Nummer 200
Freitag, 2. September 1921
Fernsprecher 951 tmb 952
11. Jahrgang
Fernsprecher 951 und 952
Keine Ruhestörungen im Reiche
V
SH» Raffelet Neueste» Nachrtchte» erscheinen wöcheulll» sechsmal und paar abend». Der Lbonnemenirrrel« beträgt monatlich 6.50 Marr bei freier isttstellnn, in» Hau«. Su». würt« durch die Poft bezogen 5.80 Mark monatlich einfchlieblich Zustellung. Bestellungen werden jefcetjrtt von der »efchLftrstelle oder den Bolen entgegengenomme«. Druckerei, Berlag und Redaktion-. Schlachtbofstraße 28/30, Für unverlangt eingefandte Beiträge kann die Redaktion eine Berantwortung »der Gewähr in keinem Falle übernehme». Rückzahlung de« Be,ug«geIdeS oder Ansprüche wegen etwaiger nichtordnungSmätziger Lieferung auSgeichlosten.
Berlin, 1. September.
Die gestrige Kundgebung von Hunderttausenden in Berlin sand ohne Zwischenfälle statt. Der Lustgarten und das riesige anschließende Gebiet vor dem Marstall und an dem Schlöffe war lange vor 4 Uhr besetzt und alle Nebenstraßen waren gedrängt voll. Die Züge stauten sich bereits auf und vor dem Alexanderplatz und an der Univer fität. In den entfernteren Vororten hatten die meisten Betriebe schon um 12 Uhr Mittags geschloffen und gegen 1 Uhr setzten sich die Ricsen- züge nach dem inneren Berlin in Bewegung. In Berlin schlossen die Fabriken, die großen Ge schäste und Kaufhäuser zwischen 2 und 3 Uhr. Zum erstenmale sah man außer den r ot e « sehr viele
schwarz-rot-goldene Fahnen.
Auf große« Plätzen vereinigten sich die Abteilungen zu Zügen, die in einigen Fällen bis sechs Kilometer lang waren und deren Vorbeimarsch z. B. am Halleschen Tor über zwei Stunden dauerte. Man sah auch ansehnliche Züge Demo, traten unp ZentrumSmänner. Der Andrang der Massen war schon um 3 Uhr so ungeheuer, daß die Ordner unausgesetzt zu tun hatten, die neu eintreffenden Züge unterzubringen. Große Ab- teilungen der Schutzpolizei überblickten die Demonstration vom Dache des Kronprinzenpalais und anderen erhöhten Plätzen aus. Sie hatten keinen Anlaß zum Eingreifen. Andere starke Aufgebote an Sicherheitsmannschaften standen, der Menge unsichtbar, in Bereitschaft. Im Lustgarten selbst und auf dem Schl-ßplan war kein Sicherheitsmann aufgestellt. Um %5 Uhr verkündeten Fanfarenklänge den Beginn ver Kundgebung. An etwa vierzig Stellen im Lustgarten und auf dem Schloßplatz wurden gleichzeitig Reden gehalten. Um 6 Uhr herrschte wieder vollständig Ruhe-
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Ruhiger Verlauf auch In Stuttgart.
Stuttgart, 1. September. (Privattelegramm.) Nach der Kundgebung, die auch hier in vollkommener Ruhe verlief, wurde an die württem- bergische StaatSregierung eine Abordnung gesandt, die dem Staatspräsidenten gegenüber die Notwendigkeit gefestigter Verhält- nise betonte und zu diesem Zwecke rücksichtsloses Durchgrcifen gegen die Reak ion verlangte. Der Staatspräsident erklärte, das er vollkommen die ausgesprochenen Besorgniffe würdige. Er habe während seiner Ministerzeit nie einen Zweifel darüber gelassen, daß nach seiner Ueber- zeugung ein Wiederaufbau und eine ruhige Ent- wicklung nur auf republikanischer Grundlage und in demokratischem Geiste möglich sei. Auch er halte die Forderung nach energischen
Maßnahmen gegen Ruhestörer für berechtigt. Alle Versuche, von welcher Seite sie auch kommen mögen, der Republik auf anderen als in verfassungsmäßigem Wege entgegen zu treten, seien rücksichtslos zu bekämpfen. Er werde tunlichst für die Erfüllung der Forderungen sorgen. Er werde für gründliche Säuberung der Reichswehr von allen reaktionären Elementen. Erhaltung des Achtstundentages und für die Katholikcnfreiheit bei der Reichsregierung eintrcten. Ohne kleinliche Gcsinnungsschriüsse- lei unter den Beamten der Polizei und unter den Soldaten müffe mehr als bisher darauf gedrungen werden, daß kein Diener des Staates seine amtliche Stellung gegen die repu- bljkanische Staatssorm mißbraucht.
