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Meier Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

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Nummer 148

Sonntag, 3. Zulr 1921

Fernsprecher 951 und 952

11. Jahrgang

Fernsprecher 951 und 952

Vor dem Frieden mit Amerika.

Sowjet-Dämmerung.

Niedergang des Bolschewismus.

Seil einiger Zeit kommen aus Rußland vereinzelte Nachrichten, daß in manchen Gegen» den der Bolschewismus in seiner radikalen Form nachzulassen beginne. Beweise dafür sind da­durch gegeben, daß die Sowjetregiierung mit Deutschland und auch anderen Ländern Abma­chungen getroffen hat, die den Handel wieder einleiten sollen, also auf internationalen Rechts- be griffen beruhen Die russische Regierung hat erkennen müssen, daß Rußland in völliger Ab­geschlossenheit nicht weiter beste­hen kann. Jahrelang hat das Volk vegetieren können, ohne andere Länder in Anspruch zu neh- nen, da der eigene Boden Nahrungsmittel her- dorbrachte. von denen die Bauern leben konn­ten und die Städter einkümmerlichesDa- s e i n fristeten. Wer in den Städten die Ge­walt hatte und zufällig einen Posten oder Pöst­chen bei den Verteilungsämtern hatte, der sorgte für sich und seinen Anhang.. Die Andern nochten hungern und im Elend verkommen. Für ein auskömmliches Leben genügen die landwirt- fchastlichen Erzeugnisse nicht, weil der Boden, aem die Düngemittel fehlen, nicht mehr genug trägt und der Bauer nicht mehr so viel wie frü­her anbaut. Er baut nur so viel, daß er außer dem eigenen Bedarf einen Ueberschutz erzielt, für den er Gebrauchswaren in der Stadt ein­tauscht. Die verminderte Produktion ist ganz erklärlich Warum soll der Bauer mehr erzeu­gen. wenn ihm die bolschewistischen Horden die Ernte stehlen.

So versinkt das Volk in der selbst verschul­deten Not, und es ist bereits so weit gekommen daß diese Rot den Hungernden die Augen geöffnet hat. In der breiten Masse sieht man schon lange ein, daß die Volksverfüh­rer, die das bolschewistische Himmelreich vershro- chen hatten, nur die Hölle auf Erden geschaffen haben. In allen Gegenden des weiten Landes regt sich ein wachsender Widerwille gegen die verbrecherischen Machthaber, die sich nur unter Anwendung brutaler blusiger Mittel be­haupten können. Wie vor einigen Tagen ein Telegramm aus Rußland meldete, sind bei den letzten Wahlen im Gouvernement Perm (auf der europäischen Seite des UralqebirgeS) zu den Provinz-, Bezirks- und Endlichen Sowjet» parteilose Kandidaten und in den dazuge­hörigen Städten menschewistische Kandi- daten gewählt worden. Nicht ein einziger Kom­munist wurde gewählt. Moskau sah sich ge­zwungen, dieses Ergebnis anzunehmen und die Wahl der neuen Gegner in den Vollzugsaus­schüssen zu bestätigen. In Perm selbst und in den Städten des Gouvernements find die Rechte des Privatbesitzes den Besitzern von Häu­sern, Läden, Handelsunternehmungen und klei­nen Fabriken zurückgegeben worden.

Diese auffallende Erscheinung bedeutet eine allmähliche Rückkehr zur Vernunft. Sie wird erfreulicherweise noch dadurch bekräftigt, daß auch das Verlangen nach öffentlicher Bekun- dung der Religion wieder in den Vorder­grund tritt. Am 1L Juni wurde, wie noch brief­lich bestäsigt wird, ein feierliches Tedenm in der Oestlichen Kirche abgehalten. Eine religiöse Pro­zession, an der die gesamte Bevölkerung teil- nahm, zog unter Vorantritt des Bischofs durch die Straßen. Die Denkmälerzu Ehren der Führer der Revolution" wurden von der Men- ge in den Fluß geworfen. Eine östliche Miliz wurde gebildet, die aus früheren Polizisten und Soldaten besteht. Man kann beobachten, daß diese Neigung zur Wiederherstellung der Ord­nung vom Fernen Osten kommt. Schon fett einigen Monaten hat sich in Sibirien eine selbständige Negierung unter dem schon aus der Zarenzeit bekannten General Semjonofs gebil­det, die ihren Sitz in Wladiwostok hat. Sie wird von den Japanern begünstigt, denen dafür Sonderrechte auf Nord-Sachalin und Sickerung ihrer Handelsfreiheit im östlichen Sibirien zu- gesichert worden sind. Semjonoffs Herrschaft reicht vom Osten her bis zum Baikaffee und es wird berichtet, daß die Gebiete westtich davon mit ihm sympathisieren, sich jedenfalls nicht mehr unter das Joch von Moskau beugen.

