Hebdomadaire". Ritt und Larochelle waren Drektoren des Pariser Theaters Porte-Saint-Martin, als „Die Reise um die Welt" von Adolphe d'Ennery in Szene gesetzt wurde. Für die Aufführung brauchte man auch einen Elefanten. Als sparsamer Mensch und Direktor war Larochelle der Ansicht, daß man sich ganz gut mit
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einem Elefanten aus Pappe behelfen konnte. Aber Ritt hatte inzwischen einen lebendigen Elefanten entdeckt, den er engagierte. Er war nicht sehr teuer: bekam er doch nur 60 Francs für den Abend. „Sie sollten ihn kaufen", meinte d'Ennery. Larochelle hob die Arme zum Himmel und schrie voll Entrüstung: „Sie wollen mich wolfi ruinieren! Wissen Sie denn, daß man 8000 Francs für das Tier fordert?" „lMglücklicherweise" war die „Reise um Die Welt" ein großer Erfolg, und erlebte so 600 und einige Aufführungen hintereinander. So daß das Engagement des Elephanten 36 000 Francs kostete!
o% ! Wie sich Ban derbilt Juwelen verschafft.! Der amerikanische Milliardär Vanderbilt, der kürzlich mit seiner Iachi in Petersburg weilte, hat bei den Petersburger Juwelieren ein wenig gutes Andenken hinterlassen. Er sprach, so er Zählen die „Nowosti", in verschiedenen Juwelierläden vor und bestellte sich eine große Auswahl von Juwelen aus seine Jacht. Die Bestellung wurde sofort ausgeführt, und die Petersburger Juweliere schienen den Geschmack bet Vanderbiltschen Damen getroffen zu haben, denn während eines Frühstücks auf der Jacht konnten die Damen im Schmuck der Petersburger Juwelen bewundert werden. 9Kv die Juweliere das erfuhren, rieben sie sich vergnügt die Hände, in der festen Annahnie, daß die auf die Jacht geschickten Gegenstände auch gekauft worden seien. Wie groß war jedoch ihr Erstaunen, als Herr Vanderbilt am Tage seiner Abreise alle Schmucksachen, die er längere Zeit bei sich behalten hatte, zuriickschickte, ohne auch nur einen Gegenstand gekauft zu haben.
— [Tie „Vcrgnügungs"-Reise.! Fatale Reiseerlebnisse hat ein Kegler aus Tilsit gehabt, der mit seinem Klub eine Vergnügungsreise nach Memel machte. Nachdem die Klubmitglieder in der Ostsee ein Bad genommen hatten, wurde unser Kegelschütze merkwürdig still; er öffnete Den Mund überhaupt nicht mehr. Schließlich stellte sich heraus, daß die Wellen beim Tauchen in Der Ostsee sein falsches Gebiß verschluckt hatten. Nun ging es nach dem Leuchtturm, auf dessen Zinne ein heftiger Wind wehte. Als man wieder unten war, hatte der „Stumme" seinen Strohhut oben Der- Dsen. Dem Leuchtturmwächter wurde zugerufen, den Stroh- hut herunterzuwerfen, was dieser mit dem Erfolg ausführte, daß der Hut durch den Wind in die See getrieben wurde und in der Richtung nach Schweden absegelte. Zähne und Kopfbedeckung war Der Kegler los. Im nächsten Ggsthause wurde Rast gemacht, und da die Kegler beschlossen, den Weg von Försterei nach Memel zu Fuß zurückzulegen, schenkte der Stumme dem Kellner seine Rückfahrkarte Memel- Försterei. In Memel angekommen, machte Der Pechvoael die
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Entdeckung, Daß er Die ^iidfaDrrarteii verwechselt und dem Miner seine Rückfahrkarte Tilsit-Memel gegeben hatte Auf der Rückfahrt nach Tilsit war dem Unglücksmann das Schicksal ebenfalls nicht hold. Er verspürte heftige Zahnschmerzen, trotzdem „seine" Zähne auf dem kühlen Grunde der Ostsee lagen. Bei der Strandpromenade ohne Hut hatte er sich eine tüchtige Erkältung zugezogen. Beim Hinaus- springen aus Dem Zuge verstauchte sich der Aermste noch einen Fuß. Infolge seiner Heldentaten hat ihn der Kegelklub zum Ehrenmitglied ernannt, was ihm einigen Trost brachte.
dT sArtisten-Hrrrnor.! Eine Reihe eigenartiger Inserate von Brettl-Größen bat die „Intern. Artisten-Zeitung" zu sanunengestellt. Z. B.: „Baronin von Ehrenbreitenstein, bochelegante Salon-Soubrette im vornehmsten Genre. Ständige Adresse: Mulackstraße,8b bei Witwe Kuubbe, 2. Hof, Seitenflügel, 4 Treppen links." Oder: „Statt jeder besonderen Meldung! Anderer Umstände halber kann ich mit meiner schwebenden Jungfrau in den nächsten Monaten keine Engagements anuehmen. Hochachtungsvoll Iulius Glutherz, Impresario." — Vor etwa zwei Jahren erregte das Inserat eines Akrobaten etwas ängstliches Aufsehen. ES enthielt die energische Mahnung: „Wer mir meine Triks kopiert, dem schlage ich die Knochen im Leibe entzwei!"— In einem Fachblatt der Schausteller war unter „Stellengesuche" folgendes zu lesen: „Suche Stellung als Danie ohne Unterleib. Sofort frei. Mein Sohn. 16 Fahre alt, kann als Zettelver- teilet* mit tätig sein. Witwe Schultze. Adr.: Die Erped." — Ein Gemütsmensch war offenbar der Urheber folgender Anzeige: „Junge Dame von seeleuvollem Wesen, welche mit- tikalisch ist akrobatische.Vorbildung besitzt und sich nach ae-
Heiteres. Schwere Aufgabe. Gemeindediener: Na, hat denn dein Vater sein' tarnen noch immer uei unter die Listen geschrieben? — Hansl: Ja, da müssen's schon noch a bisserl warten--- jetzt schreibt er ihn grab’ ins Unreine.
— Dienstwillig. Wirt: Hast du den Herrn aus Nr. 38 um Fünf geweckt? — Hausknecht: Der war net zum Derwecken, da hab i halt den auf 39 aufg'weckt, damit i's möglichste tu'.
— Gewissenhaft! Werden gnädige Frau dieses Jahr wieder die blaue Grotte besuchen? — Nein, wir können leider nur nach dem Schwarzwald, einer Familientrauer wegen.
Zerstreut. Was gab's gestern bei Kommerzienrats? — Junge Gänse . . . — Ach, gehen Sie, ich meine, ch^s ^ zu essen gab? ,
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Gießen, am 1 August 1903.
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C. Kruse