-Jtr. 128.
Elfter Jahrgang.
Meier Neueste Nachrichten
Beilage.
Freitag, 10. Juni 1921.
Aus deutschen Sauen.
Beim Jäger ans Kurpfalz.
einer unserer Mitarbeiter übermittelt tut« an« Koblenz folgende stimmungsvolle Plauderei;
Der Jäger auS Kurpfalz, der reitet durch den grünen Wald. . . .
Von all ven Millionen, die das lustige Lied in der Schule gelernt haben, und es in guter Wanderlaune mit fröhlichen Kindern singen, der wievielte weiß, wo der grüne Wald liegt, durch den der Jäger aus Kurpfalz zu reiten pflegte und in dem er das Wild daherschotz, gleich wie es ihm gefiel? Die meisten werden antworten: Da so bei Heidelberg herum tot Odenwald oder auf der anderen Rheinseite im Haardt. In der Tat, der „Jäger aus Kurpfalz hauste auf der anderen, der linken Rbein- seite, aber nördlicher als in dem Gebiet, das heute noch Pfalz heißt. Seine Heimat liegt auf dem Hunsrücken, und zwar in jenem Teil, der sich als Soonwald in die südöstliche Ecke zwischen Nahe und Rhein hineinschiebt. Das, ist eine ganz eigentümliche Grenzscheide zwischen nördlichem und südlichem Klima. Wer von der Mosel eines der vielen Täler zum Hunsrücken hinaufsteigt oder sich aus dem dunstig-warmen Rheintal von Boygard mit der Zahnradbahn langsam über die majestätischen Buchenwälder an der Bergwand aufwärts zur Simmcrner Hochebene hinaufschrauben läßt, den plustert selbst zur Psingstzeft manchmal noch ein recht hcrb-srischer Höhenwind. Und während die Bäume im schneeweißen Blütenschmuck prangten, rief uns auf einer munteren Mai Wanderung ein Bauer, der sich das dicke Wolltuch mehrmals um den Hals geschlungen haste, zu: „Dlcibt's fort vom Hunsbuckel; 's ist kalt hier droben."
Aber auf die Hochfläche des Hunsrücken hat die Natur einen hohen Doppelwall gesetzt, der von der Saar bis in d-e Binger Ecke läuft. Der östliche Teil dieses Doppelrückens ist der Soonwald. In durchschnittlich sechshundert Meter Höhe ist dieser Parallelwall eine ausgezeichnete Schutzwehr gegen die kalten Luftströmungen vom Norden. Wir sind einmal zu früher Ofter- zeit durch kräftige Märzwinde über das Sim- merner Hochplateau gewandert. Die Ackerschollen lagen ausgedörrt im hellen Sonnenschein, und in den SBlefentöIem hing kraftlos das in hgr Winterkälte ergraute Halmgestrüpp. Man spürte des Frühlings Kommen in der gesunden Herbheit des Himmelsatems und in der wundervollen Klarheit der Fernsicht, die über die Vulkane der Eifel bis an das siöbenzackige Rordtor des Rheintales reichte. Es war ein leichtes Wandern. Vor uns lagen aus der Kette des Soonwaldes die Ruinen der Burgen wie aneinander gereiht au einer langen Schnur». Der Koppeistein, die Alteburg und die Wildburg. Auf breitem .Hang dehnt sich der unermeßliche Buchenwald: kein Dorf und kein Gehöft unterbricht die Unendlichkeit der Riesewstämme, an denen noch das braungekräuselte Laus des Vorjahres hängt Und als wir den breiten Rücken des ersten Bergkammes erftiegen haben, ragt aus der weitgewölbten Talmulde der Parallel- wa>ld in gleicher Höhe aufwärts, stumm und blätterlos: doch als wir auch diesen Gebirgs. dämm erklommen hoben, da ändert sich das. Bild. Die Zweige der Waldriefen sind mit einem grünen Spitzenschleier überhaucht; und in den Wiesentälern blüht Karfreita^Szauber Die ansteiaenden Bachufer sind mit grünen und weißen Blümlein gesprenkelt, und die Gräser haben frische Farbe getrunken. Aus den Wipfeln des Waldes tönt fröhliches Vogelzirpcn; und vor uns über den Weg zieht fried- und ruhmvoll, Stück hinter Stück, ein Rudel Hirsche, ein volles Dutzend.
