Meier Neueste Nachricht
Hessische Abendzeitung
Kasseler Abendzeitung
11. Jahrgang.
Freitag, 15. ZvU 1921
Fernsprecher 951 und 952
Nummer 158
Fernsprecher 951 und 952
Di« Staffelet Neuesten Nachrichten erscheinen wochenUich Sechsmal und zwar abends. Der AdonnemeiilSpreiS beträgt monatlich s.50 Mark bei freier Zustestung ins £ aus. Xui* roärts durch die Poft bezogen 5.80 Mark monatlich einschließlich Zustellung. Bestellungen werden lederznt con der lüefchüftSftelle ober den «oten eutgegengenommen. Druckerei, Lerlag und Redaltion-. Schlachthofstrabe 28/20. Aür unverlangt eingefandte Beiträge kann die Nedakkion eine «erantwortung oder Lewähr in keinem ff alle übernehmen. Rückzahlung des Bezugsgeldes oderAnlprüchewegen envaigernichtordnungsmäßigerLie'erung ausgefchkoffen.
JnfertwnSpreise-. •> Einheimische Auftrage- Die einspaltige Anzeigen.steile M. 1.20, die einspaltige Reklamezeile M. 3.-, b) Auswärtige aufträge: Die einspaltige Anzeigen,eile M. 1.50, die einspaltige ReNamezeile M. 3.60, alles einschließlich Teuerungs,Uschlag und Anzeigensteuer. Für Anzeigen mit besonders schwierigem Satz hundert Prozent Ausschlag Für die Richtigkeit aller durch .'emipredjer ausgegebenen Anzeigen, sowie für Aufnahmedate« und Plätze kann eine Gewähr nicht übernommen werden. — Druckerei: Schlacht- hofstratze 28/Ja. Geschäftsstelle: Külnische Straße 5. Telephon Nummer 951 und 952.
Sie deutschen Sachverständigen in Paris
VatteipoM.
Pläne zur Umgruppierung der Mitte.
Die politischen Arbeiten in Kabinett und Parlament haben seither darunter gelitten, daß die Reichsregierung sich nicht auf eine Mehrheit stützen konnte. Wahrend nur Demokraten, Zentrum und Mehrheitssozialiften die Handlungen des Kabinetts decken, ist es im klebrigen auf das Wohlwollen der rechts- und linsstehenden Vaitcien angewiesen. Es ist einleuchtend, daß durch diese schmale Grundlage die Regierung in ihrer Bewegungsfreiheit stark behindert ist, denn sie muß sich immer den Gedanken vergegenwärtigen, daß manch« ihrer Maßnahmen von einer starken Volksmehrheil mißbilligt wird. Auf die Dauer ist solch ein Zustand unhaltbar, einesteils weck dadurch die Lage der Regierung erschwert ist, hauptsächlich aber weil die Staatsgeschästc mitunter in einer Weise erledigt werden, die in ihrer Wirkung nicht immer zum Besten des Volksganzen ausläuft. Eine gleich nachteilige Wirkung ist im parlamentarischen Leben zu spüren. Die Gegenströmung im Reichstag nimmt in ihrer ausgedehnten Breite zu viel Raum und Zeit ein. Die Opposition macht sich infolgedesien in größerer Schärfe bemerkbar und dreht sich zu viel um Nichtigkeiten, die vor lauter Parteigezänk das Wesentliche, das dem Wohl des Volkes dienen soll, in den Hintergrund drängen. Dieses Mißverhältnis ist in Parteikreisen längst erkannt worden, wie die verschiedenen Pläne und Bestrebungen zum Zusammenschluß zeigen.
Ehe Ministerpräsident Stegerwald die Führung der preußischen Regierung übernahm, befaßte er sich als Zentrumsabgeordneter be- ieits mit einer E i ni gu irg s bc strebun g, die die Mittelparteien, Deutsche Volkspartei, Bayrische Volkspartei, Zentrum und Demokraten, umschließen sollte. Der Plan blieb liegen, bis ihn der demokratische Abgeordnete Erkelenz aufgriff, überarbeitete und damit vor einigen Tagen in einem Aufsatz in der „Hilfe- an die Oeffentlichlcit trat. Als grundlegende Begriffe gelten dafür die Richt!inien: deutsch, christlich, demokratisch und sozial. Er setzt voraus, daß die Möhrheitssozialdemokraten dieser neuen Gruppe nicht beitreten würden, weil der Gegensatz zur Deutschen Volkspartei zu groß sei, wie man aus den bisherigen vergeblichen Bemühungen, die beiden Parteien einw- der näher zu bringen, ersehen habe. Als Ausgabe der Gruppe der Mittelparteien bezeichnet Erkelenz eine Politik zur Erfüllung des Ultimatums. Um diese Verpflichtung komme man nicht herum, daher sei es praktisch, mit voller Kraft die Leistungen zu beginnen und durchzufiih-ren. Das sei am besten möglich durch das Zusammenarbeiten der genannten vier Parteien, die den Wiederaufbau zu ihrem Grundsatz erhoben haben.
