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Meier Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

Nummer 202.

Fernsprecher 951 und 952

Sonntag, 4. September 1921

Fernsprecher 951 und 952

11. Jahrgang.

Ausgleichsversuche Preußens mit Bayern.

Kampfstimmung.

Künstliche Schürung des Hasses.

Stuft man sich die Ereignisse der letzten Tage tn die Erinnerung zurück, so kann man ein Ge­fühl des Bedauerns und der Scham nicht unter­drücken wegen des entfachten Bruder­zwistes. Die Kluft zwischen den Volksklaffen ist verbreitert worden, die extremen Lager stehen wieder so feindlich gegeneinander, wie im ersten Lahre nach der Revolution. Durch die abscheu­liche Diordtat zweier Fanatiker ist die Brand­fackel in den begonnenen Bau Deutschlands ge­worfen worden, so daß die Gefahr bestand, daß das mühsam Aufgebaute wieder zusämmenge- brochen wäre. Wenn dieses Unglück nicht ge­schehen ist, dann war es einem wesentlichen Um­stande zuzirschreiben, dessen Bedeutung man für die Zukunft im Auge behalten muß. Der prompt herausgegebene Erlaß, womit die Landesbchör- den ermächtigt wurden, Umzüge und Kund­gebungen unter freiem Himmel zu verbieten, hat da und dort beruhigend gewirkt. Ausschlag, gebend war jedoch die Besonnenheit der Mehr­heit unseres Volkes, die von Straßen­kämpfen nichts mehr wissen will. Damit kennzeichnet sich auch die wahre Stim­mung im Reiche. Trotzdem ist in der Partei­presse von links und rechts ein Streit entbrannt, der an die dunkelsten Tage der Republik erin­nert. Obwohl die Ursache dieses Zwistes, der Mord an Erzberger, von der gesamten Presse verurteilt wird, wurden die Sozialisten und Nationalisten nicht müde, sich gegenseitig zu beschuldigen. Die Blätter der Linken gingen soweit, die Führer der Deutschnationalen als Urbeber des Mordes zu k-ezeichnen, wogegen die Z'Ärer der Neckten den Sozialdemokraten und Kommunisten vorwarfen, daß sie zuerst die Pro­paganda der Gewalttätigkeit ins M getragen hätten. Man benutzt Leichenreden, um den Haß zu predigen. Welch ein Tiefftand unserer Zeit! Wäre es nicht besser, Einkehr bei sich selbst zu halten und endlich ju erkennen, daß Druck immer Gegendruck erzeugst? Die jüngsten Vorgänge hätten die Streitenden gerade davon überzeu­gen sollen daß mit Beschimpfungen keine Aufbauarbeit geleistet werden kann.

Zweifellos hat die Verordnung des Reichs- £ äsidenten vom 29. August, womit die Ver- nmlungs- und Pressefreiheit eingeschränkt wurde, das augenbliMche Gute gehabt, daß Un­ruhen vermieden worden sind. Aber die aus­führenden Regierungsstellen werden noch mit den Nachwirkungen zu tun haben. Die Verbote einer ganzen Reihe deutfchnattonaler Zeitun­gen haben Prot este hervorgerufen, weil nicht etwa bestimmte Artikel in Frage kamen, sondern die nationalistische Tendenz unterdrückt wer­den sollte, und es wird deshalb noch zu uner­freulichen Auseinandersetzungen kommen. Der Reichsverband der deutschen Presse hat sich be- reits gegen dieses Verfahren ausgesprochen, und es werden Verhandlungen gepflogen, die Ver­bote aufzuheben. Für den »Tag' und denSo kalanzeiger" soll das Verbot inzwischen zurück- genommen worden sein. Der Deutsche Offiziers­bund und die ehemaligen Frontkämpfer haben protestiert, weil dtr Regierung die von lmks be­triebenen Angriffe zulass«. Die Bayerische Staatsregierung und die Mittelparteien wenden sich gegen die Reichsregierung, weil die Verordnung in Bayerns Rechte eingreife. Einige bayerische Zeitungen, die von der Reichsregie- rung verboten wurden, erschienen zunächst trotz­dem weiter, weil sie eine solche Verfügung nur von der bayerischen Staatsregierung entgegen» nohmen wollten. Sie haben aber bann ihr Er­scheinen eingestellt. Das alles sind recht ungün- siige Zeichen, die die deutsche Einheit stark gefähr­den. Wie sollen wir denn unsere Stellung nach außen wahren, wenn im inneren Staatsleben selbst zwischen Nord und Süd ein ernster Zwie­spalt besteht. Zum mindesten sollten sich doch die Regierungen Kar darüber sein, wie weit ihre Befugnisse reichen. Der Gegensatz zwischen München und Berlin ist wieder in ein be­denkliches Stadium getreten, woraus der Reichs­regierung neue Schwierigkeiten erwachsen können.