Wir sind im Forst Entenvfuhl durch den einst der .reitende Erbiörster", der Herr von Utzsch, sein keckes Jägerlied schmetterte. Der große Bestand gigantischer Kiefern, der neben dem Forst- haus in stoischer Ruhe auf Werden und Berge-
j Der lokale Teil der Kasseler Neuesten Nachrichten findet allgemeine
Anerkennung nicht nur durch seine Ausgestaltung, sondern auch durch seine EJ W Reichhaltigkeit. Die Kasseler Neuesten Nachrichten erfreuen sich deshalb M
M in allen Schichten der Bevölkerung der Stadt größter Beliebtheit, eine M
Tatsache, die in der hohen Stadtleserzahl den besten Ausdruck findet. LJ
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hen herabblickt, wird schon zu Lebzeiten des sagenhaften Herrn die Bewunderung aller Natur- fteunde hervorgerufen haben. Der Wildreichtum des Soonwaldes ist heute noch berühmt. Aber das Hifthorn ruft nicht mehr zu fröhlichem Jagen. Es ist klassischer Boden, aus dem wir stehen: „Der Wild- und Rheingraf stieß ins Horn." Bürgers Ballade vom „Wilden Jäger" maft die schrankenlose Ichsucht der vielen kleinen Dynasten. die hier von zahllosen Burgen das reiche Land politisch zersplitterten.
Der Herr von Utzsch freilidj, dem man an einer Wegkreuzung am springenden Quell unter Waldesbäumen ein Steindenkmal errichtet hat, besitzt nichts von der wilden Rücksichtslosigkeit jener schrankenlosen Duodez-Fürstenherrlichkeit. Er ist aus jenem Denkmal abgebildet als der immer fröhliche, allzeit lustige Grandseigneur der Rokokozeit. Der Frohsinn gehört zum Pfälzer, wie der Sonnenschein zu der lachenden Landschaft. Mit pfälzischer Lebendigkeit wirft das strahlende Himmelslichi seine Muten gegen die Südhänge des Soonwaldes und preßt aus dem Gestein den feurigen Nahewein, läßt in den endlosen Gärten das feinste Edelobst reifen. Es ist der Süden, der bis in den Soonwald hinaus- llettert; die ftöhliche Pfalz, die Gott uns Deutschen erhalten Möge. Dr. Karl Mehrmann
Aus Mer Welt.
Deutscher Schwefel.
Die Frankfurter Wochenschrift „Die Umschau" in Wissenschaft und Technik, bringt einen sehr interessanten Bericht von Dr. W a e s e r, wonach Deutschland in seinen Sulfaten ge- radezn unerschöpfliche Schwefel- Vorräte besitzt; es bestand nur die Schwierigkeit, diesen Schwefel herauszicholen. Das Kalziumsulfat bildet als Gips z. B. am Südharz ganze Bergzüge; es findet sich in den großen Salzlagern Norddeutschlands, wo es zusammen mit einem anderen Sulfat ebenfalls in großen Mengen verkommt. Auch die Steinkohle ent- 6ölt Schwefel, ferner die Rauchgase, der sog. Hüttenrauch, in großen Mengen die schweflige Säure und schließlich eine ganze Anzahl Quellen den Schwefelwasserstoff Alle diese Schwe- selverbiudungen konnten bisher mehr oder W-- uiger nutzbar gemacht werden, sodaß wir heute in'der Lage sind, den gesamten Bedarf der chemischen Großindustrie und der Sprengstoffin- dustrie durch inländische Erzeugung zu decken.
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Der Maler ohne Hände.
Ein Mitarbeiter der Londoner Zeitschrift „Tit-Mts" macht Mitteilung von einem vierzehnjährigen Londoner Knaben, namens Tom Clark, der ohne Hände geboren wurde und doch, wie die beigegebenen Reproduktionen von Bildern beweisen, ein hervorragendes malerisches Talent besitzt. Der Knabe versuchte schon im Alter von fünf Fahren, einen Bleistift in den Arm zu zwängen, und es gelang ihm, alles, was auf ihn einen besonders tiefen Eindruck machte, rreffend nachzuzeichnen. Als er später in die Schule kam, vermochte er alle Schreibarbeiten zu machen und hervorragend gut zu zeichnen. Set einem Wettbewerb um die schönste Zeichnung, den seine Schule veranstaltete, erhielt Tom Clark
schon im Alter von zehn Jahren den ersten Preis Die Jury wurde keineswegs von Mitleid bewogen, denn die Namen der Bewerber waren ihr zunächst mlbekannt. Einen zweiten Preis, der wesentlich wertvoller und bedeutungsvoller war als der zuerst ihm zuerkannte, erhielt Tom für ein Bildnis seiner Schwester von dem Loudon County Council zuerkannt. Tom Clark ist nicht nur ein großer Künstler, sondern auch ein hervcrargeNder Sportsmann. Er spiel vorzüglich Fußball, schwimmt gut und seine Leistungen als Säufer sind besonders anerkannt worden.
