Nr. 151.
Mittwoch den 1. Juli 1903
«-»«neMOUtSprei-: in Gießen, abgeholt monattich 50 Pfg., W< HauS gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen Viertel- jLhrlich M. 1.50.
Vratt-reUage«: Oberheffifche Familte«zeitu«a (täglich) Otzarhesfifcha Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst- ««d Ssn-OUba«, sowie die Vietze« er Geife«Lrase« (wöchentlich).
Dar Blatt «rscheirtt es »1h SUerftage« »achmitagH.
Gie kener
4
__________________12 Jahrgang
3«fcrti»*Oret St Die einspaltige Petitzrile fit Sietzen teil ganz Oberhessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfa. sonst 15 Pfg.; Reklame« die Petit-eile 30 resp. 40 Wg.
Postzeitungsliste Ro. 3W.
Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg LS. Fer«s-rech«Mfthl«G Äe, MB.
(Mm* UageStatt)
NnaöHäkgige Hageszeitung
(Oietzener PettimM
für Overhefsm und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalallzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberheffen
Auf ein Quartal
............ des Kampfes wird jetzt, das hoffen wir, ein Vierteljahr des Friedens, der Ruhe in unserem deutschen Volk folgen. Die Zeitungsspalten werden frei für friedlichere Nachrichten, für T h e m a t a allgemeinen Inhalts, für belehrenden und unterhaltenden Stoff.
Die „Gietzener Neuefte Nachrichten" werden dieser Aufgabe der nächsten Zeit in vollem Maße Rechnung tragen!
Nach der Wahl
interessiert sich jeder Deutsche für die weitere Gestaltung der politischen Verhältnisse, vor allem dafür, in welche Bahnen unsere Politik durch die neue Zusammensetzung der Reichstaassitze gelenkt wird. Wer verfolgt jetzt nicht mit umso- grösterer Spannung die Stellungnahme und Arbeiten unserer Reichsregierung; wird es doch nicht auèbleiben, daß Regierung und Parlament in sehr treten Punkten j tzt diplomatischer versah en wird und muß, soll das erreicht werden, was der alte Reichstag nicht m5^r verabschieden konnte. —
Besonders wir in Oberbessen
und den benachbarten Kreisen haben olle Ursache nicht gedankenlos das deutsche politische Leben an uns vorüberziehen zu lassen; hier Landwirtschaft, hier Handwerker- und Arbeiter st and, dort Industrie, Handel, Kun st und Wissenschaft, alles Erwerbszweige, über dessen weiteres Gedeihen unsere neuen Volksvertreter mit zu entscheiden haben.
Wer darum Anteil an all den politischen und wirtschaftlichen Tagesfragen nehmen will, wer aber vor allen Dingen unparteiische und un abhängige, nur von einem objektiven Standpunkte aus gegebene Berichte darüber lesen w'll, der hüte sich die frei von jeder Anmaßung erscheinenden
Gießener Neuesten Nachrichten die infolge ihrer vorzüglichen Mitarbeiter und ihrer zahlreichen Korrespondenten
bas Wissenswerteste und Interessanteste zuverlässig und schnell in nicht aufgepauschtem sensationellem Stile zu bringen vermögen.
Sie werden aber auch die Aufgabe haben, der stetig wachsenden Anzahl ihrer Abonnenten gegenüber die Pfficht zu erfüllen, immer mehr ein gutes Nachrichtendlait zu werden.
Wir werden darum großen Nachdruck legen auf den Ausbau unseres lokalen und provinziellen Teils.
Im nächsten Quartal beginnen wir mit der Veröffentlichung eines Romans von A. v. Suttner:
-- . = „Battono" ■ -- ^— in der Unterhaltungsbeilage. Der ebenfalls den Beifall unserer Leser finden wird.
Helft nun, ihr bisherigen Freunde unseres Blattes, daß auch die Abonnentenzahl immer höher steigt, daß sich der ständige Leserkreis derer erweitert, die bisher nur zur Probe unser Blatt gelesen haben.
Der Abonnementspreis ist so niedrig bemessen,
monatlich 50 Pfennig inkl. 10 Pfennig Bringerlohn, daß es keinem zu schwer fällt, diese kleine Ausgabe auszubringen.