Ueberhaupt befindet sich die Reichsregierung hi einer keineswegs beneidenswerten Lage, denn sie hat bei ihren Maßnahmen nicht einmal die volle Zustiimnung Derjenigen, die ihr sonst sehr nahe stehen. Das ZentrumsblattDer Deutsche", das mit dem preußischen Ministerpräsidenten Stegerwald enge Fühlung hält, beklagt, daß die Reichsregierung mit zweierlei Maß gemes­sen habe und die Lime anders als die Rechte be- handle. Vermutlich dürste ein vonseiten der Freien Gewerkschaften auf die Reichsregierung ausgeübter Druck eine Rolle dabei gespielt ha­ben. Das gebe besonders deutlich aus der Tat­sache hervor, schreibt das Blatt, daß die Regie­rung nicht den Mut gesunden habe, die große skundgeditng im Lustgarten in Berlin zu verhin­dern. ES könne keinem Zweifel unterliegen, daß es sich um eine parteipolitische Aktion der Ber­liner Sozialdemokratie gehandelt Hobe, die wenig

mit der Entrüstung Über den Griesbacher Mord zu tun gehabt habe, sondern nach einer Kraft­probe der Freien Gewerkschaften aussah. Diese Siellungnahme der Reichsregierung sei ein schwerer Fehler gewesen. Ob das Zentrumsblatt mit seiner Ansicht recht hat, wird die Zukunft ergeben. Für den Augenblick war der Reichs- regicrung zwar ein äußerer Erfolg beschieden, aber die Kehrseite der Medaille zeigt eine wach­sende Verbitterung der rechtsstehenden Kreise, die sich desto fester zusammenschließen werden. Natürlich wird die weitere Folge sein, daß auch die Linksparteien stärker rüsten. Aus diese Weise werden die Gegensätze leider nur verschärft. Wir haben aber heute alle Ursache, auSglet- chend und versöhnend zu wirken, wo und wann wir nur können. K. F. Dr.

Vroblem Nord und Süd.

Verhandlungen tm Reichstagsausschnß.

(Privat-Telegramm.)

Berlin, 3. September.

Di« Spannung zwischen Preußen und Bayern war Gegenstand von Verhandlungen im UeberwachungSausschust des ReichSta- ges. Der Abg. Dittman» (U. S. PH sagte, wenn die Verhandlungen scheiterten, solle die Reichsregierung die ReichSerekutive gegen die bayerische Regierung anwenden. Der bayerische Gesandte v. Träger führte hierauf auS, die bayerische Regierung und der Landtag seien der Ansicht, daß der Ausnahmezustand aufgehoben werden müsse. Es wäre ein schwerer politischer Fehler, wenn die Reichsregierung gegen die Wünsche Bayerns in die bayerische Regierung weiter ,E ingreifen würde. Es sei der G^-,! iv,:>lkt der Torheit, den Versuch zu machen, darüber hinaus die bayerische Verordnung gegen den Witten der bayerischen Regierung aufzuheben. Nicht aus dem Wege deS Diktats, sondern nur aus dem Wege der Unterhandlung wird es möglich sein, die Gefahr schwerer inne­rer Konflikte in einer so schwerwiegenden Frage in einer beiderseits erträglichen Weise zu lösen.

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DersöhnungswoN des Kanzler».

Berlin, 3. September. (Privattelegranmr.) Bei den gestrigen Verhandlungen mit den baye. risck^n Vertretern sagte Reichskanzler Wirth u. a. die Rede des bayerischen Gesandten habe eine gewisse Schärfe enthalten. Er (Wirth) habe sich immer bemüht, Bayern entgegenzukommen Was die Aufhebung des bayerischen Ausnahme, zustandes betreffe, so hoffe er auf Verstän - digung mit der bayerischen Regierung. Er wünsche durchaus jeden Konflikt zu 6er. meiden, der sich aus der Anwendung deS Ar­tikels 48 Absatz 4her Reichsverfassung durch den Reichspräsidenten über den Kopf der bayerischen Regierung hinweg ergeben könnte. Die Frage der ReichSexekuttve wolle er nicht diskutieren. Das bringe unnötige Schärfe in die Angelegen, heil. Die Frage sei vielmehr, wie man den Zwist vermeide, nicht wie man ihn durchführe.