* Durch Qualm erstickt. Ans Danzig wird gemeldet; Durch Qualm erstickten bei einer Explosion von Feuerwerkskörpern in dem Papiergeschäft von Steinhoff der Regierungsassistent Skeriweigt, die Verkäuferin Muschinski und das Lehrmädchen Seebuch
* Siebzehn Jahre unschuldig im Kerker. In Mecheln bei Brüffel hat sich der seltene Fall ereignet, daß ein zu lebenslänglicher Zwangsarbeit Verurteilter nunmehr nach siebzehnjähriger Inhaftierung fieigelassen wurde, nachdem der wahre Schuldige sich gemeldet hat.
* Gegen feindliche Getränke. Der Hotelier^ Verband des bayerischen Hochlandes hat nach vorheriger Rückfrage bei seinen Mitgliedern m seiner letzten Vorstandssttzung einen Antrag zum Beschluß erhoben, der die Mitglieder verpflichtet. feindlmrdische. insbesondere französische Weine und Liköre nicht mehr zu kaufen und nur die derzeitigen Bestände auszubrauchen. An den Landesverband des Bayerischen Gasthosgewer- bes und an den Verband der Hoteliers Deutschlands wird der Antrag gestellt, diesem Beschluß sich anzuschließen.
* Im Streit erschossen. In Frose (Anhatt) geriet ein Arbeiter mit seinem Hauswirt, einem 'Nachtschutzmann, wegen einer Mietsangelegew heil in Streit, in dessen Verlauf der Schutzmann. als ihn der Mieter schwer bedrohte, den Revolver zog und diesen durch einen Schuß tötete
* Der Silberschatz im Kaninchenbau. Berliner Einbrecher verübten vor einigen Tagen einen Raubzug in das Schloß des 3titiergntS- besttzers von Schulz in Mö stchen bei Schwie- bus Mit Hilfe von Bohrern und Stemmeisen raubten sie größere Werte in Bargeld, Silber- zeng und Altertümern. Die Berliner Kriminalpolizei, die Nachforschungen nach den Tätern anstellte, setzte zunächst am Tatort einen Spürhund an. Das hatte den Erfolg, daß der größte Teil der Silbersachen wiedergeftw- den wurde. Der Huntd führte die Beamten an einen Kaninchenbau, in dem dann das gestohlene Gut gefunden wurde. Die Einbrecher hatten es hier zunächst vergraben, um es später abzubolen. Von den Tätern selbst fehlt noch jede Spur.
* Harzer Bergtheater und Notgeld. Ein eigenartiges Gedenkblatt für alle Freunde des Harzer Bergtheaters, das sich auch gut zu Werbezweck-« eignet, findet sich in einer soeben erschienenen Notgeld-Serie der Gemeinde Haie. Das braun getönte Blatt zeigt die Dekoration des Frühlingsspiels „Walpurgis" von Ernst Wachlei aus dem Gründungsiahre (1903), zu dem bekanntlich Peier Gast, der Freund Nietzsches, die Musik schrieb: ein niedersächsisches Bauernhaus.
links und rechts die Gestalten des Göttervaters und der Frau Holle; darunter die Inschrift übe, dem Eingang des Theaters: „Walvaters Wirken will ich künden, Der Vorzeit Sagen, deren ich mich entsinne" — den Anfang der Völuspa aus bet Edda; in den unteren Ecken die Geheim- zeichen des Theaters. Die in Gußeisen oberhalb der Inschrift int Giebelfelde angebracht sind.
* Trauung auf einer Brücke. Eine eigenartige Trauung wurde, wie aus Prag gemeldet wird, dieser Tage ausderBrücke in Neu- s z e g e d i n vollzogen. Die Braut stammt aus der Slowakei, der Bräutigam ans Ungarn. Beide erhielten keine Päfle Über die Grenze, sodaß die Trauung knapp an der Demarkationslinie mitten auf der Brücke vollzogen werden mußte. Nachher Trauung durste dann die junge Frau als magyarische Staatsbürgerin mit ihrem Gatten nach Szegcdm hinüber.
