Kasseler Abendzeitung
11, Jahrgang.
Mittwoch, 10. Angnst 1921
Fernsprecher 951 und 953
Fernsprecher 951 und 952
Nummer 180
SaHeiet ««-ft« Nachricht« erichetv« woch«Utch ftdjimal uno paar abend«. Der Ldonnew«t«prets beträgt monatlich 6.50 Marl bet freier Zuftellun» in« Hau« «u«. märt« durch die P»ft bezog« 5.80 Mark monatlich einschliebli» BulteHung. Bestellung« werd« ieder,.>it von der «eschäftdstelle -der den Bot« entgegmgWmm«. Zuckeret, «erlag und Redaktion . Schlachthofftrabe A/S0. Für unverlangt etngesandte Beiträge tarnt die RedaMon eine «erantwortung »der Äewahr in keinem Falle übernehme», «uckjahlungde« Be-ugtgelde« ober Anlprüche weg« etwaiger nlcht ordnnngimäßlger Lieferung aurgeschloffen.
3»fertton«pret(ei a) Einheimische Auftraget Die einlvawge Anzeige«.Zeile M. L30. die einspaltige Reklamezelle TL 8.—. b) Auswärtige Aufträge: Die einspaltig« Anzeigenzelle M. L60, die etafputtige Reklame,eile M. 8Ä>, alle« einschlietzlich X«ertOTg8jufäbtag _ mtb Anzeigmsteuer. Für Anzeig« mll besonders schwierigem Satz htmdert Pro,«t Aufschlag Für die RichNgkell aller durch Femsprecher aufgegedm« Anzeigen. lowi» tot AuNiahme. bat« und Platze tarnt eine Gewähr nicht übernomm« werden. — Drucker«: «cylaq^ hofftra-e 18/80. Seschäftrstelle: «ölnische Strafe 6. Delepho« Nniruner 9ol und
Kasseler Neueste Nachnchtm
— ' * Hesstsche Abendzeitung
Die große pariser Entscheidung.
Franzosen-Flegelel.
Die Zigarre des Kapitäns Langevin.
An einem Abend der verflossenen Woche Hal sich im Schnellzuge Berlin-Nordemey eine irn- liedsame Szene abgespielt, bei der der Hauptdarsteller, wie sich durch die Untersuchung ergeben hat, ein französischer Offizier war, der, wie gesagt wird, der Entente-Kormntsstou, die sich im Reichsgebiet breit gemacht hat, au gehört. Nachdem sich, so lautet die allem Anschein nach botttotnmen ■ einwandfreie (weil von verschiedenen Seilen gleichartig gegebene) Darstellung, der Schnell;,tg von Berlin in Bewegung gesetzt hatte, kam eS nach kurzer Zeit, zu Ausetnandersetzungen zwischen einem Reisenden und einem sich im Korridor des Schnellzuges awfhalitenden Franzosen, der, abschon ausdrüMch das Rauchen im Schlafwagen verboten war, sich eine Zigarre angeznn- b et hatte und diese auch nicht weglegte, sich auch nicht auf Ersuchen der Mitreisenden in das von ihm belegte Abteil zuvüchzog. Auch der Aufforderung des Schaffners leistete der Franzose keine Folge. Er verlegte sich vielmehr aufs Schimpfen und belästigte die Mitreisenden weiterhin. Schließlich wurde dem rabiaten Menschen von einem Herrn, der ihn wiederholt, zunächst höflich, dann energisch, ersucht halte, nicht zu rauchen, die Zigarre aus der Hand geschlagen und der unliebsame Fahrgast gezwungen, mit Hilfe eines Sicherheitspolizisten aus der Station Spandau den Zug zu verlassen. Da der Eisenbahn bezw dem begleitenden Zugpersonal selbstverständlich die Pflicht obliegt, für Innehaltung aller bahnamtliLen Vorschriften zu sorgen und da erfreulicherweise während der letzten Zeit auch auf Zucht und Ordnung in den Zügen wieder geachtet wird, so war die Aus- weifung des renitenten Fahrgastes die natürliche Folge einer Zuwiderhandlung gegen bestehende Bestimmungen. Die Empörung d:s Publikums über die ungeheure Frechheit, mit der sich der Franzos; im Zuge benahm, mit der er das Personal zurechtwies und mit der n schließlich die Notbremse zog, um den Zug zum Stehen zu bringen^ war ungemein stark.