Preußen und Bayern.

Vermittelnde Besprechungen beim Kanzler. (Privat-Telegramm.»

Berlin, 3. September.

Gestern nachmittag sand in der Reichskanzlei eine Besprechung zwischen dem Reichskanzler, dem bayerischen Gesandten von Preger, dem bayerischen Minister Schweier und dem Führer der bayerischen Demokraten. Abgeordneten Dr. Dürr, statt. Gegenstand der Beratungen war die Frage der Aufhebung des Ausnahme­zustandes in Bayern. Heute werden die Be­sprechungen fortgesetzt, da sie gestern in vorgerück­ter Stunde abgebrochen werden mußte«, ohne daß sie zu einem Resultat geführt hätten. Ueber das Ergebnis der heutigen Besprechungen wird der Reichskanzler im ReichstagKausschuß Mittei­lung machen. Wie verlautet, ist durch die un- mittelbare AuSsprache gestern zwischen dem Kanzler und den bayerischen Vertretern die Mög- lichkcit einer Einigung jedenfalls etwas näher gerückt, wenngleich die Schwierig­keiten noch nicht überwunden sind.

Das preußische Kabinett.

Umbildung der Regierung?

(Prtvot-Trlegramm.)

Berlin, 3. Septembw.

8«r Frage der Umbildung des preußischen Kabinetts hören wir von parlamentarischer Seite: Gestern vormittag traf der LandtagSprä- stdent Seinert aug Hannover hier ein, um an den Beratungen des ständischen Ausschusses deS Landtages über die Notverordnung betreffend die Teuerungszulagen für die Beamten teilzn- nehmen. Im Laufe des TageS hat Seiner! dann Besprechungen mit dem ReichstagSvräsidsnten

dem preußische« Ministerpräsidenten

Stegerwald über die Frage der Umbildung der preußischen Regierung gehabt, was dir etwaige frühere EinberufiMg des Landtages be­trifft, so besteht in ParlamentSkreisen der Wunsch, das preußische Parlament vor dem 28. September einzuberufen. Auch diese Frage wurde im Verlauf der Besprechungen des Land- iagSprästdenten erörtert. Ein früherer Zusam mentritt des Landtages ist bis jetzt jedoch noch m<bt ins Auge gefaßt worden.

tim Sie Verordnungen.

Die Verbote deutschnationaler Zeitungen. (Privat-Tclearamm.)

Berlin, 3. September.

AuS München wird berichtet: Das Verbot bei Miesbacher Anzeigers" ist aestern an die bayerische Regierung gelangt. Diese hat dar- aushin sofort das Weitererscheinen der Zeitung untersagt und sünfzehnhundert Exemplare der gestrige« Nummer beschlagnahmt. Außerdem wurde der Satz einiger Artikel vernichtet. Der Betrieb soll für die Dauer des Verbots unter Komrollr genommen werden. Ter Staatsanwalt hat Anklage erhoben wegen groben Unfugs. Aus Stettin wird gemeldet: Auch die deutsch- nationalePommersche Tagespost" ist gestern auf vierzehn Tage verboten worben. Angeblich erfolgte das Verbot, wett die Tagespost einen re­gierungsfeindlichen Artikel aus einer anderen Zeitung adgrdruckt hatte. Wie aus Halle be­richtet wird, ist die deutschnationaleSalle- scke Zeitung" gestern ans gleichen Gründen verboten worden, wie der Berliner Lokalanzei­ger. Tie Sottefdje Zeitung hat ebenfalls den Ar­tikel des Miesbach» Anzeigers abgedruckt. Der Minister des Innern hat gestern abend da« B e r b o t desBerliner Lokalanzeigers" und des Tag" ausgehoben. Beide Zeitungen sind heute wieder erschienen. Demnächst wird auch das Verbot der Halleschen Zeitung zurückgenommen.