(Eigene Drahkmeldung.1 Genf. 1. September.
Auf englischer Seite glaubt man, daß die oberschlesische Frage in Genf die nächsten vierzehn Tage der VölkerbundSiagung in Anspruch nehmen wird. Anzeichen einer Berständi- gung zwischen der französischen und der enssti- scheu Auffassung zeigen sich noch nirgends. Auch die Verhandlungen von Kabinett zu Kabinett in der Zwischenzeit hätten die französischen Anträge hinsichtlich der Zuteilung Oberschlesiens nicht abschwächrn können. — Der „Evening Standard" teilt mit, daß ein Bataillon deS ersten britischen FibsilierregimentS das für Oberschlesien bestimmt ist, nach dort verladen worden ist. Das Bataillon wird in Ostende ausgeladen und mit der Bahn über Brüffel und Köln nach Oppelu fahren. Das zweite Bataillon deS Füsilierregiments von Jn.skilling wird heut« von Dover abfahren und auf demselben Wege «ach Oppeln befördert werden. *
(Störung in Indien
Die britischen Weltschmerzen.
3m ganzen Reiche ruhig.
Frankfurt a. M., 1. September. (Privattelegramm.) Die Dcmonstrationsversammlungen und die darau anslksiießenden Umzüge sind im ganzen Reiche ruhig verlaufen. Das betätigen Meldungen auS Leipzig, Dresden. Ofenbach, Jena, Mannheim, Ludwigshafen, Elberfeld, »arme«, Worms mw Karlsruhe. Dort
Es Mrd berichtet, daß ein Teil der Aufständischen unter einer Fahne kämpfe, die den türkischen Halbmond zeigt. Die gegen die britische Herrschaft gerichtete Bewegung yt umso bedroh- kicher, als ihr drei Motive zu Grunde liegen, nämlich religiöse, nationale und endlich auch po- lttisch-wirtschastliche. IN bezug aus den ersteren Punkt haben sich Hindus und Mohammedaner trotz aller sonstigen Gegensätze offenbar zusam- mengesunden, weil üben die nationale, gegen den englischen Unterdrücker ^richtete Tendenz bei beiden gleich stark ist. Die Pvlitisch-Mrtschastliche Tendenz aber, die unterstützt Mrd durch die Notlage in Indien, wo die Hungersnot in einzelnen Teilen des Reiches eigentlich nie ganz aufhott, ist in der Hauptsache von außen hineingetragen, und zwar hanoelt es sich hier itm Auswirkungen der bolschewistischen Propaganda. Durch die Ausrufung der Sowjetrepublik Aserbeidschan hat Sowejtrußland eine gemeinsame Grenze mit Persien, durch die Sowjetrepubliken Turkestan, Ehorasan und Buchara eine gemeinsame Grenze mit Afghanistan erhalten. von wo aus die bolscheMstischeM Sendboten nach Indien Eingang gefunden haben.
Der in den jetzigen Meldungen viel genannte Führer der indischen Bewegung, G h a n d i, hat zunächst nur die Forderung nach Homerule für Indien ausgestellt, aber während er unter „Sroaraj* anscheinend nur weitgehende Selbstverwaltung verstand, und diese Forderung lediglich durch das Mittel des passiven Widerstandes, Richtbeteiligung an allen englischen Einttch- tungen, Bovkott enAi scher Waren usw. erreichen wollte, proklamiert ein großer Teil seiner An- bänger das »Selbsibeftimmiingsrecht der Pötter". Zwar hat die britische Regierung neuerdinaS den Indern einiges Entgegenkommen gezeigt und ibnen vor allem eine zu zwei Dritteln aus Wsblen hertwrgegangenr gesetzgebende Versammlung zugebilligt. Dies Zugeständnis Hai aber den Indern so wenig genügt, daß sie ihrer passiven Resistenz auch die Wahleutb-Ätuna ein
teilte ein VersammlungSredner mit, daß die Arbeiterschaft von der Regierung verlange, künftig keine Regime,ttSseiern mit Umzügen und dergleichen mehr zu gestatten.