* Die „göttliche Sarah" vom spanischen Köniz dekoriert. Sarah Bernhardt, die gegenwärtig in Madrid gastiert, erhielt vom König bot Spanien die Insignien des Grobkreuzes des Cr- dens Alfons des Zwölften.
Ein pumpgeme.
Taten eines jugendlichen Schwindlers
Man kann verrückt sein und doch verstehen, auf Kokten anderer Leute sich ein Leben zu Der» schaffen wie ein Krösus. Man kann unter betrügerischen Vorspiegelungen Gott und die Welt an- pumpen und doch ohne Strafe davonlomiwn, ehe., weil man verrückt ist. Diese neuerdings n.cht mehr unbekannte Tatsache gereichte einem Hochstapler zum Segen der mit Fug und Recht ein Pumpgenie genannt werden kann. Es war dies der erst siinfimdzwanzigjährige Wilhelm Baruch, der, leider „erfolglos", wegen wieder- holten Betruges, Unterschlagung und schwerer Urkundenfälschung vor der Berliner Straflam- mer stand.
Schon im Alter von vierzehn Jahren verstand es das Bürschchen, viele Leute anzuborgen, um mit dem so ergatterten Gelde Blumen und Schokolade für feine Schwester und feine kleinen Jugendfreundinnen zu kaufen. Diese Fertigkeit nähm einen so beängstigenden Umfang an, day sein Vater ihn in nervenärztliche Behandlung geben mußte. Ms der Krieg ausbrach, meldete sich Baruch freiwillig, kam aber, nachdem er feine Kameraden und Vorgesetzten angepumpt hatte, ins Lazarett, wo bald die Schwestern und die Krankenpfleger die Leidtragenden wurden. Nachdem er wegen Geisteskrankheit vom Militärdienst entlasten worden war, begann seine Entwicklung zum Hochstapler im großen. Er wurde, nachdem er zwei Jahre tu verschiedenen Nervenheilanstalten zugebracht hatte, in denen er das Pflegepersonal angepumpt hatte, bald in den Badeorten eine bekannte Erscheinung. In der Rolle des Sohnes des Inhabers der bekannten Theatcr- garderobenfirma Hugo Baruch borgte er in Ahl- beck, Zovpot nsw. von allen möglichen Leuten und wurde schließlich verhaftet. Bei den Dpar- tattisiinruhen in Stettin wurde der sonderbare Heilige aus dem Gefängnis 'befreit.
Er kam dann in der Rolle des „Unterstaatssekretärs im Auswärtigen Amt Dr. Bartholdy" nach Berlin,- wo er sich von einem Automobil- Verleiher Loebnitz ein elegantes Luxusauw lieh und in zwei Tagen Fahrten für rund dreitausend Mark unternahm. Dem Inhaber einer Weinstube nahm er einen Brillantring für neuntausend Mark, ferner neuntausend Maik in bar und zwanzigtausend polnische Mark ab. Ein Dr. Meyer wurde mit zwölftaufend Mark, eine Witwe Blankenhagen mit achtzehntausend Mark, viele andere Leute mit gleich hohen Beträgen hincingelegt Bei fo guten „Einnahmen" war es kein Wunder, daß „Herr Dr. Bartholdy" wie ein Krösus lebte und unter anderem für ein Abendbrot dreitausend Mark ausgeben konnte. Als er endlich durch seine Verhaftung unschädlich gemacht wurde, bekam er es sogar fertig, im Untersuchungsgefängnis die .Gefangenenaufseher anzupumpen und um Geldbeträge zu schädigen.
Frau Majas Glüü.
17) Roman von Hedwig CourthS-Mahler.
Heute nannte sie Sven ihren Sohn. Sonst nannte sie ihn, der Dienerschaft gegenüber immer „Professor Larsen". Es fiel dem Diener auf, aber er machte sich keine Gedanken darüber.
Ws Frau Renate ihre Zimmer betrat, wog sie Susannes Brief in bei Hand. Was mochte er enthalte.r? Sie hätte es gern gewußt. Aber sie legte den Brief bann mitten auf den Tisch. Sie wollte ihn Sven persönlich geben und bann aus feinen Mienen zu lesen versuchen, ob er gute Nachricht brachte.
Der Vormittag verging ihr fehr langsam und sie begrüßte es als eine willkommene Ablenkung, als sich eine Dame melden ließ, die mit ihr zusammen in ein Wohltätigkeitskomitee gewählt worden war. Sie hatte Wichtiges mit ihr zu besprechen.