Die Moskauer Regierung hat nicht mehr dir Macht, diese sowjetfeindliche Bewegung einzu- dämmen. Kein Wunder, denn der Sow;ekpräsi- dent Lenin selbst ist im Begriff, eine Sch wen- k u n g zu vollziehen. Er hat vermuttich die Be­deutung der Gegenströmung erkannt. Vielleicht ist ihm auch zur Gewißheit geworden, daß das Volk vom spärlichen Essen allein nicht leben kann, sondern daß auch Kleidung und Ge­brauchsgegenstande, sowie Rohmaterialien für Arbeit, Gewerbe und Landwirtschaft erforderlich sind. Das allez fehlt aber, weil nichts er­zeugt wird. Es geht eben nicht ohne Jnan- spruchnahme des Auslandes. Ta die Phan­tasien des Bolschewismus von der unbeirrbaren Wirklichkeit hinweggesegt werden, hat sich Lenin

entschlossen, Wandel zu schaffen. Er sprach auf einem russischen Kongreß von dennächsten Auf­gaben der Sowjetmacht", und kennzeichnete die jetzige Zeit als eine Uebergangsperiode. Es sei unmöglich, daß man erst alles zer­störe, um dann neu aufznbauen. Man müsse schon jetzt mit dem Aufbau beginnen. Zwar hat er noch den Militärbefehlshaber Trotzki und die Radialen gegen sich, aber seine revisionistische Richtung gewinnt an Boden, wie aus den erwähnten Abmachungen hervorgeht. Ausländische Ingenieure und Techniker, sowie Kapitalisten, die russische Unternehmungen grün­den und leiten können, werden gesucht. Wenn sich auch die Moskauer Drahtzieher noch wild ge­bärden und besonders ihre deuffchen Genofsen anzutreiben versuchen, so ist doch sestzustelleu: der Revisionismus marschiert! ' K. F.Dr,

Frieden mit Amerika? Friedensschluf; «nd Handelsvertrag in Sicht.

(Eigene Drahtmeldung.)

Washington, 2. Juli.

Die Beendigung des Kriegszustandes zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten ftefa, infolge des Drucks einflußreicher Kreise auf Harding und die Regierung, unmittelbar bevor. Das Repräsentantenhaus hat am Don­nerstag die Resolution Porter angenommen und sich damit für die Beendigung des Kriegszustan­des erklärt. Die Resolution ist nunmehr an den Senat gegangen, wo ihre Annahme ohne wei­tere Debatte gesichert erscheint. Am Montag, spätestens Dienstag, wird die Resolution in Har dingz Besitz fein. Wie verlautet, enthält sie. verschiedene Bestimmungen über die Rückgabe de« deutschen Eigentums in Amerika. Präsident Harding wird sofort nach Annahme der Friedensresolution die Handelsver­trags-Verhandlungen mit Deutsch­land aufnehmen, wodurch die Beschränkung der deutschen Industrie durch das Zollgesetz gemil­dert werden dürste, da der Präsident dafür weitgehende Befugnisse besitzt.

Einflutz auf die amtierten.

Berlin, 2. Juli.^ (Privat-Telogramm.) Aus Paris wird gemeldet: In hiesigen politischen Kreisen herrscht die Anficht vor. daß die bevor- stehende Erstärung des Friedenszustandes zwi- scheu den Bereinigten Staaten und Deutschland einen sehr wesentlichen Einfluß auf die in Kürze stattfindenden Verhandlungen des Ober­sten Rate» in der oberschlesische« Fra­ge und in der der Aushebung derSankti­on e n" haben wird, da nach Annahme des Frie- denszustandes der Vertreter der Bereinigten Staaten mit voller Gleichberechtigung an den Beratungen teilnehmen und auch sein Stimm­recht dabei auSvben wird.