Niemand versäume die rechtzeitigeErneuerung des Abonnements vor dem 1. Juli, damit die Zustellung keine Unterbrechung erleidet.
Nun denn — vorwärts in das neue Quartal hinein, aus der Zeit des Kampfes in Tage größeren Friedens. Glück auf, Ihr alten treuen Abonnenten und ein herzliches Willkommen den neuen Lesern des , Wietzener Neueste Nachrichten".
Redaktion und Expedition der „Gießene' Neueste Nachrichten".
Die Politik.
Mimsterwechsel in Deutschland!
)—( Es scheint nun doch, als sei der für den Herbst bereits an gekündigte Rücktritt des bayerischen Finanzministers Frhr. V. Riedel doch näher. Frhr. V. Riedel hat einten längeren Urlaub angetreten, von dem er voraussichtlich nicht wieder in sein Amt zurücktehren wird. Als sein Nachfolger wird nach wie vor der Ministerialrat Hermann Ritter v. Pfaff genannt. — Auch in Sachsen steht ein Mi- nisterwechsel bevor: Es ist offenes Geheimnis, daß der sächsische Ministerpräsident v. Metzsch angesichts des Ausfalls der Reichs tags Wahlen binnen kurzem zurücktreten wird. Das Anwachsen der sozialdemokratischen Stimmen bei der Wahl wird allgemein auf die von Herrn V. Metzsch herstammende Aenderung des sächsischen Landtagswahl- rechts zurückgeführt, die im ganzen Lande mehr als ün- beliebt ist. Der König ist entschlossn, das Landtadswahl- recht zu reformieren, und Herr v. Metzsch sieht sich deshalb genötigt, seinen Abschied zu nehmen.
Ein srzialdemokratischer Reichstagspräsident?
V=y Es wird immer wahrscheinlicher, daß die Sozialdemokratie darauf bestehen wird, daß ein Mitglied des Reichstagspräsidiums, unb zwar der erste Vizepräsident, aus den Reihen ihrer Mitglieder gewählt wird. Voraussichtlich wird sie jedoch nicht Herrn Singer, sondern Herrn Wolfgang Heine, oder, was noch wahrscheinlicher ist, Herrn von Vollmar als ihren PräsidentschaftskanLidaw den übrigen Parteien präsentieren. Die Verpflichtung des Präsidiums, bei Hoffesten im Schlosse einer kaiserlichen Einladung $u folgen, schreckt die Sozialdemokratie nicht mehr. ^ie hält es für parteipolitisch vorteilhaft, im Reichstagspräsidium vertreten zu sein, also wirft sie alle aus i^ren Parteigrundsätzen sich ergebenden Bedenken gegen eine Beteiligung an höfischen Veranstaltungen über Bord. Die Frage ist nur, ob die anderen Parteien bereit sein werden, ben ihnen von sozialdemokratischer Seite präsentierten Kandidaten für den Posten des stellvertretenden Präsidenten 311 wählen. Das scheint sehr fraglich. Und wenn die bürgerlichen Parteien nicht wollen, wird es den Sozialdemokraten nicht gelingen, einen der Ihren auf den Präsidentenstuhl des Reichstags zu bringen.
Weitere Wahlkrawalle werden aus bem Wahlkreise Straßburg Land gem-cltet. Zu dem Wahlkreise ist die „Klerikale elsäs'iche Landespartei" bei der Stichtoahl unterlegen. Infolgedessen kam es zu Ausschreitungen katholischer Wähler gegen Protestanten und Juden. Zweihundert jüngere Wähler durchzogen johlend und drohend die Stadt. Revolverschüsse und Steinwürfe wurden gewechselt und jüdische Geschäftshäuser bombardiert. Als einige Ruhestörer verhaftet twur- den, machte die Menge ben Versuch, sie zu befreien. Dabei wurden die Fenster des Wucl)Hauses zertrümmert. Von Straßburg aus wurde militärische Hilse angeboten. Die Protestanten und Juden werden geschäftlich boykottiert.
Eine Galgenfrist für das Kabinct Combes.