Broten be» vreffevervandeL

Berlin. 3. September. (Privattelegramm.), Zu den Zeitungöoerboten hat der Vorstand d's Bezirkes Berlin desReichsverbandes der deut, scheu Presse" Stellung genommen. Er wendet sich gegen das Verbot von Zeitungen auf Grund der allgemeinen Tendenz, die sie vor Inkrafttreten der Verordnung deS Reicks- vräsidcnten betätigten. In der gestrigen Sitzung der amtliche« Pressevertreter wurde nach aus­führlicher Debatte über die Zeitungsverbote der Ausschuß der Pressekonferenz beauftragt, gemein, (am mit dem Reicklsverband der deutschen Bresse mit den zuständigen Stellen wegen der Ans. Hebung der Zeitungsverbote zu verhandeln.

Da» ilniformtrogen.

Berlin, 3. September. (PrivattsLegramm.) Amtlich wird mitgeteilt: Zu dem Erlaß »er Aussührungsbestimmnngen gemäß § 2 der Ver­ordnung dctz Reichspräsidenten vom 30. August 1921 über das Verbot des Uniformtra­ge n S hat der Reichskanzler mit fofortiger Wir­kung die Erlaubnis zum Tragen der Uniform bei Leichenbegängniffen von Kamera - den erteilt, die Bestimmungen also gemildert.

Brutale Ausschreitungen.

Mißhandlung wehrloser Bürger.

(Privat-Telegramm.)

Magdeburg, 3. September

In Reuhaldensleben bei Magdeburg zog vor­gestern eine Menschenmenge vor verschiedene Hauser und erzwang die Herausgabe der schwarz.weiß-raten Fahnen. Der Re- datteur desStadt- und Land-Boten" wurde durch die Straßen geschleppt und gezwungen, Plakate der Deutschnationalen Bolkspartei mit schwarz-weiß-rotem Rande, die in der Truk- terei desStadt- und Land-Boten" hergestellt worden waren, zu entfernen. Der Prorektor Geb­ier, der Vorsitzende der Ortsgruppe der Deutsch- nationalen Bolkspartei, wurde unter M i ß Handlungen aus einer Versammlung geholt und mit einigen anderen Bürgern m i t g e- schleift. Allen wurden rote Halstücher umgebundrn. Unter Androhung des Todes wollte man Herrn Gebler zwingen, die auf einen Hau­fen geworfenen schwarz-weiß-roten Fahnen an- znzündc«, was er aber nicht tut Schließlich wur­den die Fahnen, sowie auch die Bänder der Krie- geivereinSsahne verbrannt Der sozialdemokra­tische Sandrat Fischer wurde zum Einschreiten anfgesordert, lehnte dies aber mit der Bemer­kung ab, die Sache werde wohl nicht so schlimm werde«. Der Magistrat von Ncuhaldensleben hat nunmehr angeordnet, daß alle schwarz, weitz-roten Fahnen, sowie sämtliche Waffen auf dem Rathaus abzuliefei« sind.

China in Europa.

Ausstellung tm Hessischen Landesmuseum.

«uropStsöhe« Ru«ftfl*to«r6e be« ««tz«zehn­ten Jahrhunderts unter ostasiatischem Ein- putz-- wird jetzt tm £atibe«muteum ,n «affe! gezeigt. Darüber schreibt uns Dr I. Berrer, seuftoi des Museums, in einem «riiturern» den Aufsatz unter anderem Nachfolgende«.

Zwei große kunstgeschichtliche Perioden wa­ren es. in denen Ostasien, haupisäc iich China, die Kunst und das Kunstgewerbe Europas nachdrücklich beeinflußte. Die erste Welle kam im Mittelalter (etwa 1300 bis 1450) zu uns. Es waien namentlich Seidenstoffe, die auf dem Landwege nach Europa gebracht, durch den Naturalismus und die Shmetrielosigkeit ihrer Ornamente, die dekorative Kunst auS der roma- nifcheu Gebundenheit befreiten Im achtzehnten Jahrhundert war hauptsächlich Porzellan der «Stilträger, neben diesem die Lackarbetteu, Textilien. Gemälde auf Papier und Seide, ge­schnittene Steine und anderes mehr. Das Re- sultat der Beeinflussung des europäischen Kunst- lebenS durch diese zweite Welle in charakteristi­schen Beispielen zu zeigen, hat sich dos San- desmuseum Kassel in der soeben eröffne* «en Ausstellung zur Aufgabe gemacht. Die Erinnerung an das heute leider zum größte« Teile verschwundene Chinesendorf ,Mu* lang*, das Landgraf Friedrich dc» Zweite tm Parke der Wilhelmshöhe errichten ließ, so­wie die Ausstattung des Schlosses Wilhelms- tal mit einer Reihe erstklassiger Lackmöbel im Rokokostil, lassen eine derartige übersichtliche Zu­sammenstellung aller in Hessen erreichbarer, so­genannterChinesercicn* wünschenswert erschei­nen. Der sogenannteChineser* im Aue park, ein nicht mehr Vorhandener Pavillon t« chinesi­schem Geschmack, einige private Gartenhäuser und Gartenstatuen, die Stuckdekorattonen deS Festsaales im Bellevueschloß und anderes mehr lassen erkennen, daß auch die landgräfliche Resideirzstadt diese große Mode des achtzehnten Jahrhunderts der Chmesereicn lebhaft mit* machte.

