Nr. 276.
Elfter Jahrgang.
Kasseler Neueste Nachrichten
Beilage.
Donnerstag, 1. Dezember 1921.
Berliner Bilder.
Was an der Spree passiert.
eilte Berit« erhielten wir di« nakhsol- gende Schilderung eines Ausschnittes an» dem Leden der Spreeftadt.
Warenhaus. Die fernen Weihngchtslichter haben schon irgendwie einen Glanz vorausgeworfen und auf die Hast und das wogende Treiben gestreut. Es ist, als ob all diese Menschen hier, die Käufer und die Fräuleins hinter den bunten Tifchen und die Herren, die lautlos eine strenge Aufsehermiene durch das vielgestaltige Leben tragen, als ob sie im Dienste der holdesten Stunde Des Jahres stünden, die, wenn der Mond noch einmal voll geworden sein wird, den Abend des Friedens nach zwölf Monaten der Unruhe, des Kampfes, der Irrfahrten bringt. Kindliches Vcglüettsein und kindhaftes Beglückenwollen bestinAnen in diesen noch weih- nachtsfernen Tagen den Rhythmus des Warenhauses, das ja stets ein Barometer der Stimmung der Stadt, ein Wärmemesser ihrer scelr- schen Temperatur ist. Schon ist jenes Kommen und Gehen auf Treppen und übervollen Gängen, jenes Hasten und Zögern, Prüfen und Wählen, wie cs erst in die Tage vor dem Heiligabend patzt, denn die Leute, die neue Preisexzesse befrüchten. machen jetzt schon ihre Weih- nachtseinKiufe, dir Angst vor einer neuen Teuerungswelle und wohl auch die Bangigkeit, der berüchtigte Ausverkauf durch die Valuta-Athleten aus dem Auslande könnte alle Ware fortschlucken, treibt sie ins Warenhaus. Die großen Schaufenster spielen bereits mit aller Inbrunst Weihnachten. Kinderherrlichkeiten sind mit angengefälligem Mihnengeschick zurechtgebaut, und die Kinder, die noch unberührt sind von dem grausamen Wissen um die Rot und um die Gefahren des Tages, staunen beglückt in ihre Herrlichkeit, die im Schaufenster erblüht und oben am Spielzeit,floger eine unendliche Fortsetzung findet. Schon werden tausende von Wunschbriefen an den vielbeschäftigten Weih- nackstsmann geschrieben, und das Warenhaus steht ganz im Zeichen des Kindes, das alle Trev- pen, alle Gänge, alle Räume, schauend, sehend, hoffnungsvoll bevölkert.
In gutem, geschäftigem Summen fließen die Stunden hin. Rur ein allzu lautes Ah!, ein allzu freudiger Ruf läßt manchmal diesen freundlich plätschernden Bah von Geräuschen überfließen. Plötzlich von irgendwo, weit weg noch, ein häßliches, krächzendes Gelärme wüster Stimmen, ein Gröhlen aus kreischenden Kehlen. Man länn es nicht gleich deuten, cs wälzt sich ivie eine Flut von Schlämm durch die Straße heran, Rollbalken faußen nieder, Aufsichts-Beamte laufen beschwörend, beschwichtigend durch die Gänge, Müttern- steht eine Sekunde lang das Herz still, Kinder klammern sich fest an .Röcke und Hände, Lichter verlöschen, tapfere kleine Verkäuferinnen harren aus an ihrem Verkaufs- ftarsb wie Soldten es an ihrem Maschinengewehr tun würden. Eine Minute des Wartens, des Bangens. Von der Straße her ein ordnendes Rufen ein harter, kurzer Befehl, ein miauendes Gejohle, Steine klatschen an das Rollblech, dann ein Scharren und Schlürfen, ein Schleifen und Jagen, und der flüchtende, eilende Tritt einer verscheuchten Horde. Plünderer waren in der Straße. Die Schutzmaßnahmen des Warenhauses haben genügt, die Polizei hat sie rasch ver- ftreut, die Straße ist frei. Aber es ist häßlich und traurig und macht mutlos, daran zu denken, wie hier die Straße wie das politische Schlagwort, wie die entfesselte Brutalität ein paar Augenblicke in den Weihuacktstraum der Kinder hineingestampst ist. An die Mütter geschmiegt. schreiten sie in die rasch befreite Straße hinaus, aber in ihren reinen Augen ist ein Wissen um Dinge, die nichts von Weihnachtsglück erzählen und nichts von Kindlichkeit.