Bemerkenswert ist, daß in diesen Tagen auch von einer anderen Seite das gleiche Ziel erstrebt wird. Ein Führer der Deutschen Volkspartei, der Landtagsabgeordnete für Südhannover Dr. von Campe, hat in der „Täglichen Rundschau" eine Aufsatzreihe veröffentlicht unter der Ueberschrist „Gesundung", womit er ebenfalls den Zusammenschluß der Mittelparteien befürwortet. Er vertritt den Standpunkt, daß die Parteien einander Konzessionen machen müßten, was dadurch geschehen könne, daß man trennende Nebensächlichkeiten beseitige. Deutschland sei heutzutage ohne Demokratie nicht zu regieren. Tas politische Leben könne nur in einem Parlament gegenseitiger Duldsamkeit gedeihen. WaS die Staatsform angehe, so ließen sich Demokratie und Monarchie wohl vereinen, wie aus den Beispielen der Geschichte hervorgehe. Es habe dcmokri- tische Monarchien und auch Republiken mit einem Diktawr an der Spitze gegeben. Von diesem Gesichtspunkte aus könne auch die Sozialde- mokraffe, wenn sie ehrlich Mitarbeiten wolle, für den Staat Nützliches leisten. Da Dr. von Campe versichert, daß seine Anschauung auch dem Standpunkt feiner Parteifreunde entspreche, darf man seinen Ausführungen ein« besondere Bedeutung beimessrn.
Aber gegenüber einer Gruppe der Mittelpar- teien ist auch eine Bewegung der beiden sozialistischen Parteien im Gange, wodurch die Mehrheitssozialdemokraten uno die Unabhängigen verbunden werden sollen. Führer der alten Partei sind ja sebon seit länger Zeit an der Arbeit, die Unabhängigen iitm Urtertritt zu veranlassen, um eine große Partei zu schaffen. Dazu sind allerdings die Radikalen nicht geneigt, aber es ist bei ihnen eine Strömung vorhanden, die eine Anlchnung sucht. Sachsen hat den Anfang gemacht. Aus der vor drei Tagen stattgefundenen Landeskonferenz der U. S. P. Sachsens haben sich oie Redner grundsätzlich für di« Ärbeitsae« meinschaft mit den Mchrheitsseztalisten ausgesprochen. Erstrebt wird damit eine sozia
listische Einheitsfront im Parlament, in den Landtagen und Gemeindevertretungen. Den seitherigen ununterbrochenen Annäherungsversuchen Scheidemanns kommt numnehr Hilserding mit Artikeln in der „Freiheit" entgegen, in denen er die beiden Parteien zu einem Kartell, zu einer, wie er sagt, „proletarischen Interessengemeinschaft" zusammenbringen will. — Würden die Pläne verwirklicht, dann ständen zwei große Parteigruppen gegeneinander, die rechts von den Deutschnationalen und links von den Kommunisten befehdet würden. Vorläufig ist alles noch problematisch, da innerhalb der in Frage kommenden Parteien ercheb- lich« Mderstände vorhanden sind. Immerhin werden die Reichstagsserien zur Agitation in dieser Angelegenheit nicht ungenützt bleiben.
K. F. Dr.
DSe Bariser Beratungen.
Deutsch« und französische Auffassungen.
(Privaf^elegramm.)
Berlin, 14. Juli.
Im Reichswirtschastsamt sind gestern eine Anzahl Sachverständiger zur Beratung zusam- mengetreten. Wie verlautet steht die Entsendung weiterer deutscher Sachverständiger nach Paris bevor. Der nach Paris abgereifie Staatssekretär Hirsch äußerte sich vor seiner Abreise im Gegensatz zu Pariser Preffeauslaffungen optimistisch über Fortgang und AuSgang der Pariser Besprechungen. — In den gestrigen Pariser Beratungen gaben die deuffchen Vertreter Vorschläge hinsichtlich der RrporationÄeistungen ab, dir um 50 Prozent hinter den franzSsischen Vorschlägen zurüüstchen. Infolgedessen, so schreiben die führenden Pariser Zeitungen, läßt sich auf einen Erfolg der Parffer Besprechungen nur noch in engeschränktem Maße rechnen.