Erzbergers Beisetzung.
Ei« Rachruf durch de« Reichskanzler. tPrivat-Tclcaramm.;
Biberach, 1. September.
Unter ungeheurem Andrang der Bevölkerung aus dem württembergischen Obcrschwaben und unter der Teilnahme von vielen Abordnungen und Vereine«, Vertretern von Behörden usw., fand gestern mittag die Beisetzung des Reichstagsabgeordneten Erzberger statt. An dem von der katholischen Gemeinde gestifteten Ehrengrabe hielt der Reichskanzler Dr. Wirth dem Dahingeschiedenen einen Nachruf, in dem er unter anderem ausführte: Reichspräsident «nd Reichsregierung widmen dem großen schwäbischen Manne, dem unvergleichliche« Parlamentarier und dem Staatsmann den verdienten KttMz der Ehre unter Versicherung des treuesten Gedenkens. Heute versammeln sich viele Tausende von Arbeitern, die, aufgebracht gegen die Untaten, in eine neue Bewegung eingetreten sind, die gan, Deutschland erschüttert. Der Reichskanzler sagte dann, Erzberger habe das Land vor dem finanziellen Zusammenbruch durch seine Steuerreform gerettet. Erzberger habe dem deutschen Volke die Einheiüichkeit des Psst- imd Eisenbahnwesens gegeben. Da» Bild Erz- berger» fei blank und seine Seele rein.
HausangefteMen-Struer.
Notwendige oder entbehrliche Dienststellen.
Der preußische Minister des Innern hat vor kurzem zugleich im Namen des Mnanzministers sich über die in letzter Zeit von einer Anzahl von Gemeinden beschlossenen Steuerordnungeu über die Beschäftigung von Hausangestellten geäußert. Sehr bedenklich vom allgemeinen wittschaft. lichen Standpunkte erscheint insbesondere gegenwärtig die etwaige Rückwirkung auf die Er« werbslosenfürsorge. Ta die in dieser Hinsicht sich ergebenden Folgen noch nicht zu übersehen sind, wird — so heißt es — allen Gemeindeverwaltungen, welche eine Hausangestell- tensteuer beschlossen haben oder einführen wol- len, zur Pflicht zu machen fein, diesem Punkte bei den Beratungen innerhalb der Gemeinde- körperschasten besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Unter diesen Umständen behalten sich die Heiden Minister die Entscheidung über eine Hausangestelltensteuer bis auf weiteres
einen dahingehenden Antrag gestellt haben. Dasselbe gilt für diejenigen, die bereits seit dem 1. Oktober 1920 im Dienste einer öffentlichen Krankenanstalt tätig sind.
Befreit
von der Prüfung können SanitätsunteriosfizEere werden, die eine mehr als fünfjährige aktive Dienstzeit im Sanitätskorps des Heeres oder der Marine zurückgelegt haben und darüber ein Zeugnis ihrer vorgesetzten Behörde beibringen können. Vorausgesetzt wird dabei, daß die Bewerber noch nicht länger als zwei Jahre aus dem aktiven Heeres- oder Marinedienst ausge- lchieden sind und auch von dieser Zeit wenigstens die Hälfte Krankenpflege ausgeübt haben. Entsprechende Gesuche um Anerkennung als Krankenpfleger sind an den zuständigen Regierungspräsidenten zu richten. Außerdem könne« befreit werden Personen, die schon früher einen Krankenpflegelehrgang von ausreichender Dauer mitgemacht haben und nachweisen können ,daß sie mindestens fünf Jahre lang in der Privatpflege oder im AnstaltS- und Gemeindedienst tätig waren. Ihne« wird auf Antrag, der spätestens bis zum 1. Juli 1922 an den zuständigen Regierungspräsidenten einzureichen ist, die staatliche Anerkennung als Krankenpfleger erteilt werden, wenn sich der Prüfungsausschuß dafür ausgesprochen hat. Im Ausbfldungsplan wird vor allem die Rotwen- digkeit der praktischen Ausbildung betont. Es wird im einzelnen auf die notwendigen Kenntnisse und Fettigkeiten, die snh der Schüler während seiner Ausbildung aneignet, emgegangen.