Wir sind bekanntlich in Berlin ausverkaufr. „Rattelahl" haben sie uns gefressen, die Ausländer. Vom Strumpf bis zum Klavier, vom Hosenträger bis znm Gehpelz, alles haben sie gegen Franken und nordische oder andere, nur nicht dentschrösterreichische Kronen oder Gulden
dem Landwirt eine ätzende Flüssigkeit in die Augen und betäubten ihn auch noch mit Chloroform. Die Räuber durchsuchten das ganze Haus, fanden aber kein Golv und zogen mit ihrer Beute ab, in der Annahme, daß der Ueber- fallene tot sei. Einer der Haupttäter war der Monteur Karl Greve aus Hamburg, der nach Holland flüchtete, aber ausgeliesert worden ist. Das Schwurgericht in Harburg erkannte auf sechs -Jahre Zuchthaus und fünf Jahre Ehrverlust.
* Die Not der österreichischen Presse. Die Wiener Tageszeitungen geben eine neue achtzig prozentige Erhöhung ihrer Verkaufspreise bekannt. Die großen Blätter erhöhen das Monatsabonnement von vierhundert auf siebenhundert Kronen, den Einzel- vcrkaufspreis der Morgenblätter von vierzehn auf vicrundzwanzig, der Abendblätter von drei auf fünf Kronen.
Das Buch öer Statur.
Wo bleiben die Störche im Winter?
Die kalte Zeit hat wieder, wie alle empfindlichen Vögel, auch die Störche nach dem wärmeren Süden getrieben. Mancher Mensch möchte wohl, wenn Freund Adebar sein Rest verlassen hat, gern erfahren, wo dieser b_en Winter zubringt. Wenn nun der Storch selbst uns auch keine Auskunft geben kann, so hat uns doch die eifrige Bogelforschung in neuester Zeit ziemlich genaue Aufschlüsse Mer Reiseweg und Winteraufenthalt dieses Vogels gegeben. Das Mittel, das uns die Reiseroute des Storches wie so mancher anderer Zugvögel erschließt, ist der Ringversuck, der zuerst in größerem Umfang von Prof Thicnenzaun auf der Vogelwarte Rossir- ten durchgefiihrt wurde. Näheres darüber berichtet Hespe in der Zeitschrift „Niedersachsen".
Die Vögel werden mit ganz leichten, völlig unschädlichen Aluminiumringcn versehen, die die Inschrift der Vogelwarte und eine Nummer tragen; über jede Nummer wird natürlich eenen Buch geführt, und wenn dann in fernen- Ländern ein solch beringtes Tier gefunden wird, kann man daraus wertvolle Schlüsse für seine Wegroute ziehen. Ueber dreitausend Ringe sind in den letzten Jahren an Storchuestbefitzer verteilt worden, die ihre Tiere damit markierten, und Werraischende Ergebnisse wurden erzielt. So stellte man fest, daß die Störche nicht noch Südwesten, sondern nach Sudosten abzogen. Ein Ringstorch z. B., der am 28. Juli 1907 in Gleschendorf bei Lübeck markiert worden war, flog am 12. August aus und zog am 34. August ab. Schon nach zwei Tagen wurde er in Schlesien, 590 Kilometer von seinem Brutort getroffen. Die Vogelwarte erhielt Ringe aus Polen, Ungarn, Syrien, Palästina, Aegvptcn, Qstaffrika, aus der Kalabariwüste, Transvaal und aus der Kap- ki lonie. Dort im äußersten Süden Afrikas liegen die Hauptwinterquartiere unserer Störche. Do wurde z. B ein Ringstorch bei Pietermaritzburg in Natal '9600 Kilometer vom Brutort. erbeutet, und diese Riesenstrecke war von einem aclst Monate alten Storch zurückgelegt.