An und flir sich war, so sollte man meinen, unter einigermaßen rechtlich denkenden Menschen dieses Zwischenspiel bis auf die logisch noch ausstehende Bestrafung des Franzosen wegen widerrechtlicher Anwendung der Notbremse, die be- kanntlich lediglich bei dringendster Gefahr benutzt werden darf, als beendet zu betrachten. Gau; anders aber in diesem Falle: Di« Flut der Noten, mit denen Frankreich Doutchland nach dem Friedensschlüsse schon überschüttet hat, ist wieder einmal bereichert worden imd -Ivar soll sich diesmal das diplomatische Geschreibsel aus Paris in einem Ton bewegen, der jeder Beschreibung, so sagt mau, spottet. Es wird angeblich eine Entschuldigung der deutschen Regierung verlangt, außerdem wird darauf bestanden, baß die in Betracht kommenden Beamten ihres Dienstes enthoben und auch nicht wieder eingestellt werden. Schließlich will man, wie behauptet wird, darauf dringen, daß die RegierungL- Entschuldigung in allen größeren deutschen Blattern amtüch zur Berosfenrlichung kommt... Daß eine Rote eingegangen ist, Wird Wohl von dem Berliner Kabinett nicht bestritten. Umsomehr muß es Wunder nehmen, daß der Wortlaut dieser Note bis zum heutigen Tage noch nicht veröffentlicht worden ist. Das Volk muß aber auf Veröffentlichung dieses Wortlautes bestehen, um zu sehen, wie weit die französische Urwerschämtheit neuerdings gegangen ist.
Es ist wohl selbstverständlich, daß das Schlafwagen-Idyll genau so seitens der Bahnbehörde untersucht werden muß, wie jeder Vorgang, der in das Gebiet der strafbaren, aus der Bahn begangenen Handlungen fällt. Es ist sslbswerständ- lich, daß der Franzose, mag er der Ententekommission angehören oder nicht, genau so bestraft wird, wie jeder Deutsche bestraft werden würde, der unbefugterweise die Notbremse in Tätigkeit setzte. Es muß auch darauf bestanden werden, daß die Eisenbahrrbehörde sich demnächst dazu äußert, ob und in welcher Höhe der Franzost bestraft worden ist. Man muß erwarten, daß seitens der Regierung zu diesem Falle m i t a l l e r Energie Stellung genommen wird und daß man sich in Berlin mit aller Schärfe eine derartige Handhabung der französischen Gewalt verbittet Es wäre geradezu lächerlich wenn man in Frankreich ein Vorkommnis, wie das von Kapitän Langevin herbeigeKhrte, in irgendeiner Form mit dem Versailler Vertrag in Verbindung bringen wollte, nach dem Deutsch land bic Unverletzbarkeit der Mitglieder der Ententekommisston verbürgt hat. Wenn Deutschland diele Unverletzbarkeit gewährleistete, geschah es zwe elloz in der bestimmten Voraussetzung, daß die Angehörigen dieser Kommission sich in durchaus einwandfreier Weise innerhalb der deutschen Grenzen verhalten und sich nicht Handlungen zuschulden kommen lassen würden- die mau als Alea^etan h«eichnsu muß..
Deutschlands < Verschiedene Ansichten: Dei Dreieck. — Die Heuchlern Elsaß - Lothringen? — A,
Die Konferenz des Obersten Rates hat am gestrigen Montag kurz nach LL30 Uhr begonnen. Die in Berliner diplomatischen Kreisen aus Paris eingetroffenen Nachrichten betonen sämflich, daß die gestrige private Besprechung Briands mit Lloyd George, die heute noch vor Beginn der eigentlichen Konferenz tötet verholt worden ist, entgegM den Vermutungen französischer Blätter keinerlei Annäherung ergeben hat. Man glaubt hier, daß Lloyd George diesmal wirklich fest bleiben wird, und cs wird den Franzosen nichts mehr übrig bleiben. als in der Frage der oberschlesischen Grenze nachzugeben, wenn sie in der Sanktionsfrage ein Zugeständnis von England erwarten.
Verschiedene Ansichten.
Der Kampf um das Industrie-Dreieck.
sPvivat-Telegramm.l
Paris, 9. August.