Oberfchlesiens Schicksal.

Straffreiheit für die Aufruhrer.

(Eigene Drahtmeldung.)

Oppeln, 2. Juli.

Die Interalliierte Kommission hat eine allge­meine Amnestie für alle ungesetzlichen Hand­lungen erlassen, die mit dem Aufstand im Zu­sammenhang stehen, ausgenommen Handlungen, die in gewinnsüchtiger Absicht oder ans persön­licher Rachsucht verübt worden find. Bon dieser Amnestie werden auch Personen ausgeschlossen, die nach einer bestimmten Frist noch im unbefttg- ten Besitz ihrer Waffen gefunden werden. Unter der deutschen Bevölkerung herrscht ü6cr den Amnestieerlaß eine gewaltige Erregung. Aus Paris wird gemeldet: In der Finanz- kounnisfion der Kammer sagte Briand über die oberschlesische Frage, daß diese sich jetzt gebessert habe (?) Der Oberste Rat werde sich auf einer im Juli in Paris oder London statffindenden Konferenz mit Lbersckssesien beschäftigen. Bemer- kenswert ist das Geständnis der Kommission, daß an der unheilvollen Lage in Obersckssesten der polnische Aufruhr schuld ist.

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Unerhörte Begünstigung der polen.

Berlin, 2. Juli. (Pritzattelegraurm.) Die Deutsche Allgemeine Zeitung" schreibt: Die Un­terwerfung der Interalliierten Äonuniffton unter die Korfantysche Forderung der Amnestie ist etn P e i t s ch e n s ch l a g für die d e u t s ch e Be­völkerung Oberfchlesiens. Diese Maßnahme raubt uns den letzten Hoffnungsschimmer auf eine ge rechte und unparteiische Haltung der Interalli­ierten Kommission m O berschtest en. DieBer­liner Morgenpost urteilt: Unseres Erachtens

hätte eS die Interalliierte Kommission mit dem Amnestieerlatz durchaus nicht so eilig zu haben brauchen. Dies bedeutet eine einseitige Be­günstigung der Polen. Wir wollen Hof- feu, daß die Ruhe in Oberschlesien jetzt bewahrt bleiben wird. Aber diese rasche Amnestie bietet uns durchaus keine Gewähr dafür.

Deutsche Verpflichtungen. Aus den deutsch-französischen Besprechungen.

(Eigen" Drahimeldung.)

Paris, 2. Juli.

Die Hauptberatungen werden auf acht Taxe unterbrochen. Ter deutsche Delegierte G u g - genheimer ist gestern abend nach Berlin ge­reist. um von der deutschen Regierung E r g ä n - zungsinstruktionen zu erhalten. Er wird nach Paris gegen den 10. Juli znrückkehren. Da L o u ch e u r bis zu diesem Zeitpunkt wegen an­derer Berpflichtungen verhindert ist, die Ver­handlungen wieder aufzunehmen. Die Verhand­lungen zwischen den deutschen und französischen Sachverständigen wegen der Naturalliefc- rungen dauern noch fort Dazu wird weiter gemeldet: Die deutsch-französischen Be­sprechungen nehmen einen guten Verlauf. ES wurde vereinbart, daß die Preise der deut­schen Lieferungen von einer Kommission ans je einem Deutschen und Franzosen «nd einem Schiedsrichter bestehend, festgesetzt werden.

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Unter feindlicher Kontrolle.

Paris. 2. Juli. (Eigene Drahtmeldung.) Nach einer Meldung derInformation" soll in Berlin eine Note der Entente überreicht worden sein, in der die Anstellung eines fron« zwischen Kontrollkommissars beim Reichsfinanzministerium sowohl, wie beim Sta­tistischen Amt verlangt wird. Es verlautet auch, daß die Garaatiekommisston in Berlin unverzüg­lich den Gesamtbetrag für deutsche Zoll- einnahmen verlangen werde. Frankreich will zur Sicherheit die Besetzung von Düsseldor DuiSburg und Ruhrort aufrecht erhalten.