Bei einem Ringstorch, der an der Ostgrenze der Kapkolonie gesunden wurde, waren die Kaf- fern wegen des Ringes außerordentlich erstaunt und meinten der Vogel „wäre vom Himmel gekommen". Die Fundstellen der Ringstörche liegen gleichmäßig über die nach Südosien gerichtete Strecke die durch die genannten Länder bc- zeichnet wird verstreut und zeigen daß der deutsche Hausstorch zehntausend Kilometer wett bis an die Südspitze Afrikas zieht. Die Frage, ob die Störche das alte Nest wieder auffuchen, ist noch nicht einwandfrei geklärt. Wohl bat mau Ringstörche in ganz naher Entfernung von ihrer alten Heimat wieder angetroffen. Aber es sind dafür noch weitere Beobachtungen nötig, und deshalb sollten alle VogelfreuGe die zurückkommenden Störche möglichst genDr ,mn besten mit einem Fernalase, betrachten, um in den Nestern Ringstörchc 'festzustellen. Neberhauvt sollten sich weite Kreise an dem für die Vogelkunde so wichtigen Ringversnch beteiligen.
getauscht. Es wird zwar ein ganz klein bißchen mehr Geschrei davon hergemacht, und in Wirklichkeit ists nicht gar so schlimm, aber, schlimm genug ists nun doch einmal, und die Geschichte vom ausverkaustcn Berlin ist leider kein Märchen. Jedenfalls kann einem der Humor dabei gründlich vergehen. Und doch gibts einen Mann in Berlin, der d>!m Ausverkauf durch die Ausländer eine sehr heitere Seite abznge.vinnen vermochte. Der Mann ist seines Zeichens Sarghändler, hat also einen Beruf, der doch nicht gerade lustig zu stimmen pflegt. Mitten unter seine schönen Särge, eine Ware für die man doch keine freiwilligen Käufer findet, hat er ein Plakat gestellt, auf dem steht zu lesen: „Achtung! Särge in bester Ausführung zu soliden Preisen. Kein Ausverkauf durch Ausländer!" Den; Manne müßte geholfen werden. Wenn sich die Ausländer ganz rasch bei ihm eindecken wollten? Uns könnte es recht sein. M. Pr.
Bus oller
Welt.
Der Variser GensaNons-Vroreß.
Der Montag im Mordprozeß Landrn gehörte dem Vertreter der Anklage. Man hatte erwartet, daß der Anwalt gemäß seinem Versprechen so viel erdrückendes Material beibringen würde, um Landru zu überführen. Nichts davon ist geschehen. Tenn der Staatsanwalt G o- d e f r o v hat sich auf eine melodramatische Rede beschränkt, in der er mit vielen Worten und einem großen Aufwand von Pathos und Versen von Verlaine die elf Fraucnmordsällc mit allen
Folge hatte Lebensgefährüch wurde auch der Dreher Friedrich Hauser durch einen Stich in den Unterleib verletzt. Weiter wurden ein Tagelöhner und ein Former durch Stiche schwer verletzt. Der Täter wurde verhaftet.
* Jagdschloss Letzlingen verkauft. Tas ehemalig kaiserliche Jagdschloß Letzlingen ist für dreiviertel Millionen Mark an die „Freie Schutt und Werkgemeinschast NeuhalLeusleben" verkauft worden. Die Kunstschätze des Schlosses sind zum Teil dem Jagdschloß Springe, zum Teil den Museen überwiesen worden. An den Verkauf ist die Bedingung geknüpft, daß der Bau in seiner äußeren Gestalt erhalten bleibt. Die Freie Schul- und WerkgemeiNschast, die bisher im Schloß Dreilinden bei Wannsee vom Prinzen Leopold von Preußen ausgenommen worden ist, lehrt neben geistiger Arbeit auch Handwerk und Landwirtschaft.