(L::) Der unerwartete Vorstoß Waldeck-Rousseaus ! .^pen das Kabinet Combes scheint diesmal noch ergebnislos verlaufen zu sollen. Die 2lbsicht der Gegner des Kabinets, auf Grund der Kriegserkläruirg Waldecks an das Ministerium in dieser Woche eine Kammerdebatt? herbeizuführen, deren Ergebnis der Sturz des Kabinets sein sollte, ist aus bisher unbekannten Gründen aufgegeben, und da die Kam mern schon am Sonnabend in die Ferien gehen, bürst? das Kabinet sein Dasein noch bis ^um Herbst fristen, wo das Parlament wieder Zusammentritt
Neues von der französischen Disziplin.
G Nach einer Meldung aus Paris bat Oberst Lajus, der Kommandeur des 136. Infanterie-Regiments in Saint Lo, der vom Kommandierenden General des 10. Armeekorps General Pafferieu kürzlich mit 14 Tagen Arrest bestraft worden ist, den Kriegsminister ersucht, über die Angelegen heit eine Untersuchung anzuordnen. Der Oberst behauptet, der Unteroffizier, den er zu Unrecht bestraft haben soll, sei nicht wegen Duldung antiklerikaler Kundgebungen bestraft worden, sondern, weil er nicht eingeschritten sei, als die Soldaten nachts nach dem Zapfenstreich singend und lärmend durch die Straßen zogen. Die Sache wird für General Passerieu immer bedenklicher.
Der Reformator Peter.
^ Wenn man den Versicherungen König Peters trauen darf, ist für Serbien eine neue Aera angebrochen. Am Dienstag wurde in.Belgrad die Skupschtina vertagt. Bei dieser Gelegenheit führte der Ministerpräsident aus, die Negiermlg verbürge sich dafür, daß die nächsten Wahlen für die Sknpsclp tina vollkommen frei durchgeführt werden und das Wahlergebnis die wahre Volksmeinung zum Ausdruck bringe. Voraussichtlich wird der Ausfall der im September statt findenden Skupfchtinawahlen eine mächtige Erstarkung bei Extremradikalen herbeiführen. Die Sozialdemokraten, die zwar nicht besonders zahlreich, aber nicht ohne Bedeutung sind, beschlossen, die Extremradikalen zu unterstützen. Der König äußerte, daß er auf die Wahlen absolut fehlen Einfluß üben wolle: er werde die neue Neg,iermra dem Wâl-
ergeoniffe eutMecyeuo vuoen lassen. UebrigenS harrten seiner bezüglich der Ordinuig der inneren Zustände so große Aufgaben, daß er es für nötig erachte, sich der Entwiâung der inneren Politik gegenüber neutralzu verhalten. Wie. lange wird der König diesem Entschluß wohl treu bleibend
Die Vertilgung der Mnndfchureifrage?
□ Nach einer Meldung aus Washington sind dort An' Zeichen vorhanden, daß man die m a n d s ch u r i s ch e F r a g e vorläufig auf sich beruhen lasten wirb, soweit die Vereinigten Staaten an der Sache beteiligt sind. Staatssekretär Hay hat einen lltägigen Urlaub angetreten. Auch der russische Botschafter Graf C. s i i beabsichtigt e'n R sie nach Europa. Dies wird dahin gebeutet, daß Rußland bereit sei, feine Politik in der Mandschurei-Frage so zu gestalten, daß sie für die Vereinigten Staaten annehmbarer wird. Hay und Cassini hatten in ber vergangenen Woche eine Besprechung. Ob diese Besprechung nicht vielmehr dem Koirflikt gegolten hat, der zwischen Rußland und Amerika Wegen Präsident Roosevelts Verhütten in der Kischinew-Afsäre cmsgebrochen ist? Rußland hat sich bekanntlich jede Einmischung Amerikas in seine inneren Angelegenheiten verbeten, trotzdem bestand Roosevelt darauf, der russischen Regierung Vorhaltungen zu machen. Safsinis Abreise dürfte eher auf diesen Konflikt als auf irgendwelche Vorgänge in Sachen der Mandschurei ziwückzufüstren fein.
Die Posener Akademie.