Außer den Seidengeweben waren im Mittelalter, durch Vermittlung der Kreuzritter, ganz vereinzelt auch früh« Porzellane nach Europa gekommen, die dort trotz ihrer relativen Einfachheit als größte Kostbarkeiten, ja manchmal sogar für wundertätig gehalten, der feinsten Goldschmiedefassungen für würdig bcfunoe« wurden. Das älteste derartige Sttick ist eine, jetzt im Besitze des Landesmuseums befindliche, flache feladougrüne Porzellanfchale, die in hoch gotischer Zeit (Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts) im Auftrage deS Grafen von Kat­zenelnbogen als Abendmahlskelch gefaßt worden »var. Eme Beeinflussung des Goldschmiedes durch die chinesische Kunst kann kaum festgestellt werden, es sei denn, daß dieser durch die außer­gewöhnliche Deckelform, in Gestalt eines chinesi­schen Huies, der Montierung eine asiattsche Note geben wollte. J!m siebzehnten Jahrhundert richtet sich fast die ganze Kun st töpferet Europas nach de« östlichen Vorbildern und ver­sucht in weniger edlem Material dieselbe Wir­kung zu erreichen. So gelang eS der damals aufblühenden Delfter Favencebäckerei, durch ost täuschende Nachschöpfungen, mit den für Europa arbeitenden chinesischen und japanische« Fabriken in ernstel'. Wettbewerb zu treten. Auch die Kas­seler Fahencensabrik in der Schäsergaffe. oie sich, wie bamrttS üblich, .Porzellainfabrique* nannte, arbeitete im gleichen Sinne. Die Vorbil­der zu einige« Stücken (zum Beispiel zu einet von zwei Chrnesenknabrn gehaltene« Vase) las­sen sich «och in der alten landgräflichen Samm­lung ostasiatischer Porzellane nachweisen. Hanau, Frankfurt, Bayreuth und alle übrigen deutfche« Fabriken bevorzugten ebenfalls mehr oder we­niger das chinesische Dekor dem einheimischen. Vorerst blieb cs in der Hauptsache bei der Imi­tation mir unzureickendeu Mitteln. Erst um die Wende des siebzehnten Jahrhunderts häufen sich die Fälle, daß Künstler mit vollem Bewußtsein die aus dem Ferne« Oste« kommende« Einflüsse in sick aufnehmen und verarbeite«. Alle Fürsten und Fürstchcn Europas sammelten mit großem Eifer.

In Hessen war eS Landgraf Karl, der ganze «Sale seines «Schlosses nut ostasiatischen Porzellanen füllte. Diese Sammlung ist heute mit ihre« charakteristischsten Stücken dem Hessischen LaudesmUsem« einverleibt. Bei der Einrichtung dieser Porzellankabinette und dem Erbauen derartiger .chinesischer Pavillons" ran» man in der, ja nur ganz oberflächlich bekannten, chinesischen Kunst keine brauchbaren Vorbilder. Es mußte also mit der Architestur der Zett und dem ostasiatischen Dekor ein Kompromiß geschlos. se« werden. «Do entstand ein Neues, di« »Chi» noifetic*. Diese ersten Erfolge gaben die An­regung zu immer freieren Stilverblndungen, Di» Künstler haben nun gar nicht mehr die Absicht, ostasiatische Werke zu imitieren, sondern sie neh­men meist ganz äußerliche, ihnen jedoch charak- ieftstisch erscheinende Motive, und verbinden dies« mtt d-n barocke« Forme«. Bei ßgüchicherr Dar-