* Hilfe für den Mittelstand. Die Fnmen- vereine in Bad Kreuznach haben sich zu einer Mittelstandshilfe zusammengeschlossen, um den Frauen und Mädchen des Mittelstandes die Möglichkeit zu Einnahmen zu verschafsen. Diese Mittelstandshilfe vermittelt Näh-, Strick-, Stick- und Flickarbeiten. Zur Nachahmung empfohlen!
* Der gestohlene Film. Eine Lichtspielgescll- sckaft wollte in Frankfurt ein großes Filmoratorium in sechs Alfteilungen „Christus", das im Heiligen Lande selbst aufgenemmen wurde, in einer Sonderdarbietung vorführen. Als die vielen geladenen Gäste erschienen waren, wurde ihnen mitgeteilt, daß in der Nacht zuvor der fünfte und sechste Teil gestohlen worden seien.
Ernzelheiten rekapitulierte. Man hatte vom Anklagevertreter erwartet, daß er an Htzmd von Beweismaterial mit größter Logik die einzelnen Mordtaten beweisen werde. Godcfroy ist aber ieden Beweis schuldig geblieben. Zweifellos hat Godeftoy der Verteidigung die Wege geebnet. Ja, sogar einige Beobachter, die dem Prozeß Wort für Wort gefolgt waren, meinen, daß Landru keinen besseren Verteidiger hätte finden können- als den Staatsanwalt mit seiner „Logik* und recht beweislosen Reden.
*
Aus Jahrzehnte versorgt.
Tie Neue Züricher Zeitung berichtet aus Konstanz über den Unfug des Valutaeinkaufs der Schweizer im Rahmen des „kleinen Grenzverkehrs" (der in Wirklichkeit ein sehr großer GrenMverkehr geworden ist), durch den Warenmengen in die Schweiz gebrachst wurden, die so groß sind, daß diese Masseneinfuhr auf Jahre hinaus ihre Wirkung aussiben wird. Bis auf Jahrzehnte hinaus haben sich viele Schweizer eingedeckt. Ein St. Gallencr ist vierzig Jahre alt und hat fünfundzwanzig Paar Schuhe auf Vorrat (bis zum achtzigsten Jahre, meint er). Ein Landwirt bei Herisauer hat für sechzigtausend Mark Stoffe auf Vorrat. Eine Dame ans Zürich hat Wäsche für zwanzig Jahre unid Kostüme (und Stoffe) für sich und ihre Töchter auf zehn Jahre. Handwerker aus verschiedenen Kantonen haben Hand- werWzeuae und Geräte fürs ganze Leben für sich und ihre Gesellen, auch wenn noch einige Gesellen hinzukoinmen sollten. Ein junger Mar n aus Luzern hat unter anderem eine Geige für dreizehnhundert Mark gekauft. Er meinte, fein Töchterchen müßte geigen lernen. Das Töchterchen muß aber erst geboren werden! ... Die Frage bei der Beurteilung der Schäden im kleinen Grenzverkebr ist, wer sich rascher ruiniert: Deutschland durch den Verkauf oder die Schweiz durch den billigen Einkauf. Auch für die Schweiz ist die Situation mit ihren Folgen immerhin sehr gefährlich.
* Ein friedliches Stiftungsfest. In der Wirtschaft „Zur Freiheit" in Mannheim feierte die Stanimtischgesellschaft „Wohlauf" am Sonn- taa ihr Stiftungsfest. Dabei kam es zu einem Raushaudel, in dessen Verlauf mehrere der Beteiligten durch Dolchstiche verletzt wurden. Der Friseur Wilhelm Schäffer bekam einen Stich in die Brust, der feinen Tod zur
* Zum Tode verurteilt. Nach einer Meldung aus Bochum verurteilte das dortige Schwurgericht den 1897 geborenen Bergmann Felix Kellermann mt§ Hordel, der am dlbeud des 23. Dezember 1920 vor dem Bochumer Polizeipräsidium den ihn abführenden Hilfs- wachttneister Linguist mit einem Revolver niedergeschossen hatte, zum Tode
* Der Dieb im Adamskostüm. Zur Verbüßung einer Strafe wegen Drebstahls stellte sich ein Maurer in der Gefangenenanstalt in Plauen im Vogtland splitternackt und wurde deshalb nicht zugelassen. Erst als feine Frau ihm die notwendigsten Kleidungsstücke gebracht hatte, wurde er angenommen. Er war, tote er angab, nach einer häuslichen Auseinandersetzung mit seiner Frau völlig mbefleiöct davongerannt, tun diese zu ärgern (!).