-»
Ratßrnau und Loucheur.
Paris, 14. Juli. (Eigene Drahtmeldung.) Fm Ministerium des Aeußeren fand gestern unter dem Vorsitz des Minister Loucheur eine Sitzung statt in der sich die Sachverständigen über den Wiederaufbau ausfprachen. Die Sitzung wird in unterrichteten Kreisen allgemien als die Vorbereitung zum Abschluß der Verhandlungen bezeichnet. In fast allen Punkten herrschte Einstimmigkeit. Man nimmt an, daß bei der nächsten Zusammenkunft der Minister Loucheur und Rathenau in Wiesbaden eine befriedigende Regelung zuftaiidckommt.
Der Ll-BootprozeH.
Vernehmung 6er deutschen Zeugen.
(Privat-Telegramm.)
Leipzig, 14. Juli.
Am ersten Berhandlungstage waren die eng- tischen Zeugen vernommen worden, die aussag. ten, daß sie zwar nicht geschn hätten, ob auf die Rettungsboote geschossen worden sei, aber sie hätten die Schüsse gehört. Am gestrigen zweiten Tage wurden die deutschen Zeugen vernommen. Aus deren Aussagen geht hervor, daß in der deutschen Morine allgemein die Meinung ver- breitet war, daß die Engländer die Lazarettschiffe dazu benutzten, T r u p p e n und M u n i - tion zu befördern und einen Mißbrauch mit dem Roten Kreuz trieben. Marineimgehärigc, bis in englischer Kriegsgefangenschaft waren haben beobachtet, wie Truppen und Munition auf solche Schiffe verladen wurde. Kapitän Patzig von U 86 hat in der Annahme, daß auch das Hrspitalschiff, dessen Torpedierung Gegenstand der Verhandlung ist, Munition an Bord hatte, die Versenkung vorgenommen. Spater stellte üch allerdings heraus, daß dies nicht der Fall war. Der Zeuge Kanalloffe Popitz sagt aus: Wir haben daS Schiss beim Heran- nahen als Lazarettschiff erkannt.
Das Schiff fuhr im Zickzackkurs. was uns verdächtig erschien. Rach langem Zögern hoben wir zwei Torpedos abgefeuert, von denen eines traf. Wir fuhren an das Sdnff heran, denn unfer Kommandant hatte ein. In irrest daran, Beweise zu erlangen, die unser Mißtinucn rkck'tfcrtigte. Was weiter geschehen ist, weiß der Zeuge nicht. Ruf die Frage des Präsidenten, ob denn die Mannschaft nicht darüber gesprochen hätte, erklärte der Zeuge, der Kommandant bäfte Schweigcverbot erlassen. Ter Kommandant habe gesagt, er nehme die Brraniwortuna für die Versenkung des Schiffes auf sein Gewissen. Der Zeuge gibt ferner an, ei habe nicht bemerkt, ob Versuch« zum Rammen gemacht worden sind. In der weiteren Berurh- ninng wird darauf hiugewiesen, daß schon 1917 die Engländer kleine Fischdampfer oder Han - delsdamvfer mit Ur Zivil gekleideten Matrosen
u. Geschützen ausrüsteten. Durch solche U-BootS- sattcn wurden verschiedene Deutsche gefangen. Die Betzhandlung wird heute fortgesetzt.
SberschWen» Unruhe.
Die Engländer gehen jetzt schärfer vor.
(Eigene Drahtmeldung.)
Beuthcn, 14. Juli.
Die Engländer haben in den Kreisen Beuthcn und Kattowitz mit einer großen Säube- rungasaktiori begonnen. Alle Waffen müssen bis zum 19. Juki abgegeben sein. Wiederholt ist cs in den letzten Tagen vorgckommen, daß englische .StreiskommandoS von polnischen Banditen hinterrücks angeschossen worden sind. Bier Angehörige einer polnischen Bande, die von den Engländern fcstgcnommen worden sind, wurden standrechtlich erschossen. — Außer General Lc- rond wird noch eine größere Anzahl französisch.i Offiziere aus Oberschlesten abberufen werben. In den Geschäftszimmern der Franzosen herrscht ein großes Aufräumen. Der gesamte Brieswechfes mit Korfanty und den polnischen Aufstandsbehörden wird vernichtet um zu verhindern, daß er den Engländern, die die Franzosen aülösen werden, in die Hände fällt.
Dor der Entscheidung.