Die Kundgebungen.
Reine Ruhestörung tu der Reichshauptstadt (Prival-Telegramm.)
mündliche und prattische Prüfung.
In der m ü n d li ch e n Prüfung werden verlangt Kenntnisse auf folgenden Gebieten: Bau und Berttchttingen des menschlichen Körpers, allgemeine Lehre von bett Erkrankungen und ihren Erscheinungen, Einttchtungen der Stran# Zenräume Krankenwattung, Krankenernährung, Krankenbeobachtung, Hilfeleistungen bei der Kranken-Uniersuchuna und -Behandlung, Pflege bei ansteckenden Krankheiten. Für weibliche Prüflinge außerdem die wichtigsten Grundsätze der Säuglings- und Kleinsinderpflege. In der praktischen Prüfung werden die PruMnge ihre Kenntnisse in der Krankenpflege praktisch zu erweisen haben. Auf Grund der bisherigen Dor- kchriften vom 10. Mai 1907 können noch solche Personen zur Prüfung zugelassen werden, die schon vor dem Erlaß in der Ausbildung 6cgriffen waren und bis spätestens 1. Oktober 1921
Die Krankenpflege.
Bestimmungen für die Ausbildung.
Für ben R-rchwuchs int Nrantrnpflege Dirn« sind in-prcutz-n jetzt iieueBestiatmungen ertönen toerben, durch bte ber Ausdlldungsgang geregelt wirb. Do» amtlicher preußischer «Seite Wirb un«s darüber Nachfolgende« mitgeteilt. Das Ministerium für Volkswohlfahrt hat neue Vorschriften über di« staattiche Prüfung von Krankenpflegepersonen nebst einem Ausbildungsplan herausgegeiben, die wichtige Veränderungen enthalten. Neben der Zusammens etzuna des Prüfungsausschusses aus einem beamteten und zwei Prak« tischen Aerzten wird jetzt vor allem bei der Zulassung zur Prüfung ein Nachweis über die zweijährige Teilnahme an einem Lehrgang in einer staatlichen oder staatlich anerkannten Kran- kenschule gefordert. Ausnahmen find zulässig bei Personen, die den Nachtveis einer mindestens gleichwertigen Ausbildung in der Krankenppfle- ge Verbringen, ebenso bei Sanitätsunteroffizie- rcn, die eine mindestens zweijährige Dienstzeit im Sanitätskorps der Armee oder der Marine hinter sich haben und noch nicht länger als zwei Jahre aus dem aktiven Militär- oder Marinedienst ausgeschieden sind, von dieser Zeit aber mindestens die Hälfte Krankenpflege au4geüht haben. Die Prüfling selbst zerfällt in zwei Teile. ein»
Worte der voiltiker.
Biberach, i. September. (Privattelegramm.f Reichstsagspräsident Loebe schilderte Erzberge r als P o l i t i k e r. Der Gedanke, daß er absichtlich oder leichtfertig den Bestand unseres Landes herabgefiihrt habe, sei absurd. Hierauf sprachen noch Bettreter der Zentrumsstaktion, des Reichstages «ad der Zentrumspattei der 3ttbf Biberach, des badischen und des württembergi scheu Zentrums, des bayerifchen Landtags, der christlichen Gewerkschaften, der N. S. P. u. andere.
München gegen Berlin?
A« die neuen Erlasse der ReichSregieruug.
(Privat-Telegramm.l
München, 1. September.
Wie zuverlässig gemeldet wird, hat sich der gestrige Ministerrat in mehrstündiger Beratung, nachdem er sich zunächst mit ben notwendigen Vorkehrungen gegen etwtilge Straßendemon stra, tionen befaßt hat, auch mit den letzten Erlassen der Reichsregierung betreffenb das Verbot von Zeitungen der Rechtspar- teien und das Verbot des Uniform tragens beschäftigt. Gutem Vernehmen nach beabsichtigt die Bayerische Regierung gegen diese Erlasse der Reichsregierung Schritte zu unternehmen. Die Bayern wenden sich dagegen, weil sie darin eine Freiheitsbeschränkung erblicken. Mau nennt diese Erlasse ein „Ratioualisteugesek", womit man einen Vergleich mit dem ehemaligen „So- zialisteu-Gesetz" ausdrücken will.