* Unter der Knute. In Duisburg kam es zu schweren Ausschreitungen französischer Soldaten, die sich im Bahnhofsgebäude herrtm- trieben und die anwesenden Personen belästigten. Auf der Sttaße angekommen, fielen vier Rohlinge, von denen zwei schwer betrunlen waren, über einen alten Mann her. Einer der Soldaten schlug diesen derart mit der Faust ins Gesicht, daß er lange Zeit bewußtlos liegen blieb. Durch diese Heldentat ermutigt, zogen sie durch die Stadt und überfielen eine Anzahl Passanten, unter anderem auch vier Frauen, die sich nur durch die Flucht den Belästigungen der Trunkenbolde entziehen konnten. In der Hohen- Straße fiel ihnen ein einzelner Mann zum Ovfer. Er wurde bis zur Bewußtlosigkeit geschlagen, bis es Vorübergehenden gelang, das Opfer zu befreien.
* Moderne Banditen. Eine gemeingefährliche fünflöpfige Räuberbande aus Hamburg und Wilhelmsburg verübte in Wilhelmsburg einen schweren Raubüberfall. Mit geladenen Revolvern, Handgranaten und Chloroform ausgerüstet, suchten die Räuber nachts das Haus eines Landwirts auf. Zwei Mittäter hielten draußen Wache, die anderen drei, die sich verkleidet und das Gesicht angeschwärzt hatten, erbrachen die Tür, draußen in das Haus ein und Überfielen den Landwirt und dessen Schwester. Die Bewohner, denen die Revolver vor die Brust gehalten wurden, zwang man, die Wertsachen zu zeigen. Mit 4000 Mark Papiergeld, Sparkassenbüchern über 48 888 Mark und Schmuckfachen gaben sich die Täter nicht zufrieden, sie verlangten Gold, mißhandelten die Hausinsassen, gossen
Sora M WMM.
10) Roman von H. Conrths-Mahler.
Die beiden jungen Damen plauderten noch über mancherlei und kamen sich in dieser Stunde vertraulichen Beisammenseins näher, als sonst Menschen im jahrelangen Verkehr.
Als sie dann wieder ins Haus zuriickgekom- men waren, brach der Kommerzienrat alsbald mit seinen Damen auf.
In ihrer guten Laune über das vorteilhaft abgeschlossene Geschäft forderte Dante Barbara Dora auf, recht oft nach Buchenau zu kommen. Raina werde sich sehr freuen, sie zu sehen, da sie wenia Umgang mit jungen Damen habe.
Diese Einladung nahm Dora dankend an, und eiu Blick in Rainas Augen und ein warmer Händedruck verrieten dieser, daß Dora recht ost davon Gebrauch machen würde.' Vorläufig vermieden es die beiden jungen Damen wie aus Verabredung, sich im Beisein der anderen Tu zu nennen. —
Die arme Raina war froh und glücklich. Doras so her.zlich gebotene Freundschaft tat ihr wohl und schien ihr ein köstliches Geschenk.
Was Dora ihr über ihr Aussehen gesagt hatte, klang in ihr nach. Als sie am Abend allein in ihrem Zimmer war. loste sie ihr reiches Haar, das wie ein goldschimmerndtr welliger Mantel ihre Gestalt umgab, und versuchte, es in ähnlicher Weise zn ordnen, wie Dora das ihre Aber das war für ihre ungeübten Hände nicht so einrach. Es mißlang ihr vollständig. Die reiche Haarsülle ließ sich nicht so leicht auf andere Weise frisieren.