Rotterdam, 14. Juli. (Eigene Drahtmeldung.) Rach einem Telegramm aus London tritt der Oberste Rat bereits am 17. Juli zusammen, um die Entscheidung in der oberschlcsischen Frage zu fällen. Es besteht kein Zweifel mehr darüber, daß die Alliierten sich bereits über den Tei- lungsplan verständigt haben, sodaß die ganze Sitzung des Obersten Rates nur noch eine Formalität darstellt. — „Slatin" und „Temps" glauben, daß die Konferenz des Obersten Rates vertagt werden soll. Damit würde auch dir Entscheidung über Oberschlesten und über die „Sanktionen" auf unbestimmte Zeit verschoben.
Wie die Deutschen gequüN werden.
Breslau, 14. Juli. (Eigene Drahtmeldung.) Gestern abend ist es in Oppeln zu einem neuen Zusammenstoß zwischen Franzosen und Flüchtlingen vor dem Bahnhof gekommen, wobei acht Deutsche verletzt wurden. Drei Deutfchr erlitten Verletzungen schwerer Art. Die Franzosen stellen die Behauptung auf, die Flüchtlinge hätten auf dem Wege zum Bahnhof den französischen Soldaten Schimpsworte zuge- rusen. — Die alliierte lieberwachungskommis- sion hat der Reick-sregierung eine neue Forde r u u g übermittelt und zwar wird Auslieferung der Waffen und der Munition verlangt, die dem deutschen Selbstschutz in Oberschlesten zur Verfügung gestellt werden.
AhrüMmgs-BetrachMngen.
Frankreich will eine Rolle spielen.
(Eigener Drahtbericht.)
Paris, 14. Juli.
Ter „Temps" berichtet, daß Frankreich auf der Abrüstungskonferenz eine große Rolle spielen könne, betont aber, daß der Erfolg von England abhängen wird. Bon Lloyd George werde and) der Ausgang des Krieges im Osten abhängig. Dieser Krieg höre auf, wenn Eng land die griechische Offenstvr nicht gutheiße. Die türlifdje Unabhängigkeit werde nur dann ficher- gestellt sein, wenn England ste anerkennt. Auch die franzöfisch - deutschen Beziehungen werden anders aussehen, wenn England sich mit Frankreich gegenüber Teuffchland einig wäre. Durch die französtsch-englisthe Uneinigkeit könnte es zu einem neuen Zusammenstoß zwischen Teuffch.- land und Frankreich kommen. Das Problem des füllen Ozeanx. ist nicht zu lösen, solange der bri- lisch-javanifche Vertrag in Kraft bleibt uns nicht eine Entente aller Staaten, die dort Kolonien haben, geschaffen wird.
* * *
Die RiiNrlmächte sind auSgeschaNet.
Paris, 14. Juli. (Eigene Trahtmeldung.) Die Einladung zur Teilnahme an der Wcltab- rüftungskonftrenz geht, wie aus Washington gemeldet wird, allen großen Staaten, mit,Ausnahme der europäischen Mittelmächte, zu. Eine spätere Einladung ist vorerst auch nicht vorgesehen, weil es fick zunächst um eine Besvre- chung mit den Alliierten, Informationen und unverbindliche Aussprache handelt. Rach einer neueren Kabelmeldung soll die Konferenz am 18. Oktober zusammcntretcn. — „Daily Expreß" erfährt offiziell, daß sämtliche Staaten Hardings Einladung angenommen hoben. Wie verlautet, hat fick, Hording auch an General Smuts, den Dertreter Südafrikas, gewandt mit dem Ersuchen, der Washington» Konferenz beizuwohnen.
Oberschlesifche Briefe-
Die Industrie nach dem Aus stand.
(Eigener Bericht.)
«gegenwärtig unternimmt einer unserer Mitarbeiter, Rolf ■Brar.et, Der den Lesern der „Kasseler Renefien Racyriehten- licd) Snvdj feine fesselnd geschriebenen Kriegsberichte in «r- innsrnng kein wird.eineReise durchOderschlefien wovon er uns eine Reihe von Briefen sendet.
Glciwitz, 13.- Juli.