Mit dieser Dame saß sie noch zusammen, als Sven wieder nach Hause kam. Er hörte, daß seine Mutter Besuch hatte und ließ sich gar nicht erst melden. Eilig kleidete er sich um Durch den Diener hatte er sich einen Blumenstrauß besorgen lassen. Mit diesem Strauß bewaffnet, im feierlichen Freieranzug, begab er sich gleich darauf in das kleine Haus hinüber.
Susannes Brief lag noch auf dem Tisch in dem Zimmer seiner Mutter. Dort sah ihn Fran Renate liegen, als ihr Besuch sich entfernt hatte. Sie fragte den Diener, ob ihr Sohn schon von der Universität zurück sei. Sie erhielt den Bescheid, daß derselbe sich bereits wieder entfernt habe.
Ta trug Frau Renate den Brief in das Arbeitszimmer ihres Sohnes und legte ihn auf feinen Schreibtisch.
„Es wird ja nichts Wichtiges gewesen sein," dachte sie, sich beruhigend.
Do kam es, daß Lven Larsen ahnungslos und in erwartungsvoll glückseliger Stimmung das kleine Haus betrat, in dem er sein Glück zu finden hoffte. Er ließ sich Frau Major Römer melden Diese befand sich mit ihren Töchter» in dem kleinen Emviangszimmerchen. Sie
erwarteten in Bälde Susannes Verlobten, Herrn Aiutmeyer.
Als statt dessen Professor Larsen gemeldet wurde, zuckte Susanne betroffen zusammen und Maja wurde sehr bleich. Tie Mutter war aber ganz ahnungslos und gab dem Mädchen Weisung, ihn einzUlaflen, noch elze sich ihre Töchter von dem Schrecken erholt hatten.
Und so stand Sven Larsen plötzlich, den Blumenstrauß in der Hand, vor den drei Damen.
Susanne gab sich einen Ruck und erfaßte blitzschnell die gefährliche Situation. Sie sah an Sioens feierlichem Anzug und an den Blumen, daß er als Freier kam. Auch Maja und die Mutter mußten das sehen. Er hatte also ihren Brief nicht erhalten. Das war ihr klar. Und sie erfaßte nun auch sogleich, wie peinlich diese Situation war und daß sie dieselbe mir kühnem Entschluß retten maßte.
Sie irrt schnell auf Sven zu und sagte nut einem erzwungenen Lächeln: „C, wie liebenswürdig, Herr Professor, Sie kommen als erster Gratulant, um mir zu meiner Verlobung mit Herrn Rutrneyer zu gratulieren."
Sven sah sie fassungslos an,’ als zweifle er an ihrer Zurechnungsfähigkeit. Das Wort blieb ihm im Halse stecken. Er wußte nicht, wie er sich Susannes Worte deuten sollte. Was er da hörte, war so ungeheuerlich, daß er es nicht für Wirklichkeit nehmen konnte.
Von Susannes konventionell lächelndem Gesicht irrten seine Augen zur Seite. Und da traf fein Blick in Majas angstvolle Augen, dir ihm aus einem totenbleichen Gesicht in schmerzvoller Sorge entgegenblickten Er konnte sich diesen Ausdruck nicht deuten, aber er hatte das seltsame Gefühl, als müsse er rettungslos in einen Abgrund versinken, roenn ihn diese angstvollen Mädchenaugen nicht mit magr.ctischer Kraft fest- hielten. Majas Blick gab ihm wirklich in diesem gefährlichen Augenblick einen Halt. Und vielleicht danfte er es nur diesem Halt, daß er nicht überwältigt wurde von Pein und Entsetzen, als er endljch^begriff, daß er recht gebärt hatte, daß sich Susanne Römer wirklich mit Fritz Rutmeyer verlobt batte
Er sah wie durch einen Schleier, daß Maja eine Bewegung machte, als wollte sie ihm zu Hilfe kommen im erbarmenden Mitleid. Es war
feltsam, daß er in diese n Moment nichts mit Bewußtsein sah, als Majas goldbraune Augen, aus denen ihm ein erbarmendes, warmherziges Verstehen entgegenleuchtete.
Wie aus weiter Ferne hörte er die Majorin sogen:
„Sie wußten schon von Susannes Verlobung. Herr Professor? Dann können Sie es wohl nur von ihrem Verlobten felbst gehört haben, da es ja noch nicht bekannt geworden ist."