Aber Raina fand, daß sie selbst mit wirrem, ungeordneten Haaren hübscher aussah, als mit dem straff und glatt zurückgenommenen Haar, dem dicken, anstehenden Knoten. Ja — sie sand sogar, daß sie in ihrem weißen Nachthemd und ben locker für die Nacht eingeflochtenen Zöpfen viel besser aussah, als in ihrem besten Staatskleide mit der gräßlichen Frisur, die Tante ein für allemal befohlen hatte. Aber vor diesen Gedanken erötete sie schon, als seien sie ein schlimmes Unrecht gegen Tante Barbara,
Mit einem tiefen Seufzer ging sie zu Bett und streckte sich aus. Sie faltete die Hande Über der blütenweisen Decke und sah mit großen Augen in das Dunkel der Nacht. Heute war ein ereignisreicher Tag für sie gewesen. Sie erlebte sonst so wenig, daß die Aussprache mit Dora für sie ein großes Ereignis war. Aber schließlich dachte sie doch, wie jeden Abend, vor dem Einsck,lasen an Arnulf Von Reckenberg und wünschte sich sehnlichst, daß sie so schön und elc- ganr fein möge tote Tora, damit sich Arnulf ihrer nicht zu schämen bratlchte. Soviel Weltkenntnis hatte sie dock>, daß sie wußte, daß sie neben dem eleganten, schneidigen Reitcroffizter eine sehr unansehnliche und lächerliche Erscheinung bot. und daß ihr unbeholfenes linkisches Wesen neben ihm doppelt unangenehm auffiel. —
Tante Barbara legte sich an diesem Abend mit einem sehr befriedigten Gefühl zu Bett. Sie freute sich, daß sie dem Kommerzienrat statt zehn Prozent zwölf obgenommen hatte, und daß ihr Freund, Georg von Reckenberg ihren Weisungen einen gleichen Erfolg zu danken haben würde. Dieser hatte ihr am Telephon gesagt, daß sich der Kommerzienrat für den nächsten Vormittag bei ihm angemeldet habe.
Ja — Fräulein Barbara war sehr mit sich zufrieden. Sie ahnte nicht, daß, wenige Zimmer von ihr entfernt, ein junges Menschenkind gegen den harten, unbeugfamen Willen rang, der es gebunden und geknebelt hatte.
Und draußen rüttelte der Frühlingssturm an den Fensterläden, als wolle er eine junge Seele befreien.
*
Arnluf von Reckenberg machte wieder einmal in Buchenau den pflichtschuldigen Besuch.
Er brachte Raina einen Blumenstrauß, erkundigte sich artig nach ihrem und Tante Barbaras Befinden und aitälte sich, eine Unterhaltung mit Raina nt Gang zu bringen.
Aber das gelang ihm nur schwer. Ihm gegenüber war Raina nock viel schüchterner und unbeholfener als gegen andere Menschen. Sie wurde abwechselnd rot und bloß, sah scheu an ihm vorbei und gab ihm nur einsilbige Antworten auf seine Fragen.
Dabei mcrtte sie nur zu gut, wie cs ungeduldig in seinen Äugen auszucktc und fern Blick
mißbilligend über sie dahin glitt. Als er sich sc eine Weile abge.uält hatte, seufzte er verstohlen, sah nach der Uhr und wünschte sehnliche, sich wieder entfernen zu können. Das machte Raina noch viel befangener und scheuer.
Daß Tante Barbara der Unterredung als Anstaudsdame beiwohnte, erleichterte die eaax für beide Teile nicht. Man sprach auch über das bevorstehende.Verlobungsfest, das am ersten Ostertage stattfinden sollte. Natürlich traf Tante Barbara alle Bestimmungen darüber allein Raina wurde nicht gefragt. Nur Arnulf fragte sic schließlich ob sic mit allem einverstanden fei.