Die erste Sitzung des Obersten Rates hat sofort die volle Schärst der Meinungsverschieden, heistn zwischen London und Paris gezeigt. Gestern sind die Sachverständigen zu Wort gekommen und zwar als erster der Engländer. Er erklärst, daß das oberMrsiiche Industriegebiet unteilbar sei mtt Ausnahme von Rybnik und Pleß, welche er Polen zuerken nen will. Aber doS Jndustriedreieck müsse, da nun einmal eine deutsche Mehrheit darin bestehe, deutsch bleiben. Die Franzosen haben ausgerechnet, daß die Engländer nur zwölf Prozent den Polen und achtundachtzig Prozent den Deutschen zuerkennen wollen. Die Franzosen sprechen sich dagegen für die Zuerkennung des Industriegebietes an Polen aus und sagen, wenn daS Industriegebiet unteflbar sei. dann gehören auch Rybnik und Pleß dazu, und einsckflietzlich dieses Bezirkes bestehe im Judustriegebstt eine polnische Mehrheit. Die Italiener haben noch keinen Standpunkt eingenommen, sotwern ihr Sprecher hat sich auf gewisse Bemerkungen beschränkt. In stanzöstschen Kreisen war man sehr pessimistisch gestimmt, da die Meinungsverschiedenheiten zu tief gingen. Heute sollen die drei Kommissare der drei Eierten Mächst in Oberschlesien das Wort ergreifen. Die französischen Berstärkun^n für Oberschlesten sind bisher nicht beschlossen worden.
3n fataler Lage.
Rotterdam. 9. August. (Eigene Drahtmeldung.) Das Mandat, das Lloyd George von den Ministern der Dominions erhielt, muß, fo schreibt ein Londoner Matt, seine Stellung in Pa- r i s weiter stärken, und es werbe den Franzosen schwer fallen, gegen die englische Auffassung anzukämpfen, mnfo mehr, als Amerika, wenn auch nicht bireft, so doch indirekt, den italienisch-englischen Standpunkt unterstützt. Schließlich wird bei der Entscheidung auch die Polittk mttsprechen, die darin gipfelt, wie man sich in Zukunft gegenüber Deutschland zu stellen gebeult. Gerade hierin steht der englische Standpunkt im Gegenfatz zu der französischen Auffassung. Auf alle Fälle mutz man sehen, daß die Eutente erhalten bleibt, und wiederum müsse jetzt unter allen Umständen eine Entscheidung fallen.
Am grünen Varlser Tisch.
Au« der erste« Ratssitzung.
(Dttvat-Telcgramm.1
Pari«. 9. August.
In der ersten Sitzung * des Obersten Rates machte sich gleich eine Aenderung der bisherigen Auffassung innerhalb der Entente bemerkbar. B r i a n d scheint sich am Sonntag abend während einer Privat - Besprechung mit Lloyd George dahin vergewissert zu haben, daß die Frage der Verstärkungen kaum Ausficht auf DenvirNichung im französischen Sinne haben werden. Lloyd George hat angeblich Betont, daß man erst versuchen müsse, die Grenzfra. g e ihrer Lösung näherzubringen. Es scheint sicher zu sein, daß Lloyd George zwischen dem ettSb scheu und französischen Plan einen Ausgleich zu schaffen versuchen wird.
«In Mahnruf aus Schlesien.
Ratibor, S. August. (Eigene Drahttnekdung.,j Die deutschen Panei en und Gewerkschaften der!
r Kampf um daS Znduftrie- laske fallt! — «ein neues 18 der ersten Ratssitzung. Stadt Rattbor haben einen Mahnruf an den Obersten Rat gerichtet, in dem es unter anderem heißt, sie geben sich bei zuversichtlichen Erwar- tung hin, baß der gesamte Kreis Ratr- bor zusammen mit dem Übrigen Abstimmungsgebiet bei Deutschland verbleibe.
Die Heuchiermaske fällt!
Pariser Zeitungsstimmen.
(Eigene Drahtmeldung.)
Paris, 9. August.