Die alte Dame blieb ganz ahnungslos, daß sich hier eine Katastrophe abspielte.
Sven sah noch immer in Majas Augen, als müsse er ans ihnen Licht und Klarheit holen. Und erst als er einen feuchten Schimmer schmerzvollen Mitleids darin erblickte, gab er sich einen Ruck und richtete sich stolz empor.
Er fühlte, daß er nun etwas sagen mußte, das seinen feierlichen Aufzug erklärte. Seine Angen glitten über Susannes Gesicht, in dem er die Lüge und das Schuldbewußtsein erkannte. Es kam ihm nun endlich zum Bewußtsein, daß sie mit ihm gespielt, ihn verraten hatte. „Sie — Sie haben sich verlobt? Mt .Herrn Rutmeyer haben Sie sich verlolt?" stieß er heiser hervor, seiner Sinne kaum mächtig.
Susanne nahm alle ihre Kraft zusammen und lächelte ihm zu. Dies Lächeln ließ ihm ihr schönes Gesicht wie eine Fratze erscheinen.
„Wußten Sie das noch' nicht, Herr Professor? Ich höbe es Ihnen doch selbst in einem Schreiben mitgeteilt, drs ich heute morgen mit unserem Mädchen nach Villa Werner hmüber- fchickte."
„Haben Sie cs nicht erhalten ?"
Sven rang mit aller Kraft die wilde Verzweiflung nieder, dic ihn befallen hatte. Er vermochte nicht gleich zu sprechen. Zum Mick verhalf ihm die noch immer ahnungslofe Majorin zu einer Frist, in der er sich vollends fassen konnte.
„Wie — du selbst hast es dem Herrn Professor mitgeteilt, Susanne? Das wußte ich ja gar nicht." sagte die alte Dame.
Susmne zeigte ihrer Mutter ein lächelndes Gesicht.
„Ja, Mama, ich hatte gestern nachmittag, ehe ich mich mit Fritz verlobte, eifle Tcnnispartie mit dem Herrn Professor verabredet und jagte
sie ihm brieflich ab, weil ich Fritz erwartete. Und habet teilte ich dem Herrn Professor als Grund meiner Absage meine Verlobung mit. Wahlschein sich ift ihm jedoch der Brief nicht übergeben worden."
Sven Larsen konnte nicht mehr in Susannes lächelndes Gesicht sehen. Er schämte sich ihrer Lüge. Und instinktiv suchte er wieder Majas Antlitz Er sah die Scham über die Lüge der Schwester in ihren Augen brennen, ohne daß et sich über diesen Ausdruck klar wurde. Nur eins wurde ihm klar — Maja Römer stand ihm im warmherzigen Verstehen gegenüber.
Und unter dem erbarmenden Blick ihrer Augen tat er das, was nun kam, wie unter einem unwiderstehlichen Zwange.
Er richtete sich plötzlich straff empor, sah auf die Blumen herab, die er noch' krampfhaft umklammerte und sagte, seinen Blick nicht aus dem Majas lösend, zu deren Mttter:
„Gnädige Frau, die Blumen in meiner Hand verraten, daß ich aus einem besonderen Anlaß zu Ihnen kam. Ich — ich wußte nichts von der Verlobung Ihrer ältesten Fräulein Tochter. Diese Nachricht traf mich unvorbereitet. Mein Kommen hatte einen anderen Zweck."
Die Majorin fand den jungen Herrn nun doch ein wenig seltsam, sagte aber steundlich:
„Bitte, nehmen Sie doch Platz, Herr Professor, und sagen Sie mir, Was Sie zu uns führt."
Sven blieb aber stehen. Den qualvollen Blick noch immer in Majas Augen heftend, fuhr er fort in einer seltsamen Geistesabwesenheit:
„Ich bin gekommen. Frau Major, um Sie um die Hand Ihrer Tochter Maja zu bitten."
Diese Worte übten eine unbeschreibliche Wirkung auf die drei Damm ans, in jeder eine besondere Aufregung Weckend. Aber am meisten Wirkten die Worte auf Sven selbst, nachdem sie seinen Lippen entflohen waren. Er war nicht Herr seines Willens gewesen, als er diese Werbung vorbrachtc (Fortsetzung folgt.)
Wodrf et-.
Nur Beharrung führt zum Ziel, Nur die Fülle führt ,rir Klarheit.
Und im Abgrund wohnt die Wahrheit.'» Friedrich von Schiller.