Der kleinaflatische Krieg.

Aufruf an die Mohamedaner.

(Eigener Drohtbericht.)

Konstantinopel, 2. Juli.

Kemal Pascha hat denheiligen Krieg" er­klärt, hat die grüne Fahne des Propheten ent­rollt und fordert die gesamte mohameda- nifche Bevölkerung Anatoliens auf, ge- gen die Ententevölker zu Felde zu zie­hen. Kemal Pascha Nagt die Völker des We­stens an, daß sie die Völker deS Orients vernich­te« wollen. Der Schurkerei der Engländer sei es gelungen, die Pforte unter ihre Vormnnd» schaft zu zwingen. DaS müsse aufhören. Kemal Pascha protestiert feierlich gegen die Besetzung Konstantinopels und dagegen, daß man ihm vor­wirft, er habe den russischen Bolschewismus nach Anatolien verpflanzt. Das anatolische Volk sei entschlossen, den Kampf um seine Freiheit und um seine Selbstbestimmung bis zur Räumung Konstantinopels fortzuführen. Der flammende Ausruf schließt mit pen Worten:Der Kampf, der jetzt im Orient entbrannt ist. ist der heilige Kampf (Dschihad). Dieser Kampf der moslemi- chen Welt soll den Horizont der westlichen Her­renvölker aufhrilen, soll den Völkern Indiens und allen Völkern des Islams, die bis jetzt unter dem Joch der Weflvölker seusze«, die Frei- heft und Unabhängigkeit bringen!*

Warnung der Alliierten.

L o u d o n, 2. Juli. (Eigene Drahtmeldung) Als Antwort auf den Aufruf zum heiligen Krieg haben die A l l 1 i e r t e n an die türkische Regie- rung eine Warnung gerichtet, in der sie erklä­ren, daß sie eine Verletzung der neutralen ZoneumLonstantinopel durch die natio­nalistischen Truppen als Kriegsfall ansehen wür­den. Izzet Pascha hat diese Erflärimg der En­tente den Kemalisten übermittelt, und englische Blätter wissen zu berichten, daß Kemal Pascha versprochen Ifabe. die neutrale Zone zu respek­tieren. Dem widerspricht allerdings der aufrei­zende Aufruf zum heiligen Krieg.

Eingreifen der Entente-Flotten.

London, 2. Juli. (Eigener Drahtberickt.) Lloyd George sprach am Donnerstag im Unter- Hause, daß die Lage vor Konstantinopel zu ern­sten Bedenken Anlaß gebe. Die Admiralität habe sich veranlaßt gesehen, der Gibraltar- Flotte AnSlanfbefehl nach Konstantinopel zu erteilen. Die Alliierten würden die ReMralität der Meerengen mit allen Machtmitteln ausrecht erhalten. Auch der Hauptteil der französischen Flotte geht nach den Dardanellen. j

Die Geteeiöe-Vrelse.

Verteuerung der diesjährigen Ernte.

Sieben her amtlichen Neuregelung der Getreide- Ablieferung ift auch eine neue Festsetzung der Preise tu verzeichnen. Die diesjährige ernte wird auf etwa das Doppelte verteuert werden, wie aus nachstehenden Mitteilungen hervorgeht. Das aus der Ernte dieses Jahres gewonnene Getreide unterliegt bekanntlich einer zwiefachen Bewertung, je nachdem, ob es als Bestandteil der gesetzliche geregelten Umlage an die vorge» schriebenen festen Preise gebunden ist oder der Preisbildung auf dem freien Markt überlassen bleibt. Im Hinblick auf die Welt­marktpreise ist anzunehmen, daß das Freimarkt- getreide eine Preisstufe emnehmcn wird, die tat- fächlich höher als die den Landwirten für ihr L'esrrungsgetreide gegenwärtig gezahlte Nor­mierung fein wird. Die Preisregulierung wird in dieser Beziehung im wesentlichen von Ange­bot und Nachfrage abhängen. Die den Land­wirten für ihr Umlagegetreide künftig zu bewilligenden Preise stehen bisher nicht fest, doch weiß man aus den bereits erfolgten Ankündigun­gen. daß diese Preise ungefähr