Auf einer großen Zahl der Werke, die ich durchfuhr, wehte noch die iveißrote polnische Fahne. Aeußerlich schien mir alles ruhig. Die Schornsteine rauchten, die Schichtwechsel schienen sich ruhig zu vollziehen. Wie sieht es hinter diesem, ja immer noch polnisch „ausgemachten" Oberflächenbild die Lage der oberschleM^i Industrie aus? Ich habe mit den leitenden Oberingenieuren und einer Anzahl Generalsi- rektoren der großen Werke die Probleme, die der Aufstand btt oberschlesischen Industrie gebracht hat, durchs-prechen können. Der Schluß aller Er- Wägungen bleibt immer der: die Lage der ooer- schlesischen Industrie ist trostlos, ohne Hilfe von außen kann sie die Krisis, in der sie sich befindet, nicht Überstehen. Die Mittel der Werke sind erschöpft. Nach dem vicrzehnlägigen Streik, nut dem der Ausstand begann, wurde die Arbeit all- mäiflich wieder aufgenommen. Etwa 70—80 Prozent der Belegschaft fand sich bei den Gru, den wieder ein. Aber
die Arbeitsleistung sank in außevordentAch starkem Maße. Miau debattierte, man schnüffelte Gesinnung, aber man arbeitete nicht. Vor dem Ausstand war die Ar- beitsleistunn pro Kopf und Schicht 0,9 T.. während des Aufstandes sank sie aus 0,35 T. DaS heißt etwa auf ein Drittel der Leistung vor dem, Putsch, die natürlich auch schon weit von früherer FriedenSloistung entfernt war. Viele Gru- benlveiriebe setzten selbstständige sechsstündige Arbeitszeit fest. Es kam hinzu, daß die Abfahrt der Kochlen nickt regelrecht erfolgen konnte. So wurde auf Halden gestürzt. Die Wirkung war die oft beobachtete psychologische, die ArbeitS- ieistung sank noch mehr. Man schätzt, daß, etwa, jetzt eine Million Tonnen auf Halde liegen. Aus dem Plesser Revier sind schon Halben^ bründe gemeldet. Selbsiverstündlich setzt der Betrieb bei jeder unter diesen Nurständen geforber- ten Kohle ?.u und Riesendefiz-itsummeu treten auf. Noch schwerer liegen die Verhältnisse bei den Hütten. Von vielen Betrieben wissen die Direktionen überhaupt nicht, was in den zwei Monaten hergestellt worden ist. Während des Aufstandes fabrizierten die Werke auf Lager. Polnisch« Aufträge konnten nicht gegeben wer- den, da in Polen jede Abnahmemöglichkeit M, weil keine Vcrfeinernngsindustrie die oberichlr- sifchen Gifeuprodukte in Polen ausnützcn kann. Sins Haden die zwei Monate polnffche Herrschaft mit Klarheit bewiesen, die oberschlepiche Industrie, also Oberschlesten, geht zu Grunde, wenn es von Deutschland abaeschnitten wird. So leistete man auf vielen Werken „halbe Ar- beit", b. h. die Arbeiter beschäftigten sich mit dem Aufräumen der Fabrik, und wenn sie aufgeräumt hatten, gruppierten sie die Lager wieder um. Die Aufträge aus dem Reich und dem Auiskande wurden in den 2 Monaten anuukrt
Der Schaden des Aufstandes wird weit über eine Milliarde geschätzt. Die In- dustrie wird sich an die JnteraMierte Kommis- ston wenden und die Höhe ihrer Schäden an- melden. Als Bedingung für regelmäßige Aufnahme der Arbeit haben Werke und Gruben bte Punkte aüftzostellt: 1. Rückgabe des gesamten deutschen Materials. 2. Einwandfrei militärische Besetzung. 3. Ortswehren ohne frühere Jnsur- genten. Selbst wenn diese Bedingungen erfüllt werden fotiten — eS steht schon fest, daß ine Franzosen Punft 3 umgehen — wird es sehr schwer sein, den ordentlichen Betrieb wieder mtr= zunöhmcn. Zunächst ohne eine großzügige Kre- dttaktton überhaupt nickt, die Mttel der Werke sind erschöpft. Dann aber wird es sehr schwer sein, die deutschen Beamten, Hüttenmeister. Jn- aenieure, Obersteiger wieder in ihre Tätigkeit zu bekommen. Die seelische Depression ist 5ji stark. Die ewige Drohung des neuen Aufstandes lastet aus den Gemütern.
Kattowitz, 13. Juki.
Wenn man mehrere Tage durch das Indus strieaebict fährt, hat man den äußeren Eindruck einer Annäherung an fricdlfthe Zustande. Auf der Bahn rollen die ersten KoHlenzuge westwärts. Rach vielem Hin und Her wurde der Bahnhof Kattowitz dank dem Eingreifen der Engländer übergeben. Der Personenverkehr setzt ein. Gleichzeitig die Preßkontrollc der Deut- schen, während die polnische Grenze nach tote vor offen ist. Gleichzeitig beginnt in Kattowitz die Wafsensucke der Franzcosen — in den deut- schon Häusern. Man hat bei genauer Beobacht una den Eindruck, daß das Abblasen des Ausstandes nur erfolgt ist, um den Polen ihre