Die Pariser Morgenblätter bringen sehr wenig oder gar nidftS über den Verlauf des gestrigen Tages. Sie beschränken sich auf die Wiedergabe der Eröffuungs- und verschiedenen Begrüßungsreden der Ministerpräsidenten und auf die Erttärungen der verschiedenen Sachverständigen. Auffallend ist aber folgender Zug, der heute durch die Presse geht: Die französische Regierung hat der Presse große Zurückhaltung anempfohlen. Die englische Geste, die einstimmige Haltung der englischen Presse am Eröffnungstage habe inzwischen aufreizend gewirkt und man läßt nun die Maske fallen. Fast die Blätter heben mit ziemlicher Offenheit hervor, daß die ganze oberschlesische Frage im Grunde genommen eine politische Frage ist, also keine beutfch poluische lokale Angelegenheit, keine völkische Frage, keine wirtschaftliche Frage, sondern eine hochpolitische englisch-französische Affäre, eine Phase im englisch-franzä- fischen Jntereffenwettstreit und schließlich ein HaupttnUtel sei zum deutschfeindlichen Zweck der französischen Politik. Man stellt in den Vordergrund, daß es sich in Wirklichkeit darum handelt, Deutschland ein großes Arsenal wegzn- nehmen, also die Zertrümmerungs- und Schwä- chungspolitik von Versailles fortzusetzen.
Wie sie sich entrüsten.
Paris, 9. August. (Privattelegvamm.) In einer Betrachtung über den Beginn der Konferenz führt der ^Figaro" sehr erregt aus: Wir brauchen wirklich nicht nachzugeben, umso weniger, als wir iw den letzten beiden Jahren immer wieder und wieder nachgegeben haben. Alle drei Monate, alle sechs Wochen, alle fünfzehn Tage werden unsere Minister je nach den Launen der Engländer und Lloyd Georges zu internationalen und interalliierten Konferenzen gerufen. Man hat Frankfurt räumen müssen, man hat die Pauschallosung deS Wiedergutmachuugs - Pro. gramms akzeptieren müssen. Man hat auf die Verurteilung der Kriegsbeschuldigten verzichten müssen, man hat von der Besetzung des Ruhrgebiets ckbsehen müsse, alle» wegen Englands.
Londoner Stimmungen.
Äein neues Elsaß-Lothringen.
(Eigene Drahtmeldung.)
Rotterdam, 9. Awgust.
Die Tttmmung in London ist wie von dort gemeldet wird, ruhig. Man erwartet die Zn- teilung Oberschlefiens an Deuffchland oberste nochmalige Vertagung bet Entscheidung. (!) Der gegenwärtige englische Bor- schlag will nach dem Daily Telegraf aus der Gesamtzahl der Abstimmenden vierzig Prozent den Polen und sechzig Prozent den Deutschen. «so erhebliche panische resp. deuffche Minderheiten in beiden Lagern sttffcn. Der britische Plan fei vorzugsweffe auswirtschastlicherGrund- lage aufgebaut. Die ganze englische Presse wiederholte gestern daS Wort, daß man nicht ein Elsaß-Lothringen im Osten schaffe« dürfe.
• • •
Sin interessantes Geständnis.
Paris, 9. August (Privattelegramm) Zu einem sehr interessanten Geständnis läßt sich sie Zeitung LibertS verleiten. In einer Polemik gegen den englischen Standpunkt schreibt sie der engKsthm Regierung, die von der Idee beherrscht fei daß man unter keinen Umftände.i ein neue» Elsatz-Lothringeu schaffen dürfe, have Frankreich zu antworten: Wenn ihr wirklich wollt, daß Deutschland nicht auf Revanche (?) sinnt, so ist es heute bereits dafür zu spät. (?) Dann hätte man ihm nicht seine Kolonien nehmen, dann hätte man eS nicht um Tansig und Posen, um Deutsch-Oesterreich, das deutsche Böhmen bringen dürfe.
Geschieht das nicht, so hat der VersaMer Ver- traa nichts mit solchen Dingen zu tun. Im Gell enteil: zu welchen Konseguenzen würde es führen, w nn sich jeder Franzose, der zufiMg einer Kommission angehört, bei uns Dinge erlauben dürste, die, wenn ein Deutscher M Frage käme, unter Strafe gestellt wären?
Nachdem die Note aus Paris eingegangen ist und zwar eine Note, über die voraussichtlich noch mancherlei zu reden sein Wird, muß man von der Regierung erwarten, daß sie die Urttev- suchung mit größter Beschleunigung zu Ende fühitt und dann ihre Gegenmaßnahmen trifft Mit irgendwelcher Leisetreterei ist hier nichts getan. Es ist vielmehr höchste Zeit, daß man in Deutschland mit der Politik des Entgegenkommens bricht und daß man sich zu der Ansicht bekehrt, daß auf einen groben Klotz nach guter deutscher Art ein grober Keil gehört Solange wir nicht mit dem entsprechenden Ton antworten, werdetl wir leider immer wieder Dinge erleben, wie sie sich jetzt im Schnellzuge Söerfir- Norderney abMelten. ***
Sehnsucht nach Ruhe.