^ Ein neues Bollwerk des Deutschtums im Osten geht winer Vollendung entgegen: In einer dieser Tage in Vosen gehaltenen Besprechung zwischen Vertretern der Regierung and Posener Herren wurde die endgiltige Entscheidung über die geplante Posener Akademie getroffen. Die Akademie soll demnach folgendes bieten: Uebungskurse für fachliche Fortbildung, Vorlesung für fachliche Fortbildung, allgemeinbildende Vorlesungen, Volkshochfchulkurse, und zwar auf den Gebieten der Philosophie, ber deutschen Literatur, der französischen unb englischen Philologie, ber Geschichte, ber Geographie, ber Nationalökonomie, der Naturwissen- fdjaften und ber Kunst. Die Akademie erhält einen Rektor, zwei etatsmäßige Professoren.amd eine Reihe von Lehrkräften, für die geeignete Persönlichkeiten der Posener Wissen schnftliche Institute im Nebenamte herangezogen werden sollen. Voraussichtlich werden auch noch nwdiziillsche und juristische Vorlesungen abgehalten werben. Der Rektor ist bereits berufen: Professor Dr. Eugen Küh neman n , der bisher außerordentlicher Professor an der Universität Marburg war und vor tu^er Zeit nach Bonn versetzt wurde. Die Akademie soll am ersten Oktober dieses Jahres eröffnet werben. Möge von ihr ein reicher Strom deutscher Geisteskultur sich über die Ostmarken ergießen!
Kurze Poliis v Nachrichten.
* Die Aussperrung der Bauarbeiter in Köln erstreckt sich jetzt auf sämtliche Arbeiter, ^e Ausgesperrten verhalten sich ruhig, die gesamte Bautätigkeit liegt brach.
* Präsident ber Ansiedelungskommission wird nun trotz der früheren Dementis dieser Nachricht doch der Landral Blomeyer in Meseritz. An feiner Ernennung ist nicht mehr zu zweifeln. Landrat Vlm.ieger hat einen mehrwöchigen Urlaub angetreten, von dem er in sein bisheriges Amt nicht mehr zurückkehren wird.
* Dänemark bestellte bei ben Krrippwerken in Essen 128 Rohrrücklauffeldgeschütze mit allem Zubehör. Bestellungen gleicher Geschütze von Rumänien und der Schweiz werden erwartet.
* Die österreichischen Minister Rezek unb v. Welfer- Heimb haben ihren Abschied eingereicht.
* Die Staatsbank in Kischin^w erhielt aus Petersburg die Weisung, die im April und Mai erfolgten Wechselproteste zu annullieren unb die Wechsel der betreffenden bor- tigen Firmen zu diskontieren.
* Das Kavländische Parlament hat die Vorzugsbehand- tung Engl ands in ba..^elspolitisS er Beziehung nur mit Stimmest.ichheit, auf Grund dev Votums des Vorsitzenden, gebilligt.
Krebsschäden der presse.
CB. Die letzte Verhandlung gegen die verhafteten Direk- wren der Pommernbank hat eine seniationelle Wendung Durch die Feststellung erhalten, daß die Angeklagten dem Verein Berliner Presse ein „unverzinsliches Darlehens n Höhe von 25,000 Mark gewährt und außerdem „gratis and franko" in ihrem Klubyause einen Fahrstuhl im Werte jon 10,000 Mark gestiftet haben. Ferner hat der Herausgeber der inzwischen sanft entschlummerten Verl Montags- ;eitung, Dr. Wittenberg, jährlich Mark 12,000 empfangen. Wofür? Nach den Aicdeutnngeu des Gerwhtsvorsrtzendeu cheint damit die Proskriptionsliste noch nicht erschöpft zu [ein. Andererseits werden aber auch die anzüglrchen Bemerkungen über den Zweck des gegen den Berl. Prcple- llub beobachteten Mäcenatentums von dessen Borptzenden, ber kein geringerer ist als Ludwig Fulda, mit Entöln den-' heit zuruckgewiesen. Der Angeklagte Tomeis batte behauptet, daß das fragliche Darlehen nicht „um der lüiouen Augen der Herren VeremsMitglieder" gegeben sei, fonntn