Am Oberschleflen.
Wochenlang« Beratung im Völkerbundsrat.
Die große Gefahr für da» britische Imperium siegt unverkennbar darin, daß ein Trick, mit dem man bisher dir etwa dreihundert Millionen In- der bei verhältnismäßig geringem Aufwand militärischer Machtmittel in Schach gehalten hat, gründlich versagt, nämlich bie Methode, die Hindus und die Mohammedaner gegen- einander auszuspielen, wobei man sich in erster Reihe auf die etwa siebzig Millionen Mohammedaner stützte, während die Hindus von jeher über ihre Zurücksetzung und Benachteiligung Klage führten. Die früheren Aufstände in Indien gingen denn auch stets von den Hindus aus, aber seit einigen Jahren hat sich auch unter den Mohammedanern eine wachsende Gärung bemerkbar gemacht, und eS ist kennzeichnend, daß, als sich im Jahre 1916 eine Homerule-Vereini- gung mit der Losung .Selbstregierung für Indien"' bildete, sich daran nicht nur Hindus, sondern auch Mohammedaner beteiligten. Die Bewegung unter den letzteren hat nun durch die auf die Aufteilung des türkischer Reiches gerichtete Politik der Alliierten einen sehr starken Anstoß erhalten, und seitdem KemalPaschadie Losung zum Dschihad, zum Heiligen Krieg, aus- gab, hat diese Bewegung, die bereits in Per- f * en den britischen Einfluß ausschältete, auch auf Indien übergegriffen.
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Kasseler Abendzeitung Hessische Abendzeitung
Nach Irland regt sich Indien. Wie Telegramme geltent und heute Mitteilen (siehe zweite Seite), flackett das Feuer des Aufruhrs in beiden Ländern ftärfer auf. In der zurzeit so brennenden irischen Frage haben die englischen Staatsmänner bei aller sonstigen Geschicklichkeit eine Politik der verpaßten Gelegenheiten getrieben. Hatten sie den Iren beizeiten Homerule bewilligt, daun wären sie jetzt nicht gezwungen gewesen, ihnen die Dominion-Autonomie einzuräumen, ohne damit die Iren, die unterdessen, langst die unabhängige Republik auf ihre Fahne ' geschrieben haben, befriedigen zu können. In der britnchen Presse machen sich neuerdings in wach- fendem Maße Stimmen bemerkbar, die warnend darauf Hinweisen, man solle den Indern gegenüber nicht den gleichen Fehler begehen, wie man es im Falle Irland getan habe. Der Vergleich liegt in der Tat nahe genug? denn wie zuerst in Irland, so ertönt jetzt in Indien die Losung „Homerule". während bereits eine viel weitergehende Bewegung, die von der indi- scheu Nationalpattei getragen wird, sich damit nicht mehr begnügen will, sondern die Losung ^Indien den Indern'" ausgibt und endlich in einzelnen Teilen des Riefenreiches bereits der offene Ausstand ausgebrochen ist — ganz tote man es in Irland erlebt hat. Es ist ja selbstverständlich, da man nur auf Nachrichten uns englischer Quelle angewiesen ist, sehr schwer, von dem Umfang und der Bedeutung des Auf. standes ein Bild zu gewinnen; doch lassen die Darstellungen der inspirierten Presse erkennen, daß man in den Kreisen ber englischen Regierung ernstlich besorgt ift
verleibten. Wie sich die Dinge weiter entwickeln werden, ist schwer zu sagen; vermutlich wird die englische Politik wie bisher mit Zuckerbrot und Peitsche arbeiten, das heißt mit kleinen Zugeständnissen und größeren militärischen Matzncch- men. Immerhin ist das britische Weltreich doch so gefestigt, daß es als Phantasterei erscheint, wenn man, tote es vielfach geschieht, aus Anlaß der jetzigen Unruhen seinen Zusammenbruch voraussagt, mag dies Imperium auch zurzeit vor kritischen Tagen erster Ordnung stehen.