doppelt so hoch

sein dürften, als die zurzeit geltenden. Maß­gebend hierfür sollen die effektiven Erzeugmigs- kosten unter Zuschlag eines Produktionsgewiw» nes sein. Die Entscheidung aber in dieser für die gesamte Landwirtschaft ungemein wichtigen Frage bat die Regierung gemeinfam mit einem Reichstags au sschnß zu fällen. Zu diesem Zweck sind von der sogenannten JuderkommMon fort» laufend genaue statistische Ermittlungen über die Bewegung der landwirtschaftlichen Erzeugiuugs- tosten anaestellt worden, wodurch als Tatsache bestätigt' wurde-, v'/> 'etwa feit Anfang vorigen Jahres bis zur Gegenwart die die Getreide­erzeugung bedingenden Kosten aus mehr als das Doppelte gestiegen sind. Diesem Um­stand muß Rechnung getragen werden, weil an­dernfalls zu befürchten ist, daß der Rückgang im Anbau inländischen Getreides sich noch weiter forffetzt. Die Mindestpreise sind gegenwärtig tausend Mark für die Tonne Roggen und tausendeinhundert Mark für W e i z e n. Für das Umlegegetreide aus der Eritte 1921 sollen, wie bereits telegraphisch gemeldet, dem Land­wirt gezahlt werden: für die Tonne Roggen 2100 Mark und Weizen 2300 Mark, ferner für Gerste 2000 und Hafer 1900 Mark. Ferner ist, wie verlautet., beabsichtigt, von der früher zu­lässigen Abstufung der Preise nach Preisgebieten cbzusehen, va die Preisverschiedenhciten in den einzelnen Reichsteilen sich ungefähr ausgeglichen haben dürsten.

Eisenbahn-Fmuenabtette.

Verbesserung des Reisens.

Es wird uns geschrieben: Man soll nicht sa­gen. daß Parlament und Reichsregierung herz­los sind. Sie haben mit der rücksichtsvollen Be­handlung derKleinen Anfrage* über die »Wiedereinführung der geforderten Frauenabteile das Gegenteil bewiesen. Das wollten sich die Männer der Regierung, die gegen alle Nörgelei der ewig Unzufriedenen onst doch ziemlich unempfindlich sind, vom bef­eren Teile des Volkes, der Weiblichkeit, denn doch nicht nachsagen lassen, daß sie in ihrem nüchternen und jedes höhere menschliche Gefühl ausschließenden Regierungsgeschäften die zarte Rücksichtnahme auf das schöne Geschlecht ver- aessen hätten. Unbelehrbare und immer kampf­bereite Reisende allerdings sind schon dabei, b-n edlen Neigungen der Männer der Regierung wieder einen Knüppel zwischen die Beine zu werfen und ihnen zu erzählen, daß die Einrich­tung der Frauenabteile in der Eisenbahn einen chnöden Verstoß gegen die Begriffe von Temo- kratte darstelle. Denn: Laut Verfassung haben Männer und Frauen gleiche Rechte. Warum al­so diese Extrawurst für die reisende Frauenwelt? Diese Schlußfolgerung indessen dürfte wenig Anklang finden. Denn erstens wird jede Frau, gerade weil sie gleiches Recht genießt, sich in der Eisenbahn nach eigenem Geschmack ihr Plätzchen "uchen, und zweitens ist das Frauenabteil auch kein Zwangsinstttut, sondern eine jener vielen Bequemlichkeiten, die uns der Krieg mit rauher Hand vernichtete, als er uns mehr und mehr zu einer seelenlosen EircheitSmasse zusam- menpserchte. 1

Alleinreisende Frauen werden die neue Einrichtung mit beruhigender Genügtu» una begrüßen. Denn es gibt Frauen, die gern unter sich sind und weder an einem Eisenbahn- Tat, noch an einer politischen Debatte auf rollens den Rädern ein besonderes Vergnügen finden. Namenttich Frauen mit kleinen Kindern werden es dankbar empfinden, daß man ihnen wieder eine besondere, von Rauch und Bier und rauhen Männerstimmen befreite Klause zur Der. fügung stellt, denn Frauen unter sich sind tole rarster. wen» Zinder den guten Ton in allen Les