Umschwung der Stimmung in Pole«?
Str Rorrefponbcnt eine« holländischen Blatte« WM gelegentlich einer Reise durch Polen Me Deodach.ung gemacht habe», datz fich eia Um- schwang der Ansichten sithrender Personen zeigt. Außer auf verschiedene Minister beruft er sich in diesem Artikel auf den UnterftaatSfekretär Domski, der zugleich die stärkste Partei im Parlament führt und von außerordentlichem Einfluß ist . Possen sehne sich nach Ruhe, nm nach innen seinen Staat auszuhauen und die vielen schweren Verwaltungsausgaben und vor allem die Finanzen seines noch so jungen Staatslebens zum Teil in Ordnung zu bringen, zum Teil überhaupt erst aufzubauen. Und da ist es vor allem was not tut, einefesteGreuzezu wissen. Diese Erkenntnis hat sich auch in Polen allmählich so Bahn gebrochen, daß das Verlangen nach einer endlich festen, endgülttgen Grenze so groß ist, daß die leitenden Minner in Warschau rund heraus sagen, jede Grenze sei besser als keine Grenze. Und auch was Oberschlesien anlangt, so soll sogar in diesem Punkte den Polen weniger wichtig geworden sein, wie Obet» schlesien Verteilt wird, als daß endlich die Verteilung Überhaupt ftattfinbet. Polen hat praktisch seine Ansprüche auf tschechoslowakisches Gebiet berefts fallen gelassen und fein Hauptstreben mehr der vernünftigen Aufgabe zugewandt, in ein erträgliches Verhältnis mit bei Tschechö-Slo- vakei zu kommen, zunächst einmal aufgrund eines Handelsvertrages. Der gleiche Wunsch gewissermaßen nach Versöhnung führt die polni- scken Männer nun auch immer mehr einer Ver- ftänbiguna mit Deutschland entgegen, und zwar zunächst aufgrund einer wirtschaftlichen Hebei» einkuwst.
Die amtliche* polnische Stattsttk zeigt deutlich, wie sehr Polen wirtschaftlich vom Deutschen Reiche abhängig ist und wie es im eigensten Interesse besser daran Me, eine wirtschaftliche und politische Versiänbigung mit Deutschland anzu- bahnen, als auf dem Wege der bisher übliche» chauvinistischen Art in bitterster Feindschaft Deutschland und alles Deutsche zu verfolgen. Nach dieser Warschauer Stattstik wurden allein im Fahre 1920 von Deutschland nach Polen 23 Millionen Tonnen Waren, von Polen nach Deutschland aber nur 0,2 Millionen Tonnen Waren ein- bezw. ausgeführt. Die Ausfuhr en, reichte somit noch nicht ganz 45 Prozent der Ein. fuhr und bei dem niedrigen Stande der polnischen Valuta ist natürlich der Wert der Einfuhr sehr hoch. Zahlen sprechen ja immer die beredste Sprache und eine solche Bilanz mit den enormen Schulden Polens im Hintergründe ist wohl geeignet, realpolittsch denkenden Bugen Männern die Augen Weit zu öffnen. So ist es leicht verständlich, daß viele Polen allmählich eingesehen haben, welche Folgen die Feindschaft Deutschlands auf die Dauer Haban kann und diese Einsicht führt selbst die leitenden Männer der polnff leben Regierung und der polnischen Parteien zu dem Bekenntnis gegenüber dem Korrespondenten, daß. wer im Sinne einer Versöhnung mit Deutschland eine vermittelnde Rolle auf sich nehmen will, den in Warschau herrschenden Männern einen größern Dienst erweist, als diejenigen, die den Konflikt verlängern und versuchet^ den Gegensatz unüberbrückbar zu machen, indem sie Polen das ganze oder schlesische Industriegebiet zusprechen wollen.
Bon deutscher Seite ist wiederholt betont worden, und auch durch prcckttschen guten Willen gezeigt worden, daß wir einer Verständigung mit Polen nicht abgeneigt find und daß wir in Verfolg dieses Strebens manches getan haben, waS uns leider sofort von polnischer Seite als Schwäche ausaelegt wurde. Und auch Deittsch- land hat, das darf man offen zugestehen, eint aroßes Interesse daran, mit Polen in ein erträgliches Verhältnis tu kommen, nicht nur um" der