Da warf sie einen scheuen Blick in feine Augen, und als sic darin die brennende Unge duld sah, stotterte sie heftig hervor, es sei ihr alles recht fo. Und dabei schrie es doch in ihrem Herzen verzweifelt: Nein, ich bin mit alledem nicht einverstanden, es qäult mich namenlos, daß ich wie eine feelenloie Ware verhandelt werde. Es ist mir furchtbar, daß ich einem Mmme aufgedrängt werde, dem ich nur eine Last bin, der in mir nur ein überflüssiges Anhängsel an Buchenau sicht und der keine Ahnung hat von dem, was in meiner Seele lebt. Sie mußte denken, was Arnulf wohl für Augen machen würde, wenn sic so zu ihm sprechen würde.
Scheu sah sic zu ihm hin, und da er gerade mit Tante Barbara sprach und seine Augen nicht mit dem kritischen, ungeduldigen Blicke auf ihr ruhten, der sie so einschiüchtertc, betrachtete sie ihn mit forschenden Augen.
Ihr Herz klopfte rasch und laut dabei: Dora hatte ihn einen der schneidigsten und glänzendsten Offiziere genannt, und damit hatte sie recht gehabt. Er war eine betwingende, strahlende Erscheinung. Auf seiner schlanken, sehnigen Gestalt saß ein schmaler, rassiger Kopf mit ausdrucksvollen, stahlblauen Äugen. Warmes, sprühendes Leben leuchtete aus diesen Augen, und um den schmallippigen Mund lag ein euer giscl er, fester Zug, der davon zeuche, daß Arnulf auch in ernsten Dingen seinen Mann stellte.
Wie mochten ihn die Damen in seiner alten Garnison umschwärmt und verwöhnt haben! Hier in D... war er ja auch bereits der Sieb« l:ng der Gesellschaft. Ja, er hatte es leicht —
alle Herzen flogen ihm zu — ihr aber blieben alle verschlossen, zumal das seine!
Sic erstickte einen Seufzer, ehe er ihren Lippen entfliehen konnte.
Wie weh war ihr ums Herz, wenn sie daran dacktc, daß sic dieses Mannes Gattin werden sollte! Er konnte ja nicht einen Funken von Zuneigung für sic empfinden. Und diese Gewißheit bedrückte sie unsäglich.
Jetzt wandte sich Arnulf wieder Raina zu und sah sie an. Sie fenfte erschrocken die Augen und sah vor sich hin.
„Herrgott im Himmel — sie ist noch langweiliger geworden — man sollte es nickst für möglich halten," dachte Arnulf ungeduldig.
Er küßte Tante Barbara höflich die Hand trnd um Raina leate er fluchtig seinen Arm, berührt« ihre blassen, kühlen Lippen mit einem kaum fühlbaren Kuße. Sie gab ihn nicht zurück und machte sich schnell wieder los. Arnulf dachte bei sich, daß seine Braut Fischblut in den Adern haben müsse. Er wußte sehr wohl, daß et auch auf sehr verwöhnte und sehr kühle Frauen Eindruck zu macken pflegte und meinte, eine andere an Rainas Stelle hätte längst schon Feuer gefangen.
Er warf noch einen unbehaglichen Mick auf sie, auf ihr scheinbar unbewegtes Gesicht, ihre so reizlose, „unmögliche" Erscheinung.
„Seelenlos, indolent und beschränkt," dachte er, „aber sie wird eine sehr bcgueme Frau sein."
Schnell verließ er das Zimmer.--
- (Fortsetzung folgt.)
Wußten Sir das schon?
Wenn ein tussifchet Soldat unter Nikolaus beim Spießrutenlaufen starb, so erhielt die noch fehlenden Hiebe fein Leichnam.
Für jede Kerze, die russische Juden in ihren Synagogen brennen, müssen sic eine besondere Steuer zahlen.
ckstftorene Dynamitpatronen werden von den sie verwendenden Arbeitern gewöhnlich dadurch eusgetuut, daß sie in die Hosentaschen gesteckt werden.
Die Pest von 1350 ließ in den Norddörsern von Sylt nur einen Diann und ein kleines Kind übrift.
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